Das „Gewühl“

Über Jaspers  endlich Kant begreifen…

Ich will es nicht lange begründen – weshalb gerade dieser Weg -, es hat sich bei mir bewährt, und daher will ich es festhalten. Auch wenn es scheint, dass ich mich zu lange im Vorhof des Denkens bewege, dort wo erst von bloßer Sinnlichkeit und noch nicht einmal von sinnlicher Anschauung die Rede sein kann. Alle Zitate stammen aus dem Jaspers-Buch „Plato Augustin Kant“, und darauf beziehen sich die nachgesetzten Seitenzahlen. Farbliche Hervorhebungen im Text sind von mir hinzugefügt, als subjektiv belebende Orientierungshilfe.

Kant spricht von zwei Ursprüngen, zwei Quellen, von dem Geburtsort und dem Keim des Erkennens.

Beide Ursprünge sind aufeinander angewiesen. Erst ihre Einheit bringt Erkenntnis. Das Grundphänomen der Spaltung in Subjekt und Objekt bedeutet, daß immer nur das Subjekt mit dem Objekt, das Objekt mit dem Subjekt Erkenntnis ermöglichen. Immer ist das Bewußtsein affiziert und rezeptiv, aber so, daß erst der ergreifende Denkakt die Affektion gegenständlich werden läßt. Immer ist das Bewußtsein denkend, aber so, daß erst anschauliche Sinnlichkeit dem Denkakt gegenständliche Bedeutung gibt.

Sinnlichkeit als solche ist unartikuliert, endlos, bedeutungslos. Nicht gegenübergestellt und darum nicht gedacht, bleibt sie ein gegenstandsloses Gewühl. Sie ist bloß Dasein, das noch nicht vor mir steht, das Unbestimmbare, das in der Fülle seiner Unmittelbarkeit doch wie nichts ist. Sie ist eine Realität, die, weil unbestimmt, noch keine Realität ist. – Verstand aber, der nur denkt, ohne sich geben zu lassen, ist ohnmächtig zur Erkenntnis. Wir sind angewiesen auf Sinnlichkeit.

Der Verstand bedarf der Anschauung, um nicht bloß Denken zu sein, sondern Erkenntnis zu gewinnen. Die Anschauung bedarf des Verstandes, um nicht bloß subjektives Gewühl zu sein, sondern gegenständlich zu werden und damit objektive Bedeutung zu gewinnen. Kurz: „Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen leer.“ (Seite 210)

*   *   *

Nachmittags bei Christian Schneider in Düsseldorf. Erneut das Staunen über seine Sammlung, die eine quasi biologische Evolution der Oboeninstrumente imaginieren lässt. Hier ein paar Ausschnitte:

 Klappensysteme!

Wie mein Jaspers/Kant-Material aussieht:

Und wie es weitergeht:

Lies weiter. (Auch hier: Wiederholungen, Varianten.)

Der Morgen danach: „Verflechtung“ (ist nicht „Gewühl“)

(…) Zweitens wird der Sprung zum Transzendentalen dadurch gefordert, daß im Text ständig die Übersetzung der einzelnen Ausdrucksweisen ineinander stattfindet. Der Leser kann sich verwirren und schwindlig werden, bis gerade aus diesem Schwindel jene Klarheit erwächst, die in keiner der gegenständlichen Bestimmtheiten gefaßt werden kann.

Nur in der Verflechtung kommt zur Geltung, was allein transzendental zu verstehen ist. Da Kant fest im Sinne behält, was er eigentlich will, geht er den von uns geschilderten Weg: Da jeder gegenständliche Ausdruck für das gegenständlich nicht mehr zu Greifende unangemessen ist, in jedem Augenblick aber nur gegenständlich gedacht werden kann, ergreift Kant die Reihe der vier gegenständlichen Ausdrucksmöglichkeiten, deren jede er durch die andere wieder rückgängig macht. Da er sie alle sich verflechten läßt, gelingt es ihm, dem verstehenden Leser jedes Festhalten an einem bestimmten Gedanken zu verwehren, ihn vielmehr zu veranlassen, vermöge des verschlungenen Gewebes der immer unangemessenen Vorstellungen indirekt das zu treffen, worauf es ihm ankommt.

(…) Die Bedeutung von Tautologie, Zirkel, Widerspruch: Ein zweiter methodischer Grundzug – wiederum von Kant nicht grundsätzlich angesprochen, aber faktisch vollzogen – ist eine logische Unstimmigkeit des Ausdrucks, die aber ihren guten und notwendigen Sinn hat.

Was muß ich tun, wenn ich des Umgreifenden inne werden will? Ich muß mit dem Faßlichen über das Faßliche hinausschreiten; ich muß das Faßliche zusammenbrechen lassen, so wie Leitern, die ich nicht mehr brauche, wenn ich die Höhe erklommen habe.

Dieses Zusammenbrechenlassen geschieht erstens auf die bisher erörterte Weise, daß jeder bestimmte Leitfaden des Ausdrucks durch die anderen in der Verflechtung aufgehoben wird, so daß in dem Gewebe jeder Faden zwar notwendig ist, aber ohne selber den Sinn des Ganzen darstellen zu können.

Zweitens geschieht es dadurch, daß das so Gedachte in seiner logischen Form gegenständlich unhaltbar ist. Weil das Ungegenständliche, das im Ursprung alles Gegenständlichseins (der Subjekt-Objekt-Spaltung) erhellt werden soll, ohne gegenständlich faßlich zu sein, doch nur gegenständlich gedacht werden kann, muß das so Gedachte, um nicht als falscher Gegenstand sich zu verfestigen, formal scheitern in Tautologien, Zirkeln und Widersprüchen. (Seite 226f)

Die Erfahrung beim ersten Lesen der Deduktion und der zugehörigen Abschnitte der Kritik (Schematismus und Grundsätze) ist: Es hält nicht ein einziger beweisender Gedanke Schritt für Schritt durch mit entschiedenen Positionen, die auseinander und aufeinander folgen. Vielmehr ist eine Verflochtenheit des Denkens, dazu im Kreisen und Wiederholen, daß man zunächst in Verwirrung gerät. Wir haben analysierend zu zeigen versucht: das ist nicht Nachlässigkeit der Form, sondern Ausdruck der Tiefe des schaffenden Denkens. Diese Verflochtenheit ist aus der Natur der Sache sinnvoll.

Wohl jeder spürt bei der Lektüre dieses Kernstücks der Kritik zuerst seinen inneren Widerstand und später das größte Interesse. Hier müssen die aus der Tiefe erhellenden Kantischen Gedanken gefunden werden. Nur Flachheit kann meinen, daß ein Irrlicht hier den Suchenden täusche. [Seite 243]

 Blick hinaus 31.01.19 9.00 Uhr

Quelle Karl Jaspers: Plato Augustin Kant – Drei Gründer des Philosophierens – R.Piper & Co Verlag München 1957 (Erworben 6.XII.61)

Keine Alternative:

Gerade der „Klartext“ verwandelt Philosophieren in Auflistung. Als Kontrast und  Ergänzung zu Jaspers aber durchaus nützlich. (Zahlreiche kleine Druckfehler machen mich skeptisch.) Wichtiger und klarer scheint mir heute der Wikipedia-Artikel KANT oder auch zur Kritik der reinen Vernunft hier , darin insbesondere der Abschnitt „Unterfangen der Kritik“ (Grundlage des Empirismus à la John Locke).

Als nächstes wäre nachzufragen, weshalb bei Michael Pauen (siehe auch hier und besonders hier) abgesehen von John Locke und Leibniz die großen Philosophen nach Descartes völlig ausgespart werden. Er verharrt offenbar naiv in der Subjekt-Objekt-Spaltung. Vermutlich hält er Kant für einen vorwissenschaftlichen Idealisten.

Man lese auch die Buchbesprechung hier. Daraus diese abschließenden Sätze:

Was man in diesem wie auch in vielen anderen vergleichbaren Büchern vermisst: Der Autor legt seine ontologischen Voraussetzungen in keiner Weise dar. Wer materialistisch argumentiert wie er, sollte erst einmal Rechenschaft über seinen Materiebegriff geben. Ist Materie für Pauen eine inerte, tote und ungeistige Substanz? Oder verfügt sie ihrerseits bereits über mentale oder vielmehr protomentale Eigenschaften? Was versteht der Autor unter neuronalen Prozessen, und wie hängen sie seiner Ansicht nach mit Bewusstseinsinhalten zusammen? Von diesen fundamentalen Fragen ist im vorliegenden Buch an keiner Stelle die Rede. So bewegt sich die Diskussion sozusagen im ontologisch luftleeren Raum, und man fragt sich, welchen Beitrag das Werk eigentlich zum Verständnis der Thematik liefert. Es ist eben nicht ganz einfach, sich am eigenen Schopf aus dem (philosophischen) Sumpf zu ziehen. [Eckart Löhr]

Brexit India

Zur Vergewisserung

Vor zwei Jahren hatte es mich aufgewühlt, und ich habe diesen Teil der Geschichte nach dem Film im Fernsehen rekapituliert, aber an das Wort Brexit habe ich nicht gedacht, das gehört doch auf einen anderen Stern:

Die Teilung Indiens

Das war 2017, dann rückte es wieder in den Hintergrund, bis ich dieses Buch im Schaufenster liegen sah, – ich muss mich wieder mehr mit Indien befassen!

Ich lese die Seiten über die „Loslösung“ Großbritanniens, die Gefahr der „Balkanisierung“, ich denke an die Gefahr, dass Europa wieder zerfallen könnte, an die inständigen Worte im Manifest von Bruno Latour. Nur keine Panik! Was bedeutet überhaupt Balkanisierung? Wikipedia hier!

Vorweg noch dies: wer war Wavell? Siehe hier. Und nun die einschlägigen Seiten aus der „Geschichte Indiens“:

Und dann, vor ein paar Tagen, schickt mir ein aufmerksamer Mensch per WhatsApp den Link zu „The New York Times“ und schreibt dazu: „Das ist zwar auf Englisch, aber unbedingt lesenswert als sehr dezidierte postkolonial-indische Perspektive auf den Brexit (als ironische Wiederkehr der katastrophal abgewickelten indischen Unabhängigkeit 1947).“ Und da saß ich nun und sagte mir, das muss ich genau wissen. Zumal mir das Buch von Pankaj Mishra „Aus den Ruinen des Empires“ – im Regal hinter mir – ein schlechtes Gewissen macht, ich bin drin steckengeblieben.

