Kategorie-Archiv: Psychologie

Reichelsheimer Märchen

Preisverleihung Samstag 26. Oktober 2016

Laudatio

zur Verleihung des „Wildweibchenpreises“ an Frau Prof. Dr. Rosemarie Tüpker am 26. Oktober 2019 in Reichelsheim (Odenwald)

von Jan Reichow

Wildweibchenpreis – ich glaube, das ist hier ein Begriff, schließlich wurde der Preis 24 Jahre hintereinander immer wieder verliehen, wobei einstweilen noch die Zahl der männlichen Preisträger überwiegt. Aber ich glaube, wenn die heute Geehrte, Frau Prof. Dr. Rosemarie Tüpker, im Münsterland davon erzählt hat, wird es ihr nicht anders ergangen sein als mir im Bergischen Land, – mit dem Wort „Wildweibchen“ zaubert man ein süffisantes Lächeln in die Gesichter. Da ist es wichtig, die Geschichte von der Felsformation bei Laudenau erzählen zu können, und dass diese an zwei Weiblein erinnert, die dort in einer Höhle gelebt haben sollen. Wahrscheinlich als gute Hexen, die von den Bauern Lebensmittel erhielten, wofür sie sich mit nützlichen Kräutern revanchierten. Und einen guten Spruch hatten sie drauf, der wörtlich überliefert ist, ein Rätselspruch, wie der der Sphinx: „Wenn die Bauern wüssten, zu was die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben gut sind, dann könnten sie mit silbernen Karsten hacken.“ Also: mit kostbarsten Arbeitsgeräten. Das heißt: sie wären reich geworden. Offenbar hatten sie aber keine Ahnung von den pharmazeutischen Wirkungen der „weißen Haiden“ (Haide mit ai!) und der „weißen Selben“, denn ihre Arbeitsgeräte wurden nie versilbert; und erst in neuerer Zeit motorisiert. Und ich habe gerade erst gelernt, dass mit den weißen Selben wohl der Salbei gemeint war, während ich das Geheimnis der weißen Haiden auch mit Internet-Hilfe nicht habe lösen können. Ich wünschte, es hätte etwas mit Musik zu tun gehabt, man hätte die Rätselgeschichte ja mit der Loreley oder den Sirenen des Odysseus verbinden können. Diese schöne Landschaft hat ja längst einen Anfang gemacht, indem sie den Vers hervorbrachte: „In Laudenau da ist der Himmel blau, da tanzt der Ziegenbock mit seiner Frau …“, das schreit doch nach Musik, und was den Text angeht, könnte die Märchensammlerin Rosemarie Tüpker dem Odenwälder Volksvermögen mit einigen Motiven aus ihrem Fundus noch ordentlich auf die Sprünge helfen. –

Meine Damen und Herren, dies sollte eine Laudatio sein, aber ich muss gestehen, dass ich Frau Tüpker gar nicht persönlich kannte, auch nicht der Generation ihrer Lehrer angehöre und noch weniger der ihrer Schüler. Ich kann also nicht sozusagen aus dem Hörsaal in Münster berichten oder vom gemeinsamen Studium in Köln, denn als sie dort nach ihrem Abitur begann, hatte ich mein drittes Studium abgeschlossen und war beim WDR Köln gelandet. Trotzdem kann ich nicht umhin, mich ein bisschen einzubeziehen, und das ist vielleicht schon ein therapeutischer Effekt.

Ich bin tatsächlich erst durch das wunderbare Buch „Musik im Märchen“ im Jahre 2011 aktiviert worden, da stand Frau Tüpker längst im Zenith ihrer Laufbahn als Wissenschaftlerin und Therapeutin. Und ich war nach 30 Jahren Rundfunkarbeit pensioniert, las viel und machte Musik, auch noch Musiksendungen, sobald ich auf interessante Themen stieß. Was mich begeisterte, als ich dieses Buch in die Finger bekam, war die merkwürdige Mischung aus Ästhetik und Tiefenpsychologie; das kannte ich nur von Sigmund Freud, bezogen auf den Moses von Michelangelo, dort aber ohne Verbindung zur Musik. Rosemarie Tüpker war die erste, die Musik so radikal einbezog in ihre therapeutische und wissenschaftliche Lebensplanung. Dies ist also eine Rede über das, was ich ihr verdanke.

