Was will uns die kugelgestaltige Zeit?

Meditation über eine fragwürdige Metapher

ZITAT

Die Kompliziertheit, die mit Zimmermanns Denken assoziiert ist, macht den Zugang […] nicht leichter. In Erläuterungen seiner Musik wird immer wieder auf die Vorstellung von der „Kugelgestalt der Zeit“ hingewiesen. Zimmermann entwickelte sie, um eine für ihn prägende Anschauungsform zum Ausdruck zu bringen: Dass „wir mit einer ungeheuren Vielfalt von in den verschiedensten Zeiten entstandenen Bildungsgütern einträchtig zusammen leben, dass wir gleichzeitig in vielen Zeit- und Erlebnisschichten existieren, von denen die meisten weder voneinander ableitbar erscheinen, noch miteinander zu verbinden sind“. Das mit der sperrigen Metapher Gemeinte ist also eigentlich eine Erfahrung, die heute, im Zuge der Digitalisierung, mit noch einmal viel mehr Möglichkeiten der Kommunikation und des Zugriffs auf Informationen als in den 1960er Jahren, gar nicht so fremd sein dürfte. Zimmermann war sich übrigens sicher, dass man sich in „diesem Netz von vielen verwirrenden und verwirrrten Fäden – sagen wir es ruhig: geborgen“ fühlen kann.

Quelle DIE SOLDATEN Bernd Alois Zimmermann OPER/KÖLN Programmheft #42 Premiere: 29. Februar 2018 im StaatenHaus / Artikel Seite 71 – 75 / Alexander Kleinschrodt Jenseits der Einseitigkeit: Eine Meditation über B.A. Zimmermann.

Was soll es nun sein: eine Kugel oder ein Netz? Ein Netz innerhalb der Kugel (um uns herum) oder außen um die Kugel gespannt, wie ein Überzug? Oder ist es nur ein Bild? Und das Gefühl „geborgen“ zu sein, – eben „nur“ ein Gefühl? Was für eine Verständnishilfe soll in dem Wort von der „Kugelgestalt der Zeit“ liegen? Wörter, Bilder, Metaphern, was könnte denn eine Meditation da ausrichten, wo jeder Analyse-Ansatz fehlt?

Es bringt, soweit ich sehe, keinen erkenntnistheoretischen Vorteil, wenn ich das, was ich vorher als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgefasst habe, als Simultaneität betrachte. Statt eines Sessels, der auf die Guckkastenbühne im Sichtfeld gerichtet ist, einen Drehstuhl (ohne Rückenlehne) zur Verfügung zu haben, der mir erlaubt, auch das in den Blick zu nehmen, was im rückwärtigen Bereich des Saales geschieht, das sich allerdings nicht grundsätzlich unterscheidet von dem, was vorne oder seitlich passiert. Außer dass es mir Mühe macht, diese Geschehnisse zu koordinieren, zumal ich nur einen gegebenen Text auf den Monitoren mitlesen kann, mich zudem vielleicht für das Orchester, das einen großen Teil des Raumes vor mir besetzt, mehr interessiere, als für das, was mir von einzelnen Akteuren in den näher liegenden Gängen geboten wird. Geht es überhaupt um Verständnis oder Koordination aller Eindrücke, die mir innerhalb eines Rundum-Raumes geboten werden?

Was hülfe diese Anordnung von Dingen und Geschehnissen, wenn es tatsächlich so wäre, dass  „wir mit einer ungeheuren Vielfalt von in den verschiedensten Zeiten entstandenen Bildungsgütern einträchtig zusammen leben, dass wir gleichzeitig in vielen Zeit- und Erlebnisschichten existieren, von denen die meisten weder voneinander ableitbar erscheinen, noch miteinander zu verbinden sind“? Das Wort „einträchtig“ erscheint mir in diesem Zusammenhang ebenso suspekt wir im anderen das Wort „geborgen“.

Und was sollte mich heute, „im Zuge der Digitalisierung, mit noch einmal viel mehr Möglichkeiten der Kommunikation und des Zugriffs auf Informationen als in den 1960er Jahren“, dazu zwingen, all dies mit einem allumfassenden Jetzt-Gefühl ins Bewusstsein zu heben? Es ist alles irrelevant, wenn ich nicht einmal das Buch, das ich vor einem Monat mit großem Interesse gelesen habe, inhaltlich exakt wiedergeben kann. Ich las kürzlich folgendes (rote Farbe von mir):

Wenn weder Zukünftiges noch Vergangenes ist, wäre es falsch zu sagen: „es gibt drei Zeiten, die vergangene, die gegenwärtige und die zukünftige. Zutreffend könnte man vielleicht sagen: es gibt drei Zeiten, nämlich Gegenwart von Vergangenem, Gegenwart von Gegenwärtigem und Gegenwart von Zukünftigem.“ (Augustinus 2000, 35) Bleibt also nur die Gegenwart „übrig“, der ein Existenzstatus zuzusprechen ist? Doch auch daran hat Augustinus seine Zweifel, weil sich die Gegenwart zwischen einem Nicht-mehr und Noch-nicht verflüchtige und sich daher nicht messen lasse.