ALSO: Ich gehe aus von dem Artikel, den der Schriftsteller Pankaj Mishra jetzt in The New Yorker veröffentlicht hat. Die folgende Übersetzung ist zur schnellen Selbst-Verständigung verschriftlicht und nur als Provisorium festgehalten. Keine inhaltliche Gewähr, man halte sich im Zweifel an das englische Original hier. Was mich so fasziniert, ist das ungeschminkte Geschichtsbild, die rücksichtslose Zusammenschau der Dinge, die eben nicht durch Welten voneinander getrennt sind. Es ist unsere Gewohnheit, die an Schubladen festhält und an Epochenwechsel glaubt, obwohl die alten Geister unbeirrt fortwirken oder wieder aufstehen.

ZITAT (Übersetzung ohne Gewähr, für den Hausgebrauch JR)

Der Schriftsteller Paul Scott, der 1947 den katastrophalen Austritt Großbritanniens aus dem indischen Teil des Imperiums beschrieb, konstatierte, dass die Briten in Indien „dort anlangten, wo sie tatsächlich waren“, das heißt am Ende ihrer erhabenen Vorstellung von sich selbst. Scott war schockiert darüber, wie schnell und unbarmherzig die Briten, die Indien seit mehr als einem Jahrhundert regiert hatten, das Land der Fragmentierung und Anarchie überließen; wie Louis Mountbatten, den der rechtsgerichtete Historiker Andrew Roberts präzise als „verlogenen, intellektuell beschränkten Gauner“ bezeichnete, als letzter britischer Vizekönig Indiens über das Schicksal von rund 400 Millionen Menschen zu entscheiden hatte.

Großbritanniens Bruch mit der Europäischen Union erweist sich als ein weiterer Akt moralischen Verfalls unter den herrschenden Kräften des Landes. Die Brexiteers, die ein Phantom imperialer Stärke und Selbstständigkeit verfolgen, haben in den letzten zwei Jahren wiederholt ihre Hybris, Sturheit und Unfähigkeit gezeigt. Premierministerin Theresa May, die ursprünglich ein „Remainer“ war, hat sich in ihrer arroganten Verstocktheit bestätigt, indem sie dem Brexit einen offensichtlich unausführbaren Zeitplan vorgab und rote Linien festlegte, die die Verhandlungen mit Brüssel untergruben und ihren Deal dazu verdammten, im Parlament parteiübergreifend zu scheitern.

Ein solches Muster egoistischen und destruktiven Verhaltens der britischen Elite verblüfft heute viele Menschen. Es hat sich aber schon vor sieben Jahrzehnten beim kopflosen Exit Großbritanniens in Indien manifestiert.

Mountbatten [siehe hier], der in britischen Marinekreisen als „Master of Disaster“ verspottet wurde, war ein repräsentatives Mitglied einer kleinen Gruppe von britischen Bürgern der Ober- und Mittelklasse, aus denen die imperialen Herren von Asien und Afrika rekrutiert wurden. Miserabel ausgerüstet für ihre immensen Verantwortlichkeiten, waren sie dennoch durch Großbritanniens brutale imperiale Macht ermächtigt, in der Welt herumzustolpern, – einer Welt, von deren Reichtum und Subtilität, wie E. M. Forster in seinen „Notizen über den englischen Charakter“ schrieb, sie keinerlei Vorstellung hatten.

Forster machte für die politischen Missstände Großbritanniens die privat ausgebildeten Männer verantwortlich, die Nutznießer des elitären öffentlichen Schulsystems des Landes waren. Diese ewigen Schuljungen, deren „Gewicht in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl steht“, sind sicherlich unter den Tories überrepräsentiert. Sie haben Großbritannien heute in seine schlimmste Krise gestürzt und seine inzestuöse und selbstsüchtig herrschende Klasse wie nie zuvor entlarvt.

Von David Cameron, der die Zukunft seines Landes in einem Referendum rücksichtslos ausgespielt hatte, nur um einige notorische Meckerköpfe seiner konservativen Partei zu isolieren, bis hin zu dem opportunistischen Boris Johnson, der auf den Brexit-Zug aufsprang, um sich den Sessel zu sichern, den der einstige Primeminister Winston Churchill vorgewärmt hatte. Und bis zum topmodischen, theatralischen Retro Jacob Rees-Mogg, dessen Fondsverwaltungsgesellschaft ein Büro innerhalb der Europäischen Union eingerichtet hat, die er zugleich vehement verachtet, hat die britische politische Klasse der Welt ein erstaunliches Schauspiel von verlogenen, intellektuell beschränkten Gaunern geboten.

Sogar ein Kolumnist für The Economist, ein Organ der britischen Elite, beklagt sich heute über „Oxford Chums“ [Kumpanei], die mit „Bluff statt Fachwissen“ arbeiten. „Großbritannien“, beklagt das Magazin letzten Monat, „wird beherrscht von einer selbstermächtigten Clique, in der die eigene Gruppenzugehörigkeit über Kompetenz , Selbstsicherheit über Fachwissen hinaus belohnt wird. Im Brexit hat die britische Chumokratie [Kumpelherrschaft] endlich ihr Waterloo gefunden.“

Für alle, die sich auf die britische Geschichte berufen, ist es eigentlich korrekter zu sagen, dass die Teilung – die ruinöse Exit-Strategie des britischen Empires – endlich zuhaus angekommen ist. In grotesker Ironie haben sich die Grenzen, die 1921 Irland, der ersten Kolonie Englands, auferlegt wurden, als der größte Stolperstein erwiesen, den die englischen Brexiteers auf ihrer Jagd nach imperialer Stärke vorfanden. Außerdem steht Großbritannien selbst vor der Teilung, wenn der Brexit, eine vorwiegend englische Forderung, erreicht wird und die schottischen Nationalisten ihre Forderung nach Unabhängigkeit erneuern.

Es ist ein Maß für den politischen Scharfsinn englischer Brexiteers, dass sie anfangs die schwankende irische Frage gar nicht beachteten und die schottische mit Verachtung straften. Irland war einst zynischerweise so aufgeteilt worden, dass sichergestellt war, dass die protestantischen Siedler in dem einem Teil des Landes die Anzahl der Katholiken übertrafen. Diese Aufteilung provozierte nun seit Jahrzehnten Gewalt und kostete Tausende von Menschenleben. Sie wurde 1998 teilweise entschärft, als ein Friedensabkommen die Notwendigkeit von Sicherheitskontrollen entlang der von Großbritannien auferlegten Trennungslinie aufhob.

Die Wiedereinführung eines Zoll- und Einwanderungsregimes entlang der einzigen Landgrenze Großbritanniens mit der Europäischen Union wurde immer mit Gewalt bekämpft. Aber die Brexiteers, die erst spät bei dieser unheilvollen Möglichkeit wach wurden, haben zunächst einmal versucht, sie zu leugnen. Eine durchgesickerte Aufnahme enthüllte, wie Mr. Johnson verächtlich über diese Grenze als „reines Millenium-Wanzenzeug“ höhnte.

Politiker und Journalisten in Irland sind natürlich entsetzt über die aggressive Ignoranz englischer Brexiteers. Geschäftsleute sind überall empört, weil die wirtschaftlichen Konsequenzen neuer Grenzen missachtet werden. Aber das alles kann niemanden überraschen, der von der unanständigen Leichtfertigkeit weiß, mit der die britische herrschende Klasse zuerst Linien durch Asien und Afrika zog und dann die Menschen, die diesseits und jenseits der Linien lebten, zu endlosem Leiden verdammte.

Die bösartige Inkompetenz der Brexiteers wurde während des britischen Rückzugs aus Indien im Jahr 1947 präzise vorweggenommen, und zwar am auffälligsten dadurch, dass es keine ordentliche Vorbereitung dafür leistete. Die britische Regierung hatte angekündigt, dass Indien bis Juni 1948 unabhängig sein würde. In der ersten Juniwoche 1947 verkündete Mountbatten jedoch plötzlich, dass die Machtübernahme schon am 15. August 1947 stattfinden würde – ein „lächerlich früher Zeitpunkt“, wie ihm selbst entfuhr. Im Juli wurde einem britischen Anwalt namens Cyril Radcliffe die Aufgabe übertragen, in diesem Land, das er selbst noch nie besucht hatte, neue Grenzen zu setzen. [Link zu Radcliffe und Stichwort „Radcliffe-Linie“ hier].

Er hatte lediglich fünf Wochen, um die politische Geographie eines Indiens zu erfinden, das von einem östlichen und einem westlichen Flügel namens Pakistan flankiert wurde. Dafür besuchte Radcliffe keine Dörfer, Gemeinden, Flüsse oder Wälder entlang der Grenze, die er ziehen wollte. Er teilte das landwirtschaftliche Hinterland von den Hafenstädten ab und reduzierte Hindus, Muslime und Sikhs auf beiden Seiten der neuen Grenze abrupt zu einer religiösen Minderheit. Er lieferte einen Teilungsplan, der Millionen effektiv in Tod oder Verzweiflung trieb, ihn selbst aber in den höchsten Rang des Adels erhob. Bis zu einer Million Menschen starben, unzählige Frauen wurden entführt und vergewaltigt. Die größte Flüchtlingsbewegung der Welt entstand während des Bevölkerungswechsels aufgrund Radcliffe’s Grenze – ein umfassendes Gemetzel, das alle apokalyptischen Szenarien des Brexit übertrifft.

Rückblickend hatte Mountbatten noch weniger Grund als Mrs. May, den Exit-Zeitplan zu beschleunigen und damit unlösbare und ewige Probleme zu schaffen. Nur wenige Monate nach der verpatzten Teilung führten beispielsweise Indien und Pakistan einen Krieg um das umstrittene Gebiet von Kaschmir. Keine der betroffenen Parteien drängte auf einen hastigen britischen Austritt. Wie die Historikerin Alex von Tunzelmann feststellt, „kam der Druck von Mountbatten und von ihm allein.“

Mountbatten war eigentlich weniger dickköpfig als Winston Churchill, dessen Aufruf heute noch das Rückgrat vieler Brexiteers versteift. Churchill, ein fanatischer Imperialist, arbeitete härter als jeder andere britische Politiker daran, die Unabhängigkeit Indiens zu durchkreuzen, und tat als Premierminister von 1940 bis 1945 alles dagegen. Erfüllt von der rassistischen Idee der Überlegenheit des Anglo-Amerikaners, weigerte er sich 1943, den Indern zu helfen, mit der Hungersnot fertigzuwerden, einfach weil sie sich, wie er sagte, „wie Kaninchen“ vermehrten.

Es ist unnötig zu erwähnen, dass solche Vergehen aus einer Ignoranz über Indien resultierten, die so hartnäckig ist wie die der Brexiteers über Irland. Churchills eigener Staatssekretär für Indien behauptete, sein Chef wisse „so viel über das indische Problem wie George III von den amerikanischen Kolonien.“ Churchill zeigte in seiner langen Karriere eine ähnliche imperiale Unbekümmertheit gegenüber Irland. Er schickte unzählige junge Iren während des Ersten Weltkrieges in den Tod, als er sie in das katastrophale militärische Fiasko in Gallipoli, Türkei, sandte und entfesselte 1920 brutale paramilitärische Einsätze gegen irische Nationalisten.