Mich beeindruckte da – neben dem ernsthaften Deutungsansatz – vor allem der neue Ton, den sie in den Roma-Märchen herausarbeitete: in den frühen Sammlungen hieß das natürlich noch Zigeunermärchen, und eins der schönsten steht ziemlich am Anfang und geht mich besonders an: das Märchen von der Erschaffung der Geige. Was hätte das für mich bedeutet, als ich mit sechs oder sieben Jahren eine Viertelgeige bekam, die ich liebte, weil sie so glänzte; ich wollte sie mit keinem Tanzgeiger in Verbindung bringen, „der Jude im Dorn“ – das war eins, das ich kannte, aber ein Märchen zum Fürchten. Das Wort „antisemitisch“ gab es noch nicht oder es wurde umgangen. Später bekam ich eine ganze Geige, die ziemlich geschwärzt war, damit sie älter aussah; meine Eltern hatten sie, wie es hieß, bei einem Zigeuner gekauft, der auch selber fabelhaft drauf spielen konnte. Und das beflügelte mich. Kaum auszudenken, was aus mir geworden wäre, wenn ich da schon das Märchen gekannt hätte, das ich bei Rosemarie Tüpker gelesen habe: Von einem Jüngling, der so vermessen war, nach der Königstochter zu verlangen und deshalb in den Kerker geworfen wurde. Aber dann heißt es:

Kaum daß sie die Tür zugesperrt hatten, da wurde es hell und die Feenkönigin Matuya erschien, die den Armen in Bedrängnis hilfreich zur Seite steht. Sie sprach zum Jüngling: „Sei nicht traurig! Du sollst auch die Königstochter heiraten! Hier hast du eine kleine Kiste und ein Stäbchen! Reiß mir die Haare von meinem Kopf und spanne sie über die Kiste und das Stäbchen!“ Der Jüngling tat also, wie ihm die Matuya gesagt hatte.

Als er fertig war, sprach sie: „ Streich mit dem Stäbchen über die Haare der Kiste!“ Der Jüngling tat es. Hierauf sprach die Matuya: „Diese Kiste soll eine Geige werden und die Menschen froh oder traurig machen, je nachdem, wie du es willst.“ Hierauf nahm sie die Kiste und lachte hinein, dann begann sie zu weinen und ließ ihre Tränen in die Kiste fallen. Sie sprach nun zum Jüngling: „Streich nun über die Haare der Kiste!“

Der Jüngling tat es, und da strömten aus der Kiste Lieder, die das Herz bald traurig, bald fröhlich stimmten. Als die Matuya verschwand, rief der Jüngling den Knechten zu und ließ sich zum König führen. Er sprach zu ihm: „Nun also höre und sieh, was ich gemacht habe!“ Hierauf begann er zu spielen, und der König war außer sich vor Freude. Er gab dem Jüngling seine schöne Tochter zur Frau, und nun lebten sie alle in Glück und Freude. So kam die Geige auf die Welt.

Meine Damen und Herren, in diesem Sinne darf es ablaufen, wie wir’s in Märchen gerne hören, Königstochter inclusive; anders als im wirklichen Leben. Auch anders als im Leben der Sinti und Roma, aber wenn es in deren Märchen dann noch einmal ganz anders zugeht, sind wir befremdet, und Rosemarie Tüpker ist in ihrem Element. Mir fällt dabei ein, dass meine erste kleine Geige durchaus nicht der Freudenbringer war, sie glänzte zwar schön, aber was tat ich? Ich schaute durch die f-Löcher ins Innere und war erschüttert: alles hohl, nichts von dem, was ich z.B. gesehen hatte, wenn ich von hinten ins Innere eines Radios schaute, dies imponierende Gewimmel von Drähten, Spulen und Röhren, nichts davon, nur der Hohlraum. Als ich nun in Rosemarie Tüpkers großem Buch über Musik im Märchen zu einem ausgewachsenen Zigeunermärchen kam, da schlug das allem ins Gesicht, was ich von einem Märchen erwartete: es handelt zwar auch von einer Prinzessin und von einem Rom-Jungen, der nicht nur schmutzig genannt wird, sondern „rotzig“. Allerdings spielte er ausgezeichnet Geige und hatte die Gabe, dass er einen Menschen nur anschauen musste um zu wissen, welches sein Lieblingslied sei. Er gewinnt die Prinzessin, die bekommt bald ein Kind, und dieses hat nichts anderes im Sinn, als erstmal seinen eigenen Vater zu erschlagen, und das Märchen hat mehr unerwartete Wendungen, als ich sie mir einst im Innern meiner Geige erhofft hatte. Ich muss Ihnen daraus etwas vorlesen, damit Sie mein Befremden verstehen. Der Junge will mehr Kraft als sein Vater haben und geht deshalb auf die Suche nach zwei Schwestern, das sind Hexen, – wir treffen tatsächlich auch hier auf die ominösen Wildweibchen -, eine von den beiden hat sogar einen Sohn, der von Beruf Apotheker ist. Das kann zweifellos nützlich sein, wenn man seinen Vater loswerden will. Ich lese also einen winzigen Ausschnitt aus dem 7 Seiten langen Text:

