Schlagwort-Archiv: Gustav Leonhardt

Wieder nur ein paar Töne von Bach

Gustav Leonhardt erläutert in der Sendung „Reiziger in Muziek“ (Sendedatum vermutlich 2001) – pars pro toto – ein Detail beim Vortrag der Sarabande aus der Französischen Suite II. Genau genommen die Länge des Tones e“ in Relation zur nächsten Umgebung. Gewiss – ein Sechzehntel, jeder sieht es. Aber am Cembalo verändert es seinen Wert auf irrationale Weise…

Leonhardt Screenshot 2016-05-27 22.29.24 Hier zum Video und dort auf 21:30 gehen!

Franz Suite Leonhardt

Ab 23:24 schön: weniger reden („praten“) als spielen! Bei 24:19 falsches Notenbild (andere Sarabande), 25:16 rechte Seite o.k. Sarabande, eine Melodiestimme, 2 begleitende Stimmen, für das ganze Stück, auf 2 Manuale zu verteilen, so dass die Melodie stärker ist (es geht auch anders), 25:58 während er beginnt zu spielen: wieder falsches Notenbild (bitte auf das hier oben gegebene Beispiel schauen), Melodietöne 1-6 innerhalb der Harmonie… warten vor dem hohen Ton = neue Harmonie (der Vorschlag c ist offenbar ein unauthentischer Zusatz), Durchgang mit dem harmoniefremden Ton d (über dem Bass-Es) auf Zählzeit 2: linke Hand ganz lang gehalten, rechte Hand beweglich, nicht genau vertikal zusammen „kloppen“, keine Attacke auf dem Ton d, – weicher wird es dadurch, dass man den vorherigen Ton es“ noch weiterklingen lässt, während das d schon angeschlagen wird, 2 Versionen ab 27:57 – bei den ersten beiden Schlägen weiß man noch nicht, dass es ein dreiteiliger Takt ist, das Warten auf dem dritten Schlag bewirkt jetzt, dass die 1 im nächsten Takt bedeutungsvoller wird. Spannung auf 1 wird gehalten.

29:25 korrektes Notenbild – ohne die kleinen Zusatzzeichen meiner Henle-Ausgabe: sie stammen übrigens aus anderen abschriftlich überlieferten Versionen des Bach-Kreises. Merkwürdigerweise spielt Leonhardt aus einer didaktischen Ausgabe (Tempoangabe „Andante“ ist natürlich Zusatz des Herausgebers), und die auf der linken Seite eingeklebte Sarabande g-moll (siehe 24:22) hat er aus BWV 823, dem Fragment einer Suite in f-moll, umgeschrieben, wohl zu Vergleichszwecken.

Anhörenswert auch vorher (ab 16:46 bis 17:54 Bach im Vergleich zu anderen Komponisten „so organisch“), wenn Leonhardt von seinem Experiment erzählt , 3 Takte aus einem Werk herauszuschneiden und die „Probanden“ um Rekonstruktion zu bitten. Es ist unmöglich, – anders als bei Händel zum Beispiel. „Bach ist ein Mirakel!“

***

Zu melodisch freien Gestaltung

Er zitiert Carl Dahlhaus: Man kann sich die Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts sehr gut ohne Bach vorstellen, – aber die des 19. Jahrhunderts nicht.

Ab 23:04 über metrische Verschiebung zwischen der linken und der rechten Hand. Hören Sie Klavierspiel um 1930: da wird alles arpeggiert… notiert übereinander und doch nicht gleichzeitig angeschlagen… Frühzeit des 20.Jahrhunderts im Namen einer sachlichen Interpretation … Tempo, Phrasierung, Artikulation … „Goldberg“: über vorgegebener Bass-Progression möglichste Vielfalt … 26:40

Und ein paar chromatisch absteigende Töne von Jan Pieterszoon Sweelinck

Sweelinck Fantasia Chromatica 1 Sweelinck Fantasia Chromatica 2

HIER ab 38:18 Ton Koopman 1982  Länge 9:45 (bis 48:03)

Sweelinck Fantasia Chromatica 3 Sweelinck Fantasia Chromatica 4

HIER Seite A ab 13:00 Fritz Neumeyer 1962 Länge 8:27

Sweelinck Fantasia Chromatica 5 Sweelinck Fantasia Chromatica 6

Man vergleiche die beiden Interpretationen hinsichtlich des Tempos und der Agogik: linke und rechte Hand – auf den Punkt genau zusammen? oder in der Vertikalen verzogen? Gibt es Beschleunigung oder Verzögerung?

Man muss nicht glauben, dass das Rubato oder das mit agogischer Freiheit behandelte Tempo eine Erfindung der späteren Zeit sei, in der man es genauer zu benennen und zu notieren suchte. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis ebenso wie lebendige Deklamation oder die Wahl zwischen motorischer oder tänzerischer Rhythmik. Ich werde demnächst auch an einem ausführlichen Beispiel zeigen, wie intensiv man dieses Problem (?) der Vortragsart in der indischen Musik sieht und handhabt.

Paul Badura-Skoda zitiert, wie Carl Philipp Emanuel Bach das Rubato in aller Ausführlichkeit behandelt, und fügt hinzu, dass es so für Vater Bach genauso wie für Chopin anwendbar sei:

Hierher gehört auch das Tempo rubato. In der Andeutung desselebn haben die Figuren bald mehrere, bald weniger Noten als die Eintheilung des Tactes erlaubet. Man kann dadurch einen Theil des Tactes, einen ganzen, auch mehrere Tacte, so zu sagen verziehen. … Wenn die Ausführung so ist, daß man mit der einen hand wider den Tact zu spielen scheintindem die andere aufs pünctlichste alle Tacttheile anschläget: so hat man gethan, was man hat thun sollen. Nur sehr selten kommen alsdenn die Stimmen z u g l e i c h im Anschlagen … E gehört zur richtigen Ausführung dieses Tempo’s viele Urtheils-Kraft und ganz besonders viel Empfindung. Wer beydes hat, dem wird es nicht s chwer fallen, mit aller Freyheit, die nicht den geringsten Zwang verträgt, seinen Vortrag einzurichten, … Hingegen wird bey aller Mühe, ohne honlängliche Empfindung nichts rechts ausrichten können werden. Sobald man sich mit seiner Ober-Stimme sclavisch an den Tact bindet, so verliert dies Tempo sein Wesentliches, weil alle übrigen Stimmen aufs strengste nach dem Tacte ausgeführt werden müssen. Außer dem Clavier-Spieler können alle Sänger und Instrumentalisten, w e n n  s i e  b e g l e i t e t  w e r de n, dieses Tempo viel leichter anbringen als der erstere, zumal, wenn er sich allein begleiten muß … In meinen Clavier-Sachen findet man viele Proben von diesem Tempo. Die Eintheilung und Andeutung davon ist so gut, als es seyn konnte, ausgedrückt. Wer Meister in der Ausführung dieses Tempo’s ist, bindet sich nicht allezeit an die hingesetzten Zahlen 5, 7, 11 usw. Er macht zuweilen mehrere, zuweylen weniger Noten, nachdem er aufgeräumt ist, aber allerzeit mit der gehörigen Freyheit.

Carl Philipp Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen / Dritte Auflage (S. 99 f., Zusatz zu S. 129 der ersten Auflage). Hier zitiert nach:

Quelle Paul Badura-Skoda: BACH Interpretation / Laaber Verlag 1990 / Seite 75 f

(Fortsetzung folgt)