Die zahlreichen Verbrechen der kühnen Abenteurer des Imperiums wurden durch die große geopolitische Macht Großbritanniens ermöglicht und durch sein kulturelles Ansehen verdeckt. Dies ist der Grund, warum Bilder, auf denen die britische Elite als tapfer, weise und wohlwollend erscheint, bis vor kurzem überleben konnten, und es wurden viele historische Beweise über diese Meister der Katastrophe von Zypern bis Malaysia, Palästina bis Südafrika vorgelegt. In den letzten Jahren konnten sich solche privat ausgebildeten und glattzüngigen Männer wie Niall Ferguson und Tony Blair noch den Briten als Retter aus Leid und bedrohter Humanität darstellen und die amerikanischen Neokonservativen dazu drängen, die Lasten des weißen Mannes weltweit zu übernehmen.
Demütigungen in neo-imperialistischen Unternehmungen im Ausland, gefolgt von der zunehmenden Katastrophe des Brexit zu Hause, haben den Bluff der „quixotischen Narren des Imperialismus“ (Hannah Arendt) grausam entlarvt.

Während die Teilungsidee nun zu Hause kommt, in Irland Blutvergießen und in Schottland die Sezession droht, und ein unvorstellbares Chaos von No-Deal-Brexit sich abzeichnet, leidet das normale britische Volk unter den unheilbaren Austrittswunden, wie sie einst von Großbritanniens stümperhaften Chumokraten Millionen von Asiaten und Afrikanern zugefügt wurden. Noch hässlichere historische Ironien könnten den Briten noch auf der tückischen Straße zum Brexit auflauern. Jedoch kann man mit Sicherheit sagen, dass eine lang verwöhnte herrschende Klasse soeben an ihr Ende gekommen ist.

Quelle Pankaj Mishra: The Malign Incompetence of the British Ruling Class / With Brexit, the chumocrats who drew borders from India to Ireland are getting a taste of their own medicine. [Original HIER.]

Was wäre dem noch hinzuzufügen? Dass es nicht nur um die Einordnung des Brexit-Wahns geht. Natürlich betrifft es auch nicht nur Großbritannien, Indien oder Irland, sondern uns alle, Europa und den (umfassenden) Rest der Welt. Wobei der Blick sich auf größere Probleme richtet als diesen Brexit. Einige hoffnungvolle Ausblicke lassen sich in Bruno Latours Terrestrischem Manifest finden:

Durch eine unglaubliche Bastelarbeit ist es der Europäischen Union gelungen, auf vielfache Weise die Überlappung, Überlagerung, den overlap der verschiedenen nationalen Interessen zu materialisieren. Mit ihrem vielfältig verzahnten Regelwerk, das die Komplexität eines Ökosystems erreicht, weist sie den Weg. Genau diese Art Erfahrung ist gefragt, wenn wir den alle Grenzen überwindenden Klimawandel in Angriff nehmen wollen.

Gerade die Schwierigkeiten des Brexit, aus der EU auszusteigen, belegen, wie originell die Konstruktion ist, ist durch sie doch die Vorstellung einer durch undurchlässige Grenzen eingehegten Souveränität komplizierter geworden. Damit ist die eine Frage gelöst: Stellte der Nationalstaat lange Zeit über  den Vektor der Modernisierung gegenüber den überlieferten Zugehörigkeiten dar, ist er jetzt nur noch ein anderer Name für das LOKALE – und nicht mehr für die bewohnbare Welt.

(…) Ohne Zweifel, Europa war gefährlich, als es sich imstande wähnte, die ganze Welt zu „beherrschen“; aber finden Sie nicht, dass es noch gefährlicher wäre, wenn es sich ganz kleinmachte und wie ein Mäuschen sich vor der Geschichte zu drücken versuchte? Wie könnte es sich seiner Berufung entziehen, an die von ihm erfundene Form der Modernität zu erinnern und zu gemahnen? Gerade wegen der von ihm begangenen Verbrechen darf es sich nicht kleinmachen.

Eines seiner kardinalen Verbrechen war der Glaube, sich unter Berufung auf die notwendige „Zivilisation“ an Orten, auf Territorien und Kulturen festsetzen zu dürfen, deren Bewohner und Träger dafür entweder ausgerottet oder deren Lebensformen durch die seinen ersetzt werden mussten. Dieses Verbrechen hat bekanntlich das Bild und die wissenschaftliche Form des GLOBUS ermöglicht.

Aber dieses Verbrechen ist auch ein weiterer seiner Trümpfe: Es hat Europa für ewig aus der Unschuld gerissen, aus dem Irrglauben, man könne die Geschichte neu erschaffen, indem man mit der Vergangenheit bricht, oder aber der Geschichte ernsthaft zu entkommen.

(…) Es wollte die Welt in Gänze sein. Es hat einen ersten Selbstmordversuch unternommen. Dann einen zweiten. Fast wären beide gelungen. Dann glaubte es, der Geschichte entkommen zu können, indem es unter dem Schirm Amerikas Schutz suchte. Dieser göleichermaßen moralische wie atomare Schirm wurde zusammengefaltet. Jetzt steht Europa allein und schutzlos da. Dies ist genau der Augenblick, wieder in die Geschichte einzutreten, ohne sich einzubilden, sie zu beherrschen.

Europa ist eine Provinz? Nun gut, genau das wird doch gebraucht: ein lokales, warum nicht provinzielles Experiment dazu, was es heißt, eine Erde nach der Modernisierung zu bewohnen, zusammen mit jenen, die die Modernisierung endgültig von ihrem Mutterboden vertrieben hat. (…) Nichts Besseres als ein Alter Kontinent, um sich aufs Neue zu befragen was gemeinsam ist, und zitternd wahrzunehmen, dass die universelle Lage darin besteht, in den Ruinen der Modernisierung zu leben und wie ein Blinder tastend nach einer Wohnstätte zu suchen. (…)

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2016 (aus Seite 116, 118, 122)

Private Praxis

Etwas zu Handarbeit und Fingerfertigkeit

Es sieht nach einem läppischen Vorhaben aus, – wer je etwas aus Bachs Wohltemperiertem Klavier geübt hat, wird dieses Stück kennen: BWV 850. Zumal die nachfolgende Fuge sehr eindrucksvoll ist, auch leicht zu bewältigen. Aber das Praeludium hat seine Tücken; selbst wenn man es längst zu beherrschen glaubt, bringt es beim Vorspiel ungeahnte Schwächen ans Licht. Vielleicht nicht einmal im schnellen, sondern im mittleren Tempo. Immer noch Zeit, einen letzten Anlauf zu wagen, durch Überbietung: nämlich von der linken Hand (Fingersatz rot) das gleiche zu verlangen wie von der rechten (Fingersatz grün). Am Ende – ohne Bass – in Oktaven.

  

Der Kreis um eine Zahl – Takt 4 grün, Takt 9 rot – bedeutet, dass der Einsatz dieses Fingers in der Handhaltung weich (!) vorbereitet sein muss. Eine spezielle Einstellung gilt für den Takt 7 (grün, rechte Hand). Warum? Die zweite Sechzehntelgruppe ist mit diesem Fingersatz nur in einem bestimmten, feinjustierten Winkel leicht ausführbar, der in der dritten Sechzehntelgruppe in Richtung Daumen-Cis angepasst werden muss, so dass die Spannung zum hohen D leicht fällt und sofort wieder aufgegeben werden kann: die Hand zieht sich dabei minimal zusammen (auf Takt 8 hin), der Daumen ist also frei für das E und kurz danach wieder für das Cis.

Übrigens setze ich voraus, dass man auch beim Fingersatzüben eine Vorstellung vom formalen Verlauf des Präludiums hat. Den habe ich kürzlich rekapituliert, als ich mich dem BWV 850 wieder aufs neue zu widmen vornahm: siehe hier.

Zudem übt man nicht fortwährend von A-Z, sondern man nimmt sich einzelne Taktgruppen vor, z.B. Takt 3 bis 6 (1.Ton), Takt 6 bis 10 (1.Ton), also mit Grenzen innerhalb derer man die kleinste Unebenheit vermerkt und „bearbeitet“.

Kennen Sie die folgenden Zeilen? Eine bestimmte Verkettung von Umständen bewirkte in meinem Fall, dass ich sie (und das ganze Gedicht, in dem sie stehen) – so prosaisch sie klingen – seit dem 16.9.1959 mit Liebe lese:

Ich ahnte, dass Gottfried Benn in seinem Gedicht „Chopin“ Original-Zitate des Komponisten verwendet hatte. Einige Jahre später las ich, wie der große Klavierpädagoge Heinrich Neuhaus gerade diese Äußerung Chopins zum Thema machte:

Quelle Heinrich Neuhaus: Die Kunst des Klavierspiels edition gerig Köln 1967

Dieses Buch wurde für mich immer wieder zu einer Quelle der Ermutigung. Und auch jetzt entsann ich mich wieder, dass ich darin die genaue Analyse der Bewegungen gefunden hatte, die „auf der Hand liegt“ und doch immer wieder neu reflektiert werden muss.

 

Siehe zu diesem Chopin-Prélude und zum Thema überhaupt im Blog hier.

Bemerkenswert übrigens, dass Chopins Aussage nicht lautet: Jeder Finger spiele mit der gleichen Kraft. Gerade die abstrakte Forderung nach Gleichmäßigkeit kann im frühen Unterricht Schaden anrichten.

Da es die Aufgabe der Instrumentalpädagogik ist, die vorhandenen Anlagen zum Ausbau des Könnens zu benützen, ist es unerläßlich, daß die Pädagogik mit den dem gesunden Menschenverstand zugänglichen allgemeinen Vorstellungen der „Geschicklichkeit“ und der „Beweglichkeit“, und nicht mit der Vorschrift bestimmter Bewegungsformen beginnt, deren äußerliche Nachahmung (…) keine Gewähr für die Erzeugung des im Einzelfall zweckmäßigen, und daher allein bestimmenden, Muskelgefühls bietet.

Aus diesem Grunde ist es, namentlich bei Anfängern, zwecklos, den Schwerpunkt des rein mechanischen Übens auf die „Gleichmäßigkeit“ zu legen, wie es z.B. bei den einfachen Fünf-Finger-Übungen und Tonleitern meistens geschieht. Da auf dieser Stufe noch keinerlei Spielerfahrungen vorliegen, ist die Forderung der absoluten Gleichmäßgkeit ohnedies einstweilen unerfüllbar.