Und der Kleine ging zu der zweiten Schwester. Aber da verwandelte sich die erste Hexe in ein Mädchen und lief ihm nach. In ein sagen wir – sechzehnjähriges , zwanzigjähriges Mädchen, sehr schön, nur im Bikini, in einem ganz kleinen Badeanzügchen, und sie tanzte um ihn herum: „Janku, Janku, dreh dich um, bin ich schön?“

Lass mich in Ruhe. Ich bin ein neugeborenes Kindchen.“

Schau mich an, wie schön ich bin, wie nackt ich bin! Mach keine Ausreden. Komm zu mir!“

Aber er ging weiter. Er war doch noch zu jung für solche Sachen. Das nächste Mal sprang sie zu ihm und wiederholte ihre Worte, aber er gab ihr eine solche Ohrfeige, dass sie zu Wagenschmiere wurde.

Der Kleine wusste genau, dass das die Hexe war. Er lief schnell zurück in ihre Hütte. Dort sah er einen Säbel, der von selbst tanzte und herumsprang und wie der Vollmond glitzerte. Er nahm den Säbel: „Jetzt kann ich die ganze Welt umbringen“. Da holte ihn schon sein Vater ein [und] versetzte ihm so einen Fußtritt in den Arsch, dass er bis nach Hause flog, direkt der Mutter in die Arme.

Viele irritierende Momente, von Anfang bis Ende, kein Fall für die Brüder Grimm, hier gab es keine ordnende Hand, und das macht diese Märchen so verwirrend und so zeitnah, ja: modern. Auch hier wird am Ende vielleicht alles gut, aber für eine stubenreine, pädagogisch einwandfreie Begriffswelt nicht befriedigend. Und Rosemarie Tüpker kennt diese Wirkung, sie schreibt:

Die anfänglich eindeutige emotionale Zuordnung gerät bei der intensivierten Beschäftigung immer wieder ins Wanken, kippt in ihr Gegenteil. Dies wird als eine ziemliche Zumutung erlebt, insbesondere weil man dies von einem Märchen nicht erwartet. (Seite 120)

Sie kennt das also, sie durchschaut es! Und arbeitet gerade dieses Umkippen heraus, diese Ambivalenzen, sieht aber obendrein noch die Gefahr, dass in der psychoanalytischen Behandlung der Märchen „die emotionale Heftigkeit verloren zu gehen“ scheint, die in diesen Märchen steckt. Um so wichtiger ist ihr, dass der in der studentischen Gruppenarbeit festgestellte Widerstand selbst thematisiert wird. Zum Beispiel, wenn jemand sagt, man bekomme eine richtige Wut auf den Text, [habe] keine Lust, sich weiter damit zu beschäftigen. Und die Abneigung richte sich gegen die Grausamkeit und die grobe Sexualität, manches sei einfach widerlich, eklig, pervers, empörend oder einfach lächerlich. Und am Ende erwähnt die Professorin, dass in einer – an sich doch interessierten – Studentengruppe, in der das Märchen vorgelesen worden war, niemand die angebotene Kopie des Textes haben wollte, was sehr ungewöhnlich sei.

