Magnificat: Mente Cordis Sui?

Denkfehler endlich aufgeklärt (7. Februar 2013)

Eigentlich ist es keine Sensation, da es sich nicht um einen allgemein verbreiteten Denkfehler handelt, sondern nur um meinen persönlichen, ganz privaten, der mir vielleicht auch nur deshalb unterlaufen ist, weil ich nicht theologisch denken gelernt habe. Da kann es einen sogar ganz plötzlich erwischen, ausgerechnet wenn man naturwissenschaftliche Gedanken nachvollziehen will. Ist man möglicherweise schon schlecht beraten, wenn man sich einem Naturwissenschaftler anvertraut, der sich selber auf geisteswissenschaftliche Nebenwege begibt und seinem populärwissenschaftlichen Buch zur Evolution des Titel gibt: „Symphonie des Denkens“?

Dabei habe ich ihm besonders auf Seite 300 zutiefst beigepflichtet (den entscheidenden Satz wiederhole ich gegen Ende dieses Eintrags), ja, ich würde ihm immer noch mit Sympathie folgen, wenn ich nicht zugleich bemerkt hätte, dass der Autor sich ziemlich kritiklos eines obskuren Programmzettels bedient, statt ihn gründlich überprüfen zu lassen. Wie mag er sonst zitieren?

Symphonie des Denkens (Zitat) 300 Zum Lesen anklicken!

Quelle William H. Calvin: Die Symphonie des Denkens. Wie aus Neuronen Bewußtsein entsteht. Carl Hanser Verlag München Wien 1993 (Seite 300)

Abgesehen davon, dass „mente cordis sui“ keine Anweisung ist, sondern schlicht zum Text gehört, so ist es durchaus fragenswert, weshalb ausgerechnet diese Worte eine so gewaltige Akkord-Folge auslösen, wie sie hier am Schlusse steht. Die unten wiedergegebene (hochromantisch bearbeitete) Partitur gibt mit ihrer fortefortissimo-Anweisung genau das wieder, was man meistens hört und auch als „tremendum“ empfindet. Die Frage ist nur: warum separiert Bach diese Worte vom Rest des Satzes, so dass sie einen übermächtigen Abschluss bilden können, – aus rein musikalischen Gründen? Ist immer noch von den superbos die Rede, den gottlos Hochmütigen, die er in alle Winde zerstreut (dispersit)? Oder vielmehr von Gott selbst? Mente cordis sui – wessen Herz, wessen Geist? Was bedeutet „cordis sui“ – ihres Herzens oder seines Herzens? (Vorher hatten wir vernommen: fecit potentiam – er übt Gewalt aus – „in brachio suo“ – mit seinem Arm, eindeutig.

Magnificat Mente cordis sui

Calvin zitiert folgendes: „Die Anweisung mente cordis sui löst eine höchst erstaunliche Sequenz aus, denn sie verlangt im Verlauf von etwa neun Takten D-Dur, fis-moll, h-moll, d-moll und schließlich D-Dur, wobei die erste Trompete alle wieder in die Ausgangstonart zurückbringt…“

Daran ist so ziemlich alles falsch (abgesehen von der „Anweisung“): es handelt sich nicht um „etwa neun Takte“, sondern um genau sieben (soviel Zeit muss sein, das korrekt auszuzählen), und nicht der Tonartwechsel, sondern die Akkorde selbst sind das Phänomen: zwar kommt überhaupt kein D-moll-Akkord vor, aber es beginnt mit einem übermäßigen Dreiklang auf D (D-Fis-Ais), es folgt ein großer Septakkord (scharfe Dissonanz G-Fis), dann ein verminderter Septakkord und ein Quartsextakkord auf Fis – lauter Akkorde, die nach Auflösung schreien! Auch der zuletzt genannte Quartsextakkord löst sich auf in den Dominantseptakkord auf Fis, der wiederum die Auflösung nach h-moll verlangt, und bevor es dann über e-moll und den Dominantseptakkord auf A wirklich nach D-dur geht, fügt Bach noch einmal einen verminderten Septakkord auf Gis ein. Man könnte sagen: Es sind lauter Akkorde der Gottesferne, und erst die aus der Höhe herabsteigende Trompete klärt, wer der wahre Herr im Glanze des Grundakkords D-dur ist. Wenn vorher von etwas anderem die Rede zu sein scheint, dann sind es immer noch die zersprengten „superbi“, aber – da sie bereits unmittelbar vor dem Adagio-Block zerschellt sind (verminderter Septakkord!) – ist es nun vor allem der richtende und strafende Gott, der hier in Erscheinung tritt.

Zur Übersetzung und zur „Absicht“ der Musik:

Fecit potentiam in brachio suo, / dispersit superbos / mente cordis sui.