Quelle Zur Psychologie der Klaviertechnik / Aus dem Nachlass von Willy Bardas / Mit einem Geleitwort von Professor Artur Schnabel / Im Werk-Verlag zu Berlin 1927.

Ein kluges Büchlein, das ich meinem Vater verdanke; die beiden auf das Zitat folgenden Seiten sollen als Kopie folgen. (Es ist aber inzwischen auch in einer Neuausgabe von Manja Lippert zu beziehen.)

 Neuausgabe hier

Gerne zitiere ich auch wieder einmal das schöne Goethe-Gedicht (Obertitel von mir):

Ermutigung für Instrumentalisten

aus Goethes Drama: “ Künstlers Apotheose“, (dort auf Bildende Kunst bezogen):

Drum übe dich nur Tag für Tag,
Und du wirst sehn, was das vermag!
Dadurch wird jeder Zweck erreicht,
Dadurch wird manches Schwere leicht,
Und nach und nach kommt der Verstand
Unmittelbar dir in die Hand.

( Johann Wolfgang von Goethe, Künstlers Apotheose, veröffentlicht 1789)

Zwei Seelen in der Brust – mindestens

Wo bleibt das Gleichgewicht?

Die kleine Unterbrechung (angedeutet im vorigen Beitrag) hat zwar auch musikalisch etwas gebracht (betr. Haydn-Quartette), wirft einen aber auch zurück durch mangelnden physischen Kontakt zu den Instrumenten, während in anderer Hinsicht der Körper aufdringlich seine Präsenz zur Geltung bringt. Man muss sich hüten, ihn voreilig zum Thema zu machen. Man muss ohnehin immer wieder von vorn beginnen, mit Fingerübungen zum Beispiel, der Leistungswille verleitet einen, zuviel Kraft in die Finger zu lenken, die Dosierung ist erst allmählich zu steigern. Hier ist mein Teststück seit 50 Jahren:

 BWV 850

Die Übe-Noten sehen natürlich anders aus. Sie regen mich durch das Grau der Jahrzehnte an, immer wieder neu zu beginnen und am Ende zu behaupten: so schön gleichmäßig habe ich es noch nie im Leben gekonnt. Wenn mich aber jemand bäte, es vorzuspielen, würde ich sagen: „Lass mich noch drei Tage üben!“ – Der jüngste Vorsatz: für einen Blog-Artikel meinen (für mich) endgültigen Fingersatz einzutragen und die speziellen Probleme der Hand zu beschreiben. Außerdem die Sechzehntelstimme der rechten Hand zusätzlich mit einem Fingersatz für die linke Hand zu versehen (ich glaube, Busoni hat eine Fassung mit vertauschten Händen herausgegeben) und die Stimme am Ende mit beiden Händen im Oktavabstand zu spielen. Wenn es glatt gelingt, wäre es für mich die „Selbstkrönung“. Das Stück als Melodie genommen lohnt die Arbeit genau so wie das Preludio der E-dur-Partita für Sologeige.

Das ist das eine (wenn ich vom Bratsche-Üben absehe, mein Eindruck: man ist schneller „wieder da“ als auf der Geige, die ohnehin seit einiger Zeit ruht, Hin- und herwechseln hat keinen Zweck).

Das andere sind aktuelle oder philosophische Themen (weiter mit Kant/Jaspers), „aktuell“ meint politische Themen, einmal durch bestimmte Anregungen der sog. „arabische Frühling“ von 2011, dann das verrückte Thema Brexit/Europa plus Klima, vorrangig aufgrund eines Artikels von Pankaj Mishra, der für mich zum erstenmal klar ausspricht, weshalb einen die Vorgänge im britischen Parlament so fassungslos machen. Soetwas kann man nur von einem Inder (oder einem Iren?) erfahren. Was sind das für Typen, die solche Politik betreiben? Wie kann man tolerant bleiben?

Beenden wir die fruchtlose Aufzählung, es sind natürlich viel mehr Seelen in einer Brust  als zwei (es geht zweifellos anderen Menschen ganz ähnlich!), und die eine will sich nicht von den anderen trennen. Man möchte weiterhin einen Zusammenhang finden oder herstellen und nicht den prinzipiell resignativen Spätling abgeben, der altert und unkt: ich hab es immer schon gesagt, das wird böse enden.

Bei Bach endet es gut. Und Lesen hilft auch noch weiter…

 

Haydns Aktualität (I)

Was sagt uns die sogenannte Klassik?

Blick aus dem Klinikum SG 190119 16:45 (Foto E.R.)

Ich möchte die eigene Ästhetik nicht auf ein existenzielles Feeling einschwören, eher mich selbst kritisch ins Auge fassen, nachdem ich eine Musik, die mich – wohlbehütet – aber doch in etwas misslicher Lage erreichte, auch nachts und in steter Wiederholung bis zum frühen Morgen gehört habe. So verzerrt man vielleicht sein Urteil und ist geneigt, sie als Medizin misszuverstehen. Besonders im Kontext des großen grünen Fotos an der Wand, das ein Psychologe ausgesucht haben muss, und im Wechsel mit dem Blick in die Noten, – fasziniert von einer Äußerlichkeit (?), dem unaussprechlichen Aufstieg zum hohen A, dort innezuhalten, als solle er nie enden. Wie rührend und wie unerschütterlich!

  op. 50, 6

Ein Geiger namens Willi Zimmermann, *1961, Primarius eines 1981 gegründeten Quartetts, dessen Werdegang laut Booklet in folgenden Sätzen gipfelt:

… die CD mit Haydns Quartetten op. 50 erhielt den französischen Schallplattenpreis „Choc du monde de la musique“ und wurde von der italienischen Fachzeitschrift Musica mit dem Prädikat „Eccezzionale“ ausgezeichnet. 2009 stellte das Ensemble seine Konzerttätigkeit ein.

Ein Schock, der dazugehört. Was hat mich denn in den 90er Jahren behindert, als es fortwährend musikalischere und dazu perfektere Ensembles zu entdecken gab? (Ich weiß es natürlich.)

Manchmal erkenne und höre ich Musik besser, wenn ich die richtigen Worte dafür finde. Manchmal genügt es, in diesem Sinne nur darüber nachzudenken. Aber als ich dieses Streichquartett mit Haydn hörte, war das, als ob – nein, es geschah allmählich, nicht in Sekunden – als ob mich der Blitz getroffen habe. Oder war’s eher der Mond, aus heiterem Himmel? Es ist das Temperament dieser Musiker, die Nuancen der Übergänge und des Tempos, die schiere Virtuosität, die Differenzierung auf engstem Raum. Was nicht bedeutet, dass es sich um eine glatte, in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme handele; hier und da gibt es einen Rest von Übermut oder „riskantem Spiel“. Und genau das gehört zur Lebendigkeit dieses Musizierens (wobei einem das Wort im Halse steckenbleibt, dies ist kein „stillvergnügtes Streichquartett“!). Nur eine einzige Stelle habe ich vermerkt, um glaubwürdig zu sein:

Also im Trio des Menuetts, op. 50 Nr. 6, und zwar im fünftletzten Takt auf der zweiten Zählzeit (Tr. 11 bei 2:43). „Nicht zusammen!“ hätte unser Kammermusikprofessor Günter Kehr geschrieen, ohne Atem zu holen, auch im Konzert. Es war die Zeit, als durch die Praxis der Radioaufnahmen das „Zusammen“  zum Steckenpferd aller Tonmeister wurde. Kehr zeigte uns gern den alten Rundfunkhasen und ließ uns nicht über den ersten Akkord des Beethovenschen op. 1 Nr.1 hinauskommen, indem er nahtlos nach dem Es-dur-Schlag schrie: „Nicht zusammen!“ und das zehn Mal, mindestens.

Um mehr auf Haydn selbst zu kommen als auf die Interpretation, insbesondere auf seinen Humor, der gern beschworen wird, um uns zu entlasten: es ist nur ein Spaß, wir können uns ernsteren Themen zuwenden… Weit gefehlt!

Hier ist der Anfang des Trios, der im vorhergehenden Beispiel noch fehlte, insgesamt haben wir damit den Mittelteil des Menuetts vor uns. (Er heißt „Trio“, weil er etwa in Sinfonien früher nur von drei Instrumenten vorgetragen wurde; anschließend folgt die Wiederholung des Hauptteils, der hier nicht wiedergegeben ist: also die Form ABA.)

[ Um dieses „Trio“ kurz ins Ohr zu fassen: hier ab 18:39 bis 20:49, nur zur Orientierung, nicht als Musterbeispiel einer Interpretation!]

Wir haben ein Thema, das gleichmäßiger nicht verlaufen könnte – wenn da nicht die von Haydn vorgeschriebene falsche Betonung wäre: fz -, also 3 mal 4 Takte, in denen melodisch (fast) alles voraussagbar ist; mit Ausnahme der Nicht-Überraschung in der 3. Gruppe, wo das fz ausbleibt. Gut, dass wiederholt wird, sonst merkt es keiner. Interpretatorisch kann man nicht viel falschmachen…

Gemach, – hören wir nochmal hin: in den ersten beiden Perioden des kleinen Themas folgt das fz auf das fünfmalige Pochen des hohen Tones, – es sagt gewissermaßen: genug jetzt, es muss weitergehen. Bei der dritten Periode jedoch muss dies nicht gesagt werden: denn schon beim dritten Fis geht es weiter, – völlig unspektakulär, aber neu…

Und was geschieht nach dem Doppelstrich? Also nach der Wiederholung, die durch die Doppelpunkte : angegeben ist? Wir sehen, dass es hier mit der (ohnehin fragwürdigen) Gleichmäßigkeit und Voraussagbarkeit ein Ende hat. Zwar zeigt der Blick auf die Noten, dass der folgende Abschnitt bis zur Fermate (Takt 56) die gleiche Länge hat wie der erste Teil (vor dem Doppelstrich). Aber für das Ohr geschieht etwas wenig Berechenbares: das Cello hält fast bis zur Fermate ein und denselben Ton aus, darüber ein thematischer Neubeginn der Oberstimme, ein Aufstieg zum hohen D, und dann ein chromatischer „Gleitvorgang“, bis die Musik auf dem Dominantseptakkord stehenbleibt. Ratlos? Aufs Neue kommt der Beginn des Trios, – jetzt wird es nicht nach A-dur modulieren, sondern in der Grundtonart schließen. In der Tat, es geht nach oben zum hohen D – gewiss, der Gipfel vor dem Ende – aber nichtsda! eine lange Pause, dann erst der Abschluss; nach dem Muster des A-dur-Schlusses (vorm Doppelstrich), aber eben in D-dur. Die Irritation der Pause steckt uns durchaus ein wenig in den Knochen: Dasselbe muss noch einmal kommen, diesmal doppelt und in Zweiergruppen auf die Instrumente verteilt, Violine 1 plus Violine 2, Bratsche plus Cello. Und wieder die ominöse Pause. Der Abschluss, der danach wirklich erwartungsgemäß folgt, ist dann auf die doppelte Länge gestreckt, – anders als erwartet. Das Kreisen um den Ton G in der ersten Geige ist – sagen wir – der Erinnerung an die Fermate geschuldet. Mit diesem Teil (Takt 44 bis 56) begann das Infragestellen der Selbstverständlichkeiten, das uns bis zum Schluss begleitet. Und – sagt das Ohr – im nun wiederkehrenden Menuett ist Gottseidank alles beim alten geblieben. Es war schon ungewöhnlich genug.