Meine Damen und Herren, ich kann hier nicht in aller Kürze zusammenfassen, wie die Strukturen und der Sinn des Märchens analysiert werden, und wie wir eingetaucht werden „in die Ebene des Primärprozesshaften, in dem es noch kein (erlösendes) Nacheinander, kein Maß und keine ausreichenden Regulierungen gibt.“ (Seite 122f) Und ich darf hinzufügen: noch keine Pädagogik des empathischen Verstehens, bei der sich letztlich alles in Wohlgefallen auflösen muss.

Und es ist genau das, was mich an dieser neuen Märchenkunde begeistert hat. Zu erleben, (ZITAT) „welch archaischen Bildwelten wir im Bereich der Märchen begegnen, wenn wir den Kreis dessen verlassen, was wir durch die bearbeiteten Fassungen der Brüder Grimm oder Bechstein gewohnt sind.“ (Seite 241)

Denken wir etwa an den Grimmschen Froschkönig, an die „alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat“, mit einem tiefen Wald, darin der König und die drei Töchter, die alle schön sind, „und die jüngste war so schön, dass sogar die Sonne, die doch schon so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien.“

Das klingt verlockend genug, aber wenn wir mutig sind, lassen wir uns auch auf die etwas anderen Märchen ein, die Frau Tüpker präsentiert, zum Beispiel auf das von ihr interpretierte griechische Märchen: mir liegt es am Herzen, weil die Geige darin eine Schlüsselrolle spielt, – oder spielen könnte -, aber der böse Verlauf deutet sich schon in den ersten Zeilen an:

Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten drei Söhne, und nachdem diese bereits herangewachsen, gebar die Königin auch ein Mädchen; das war aber nicht wie andere Kinder, sondern verwandelte sich jeden Abend in eine bösartige Hexe, ging dann in den Marstall des Königs und erdrosselte dort ein Pferd, und am andern Morgen fand man es tot in seinem Stall liegen. Usw. usw., es tut mir leid, dass ich ans Ende springen muss, ohne bei der Stelle zu verweilen, wo der Bruder alias „Prinz“ die lebensgefährliche Schwester nach langer Suche in einem Gemach findet, wo sie dasitzt und – Geige spielt. Und sie hat offenbar viel Zeit dafür, denn sie hat alles Lebendige, was existierte, aufgefressen; abgesehen wohl von wenigen Pferden und einer Maus, die übrigens auch Geige spielen kann. Und nun soll der ebenfalls geigerisch begabte Jüngling dran glauben. Aber es endet folgendermaßen:

Am andern Morgen wartete er so lange, bis sie ihre Mahlzeit gehalten und dabei, wie sie gewohnt war, ein ganzes Pferd aufgefressen hatte, und [er] trat dann vor sie. Kaum erblickte sie ihn aber, so stürzte sie sich wütend auf ihn und sie rangen lange miteinander, bis er sie endlich erschlug, – man glaubt es kaum, das Märchen ist gleich zuende, da folgen nur noch die Worte: und der Prinz lebte von nun an allein.

Für mich ist das keine Enttäuschung: denn da er auch Geige spielen kann, wird er sich ja niemals langweilen, wenn er z.B. die Bach-Partiten zur Hand hat. Rosemarie Tüpker hat im Vergleich mit anderen Märchen ausgemacht, dass die Musik, wo auch immer sie auftaucht, jeweils einen eigenen seelischen Raum aufschließt, und ich bestätige das eben privat für J.S.Bach, viele Irish Fiddle Tunes, oder auch die Weisen auf der Schlüsselfiedel, die wir hier gehört haben – einen seelischen Raum, der sich deutlich von den existenziellen Lebensnotwendigkeiten abhebt (Seite 243), ohne dass dies expressis verbis herausgestellt werden muss. So auch in einem englischen Märchen, wo die Schalmei eines Hirtenknaben eine zauberische Funktion innehatte – sie klang wie das Lied eines Vögleins im fernen Walde –, diese Musik erzeugt Gefühle und steigert sie, und nebenbei vermag sie alte Kleiderlumpen in kostbare Gewänder zu verwandeln. Daraus folgt aber durchaus nicht, dass der dienstbare Hirte einen Anspruch auf das Mädchen erhebt, Musik ist nur der Katalysator, und als der Prinz schließlich das niedere Mägdlein unter Trompetenklängen zur Gemahlin nahm – da konnte sich der Hirte am Ende buchstäblich in Wohlgefallen auflösen. Er tut es, und da heißt es nur: er war verschwunden, und niemand weiß, was aus ihm geworden ist. (Seite 245)

Im Fall des Zigeunermärchens vorhin gab es ebenfalls ein (für uns!) ungewöhnliches Ende: Nicht etwa im Glanz des Königshofes wie hier, sondern in einer Roma-Hütte aus Lehm und Holz, genau dort lebten sie glücklich bis heute. Und er spielte immer in der Weinstube. (Seite 106) – – – Aus der Sicht meiner vorlesenden Oma gewiss ein Wermuthstropfen am Ende der Geschichte. Sie hätte ihn sicher lieber als Clou der Geschichte im bürgerlichen Wohnzimmer gesehen.

