Schlagwort-Archiv: Evolution der Vögel

Singende Dinosaurier

Gefühlter Frühlingsanfang 

Girlitz_1

Seit gestern (11.März) höre ich den Buchfink wieder, auch den Girlitz (s.o. und hier), um nur die von der Stimme her auffälligsten zu nennen, die vielen Meisenarten, den Buntspecht und die bekannte Schwarzdrossel schon länger: und dies ist ein und derselbe Vogel, dem ich voriges Jahr so oft zugehört habe; ich erkenne es an bestimmten (individuellen!) Motiven, die hervorstechen. Anlass für mich – an dieser Stelle einige Jahrmillionen zurückzugehen. Dass sie singen, ist nur 1 Faktor ihrer Entwicklung, man muss zunächst von ihren Beinen reden und von ihren Luftsäcken. So entnehme ich es der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft 9.17:

Betont kräftige Hinterbeine kennzeichnen alle Dinosaurier und zählten zu den Attributen, welchen sie ihre Herrschaft verdankten. Bei den ersten Theropoden verschmolzen dann das rechte und das linke Schlüsselbein in der Körpermitte zum Gabelbein. Diese scheinbar geringfügige Neuerung stabilisierten den Schultergürtel. Damit vermochten die hundegroßen Räuber die Schockkräfte beim Packen der Beute besser aufzufangen. Bei den Vögeln dann spannt sich das Gabelbein wie eine Feder, die beim Flügelschlag Energie speichert.

Ebenso reichen die evolutionären Wurzeln der charakteristischen luftgefüllten Hohlknochen der Vögel mit Verbindung zu den großen Luftsäcken und der Lunge weit zurück, für die Flugfähigkeit wichtige Merkmale. Denn schon viele Dinosaurier hatten von Luftsäcken ausgehöhlte Knochen – ein Zeichen für die für Vögel typischen hocheffizienten „Durchfluss“-Lungen, die Sauerstoff auch im Ausatmen aufnehmen. Ihre leichten Knochen sparen den Vögeln viel Gewicht ein, während das Luftsacksystem den enormen Energieumsatz ermöglicht.

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Wie viele Zufälle haben im Verlauf von Jahrmillionen zur Entstehung der Vögel beigetragen! Die Evolution vermag nicht vorauszuschauen. Niemand von uns, wäre er damals dabeigewesen, hätte geahnt, was aus dem Federkleid der Dinosaurier, das zum Warmhalten und Prahlen diente, einmal werden würde. Die Evolution wirkt stets nur aus dem Augenblick heraus, mit dem gerade Vorhandenen, das vom nie verschwindenden, immerfort wechselnden Umwelt- und Wettbewerbsdruck geprägt ist. Je mehr die Wissenschaftler andere bedeutende Übergänge in der Evolutionsgeschichte der Tierwelt begreifen – ob den Landgang der Wirbeltiere, die Umwandlung von Landsäugetieren in Wale oder die Entstehung unseres aufrechten Ganges -, umso mehr kristallisiert sich heraus, dass sie nach demselben Prinzip abzulaufen scheinen: So ein Wandel gleicht nicht einem Sprint, sondern eher einem Marathonlauf, wenn auch ohne Ziellinie.

Noch ein Befund unserer Statistikstudie ist erwähnenswert, den wir nicht so erwartet hatten. Er könnte erklären, wieso ausgerechnet die Vögel das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit überlebten. Anhand unserer großen Datensätze haben wir Evolutionsraten von Skelettmerkmalen ermittelt, also das Tempo von deren Veränderungen – als Anzeichen für evolutionäre Vitalität. Dabei zeigte sich: Die ganz frühen Vögel legten ein außergewöhnliches Tempo vor, viel rascher als Velociraptor, Zhenyuanlong und andere nah verwandte Zeitgenossen aus der „Nichtvogel“-Fraktion. Sobald das Lego-Kit beisammen war, entfaltete es anscheinend ein riesiges evolutionäres Potenzial. Damit bewältigten die Vögel sogar die Verheerungen nach dem Asteroideneinschlag. In jener total veränderten Welt fanden sie dadurch genügend neue Lebensmöglichkeiten.

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All dies zusammen betrachtet, entstand der Bauplan der Vögel also nicht in einem einzigen großen Wurf, sondern aus einer Menge Einzelentwicklungen. Zur Veranschaulichung spreche ich gern von einem Satz Legobausteinen, die nach und nach Stück für Stück zu etwas ganz Neuem zusammengesetzt werden.

Quelle Paläontologie Das Puzzle der Vogelevolution Die Vögel entstanden nicht in wenigen großen Evolutionsschritten. Viele charakteristische Eigenschaften waren schon lange vor ihnen bei Dinosauriern vorhanden. Von Stephen Brusatte (Paläontologe an der University of Edinburgh). In: Spektrum der Wissenschaft 9.17 (Zitate von Seite 36 und 37). http://www.spektrum.de/artikel/1485123 (ist nur für Abonnenten zugänglich).

Abgeschrieben mit Blick auf Leonard (genannt Lego-Leo), s.a. hier.