Was macht Haydn mit uns? Ist das wirklich nur Scherz? Der schlimmste Fehler, den die Interpreten machen können, ist: die Pausen zu verkürzen. Die Beklommenheit muss im Raume stehen. Mir erscheint auch wichtig, dass der Experimentiercharakter hervortritt: Dem Komponisten liegt gelegentlich daran zu zeigen, wie etwas gemacht ist. Es ist nicht von Natur aus da. Menschenwerk. Und dies nicht als Muskelspiel, sondern im Konversationston.

Der Booklet-Autor Wolfgang Fuhrmann hebt hervor, was Haydns erster Biograph Georg August Griesinger berichtet:

„eine ‚arglose Schalkheit‘ , oder was die Britten Humour nennen, war ein Hauptzug in Haydns Charakter. Er entdeckte leicht und vorzugsweise die komische Seite eines Gegenstandes… in seinen Kompositionen zeigt sich diese Laune ganz auffallend, und besonders sind seine Allegro’s und Rondeaux oft ganz darauf angelegt, den Zuhörer durch leichtfertige Wendungen des anscheinenden Ernstes in den höchsten Grad des Komischen zu necken, und fast bis zur ausgelassenen Fröhlichkeit zu stimmen.“ [Griesinger]

Haydns Quartette wenden sich freilich nicht so sehr an die Hörer als an seine Spieler, Kammermusik war ja eine Sache des privaten Musizierens. So wird man auch als Hörer das leichtgewichtige dritte Quartett in Es-Dur nur ganz begreifen, wenn man sich auch ein wenig in die Perspektive der Spieler begibt und nachvollzieht, wie die schön geschwungene Melodie des ersten Satzes sozusagen nicht im Besitz des ersten Geigers verbleiben darf, wie jedes Instrument ihre Elemente spielerisch aufgreift, bis zu einer Verdichtungsstelle in der Durchführung, die wieder an barocke Kontrapunktik, an ein Fugato erinnert. Es ist diese Idee des gleichberechtigten, freien Austauschs, die in Haydns Musik so bezwingende Gestalt angenommen hat. [Fuhrmann]

Dabei kann man es allerdings nicht bewenden lassen, es gibt die Perspektive der Zeitgenossen und die der Nachfahren, wie Petra Weber-Bockholdt in einem Essay (1987) über Menuette in frühen Symphonien von Joseph Haydn ganz richtig anmerkt:

Man kann die Geltung eines Kunstwerkes mit den ästhetischen Kategorien seiner Entstehungszeit umschreiben; wollte ich dem folgen, so hätte ich im Falle Haydns von „Geschmack“ , „Kunstsinn“ , „Erhabenheit“ und u.U. auch von den zeitgenössischen Kompositionsregeln (etwa bei Riepel und H.Chr. Koch) zu sprechen. Sehr leicht aber würde dann das Problem des Anspruches an uns in eine gut 200 Jahre große Distanz gerückt – und entschärft. Auch Kategorien gegenwärtiger Kunstbetrachtung wie Aktualität, kritische Distanz, Identitätsfindung o.ä. sind ungeeignet. Denn abgesehen von der Frage, ob derartige Kategorien überhaupt etwas über den Rang von Kunstwerken aussagen können – eine Frage, die ich verneinen würde -, glaube ich, daß Haydns Sache durch sie verkannt, verfälscht, verstellt wird. – „Nutzen und Belehrung“ scheinen mir am besten jene Gemeinschaft zwischen Hörer und Musiker zu erfassen, auf die Haydns Musik ohne zu fragen rechnet. Sie erfassen wenigstens andeutend jenen primus-inter-pares-Charakter, der nicht zuletzt für den Adel der gesamten Wiener Klassischen Musik verantwortlich ist.

Ein Buch, das ich gern konsultiere, wenn es um den klassischen Stil und insbesondere die von Joseph Haydn geprägte Form, heißt „Der Klassische Stil“ von Charles Rosen (1971,1983). Und dieser Autor ist zweifellos erheblich vom „Material-Gedanken“ der Zweiten Wiener Schule gelenkt, die er auch als Pianist mit Hingabe studiert und interpretiert hat. Das Schönbergsche Buch „Die formbildenden Tendenzen der Harmonie“ hat mich im Studium beeindruckt, und vielleicht kommt es daher, dass mir Rosens analytischen Studien besonders einleuchten, gerade wenn es um Haydns Streichquartette geht. Wobei die motivische Arbeit kaum ohne Notentext darstellbar ist, und das gilt auch, wenn die wahre Begeisterung sich erst beim Hören einstellt. Bei Haydn kann man wirklich alles hören, was er will; wenn man nur das Ohr entwickelt hat und das Ensemble gut ist.

 Rosen über op. 50, Nr.1

Man wird in diesem Text nicht jedes Wort auf Anhieb verstehen, im übrigen ist die Kenntnis von op. 33 vorausgesetzt wird. Entscheidend ist aber, dass man diese einfachen Prinzipien von „Dissonanz“ und „Sequenz“ versteht, wobei man sich unter Dissonanz nicht unbedingt etwas sehr Auffälliges vorstellen darf: das 19. und 20. Jahrhundert hat den Normalverbraucher mit immer neuen Akkordgebilden unempfindlicher gemacht. Eine Dissonanz ist hier einfach ein Akkord, indem bestimmte Töne miteinander Reibungen erzeugen, die bewirken, dass er sich in einen reibungsfreien Dreiklang auflösen möchte. Z.B. der erste Akkord des Notenbeispiels (Takt 3); die Reibung dieses Dominantseptakkordes besteht in den Tönen ES und F, die ja in der Skala nebeneinanderliegen: egal was an weiteren (Durchgangs-) Tönen zu hören ist, dieser Klang löst sich in den Dreiklang des nächsten Taktes auf. Die Folge Dominante – Tonika. Und damit haben wir hier zugleich das entscheidende Motiv, das sequenziert wird. Die Sequenzgruppen sind mit dem b in den eckigen Klammern gekennzeichnet, also ein Motiv [b], das stufenweise versetzt wird, was nicht wörtlich sein muss: die rhythmische Gestalt ändert sich ja gerade in diesem Fall. Die Steigerung mit Hilfe der aufsteigenden Sequenz wird auch in der Dynamik erkennbar: p in Takt 3, mf in Takt 6, f in Takt 8/9.

Exkurs

Es lohnt sich, eine umfassende Erklärung des Begriffs „Sequenz“  nachzulesen. Ich habe mich immer gefragt, weshalb man ein so wichtiges musikalisches Werkzeug – gerade bei Bach – nicht in den damaligen Kompositionslehren findet, etwa bei Mattheson oder noch viel früher. Irrtum, endlich bin ich fündig geworden (J.Burmeister 1606, J.G.Walther 1732). Mein herrliches Lexikon MGG, Musik in Geschichte und Gegenwart (Bärenreiter 1998).

  MGG (neu) Sachteil Bd.8 Sp. 1286ff

Silke Leopold ist die Autorin des Artikels. Von ihr erfährt man auch etwas über die Handhabung im älteren Schrifttum: „Die begriffliche Festlegung solcher Sequenzbildungen erfolgt erst relativ spät als Epizeuxis (…), Auxesis (…), Climax bzw. Gradatio (…).“ „Um 1600 ist das Prinzip der Sequenz praktisch erschlossen und als Element der kompositorischen Gestaltung bis in die Gegenwart allgegenwärtig.

Zur Verwendung in der populären Musik siehe in diesem Blog HIER.

Ich folge weiterhin Charles Rosen, habe 2 Seiten übersprungen und beginne in seinem Text bei: „Haydn benutzt in dieser Exposition das Sechstonmotiv (b)“ – von dessen Sequenzierung oben schon die Rede war.

(Zu meiner rot hineingesetzten Korrektur werde ich mich später äußern.) Der Text geht auf der nächsten Seite bedeutungsvoll weiter, ich setze ab der letzten Zeile fort:

(…) es sind die gleichen, die dem unvoreingenommenen Hörer sofort be/deutsam vorkommen, wie etwa der ganz unerhörte, gedämpfte Akkord am Anfang dieses Quartetts. Der Ausdruck „unvoreingenommener Hörer“ ist vielleicht etwas irreführend, denn wir müssen uns nicht nur von den Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts freimachen, sondern uns auch die Vorurteile des 18. Jahrhunderts aneignen. Der anfängliche Ostinatoorgelpunkt, der seltsame, zarte Akkord und das kleine Sechstonmotiv liefern mit der Bedeutung, die sie im Tonalitätsdenken des 18. Jahrhunderts besitzen, Haydn alles, was er braucht. Seine Phantasie und Einsicht in ihren inhärenten dynamischen Impetus gestalten die Form, die scheinbar aus dem Material selbst herauswächst.

Erinnern Sie sich an das oben erwähnte Buch Schönbergs zu den „formbildenden Tendenzen der Harmonie“?

(Fortsetzung folgt)

Rückblende 100 Jahre

„Probat“ mit Kraftbetrieb in Belgard 

 Vor dem Geschäft Heerstraße Nr.3

 Aufdruck des Geschäftsbuches

Bernhard Reichow (1871-1922) und Margarete Reichow, geb. Paske (1871-1961), deren ältester Sohn Hans-Bernhard Reichow (1899 -1974) und die jüngste Tochter Ruth Reichow (1913 – 2005) . Nach dem Krieg verteilten sich die Nachkommen im Raum Hamburg, Hannover, Berlin, Bielefeld, Köln/Bonn, Mainz/Wiesbaden, Stuttgart.

Heute heißt die Stadt unserer Urgroßeltern Białogard und liegt in Polen. Siehe Wikipedia hier. Ich kann dort jederzeit virtuell spazierengehen, jeder kann es. Versuchen Sie es doch, die Heerstraße heißt jetzt: Staromieijska – nicht weit vom Marktplatz. HIER geht’s lang!