Ebenso die Quintessenz aus all den vorhin angedeuteten seltsamen Begebenheiten vom Kampf des Sohnes gegen den Vater, sie würde lauten:

dass die Macht der Musik die Zerstörungswut des Heldentums besiegt, die ewige Dichotomie [Spaltung] von Bindendem und Trennendem, Struktur und Auflösung, Tod und Wiedergeburt.“ Was nicht heißt, so Rosemarie Tüpker, dass die Ebene der einfachen Geschichte aufgehoben wäre, für unwirksam oder ungültig erklärt würde. „Vielmehr können wir davon ausgehen, dass die heftigen oder schwer auszuhaltenden Affekte, die sich bei dieser intensiveren Auseinandersetzung einstellen, in der Geschichte aufgehoben sind. Das ist die Kunst der Erzählung: Schwierige Themen so einzubinden, dass wir die Auseinandersetzung mit ihnen nicht allzu sehr scheuen.

Ein wunderbares Fazit.

Meine Damen und Herren, es wäre des Erzählens und des Lobens kein Ende. Aber eine echte Laudatio hat auch mit dem Lebenslauf, nein, mit dem Geduldsfaden eines Lebenswerkes zu tun. Ich frage einfach: wie kommt man zu diesem Lebensthema? – und das hätte sich die heute Geehrte sicher damals als Abiturientin ebenfalls gefragt. Denn sie hatte nichts anderes im Sinn als den ganzen Tag Musik zu machen, sie begann also an der Kölner Musikhochschule Klavier und Schlagzeug zu studieren. Zugleich schien ihr nichts faszinierender, als die Geheimnisse der musikalischen Sprache und ihrer Wirkungszusammenhänge zu ergründen, wobei in Köln eine lebendige Szene der Neuen Musik vielfältige Anregungen bot. Zugleich entdeckte die Musikstudentin im benachbarten Bonn eine Psychologie, die zu den spannenden Fragen des Seelischen und der Kreativität führten. Auf diesem Weg hoffte sie ihre verschiedenen Interessen zu einer Synthese zu bringen, und sie erlebte tatsächlich einen entsprechenden Glücksfall im Psychologischen Institut von Wilhelm Salber, wiederum in Köln: nämlich „eine Psychologie, die etwas von Kunst verstand“. Obendrein die Verbindung zur System[at]ischen Musikwissenschaft in Gestalt von Prof. Jobst Peter Fricke, der für musiktherapeutische Interessen ein offenes Ohr hatte. Ein zweijähriger Mentorenkurs für Musiktherapie in Herdecke wurde möglich und all dies führte 1987 zum Abschluss einer Dissertation über die morphologische Grundlegung der Musiktherapie, eine Form der Musiktherapie, die mithilfe einer tiefenpsychologischen und kunstanalogen Sichtweise auf seelische Prozesse einwirkt. In den folgenden Jahrzehnten erweiterte Rosemarie Tüpker diese Arbeit, sie wurde an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufen, seit 2005 war sie als Professorin tätig in Forschung und Lehre, darüberhinaus in der klinischen Musiktherapie. 2011 erschien ihr grundlegendes Buch über Musik im Märchen, das auch weit über die verschiedenen Fachbereiche hinaus Beachtung fand. So hat es auch mich elektrisiert und so kam ich zu einer Präsentation beim Klassiksender SWR2 (Musik aktuell). Ich erinnerte mich bei dieser Arbeit, dass zu meiner Studienzeit in der pädagogischen Literatur plötzlich Titel auftauchten wie dieser: „Böses kommt aus Kinderbüchern“, das ging vorrangig gegen den Struwwelpeter, aber damals sollte ja gerade die ganze Pädagogik neu erfunden werden. Einige Jahre später kam eine Rückwendung mit Bruno Bettelheims Entdeckung „Kinder brauchen Märchen“, und das war wie eine Erlösung. Da hatte Rosemarie Tüpker längst begonnen, das weite Feld zu erkunden, das in uns allen verborgen ist und von den Märchen aller Völker mit Leben erfüllt wird. Es geht uns an, ob wir uns nun erwachsen fühlen oder Kind geblieben sind: ein phantastisches Feld der morphologischen Verwandlungen, derselben narrativen Wendungen, die wir in anderer Gestalt aus der Musik kennen, mit ihr einüben.