Augustinus löst dieses „höchst verwickelte Rätsel“, indem er den Geist bzw. die Seele (anima) ins Spiel bringt: Die Vergangenheit existiert als Erinnerung (memoria), die Gegenwart als Anschauung bzw. Augenschein (contuitus) und die Zukunft als Erwartung (expectatio): „diese drei Zeiten sind gewissermaßen in der Seele da: anderswo aber sehe ich sie nicht.“ (Augustinus 2000, 35) – Die Frage nach Zeit ist damit allerdings nicht beantwortet, sondern auf die Frage nach dem „Geist“ bzw. der „Seele“ abgewälzt.

Das Zitat stammt aus einem philosophischen Traktat, der darüber aufklärt, weshalb die berühmten Sätze des Augustinus über die Zeit nicht ausreichen, eine tragfähige Basis für eine moderne Theorie zu schaffen. Um es am Beispiel der noch berühmteren Sätze der Marschallin im Rosenkavalier zu sagen (die allerdings jede Lizenz der liebevollsten Philosophieverweigerung besitzt): „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“, – gerade das ist sie ja nicht: ein Ding. Sie ist lediglich – so nannte man es früher – ein Dingwort. Was aber dann? Auch wenn ich vom Fluss der Zeit oder vom Zeitstrom reden würde, hätte ich nicht das Recht, dem – kurzfristig oder nur bedingt gültigen – Bild nun auch Eigenschaften des Wassers oder der Wasserbewohner zuzuschreiben. Im zitierten Traktat bezieht sich die Autorin auf die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, der wiederum Augustinus behandelt. Sie schreibt:

Das Wort „Zeit“ ist kein Name für einen Gegenstand. Dasselbe gilt für die Worte „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“. Augustinus’ Sprachgebrauch legt dies jedoch nahe, wenn er z.B. fragt: „Wohin geht die Gegenwart, wenn sie Vergangenheit wird, und wo ist die Vergangenheit?“ (zit. n. Wittgenstein 1984c, 156) – Dinge (wie ein Stuhl oder Baum) existieren in Zeit und Raum, aber nicht die Zeit im Raum.

In engem Zusammenhang mit dem Problem der Vergegenständlichung der Zeit steht deren Verbildlichung. Wittgenstein diskutiert diesbezüglich das Bild vom Zeitfluss. Es wäre Unsinn, die Rede vom Zeitfluss so zu verstehen, als bezeichnete das Wort „Zeitfluss“ einen Gegenstand unserer Wahrnehmungs- und Sinnenwelt (z.B. einen wirklichen Fluss) oder eine Eigenschaft (nämlich „gerichtet“) eines vorhandenen Gegenstandes namens Zeit.

Man kann den ganzen Aufsatz nachlesen: „Was ist Zeit?“ – Wittgensteins Kritik an Augustinus kritisch betrachtet, von Andrea A. Reichenberger HIER. Und dann entscheiden, ob man eine Rede von der „Kugelgestalt der Zeit“ akzeptieren oder als eine in doppelter Hinsicht verfehlte Metapher betrachten will.

Ich würde sagen, dass man bei jeder Metapher sehr vorsichtig sein muss, ob man ihr ein Eigenleben zugestehen will, losgelöst von der Rolle, die sie für das metaphorisierte Phänomen spielen sollte. Wahrscheinlicher ist, dass dieses Eigenleben dann nichts mehr mit dem besagten Phänomen zu tun hat.

In dem Gedicht „Du bist wie eine Blume“ sollte man die Blume, sobald die gemeinten Eigenschaften benannt sind (hold, schön, rein), gewissermaßen fallen lassen, damit nicht etwa ihre pflanzenhafte Unbeweglichkeit und ihre Neigung zum Verblühen hervortreten; vor allem die folgenden Zeilen „Mir ist, als ob ich die Hände / Auf’s Haupt dir legen sollt’ “ dürften keinem böswilligen Gedanken an eine reale Belastung des zarten Blütengebildes Raum geben…

Und damit haben wir uns mit leisem Mutwillen aus diesem Artikel geschlichen. Wir wollen nämlich durchaus andeuten, dass wir nicht nur „mit einer ungeheuren Vielfalt von in den verschiedensten Zeiten entstandenen Bildungsgütern einträchtig zusammen leben“ wollen, sondern auch jederzeit einen Teil davon getrost über Bord werfen wollen dürfen. Ganz besonders in der digitalisierten Welt.

Was bleibet aber?

Vielleicht gerade das, was die Rezension in der Süddeutschen Zeitung am Ende hervorhebt:

Natürlich bleibt es dabei, dass die höchste Komplexität übereinandergeschichteter Orchestergruppen nur geräuschvolles Chaos erzeugt. Doch wenn Zimmermann die Klänge auffächert und Roth es auch tut, befindet man sich im Inneren eines Raumklangs, der glitzert, hämmert, schwelgt und durch alle Dimensionen wandert. Ein Wunder gelingt in den intimen Szenen des vierten Akts, in denen die Klänge zart und zerbrechlich werden, getragen von wenigen Streichern, Cembalo und Harfe, über denen die Stimmen von Emily Hinrichs, Judith Thielsen und Sharon Kempton in Kantilenen wie von Richard Strauss schwelgen.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15. Mai 2018 Seite 12 Biotop des Schreckens „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann in Köln / Von Michael Struck-Schloen.

Ex Cathedra:

JR in Den Burg 15. Mai 2018

In Den Burg (Foto E.Reichow)