Leider habe ich bei Wikipedia auch folgendes erfahren:

Die rechtskonservative Prägung der Stadt wurde bei den Reichstagswahlen 1924 deutlich, als die Deutschnationale Volkspartei hier ihr drittbestes Ergebnis deutschlandweit erzielte. Im Jahr 1933 erhielten die Nationalsozialisten in Belgard 61,8 % der Stimmen.

Kleinigkeiten am Klavier

Stolpersteine im Bach glätten

Es sind nur ein paar Beispiele für das, was eigentlich beim Bach-Üben Zeit kostet; und man muss sie sich nehmen. Das Fingersatz-Austüfteln übergehe ich. Ich halte mich vorwiegend an die Fingersätze meiner alten Kroll-Ausgabe, in der ich allerdings immer Stellen korrigiere, wo Triller und Praller mit der Hauptnote beginnen, statt von oben; denn letzteres halte ich für verbindlich (außer beim durchstrichenen Praller: mit der unteren Note, siehe Bachs eigene Auflösungen in Friedemanns Notenbuch). Auf der letzten Seite der Fuge in Fis BWV 882 verweile ich bei Takt 64, wo das Thema im Bass beginnt:

In Bachs Handschrift (London), zweieinhalb Takte früher beginnend. Achtung: er notiert die rechte Hand im Sopranschlüssel (also eine Terz tiefer lesen!)

 Thema im Bass Takt 64, 2. Hälfte

Wenn ich dieses Thema von Anfang der Fuge an mit dem Vorhaltton fis „angetrillert“ habe, könnte ich mich hier bestätigt sehen: der Achtelgang dis – ais – dis – eis im Bass könnte elegant zum Trillerbeginn auf fis gehen, den Rest in Sechzehntel mit den beiden ausgeschriebenen Nachschlagtönen auflösend, die zum fis des nächsten Taktes führen. Wo liegt das Problem?

Ganz einfach: Bach hatte ja leider (?) die Inkonsequenz, das Thema (als Variante) im Takt 70 anders auszuschreiben: dabei hätte es so schön funktioniert, wenn er es mit cis begonnen hätte (nach den Tönen eis – dis – eis – gis). Es hätte anstandslos normal verlaufen können, wenn er nur nicht die beiden Achtel am Ende der Figur ausgeschrieben hätte. (Am Anfang der Fuge standen im Thema immer Sechzehntel!) Er wollte es hier also anders. Und schon einmal in Takt 20! Warum? – Hat es mit dem Triller der linken Hand zu tun? (Den gab es in Takt 20 nicht.)

Jedenfalls trillere ich in Sechzehnteln, nicht schneller, zumal das Gesamttempo flüssig sein soll. Was ist mit dem Schönheitsfehler?

Ich meine den Schritt in die Quinte eis/his auf der zweiten Takthälfte. Aber alles was man tun kann, ihn zu vermeiden, ist schlimmer. Im Tempo nimmt man das Ziel des Trillers ins Visier, nicht den Anfangsklang. Es gibt nur einen Triller, den ich in der Alten Musik immer furchtbar finde: den Fahrradklingel- oder Heuschrecken-Triller der Virtuosen.

Da ich kein Klaviervirtuose bin, sondern ein relativ begabter Handwerker, mache ich zunächst mal aus jedem Thema-Einsatz (incl.Triller) eine Fingerübung. Diese Punkte dürfen keine Anstrengung signalisieren, sondern einen „lockeren Wurf“.

Frühere Artikel – zumindest teilweise – über dieselbe Fuge hier und hier.

(Forstsetzung folgt)

Das Wort „Idealismus“ korrigieren

Ein altes Missverständnis

Ich rede nicht von dem Fehler, nur den Menschen einen Idealisten zu nennen, der nicht auf materiellen Gewinn schaut. Oder sagen wir so: wir erkennen sofort, wenn das Wort in diesem Sinne gebraucht wird und unterziehen uns nicht der Mühe, es alsbald „definitiv“ einzugrenzen; wir würden doch nur für Irritation sorgen. Man sieht den Tisch und nicht die Idee eines Tisches. Ich selbst fiel einmal aus allen Wolken, als ältere Mitschüler mir erklärten, in der Philosophie gebe es die Auffassung, dass die Realität, ja, diese Häuser dort und die Bäume im Hintergrund, in Wirklichkeit überhaupt nicht existieren. Niemand könne beweisen, dass die Welt da draußen nicht aus lauter Sinnestäuschungen besteht. „Hast du schon mal von Fata Morgana gehört?“ Ja, hatte ich, im Zusammenhang mit Kara ben Nemsi, Durch die Wüste. Alle nickten. Genau das! Aber ich kann doch zu dem Haus da hinlaufen und an der Tür klingeln, und die Bäume dahinter könnten morgen gefällt werden… „Geschenkt, geschenkt“, sagte der Wortführer. Eigentlich hatten wir vorwiegend anderes im Kopf. Es war die Zeit, als man im Lexikon nachschaute, ob mit dem verführerischen Wort „Aufklärung“ wirklich eine ganze Epoche benannt sei. Der Ältere schaltete auf Hochmut: Tja, das ist Philosophie. Kommt später, hat so noch keinen Zweck…

Das klingt nach Jugendbuch, aber ich habe es tatsächlich erlebt.

Dagegen steht nun ausgerechnet der große Kant: er weiß und bestätigt, dass wir nur mit unseren Sinnen, mit unserer Sinnlichkeit das wahrnehmen, was wir Realität nennen. Und Sinnlichkeit mag mehr sein als der bloße Reflex auf der Netzhaut, es gehören auf jeden Fall Empfindungen dazu. Zurück zu dem berühmten Tisch (es könnte auch ein Stuhl sein oder was Sie wollen):

Ich empfinde Farbe, Licht und Schatten. Ziehe ich alles, was zur Empfindung gehört, ab, so behalte ich: Ausdehnung und Gestalt oder das Räumliche. Dieser Raum ist anschaulich und doch nicht sinnlich, wie die Empfindungen (Empfindungen gehören zu einzelnen Sinnesorganen, der Raum nicht). Was ich hier als Tisch vor Augen habe, ist aber noch mehr als Sinnesempfindung und Raum. Es ist zunächst die Gegenständlichkeit überhaupt, dass der Tisch nur in einem Akt des Gegenüberstellens da ist, worin Empfindung und Raum für mich Moment des Gegenstandes werden. Ferner hat dieser Gegenstand z. B. den Charakter der Substanz (in der Kraft des Widerstands). Wir haben also dreierlei: das Material der Empfindung, die Anschauungsform des Raumes, die Kategorie der Substanz, und zwar nicht koordiniert, sondern als ein Ineinander, in dem das Spätere das Frühere umfasst. Mit solchen Erörterungen analysieren wir nicht den Tisch. Wir fragen vielmehr an ihm als Beispiel, was im realen Gegenstand überhaupt für die Erkenntnis liegt.

 Foto: Achim Ebenau (Commons Wiki)

Man kann sich niemals eine Vorstellung machen, dass kein Raum sei; wohl aber kann man sich alle Gegenstände daraus wegdenken. (…) Der Raum kann keine Eigenschaft der Dinge an sich sein, sondern nur der Dinge, sofern sie für das Subjekt da sind, d.h. sofern sie Erscheinungen sind. Abstrahierte man von allen subjektiven Bedingungen der Anschauung, so bliebe auch kein Raum.

(…)

Für die Zeit werden Erörterungen und Beweise von Kant übereinstimmend vorgebracht. Nur ein  Unterschied ist. Der Raum ist die Form der Anschauung aller äußeren Dinge, die Zeit die Form des inneren Sinns und damit aller Erscheinungen überhaupt. Dieser umfassenden Bedeutung der Zeit entspricht, dass sie selber nicht äußerlich anschaulich ist. Wir schauen die Zeit äußerlich an in räumlicher Gestalt, etwa in einer Linie, die wir ziehen.

Quelle der Zitate: Immanuel Kant (nach Karl Jaspers) Näheres am Ende des Beitrags

Die Zitate sind für mich bloße Erinnerungshilfen. Für Außenstehende vielleicht ohne Kommentar nicht voll aufschließbar. Aber ich gehe erstmal weiter, wieder an der Hand von Karl Jaspers, der erläutert, weshalb Kant nicht unbedingt „Idealist“ genannt werden kann, da er nämlich unzweideutig von der Realität der Außenwelt spricht. Und doch ist sie nicht in dem Sinne real, wie es Otto Normalverbraucher denkt. Ich markiere in seinem Text die Worte farbig, die mir besonders wichtig dünken:

Diese [oben angedeutete] Auffassung von Raum und Zeit als Anschauungsformen der Dinge für uns, nicht als Realitäten an sich, heißt Idealismus. Als solcher war der Gedanke vor Kant da. Durch diesen Gedanken wurde vor Kant die Welt als unwirklich gedacht oder doch die Frage nach der Realität der Außenwelt gestellt. Kant erklärt solche Frage für einen „Skandal der Philosophie“. Er sagt: die Welt ist Erscheinung, nicht Schein. Das heißt: Raum und Zeit haben Realität, objektive Gültigkeit für alles, was uns äußerlich als Gegenstand und innerlich als Erfahrung unserer Subjektivität vorkommen kann; sie haben Idealität, weil alles, was uns vorkommt, nicht Dinge an sich sind. Kant drückt seinen Gedanken daher kurz so aus: Raum und Zeit haben empirische Realität, aber transzendente Idealität. Dinge an sich können uns niemals vorkommen. [Seite 202]

Sinnesmaterial und Raum und Zeit waren das eine Moment unserer Erkenntnis, das andere das Denken. Gegen über allem früheren Philosophieren und seinem eigenem, noch 1770 mit diesem übereinstimmenden Standpunkt hat Kant die Einsicht gewonnen: Nicht nur Raum und Zeit, auch alle Formen unseres Denkens lassen uns die Dinge nur erkennen, wie sie uns erscheinen, nicht wie sie an sich sind. Warum?

Wie wir durch die subjektiven Anschauungsformen von Raum und Zeit erst eine geordnete Sinnlichkeit gewinnen, so haben wir durch die ursprünglichen Denkformen, die Kategorien, die erfahrbaren Dinge ihrer Form nach hervorgebracht. Wie wir alles, was für uns ist, gleichsam auffangen in Raum und Zeit, so auch in die Denkformen.

Was wir so auffangen, hat Realität als Erscheinung, aber ist nicht Wirklichkeit an sich.

Alles, was gedacht ist, ist als gedacht der Form nach auch von uns hervorgebracht. […]

Ich möchte zwei Stichworte rückwärts ausbauen, die in der Lektüre auch zurückliegen und mehrfach wieder aufgegriffen wurden: die geordnete Sinnlichkeit (die ungeordnete erscheint bei Jaspers oft unter dem Wort „das Gewühl„), und die Voraussetzung dieser ganzen Denkanstrengung: die Erfahrung der Subjekt-Objekt-Spaltung.