Mein Denkfehler bestand zunächst darin zu glauben, dass diese mächtige musikalsiche Aussage auf „mente cordis sui“ am Schluss des Satzes sich nur auf Gott selber beziehen könne. Wenn die übliche deutsche Version dem widersprach, – Luther übersetzt folgendermaßen: Er übet Gewalt mit seinem Arm / und zerstreut, die hoffärtig sind / in ihres Herzens Sinn -, so wollte ich mir eben vorstellen, dass Bach (der Lateinlehrer!) sich im Eifer der Komposition mit der Übersetzung vertan oder aber die Stelle bewusst anders aufgefasst habe als Luther, nämlich als „nach seines Herzens Sinn“.

Ich fragte einen Altphilologen der Düsseldorfer Universität nach seiner Meinung: ob man „sui“ auch in diesem Sinne auffassen könne? Man kann es, antwortete er, aber Bach wird seinen Luther-Text wohl auswendig gekannt und als sakrosankt behandelt haben. Im übrigen basiere die lateinische Version auf dem griechischen Original, das folgendermaßen laute:

Ἐποίησε κράτος / ἐν βραχίονι αὐτοῦ, / διεσκόρπισεν ὑπερηφάνους / διανοίᾳ καρδίας αὐτῶν

Und das letzte Wort sei in dieser Sprache eindeutig Genitiv Plural und beziehe sich damit unzweifelhaft auf die Hoffärtigen, die ὑπερηφάνους. „Dass Bach die Worte mente cordis sui so gewaltig betont habe, könne demnach eher so erklärt werden, dass er den Aspekt der ‚Gedankensünde‘ hervorheben wollte: Schon geistiger Hochmut wird bestraft, geschweige denn das daraus resultierende Verhalten (vgl. W.Wingert, Art. Hybris, Lexikon für Theologie und Kirche 3. Auflage Bd. 5 [1993] 350).“

Mit diesem Hinweis war mein Denkfehler kuriert, ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen: das Subjekt all dieser Aussagen ist ja tatsächlich GOTT (der bekanntlich alles sieht, auch in des Herzens tiefstem Grunde), in diesem Fall der STRAFENDE GOTT, wie Luther sagt: der „eifernde“ Gott, er straft sichtbar und hörbar, so dass man im Chorsatz die hoffärtigen Menschen in alle Richtungen stürzen sieht; noch zorniger macht ihn jedoch das, was die Grundlage aller Hoffart im Herzen der Menschen ist. Dieser Blick ins Wesen der Sünde sorgt für die gewaltige Aussage der Musik.

Ich danke Prof. Dr. Markus Stein in Düsseldorf für die freundliche Nachhilfe!

PS.

Wie versprochen, soll hier noch (trotz der flapsigen Formel „ich wette“) der wohl korrekte und naturwissenschaftlich begründbare Satz aus Calvins Text zitiert sein:

…aber ich wette, daß die Musik sich als eine sekundäre Nutzung einer neutralen Struktur erweisen wird, die wegen ihrer Nützlichkeit bei einer seriellen Timingaufgabe wie der Sprache oder dem Werfen selektiert – und in den Mußestunden für die Musik genutzt wurde.

(s.o. Scan Seite 300, 4. Zeile)

PPS. 

Soweit der Beitrag vom 7. Februar 2013. Ich muss hinzufügen, dass mich die sprachlich-gedankliche Auflösung nicht ganz glücklich gemacht hat: Dass diese erschlagende musikalische Wirkung eine Erklärung um zwei theologische Ecken herum bekommen sollte. Die Gedankensünde im Herzen der Menschen, reflektiert im Aufschrei der Musik, nicht aber unmittelbar im Zorn Gottes? Für wen steht denn die Musik? Für den Blick in das Wesen der Sünde? Für die schwächlich und armselig in Gedanken sündigenden, gesündigt habenden Menschen, die doch soeben hörbar vom starken Arm in alle Winde geschleudert wurden?

Und jetzt soll das Subjekt aller Aussagen – ausgerechnet in der stärksten musikalischen Aussage – plötzlich verschwunden sein?

Neuerdings, im November 2014, darf ich wohl – auf einer anderen Stufe – guten Gewissens zu meiner ersten Intuition zurückkehren. Der Weg dahin soll im nächsten Beitrag nachgezeichnet werden, die paradoxe Kurzformel lautet: (fast) alle deutschen Übersetzungen der lateinischen Zeile „mente cordis sui“ sind falsch, richtig dagegen die der griechischen Zeile. Siehe HIER. (Aber der Blick in diesen Link bietet natürlich noch nicht die Lösung. Geduld!)

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