Es ist eine fabelhafte Idee, solch eine nicht nur kindgemäße, sondern weit darüber hinaus menschenfreundliche Art der Forschung mit dem Wildweibchenpreis auszuzeichnen.

Ich gratuliere Frau Prof. Dr. Rosemarie Tüpker zu diesem Preis – und Ihnen hier in Reichelsheim zur Wahl gerade dieser Preisträgerin.

Alle Seitenangaben beziehen sich auf das Buch von Rosemarie Tüpker „Musik im Märchen“ zeitpunkt musik Reichert Verlag Wiesbaden 2011

 

Von antiken Facebook-Menschen

Nachrichten aus Platos „Staat“

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass mich ein Zeitungsbericht über die Wirkung des Internets einmal dazu bringen würde, Platons „Staat“ hervorzuholen, in dem ich Ende der 50er Jahre gestrandet bin. Es war mit schlicht zu langweilig. Dabei trägt der vorangehende Dialog „Phaidon“ allerhand Gebrauchsspuren. Ich kannte ihn, wie andere Dialoge, auch aus anderen Ausgaben seit Dezember 1955. (Ich bitte um Nachsicht: mir liegen diese autobiographischen Abrundungen am Herzen.)

Dies war der aktuelle Auslöser – Justus Bender in FAZ online (5.10.2019) -, ich zitiere mitten aus dem Text:

Das Internet birgt eine besondere Ironie. Es ist die größte informationstechnische Revolution in der Geschichte der Menschheit. Ausgerechnet auf Demokratien hat es aber einen rückschrittlichen Einfluss, mit dem Mob, der destruktiven Debatte und dem Trommelfeuer von Falschnachrichten. Es hat die mäßigend wirkende Parteiendemokratie, den Pluralismus und die auf Versachlichung angelegten Parlamente geschwächt.

Das Ende der Vormundschaft

In der Antike galt der Mob als unlösbares Grundproblem der Demokratie. Platon lehnte die Demokratie ab, weil er sie für den sicheren Weg in die Tyrannei hielt. Grob folgt er in „Der Staat“ der These, dass Menschen in Demokratien eine Sucht nach Freiheiten entwickeln, die ihnen auch gewährt werden. Sie beginnen, ihren Selbstwert zu empfinden und Autoritäten zu hinterfragen, die Eltern, die Lehrer, die Regierung. Alle Bürger werden mit der Zeit gleich, der Sklave wie der Großgrundbesitzer, die Frau wie der Mann, ganz so, wie es in einer Demokratie sein soll.

Doch diese Haltung steigert sich immer mehr. Platon beschreibt antike Shitstorms, „gegenseitige Anklagen“ und „Kämpfe“. Er beschreibt Bürger, deren Seelen im Freiheitsrausch so „zart“ werden, dass sie keine Autoritäten mehr ertragen. So entstehen Vorwürfe gegen alle Bessergestellten, Teil eines Establishments zu sein. Die Bessergestellten wehren sich und machen so den Vorwurf wahr: Sie treten als ein Block auf. Schnell kommt ein Politiker empor, der den Menschen verspricht, sie von dieser Herrschaft der „Volksfeinde“ zu befreien.

Es ist der spätere Tyrann, der zu dieser Zeit noch von Freiheit redet. Die antiken Facebook-Menschen wählen ihn. Ist er aber erst einmal an der Macht, wird er seinen Kampf gegen die „Volksfeinde“ fortsetzen. Er wird die Opposition unterdrücken, weil sie dem wahren Volkswillen entgegensteht, den er verkörpert. Und dann werde „das Volk, beim Zeus, wohl sehen, was für ein Früchtchen es sich erst erzeugt und dann gehegt und gepflegt hat“, schreibt Platon.