Um es nun kurzzufassen, mit eigenen Worten, die später durch Zitate ergänzt (korrigiert) werden könnten, – es geht darum, folgendes zu begreifen: 1 das Gewühl und 2 die Aufspaltung. Das erstere ist der ungeordnete Ansturm der Sinneseindrücke, das zweite ist deren „vollautomatische“ Filterung; sie bewirkt, das wir überhaupt etwas herausgreifen, wahrnehmen. Ein Etwas, ein „Gegenüber“, ein Gesicht, eine Landschaft, ein Stuhl im Raum. Ich stelle mir den Ansturm (als Hilfe) pointillistisch vor, Van Gogh Farben  auf einer Leinwand, und am Ende den Entschluss , ein Selbstporträt herauszulösen, einen Stuhl, eine Brücke. Natürlich ist das naiv, ja, bewusst naiv. Und dann stelle ich fest, dass das Ding, das sich in mir – dem Subjekt – gebildet hat und nach außen projiziert wurde, ein „Gegend-Stand“ geworden ist, ein Objekt. Dass ich alles so sehe, auch das was in mir ist, nämlich von mir in die Subjekt-Objekt-Spaltung gezwungen wird, und dass ich keinen Grund habe, es für wahr zu halten, für das eigentliche Ding, wie es ist, das „Ding an sich“. (Ganz oben ein Stuhl in Van Goghs Zimmer in Arles, unten sein gemalter Stuhl.)

Es ist die Situation, über die der Dichter Kleist angeblich in Verzweiflung geraten ist, seine „Kant-Krise“, wahrscheinlich ein Missverständnis (siehe hier). Denn genau das war die Situation vor Kant, während dieser alles auslotete, was möglicherweise geeignet sein konnte, darüber hinaus (dahinter) zu führen. Diese Sperre zu überschreiten, zu transzendieren.

Die nächste Stufe wären die „Kategorien“ , oder die Methoden zur Erhellung des Ursprungs im Ungegenständlichen. „Darum ist dieses Kantische Denken von solcher Schwierigkeit. Es verschafft keine gegenständliche Einsicht.“ (Jaspers)

Die alte dogmatische Metaphysik transzendierte denkend im Gegenständlichen zu einem übersinnlichen Gegenstand des Seins an sich oder Gottes. Kant transzendiert über das gegenständliche Denken gleichsam rückwärts zur Bedingung aller Gegenständlichkeit. An die Stelle der metaphysischen Erkenntnis einer anderen Welt tritt die Ursprungserkenntnis unseres Erkennens. Das erste Mal geht der [vermeintlich gangbare! JR] Weg in den Ursprung aller Dinge, das andere Mal in den Ursprung der Subjekt-Objekt-Spaltung der Erscheinung. Der Abschluss ist nicht ein gewusster Gegenstand (wie in der alten Metaphysik), sondern ein Grenzbewusstsein unseres wissenden Daseins. [a.a.O. Seite 221]

Trotzdem gilt, was wir schon von Kant gehört haben. Er sagt: die Welt ist Erscheinung, nicht Schein.

Und damit habe ich endlich die naseweisen älteren Mitschüler vor mehr als 60 Jahren hinter ihren jugendbedingten oder altersgemäßen Schranken erkannt. Mit meinen Zweifeln beschäftige ich mich immer noch. Das begann damals vorm Landschulheim in Langeoog. Fotos existieren noch. Schein-Fotos.

Quelle der Zitate:

Karl Jaspers: Plato Augustin Kant – Drei Gründer des Philosophierens – R.Piper & Co Verlag München 1957 (Erworben 6.XII.61)

Gibt es Glück?

Was Kant dazu sagt

Ich habe es nicht aus seinen Werken oder mit Google-Hilfe zusammengesucht, sondern aus einem Buch, an dessen Kant-Kapitel ich seit dem 6.XII.1961 regelmäßig gescheitert bin. Jetzt habe ich zweierlei gelernt: das Scheitern ist keine Niederlage. Und: es ist nicht unseriös, die Lust am Lesen durch das Überspringen unverstandener Seiten aufrecht zu erhalten. Letzteres ermutigt einen, es weiter vorn immer wieder neu zu versuchen. Von einer in diesem Sinn halbwegs glücklich erfolgten Ermutigung will ich eigentlich erzählen, stattdessen nutze ich die günstige Stunde, einen einprägsamen Text abzuschreiben. Und zwar nicht über den berühmten „Kategorischen Imperativ“, ein Wort, das uns ohne tieferen Grund das Fürchten lehrt – es ist einfach notwendig -, sondern eben über das Glück, das wir bei Kant nicht suchen, der angeblich so präzise lebte, dass externe Beobachter die Uhr nach seinem Spaziergang stellen konnten. Meine im Folgenden benutzte Quelle:

Karl Jaspers: Plato – Augustin – Kant Drei Gründer des Philosophierens. R.Piper & Co Verlag München 1957

Aber was ist Glück? Der Begriff scheint klar: Glückseligkeit ist „die Befriedigung aller unserer Neigungen“ der Mannigfaltigkeit, dem Grade, der Dauer nach. Sie ist „der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht“. Aber es zeigt sich, daß dieser Begriff eine Unmöglichkeit trifft, Glückseligkeit, „obgleich jeder Mensch zu ihr zu gelangen wünscht“, ist doch von der Art, daß niemand bestimmt und für sich selbst eindeutig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.“ Das hat folgende Gründe:

1.  Alle Elemente des Glücks müssen erfahren werden. Erfahrung muß einen jeden durch sein Gefühl der Lust und Unlust lehren, worin er sein Glück zu setzen habe. Diese Erfahrung ist verschieden bei den Menschen und beim gleichen Menschen zu verschiedenen Zeiten und sie ist unabschließbar. Zugleich aber gehört „zur Idee des Glücks ein absolutes Ganzes, ein Maximum des Wohlbefindens in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustand“. Der Widerstand zwischen Unabschließbarkeit der Erfahrung und Idee der Vollendung des Glücks ist in der Zeit unaufhebbar.

2.  Die Vorstellung eines Maximums des Glücks ist unmöglich. Denn die Summe des Glücks ist nicht zu schätzen, „weil nur gleichartige Empfindungen können in Summen gezogen werden, das Gefühl aber in dem sehr verwickelten Zustand des Lebens nach der Mannigfaltigkeit der Rührungen sehr verschieden ist“.

3.  Die Natur des Menschen kann nirgendwo „im Besitz und Genuß aufhören und befriedigt werden“. Denn die Neigungen wechseln, wachsen mit ihrer Begünstigung und „lassen immer ein noch größeres Leeres übrig, als man auszufüllen gedacht hat“.

4.  Das Glück ist nicht einfach Lust und Unlust, sondern diese werden erst in der Reflexion darauf zum Glück oder Unglück. Man ist glücklich oder elend nach Begriffen, die man sich von beiden macht. „Glück und Elend sind nicht empfunden, sondern auf bloßer Reflexion beruhende Zustände“. Der Mensch „entwirft die Idee eines Zustandes, und zwar auf so verschiedene Art durch seinen mit der Einbildungskraft und dem Sinn verwickelten Verstand, daß die Natur kein allgemein bestimmtes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff übereinzustimmen“.

Daher kann ein endliches Wesen, und sei es „das einschneidendste und zugleich allvermögendste“, sich „unmöglich einen bestimmten Begriff „von dem machen, was es hier eigentlich wolle“.

Das Ergebnis dieser Einsicht ist: die Glückseligkeit kann nicht Endzweck sein. Sie ist dies weder für unsere Erfahrung als faktischer Endzweck des Lebens in der Natur, noch kann sie für den Menschen als Vernunftwesen sein Endzweck sein. Vielmehr ist sie „die Materie aller seiner Zwecke auf Erden“. Wenn er aber diese Materie zu seinem ganzen Zwecke macht, so wird er „unfähig, seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammenzustimmen“.

Aus dieser Situation der Vergeblichkeit des Glückswillens, der nicht erfahren und nicht wissen kann, was er eigentlich will, ist seit der Antike immer wieder der Gedanke der Sinnlosigkeit entsprungen. Bei jedem erreichten Glück die Enttäuschung: weiter nichts? Wir werden von unserer Natur zum Narren gehalten. Ein grenzenloser Drang kann unter der Peitsche des Begehrens nur seinen eigenen Widersinn erfahren. Kants Denken leugnet nicht die hier zugrundeliegende Erfahrung. Aber bei ihm ist der Wille, es solle eine Welt sein, begründet in dem Gedanken, der das Glück nicht verneint, sondern an ein anderes bindet. Die unendlich mannigfaltige und schwankende Welt des Glücks, an sich selbst bodenlos und ohne Endzweck, ist das Medium einer Verwirklichung, die unter anderer Bedingung und Führung steht als unter der Absolutheit eines leibhaftigen Glücks, in welcher Gestalt es sich auch zeige. Glück und Unglück erhalten Prägung und damit Transparenz dadurch, daß sie aufgenommen sind in einer anderen Ordnung, wo sie Boden und Sinn gewinnen.

Diese Ordnung aber durchschauen wir nicht. Daher bleibt für uns in der Zeit die Spaltung: Wir ringen um das Glück der Verwirklichung, aber stellen den Glückswillen unter die Bedingung des kategorischen Imperativs. Das Glück wird von Kant nicht verworfen, nicht verachtet, nicht für gleichgültig gehalten, sondern als Erfüllung der Verwirklichung bejaht. Aber das Glück in dieser Welt gibt in keiner seiner schwankenden Gestalten das letzte Maß. Es ist unter die Bedingung des ethischen Imperativs gestellt.

Da aber zudem das Glück in der Welt ohne Zusammenhang mit der durch sittliches Handeln erworbenen Würdigkeit verteilt ist, es nicht nur Guten gut und Bösen schlecht geht, so ist für Kant die Folge nicht Glückshaß und nicht Verzweiflung, sondern der Zeiger auf das Übersinnliche. Das höchste Gut wäre als Einstimmigkeit und Angemessenheit von Glückseligkeit und sittlichem Wert zu denken. Dies geschieht im Postulat der Unsterblichkeit, die, selber unvorstellbar und unbestimmbar, in einer Chiffer der Vollendung spricht.

*    *    *    *

Soweit der Text von Jaspers über Kants Auffassung vom Glück, nachzulesen a.a.O. Seite 268 ff. Zur Ergänzung in aller Kürze zum „kategorischen Imperativ“:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Oder: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“ […] Der Sinn ist: Wenn du handelst, sei dir bewußt, daß die Welt nicht ist, wie sie ist, sondern daß du handelnd sie mit hervorbringst. Was eigentlich ist, erfährst du nicht durch Erkenntnis, sondern durch dein Tun.

