Schlagwort-Archiv: Besessenheit

Fremde Ekstasen

Der Einstieg 

Zum Reinhören: bei jpc hier

Es ist wirklich sehr wenig, was man da beim Reinhören wahrnimmt, es entspricht nicht einmal einer flüchtigen Gesichtserkennung. Kaum eine volle Zeile Gesang. Trotzdem kann man es schon als eine Übung betrachten: wie schnell erfasse ich das, was in diesen Sekunden vor sich geht, so, dass ich es eindeutig wiedererkennen kann? Ganz am Ende dieses Artikels möchte ich zeigen, was man (als musikalischer Mensch – das ist die Voraussetzung!) tun kann, wenn man die CD besitzt. Ein Minimum. Man muss (kann) kein Gnawa („Gnaua“) werden. Erwarten Sie keine Ekstase. Ein gutes Ohr und ein wacher Sinn, vielleicht noch etwas Empathie, das wäre schon viel… Oder Sie beginnen weiter unten mit dem Video der Sängerin Asma Hamzaoui.

 Die neue OCORA CD (2017)

Pressetext:

Die Ursprünge der ethnischen Minderheit der Gnawa im nordafrikanischen Marokko liegen im Dunklen. Lange Zeit galt als sicher, dass sie Nachfahren schwarzafrikanischer Sklaven südlich der Sahara sind. Die faszinierende und ausgesprochen rhythmusbetonte Musik ihrer spirituellen Rituale fand Eingang in Jazz, Rock und Reggae. Die Aufnahmen entstanden im Rahmen des Gnawa & World Music Festivals in Essaouira.

Ein SWR-Film (2007) über die Altstadt von Essaouira:

 Gnawa & World Music Festival

Der Text der heutigen CD-Booklets ist so klein gedruckt, dass es mühsam ist, ihn zu lesen. Daher ist hier zumindest der englische Teil so wiedergegeben, dass man ihn leicht vergrößern kann.

     .     .     .      .     .     .

Im obigen Text werden „The Songs of Gnawa Music“ in drei Abschnitten beschrieben, die der nachfolgenden dreigeteilten Liste  „The Recordings“  zugeordnet werden können, obwohl man die einzelnen Titel der Tracks im erläuternden Text nicht wiederfindet. Am Ende des zweiten Blocks, der eine profane, spielerische, vermittelnde Funktion haben soll, wird darauf hingewiesen, dass im dritten Block eine sakrale Stimmung einsetzt, durch Räucherwerk und FARBEN gekennzeichnet. Von diesen symbolisch konnotierten Farben ist auch nach Tr. 02, 05 und 06 die Rede. Schwarz, grün und wieder schwarz. Wobei im dritten Block (Tr. 05 + 06), der im Text „The Mlouk“ überschrieben ist, die 7 Farben zu erwarten sind, die im einzelnen genannt (aber wohl nicht alle gespielt?) werden: weiß, zwei Schattierungen von blau, rot, grün, zwei Arten von schwarz, schließlich noch gelb.

     .      .     .

ZITAT

Der Ritus beginnt mit einer Reihe von Anrufungen in einer festgelegten Reihenfolge, die jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich sein kann: der Prophet Muhammad, Sidi Bilal und die großen muslimischen Heiligen Abd al-Qadir Jilani … danach kommen die Mlouk-Geister, nach Farben gegliedert: die Weißen (die Luft), die Schwarzen (die Erde), die Roten (das Feuer), die Grünen, die Gelben, die Blauen (das Meer). Ein Besessenheitsgeist wird als Mlek (Singular von Mlouk) bezeichnet, genau so sein musikalisches Erkennungszeichen in Vers, Melodie und Rhythmus. Man sagt „den Mlek des Abd Al-Qadir Jilani spielen“. Während der Anrufung seines Geistes steht der „Besessene“, Mann oder Frau auf, unwiderstehlich angezogen und tanzt in Trance die Jedba. Ein Helfer oder die Seherin bedeckt den Kranken mit dem Schleier in der Farbe des Geistes, der ihm innewohnt, und verbrennt die Art von Rauchwerk, die ihm zugeordnet ist.

Quelle Viviane Lièvre: Die Tänze des Maghreb / Marokko – Algerien – Tunesien / Verlag Otto Lembeck Frankfurt a.M. 2008 (Seite 95 f)

Asma Hamzaoui et Bnat Toumbouctou

siehe HIER – oder direkt in ein Video mit dieser Sängerin (Reklame überspringen):

LIVE  (eine andere Musik, im Zentrum die Zorna, nicht die Laute Guembri)

Vormerken: Stuttgart 19. November 2019 

Zitat Stuttgart Lindenmuseum:

Im Jahr 2001 wurde der Djemaa El Fna, der Platz der Gehenkten in Marrakesch, von der Unesco zum „immateriellen Weltkulturerbe“ ausgerufen. Er ist Schauplatz und Bühne von täglich neu entstehenden, abwechslungsreichen Darbietungen – seien es Akrobatik, Tanz, Gesang, Zauberei oder Wahrsagerei. Der Platz, und besonders die Halqa, der Kreis der Geschichtenerzähler, ist ein Konzentrat der mündlichen und gestischen Überlieferungen, wie sie früher in ganz Marokko verbreitet waren. Doch auch neue Traditionen werden erschaffen und überliefert. Der mehrfach preisgekrönte Film von Thomas Ladenburger dokumentiert dieses verschwindende und doch so präsente immaterielle Erbe. Im Rahmen der Reihe „Mit großen Erzählungen um die Welt“. Hier !

Thomas Ladenburger erzählt über den Film HIER. (Dort folgen auch Ausschnitte und weitere Beispiele aus dem Film.)