Zitate a.a.O. Seite 263 und 264

Anmerkung JR: alles was oben farblich hervorgehoben ist – ob blau oder grün – , stammt wortwörtlich aus dem Jaspers-Buch bzw. von Kant. Ich persönlich steige im letzten grünen Absatz aus, – wenn es auf das Übersinnliche geht und die Unsterblichkeit als Postulat erscheint. (Ähnlich der Weg in „Der philosophische Glaube“ von K.Jaspers 1948. Es muss heute anders gehen als 1948 oder gar am Ende des 18. Jahrhunderts, und es muss eine Logik geben, die es anders zuendebringt.)

Ich würde mich auf das berufen, was sich mir als Formel aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ eingeprägt hat, etwa so: „Wenn das Leiden eines einzigen Kindes in der Welt in Kauf genommen werden muss, damit ich die Eintrittskarte fürs Paradies bekomme, d.h. auf ewig glücklich werden kann, dann gebe ich diese Eintrittskarte ein für allemal zurück!“

Deshalb verlasse ich jetzt die philosophische Ebene und empfehle einen Film, von dem ich fast noch nichts gesehen, aber einiges gelesen habe:

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Für ein europäisches Publikum, ein bildungsbürgerliches zumal, das den eigenen Nachwuchs gern zum Zentrum des eigenen Lebens erhebt, verlangt dieser Film einen radikalen Perspektivwechsel. In „Capernaum“ sind Kinder unter Umständen nur eine Ware.

Ab und zu blickt Labaki auf die Welt hinab, die sie beschreibt, aus großer Höhe, mit den Augen Gottes oder denen von Google, auf eine Betonwüste, ein geometrisches Muster von Straßenzügen und Häuserdächern. Und dann stürzt sie sich hinein in die labyrinthischen Straßenschluchten, durch die das Leben mit der Kraft und Gewalt eines Sturzbaches rast. Es ist nahezu unmöglich, nicht mitgerissen zu werden.

Quelle Der Spiegel Nr.3 / 12.1.2018 Seite121 (Lars-Olav Beier)

ZITAT Nadine Labaki im Gespräch, aus dem ttt-Beitrag gestern im ERSTEN, 13.01.2019 (abrufbar hier : darin auch noch andere, längere Szenen aus dem Film; verfügbar bis zum 24.2.):

Wir haben bei der Arbeit am Drehbuch mit vielen Kindern gesprochen, und ich habe immer dieselbe Frage gestellt: Bist du glücklich, auf der Welt zu sein? Und meistens war die Antwort: Nein, ich bin nicht glücklich, dass ich lebe. Ich weiß nicht, warum es mich gibt, warum ich bestraft werde, welchen Sinn das alles macht… Und genau diese Wut wollte ich umsetzen.

Musikalische Form HÖREN

Bachs Fis-dur-Praeludium BWV 882

Mir geht es im folgenden darum, was man als Hörer einer solchen Musik allein hörend erkennen sollte – und was die Interpretin tatsächlich auch zum Vorschein bringt. Abgesehen von dem bloßen Vergnügen beim Zuhören wird man sehr bald gewisse Ziel- und Wendepunkte wahrnehmen, und an diesen im Notentext rot gekennzeichneten Stellen ist auch ein leichtes Innehalten zu erkennen, jedenfalls: eine bewusste Betonung der Form-Station. Was beim ersten Anhören als ein kontinuierliches, wundersames Ton-„Geklingel“ erschien, löst sich auf in einen kaleidoskopischen Motiv-Austausch zwischen Oben und Unten, zuweilen ein „Stop and Go“, erst allmählich steigt auch die latente Harmonieprogression ins Bewusstsein, bis hin zu der vehementen Kadenz-Passage in den letzten drei Takten. Aber vorrangig bleibt immer der Affekt einer verhaltenen („edlen“) Freude.

 Für Leser ohne Notenkenntnis zum bloßen Hören:

Dasselbe Video extern aufgerufen: Hier.

Der Beginn der einzelnen Formteile jetzt anhand der Anfangszeiten (rot) im Video:

A I  Takt 1 0:33   II Takt 17 1:15 B III Takt 29 1:45 IV Takt 45 2:24 C V „Reprise“ Takt 57 2:54 VI Takt 68 3:23 (Ende: 6:25)

Es sollte zu erkennen sein, dass an all diesen Punkten etwas Neues beginnt, oder auch eine klare Variante, falls das Material schon bekannt ist. Das Neue kann im Erreichen einer neuen Tonart liegen und im Austausch der Figuren. Aber man muss es nicht unbedingt im Vortrag des Stückes hervorheben. So lässt Angela Hewitt den Punkt B III Takt 29 1:45 ohne Aufhebens vorübergehen, zumal die Sechzehntel der linken Hand gleichmütig fortfahren.

Die Diskussion der Fachleute geht darüber hinaus, – und muss nicht einmal für die Interpreten von Bedeutung sein, ja, in der Praxis kann man zwingend zu anderen Folgerungen gezwungen sein. Man erkennt das leicht an den folgenden Ausführungen des Musikforschers Alfred Dürr (Johann Sebastian Bach Das Wohltemperierte Klavier / Bärenreiter Kassel 1998), der sich auf das Buch von Christoph Bergner bezieht (Studien zur Form der Präludien des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach, Hänssler Neuhausen-Stuttgart, 1986):

Mir erscheint es ganz absurd, einen Gliederungspunkt an den Anfang des Taktes 42 (2:16) zu setzen, – und Angela Hewitt könnte für mein Gefühl sogar den melodisch unerhörten Takt 41 noch viel bedeutungsvoller spielen – , aber das Ziel ist nun einmal Takt 45 (2:24 ), nicht 42. Die Takte 42 bis 44 sind epilogisch, auch wenn sie den motivischen Anfang des Stückes aufgreifen. Takt 43f verweist zudem deutlich auf Takt 15f, und auch hier ist die Tonart-Station CIS-dur (Takt 45) deutlich vorweggenommen, wie später das Dis-moll. Deutlicher abschließend als in Takt 44 (mit Triller auf dem Leiteton) könnte eine Kadenz gar nicht sein!

Es lohnt sich, das endlose Band der Sechzehntel zu verfolgen, das von einer Hand in die andere läuft, und zugleich die Stellen zu beachten, in denen es sich in beiden Händen (Stimmen) nebeneinander findet, eine Verdichtung, die nur zweimal vorkommt, Takt 39 (41) und Takt 53 (55). Auch den einen Takt, der den punktierten Rhythmus in beiden Händen gleichzeitig zelebriert: Takt 3 und genau entsprechend innerhalb der Reprise Takt 59. Gerade an dieser letzten Stelle ist die Konzentration auf diesen Rhythmus, die Auflockerung, von zauberischer Wirkung, zumal wenige Sekunden vorher die Verdichtung der Sechzehntelketten stattgefunden hatte.

Zu erinnern ist, dass die rhythmische Signatur dieses Stückes ausgesprochen französisch ist, womit es hervorragend zum Gavotte-Typus der nachfolgenden Fuge passt. So sagt es auch Alfred Dürr (a.a.O. Seite 341) bezüglich der Rhythmen:

Ihre Heimat ist die „Französische Ouvertüre“, die stets besondere Festlichkeit signalisierte, weil während ihres Erklingens der König seine Loge in der Oper zu betreten pflegte.

Bach habe sie mehrfach verwendet, auch um einen Neuanfang zu markieren, wie in der Kantate „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 61, zu Beginn des neuen Kirchenjahres 1714/15. Oder zu Beginn der zweiten Hälfte der Goldberg-Variationen (Nr. 16) um 1741. So könnte es auch hier, in der Mitte des WTC II, gemeint sein. Ob es sich nun um den obersten weltlichen Hierarchen oder den des Weltalls handelt, muss musikalisch nicht differenziert werden.

Dass die Tonart Fis-dur Bach im Wohltemperierten Klavier zu solchen Werken vornehmen (BWV 882) oder entrückten (BWV 858) Charakters bewegt hat, kann auch darin liegen, dass die Tonart nur dank der Wohl-Temperierung des Klaviers möglich ist. Der Ton Fis (der Ton! die Tonart gab es gar nicht) hat nur in der alten, mitteltönig temperierten Stimmung einen „teuflischen“ Klang, in der ausgleichenden, gut temperierten Stimmung sind alle Tonarten „vor Gott“  gleich gemacht. Es sind auch genug Fälle bekannt, wo Bach die Frühfassung eines Stückes skrupellos (?) um einen Halbton versetzt hat, z.B. von G-moll nach Gis-moll, siehe BWV 887.

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Es ist erhellend, nach diesem ersten „Studiengang“ mit Klavier (weil es nunmal heute das universale Instrument ist) einen weiteren an der Hand des Großmeisters am Cembalo zu unternehmen. Und nicht sofort zusagen: das ist zu langsam und zu pedantisch, sondern sich zunächst einfach über den feinen, durchsichtigen Klang des kostbaren Instrumentes und diese neue, andere Seite des Praeludiums zu freuen.

Und jetzt auch mit der anschließenden Fuge (Formübersicht dazu siehe in den Noten des Artikels hier.) Merkwürdigerweise spielt Leonhardt die Fuge noch wenig französisch, die Ton-Aufnahme (anders als das Foto) stammt aus seiner frühen Zeit: WTC I 1969, WTC II 1972. Allerdings hatte er zu dieser Zeit schon Lully und Campra dirigiert (La Petite Bande), wobei der Einfluss des Konzertmeisters Sigiswald Kuijken bezüglich französischen Stils (von Streicherseite gesehen!) nicht zu unterschätzen ist.

Ich möchte am liebsten weiterschreiben – obwohl es weniger mit wahrer Musik zu tun zuhaben scheint – über das Üben dieser Fuge BWV 882; es ist viel langwieriger als man beim Blick auf die Noten oder beim bloßen Hören denkt. Der elegante Einbau der Triller ist ein Hauptproblem, und alles ist vor allem eine Fingersatzsache, die gut überlegt sein muss. Nebenbei: es ist Denkarbeit, wobei beide Wortteile mit Nachdruck bedacht sein sollten. Denken ist Arbeit, das Sortieren der Finger ist keine physische Übung, es kostet Energie im Kopf. Dies sei allen gesagt, die das Musik-Erzeugen als ein Spiel der freien Assoziation betrachten. Das sogenannte „Musizieren“ hat keine Ähnlichkeit mit vergnüglicher Muße, wie etwa Kreuzworträtsellösen oder Mühlespielen. Das Vergnügen tritt erst ganz am Ende ein, – wenn alles läuft…