Quelle Frankfurter Allgemeine online (aktualisiert 5. Oktober 2019, abgerufen hierDie Wiederkehr des Populismus : Im Namen des Volkes / Von Justus Bender

Diese Lesart war mir neu, der Sache musste ich nachgehen. Zunächst bot sich Wikipedia an – natürlich trotz des großen Negativartikels über das bewährte Online-Lexikon, letztens in der Süddeutschen (hier) -, die virulente Skepsis genügt:

Das Hauptmerkmal der demokratischen Gesinnung, der unbeschränkte Freiheitswille, wird den Demokraten letztlich zum Verhängnis, da sich die Freiheit zur Anarchie steigert. Der demokratische Bürger ist nicht gewillt, eine Autorität über sich anzuerkennen. Die Regierenden schmeicheln dem Volk. Niemand ist bereit sich unterzuordnen. Ausländer sind den Stadtbürgern gleichberechtigt, Kinder gehorchen nicht, sie respektieren weder Eltern noch Lehrer, und sogar Pferde und Esel schreiten frei und stolz einher und erwarten, dass man ihnen aus dem Weg geht.

Dieser Zustand der höchsten Freiheit schlägt schließlich in die härteste Knechtschaft um. Den Ausgangspunkt der Wende bildet der Gegensatz zwischen Armen und Reichen, der weiterhin besteht, aber nun nicht mehr wie in der Oligarchie von der herrschenden Doktrin legitimiert wird. Die Vermögensunterschiede stehen im Gegensatz zum demokratischen Gleichheitsdenken. Die Masse der relativ Armen ist sich ihrer Macht im demokratischen Staat bewusst. Gern folgt sie einem Agitator, der eine Umverteilung des Reichtums fordert, die Reichen einer oligarchischen Gesinnung beschuldigt und entschlossene Anhänger um sich schart. Dadurch sehen sich die Besitzenden bedroht, sie beginnen tatsächlich oligarchische Neigungen zu entwickeln und trachten dem Agitator nach dem Leben. Dieser lässt sich nun zu seinem Schutz vom Volk eine Leibwache bewilligen, womit er sich eine Machtbasis verschafft. Die Reichen fliehen oder werden umgebracht. Der Weg zur Alleinherrschaft des Agitators, der nun zum Tyrannen wird, ist frei.

In der Anfangsphase seiner Herrschaft tritt der neue Tyrann volksfreundlich auf. Er verhält sich milde, erlässt Schulden, verteilt konfisziertes Land und belohnt seine Anhänger. Nachdem er seine Herrschaft stabilisiert und einige Gegner beseitigt hat, ist sein nächster Schritt, einen Krieg zu beginnen. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit auf einen äußeren Feind, demonstriert seine Unentbehrlichkeit als Befehlshaber und verhindert, dass sich eine Opposition gegen ihn formiert. Mögliche Gegner räumt er aus dem Weg, indem er sie an die Front schickt. Jeder Tüchtige, ob Freund oder Feind, erscheint ihm als Gefahr, die beseitigt werden muss. Da sich in der Bürgerschaft zunehmend Hass auf den Tyrannen ansammelt, verstärkt er seine Leibgarde mit Söldnern und ehemaligen Sklaven, die ihm persönlich ergeben sind. Der Unterhalt dieser Truppe verursacht hohe Kosten. Zu deren Deckung werden zunächst die Tempel geplündert, dann Steuern erhoben. Das Volk ist aus der maßlosen Freiheit in die übelste und bitterste Sklaverei geraten.

Quelle (wie immer habe ich Anmerkungszahlen, Klickmarkierungen und eine Zwischenüberschrift eliminiert)  Artikel „Politeia“ HIER

Danach hatte ich Lust, den Bücherschrank hinter mir zu konsultieren, die Anmerkungen verwiesen mich auf die Kennziffer 565 ff in der Ausgabe „Rowohlts Klassiker“ (Schleiermacher-Übersetzung), hier das Ergebnis. Mithilfe der Maustaste lässt sich das schwer leserliche Textformat in einen angenehmen Bereich transportieren, so, als seien meine Augen, die doch so vieles gesehen, noch jung wie ohne Brille vor 60 Jahren.

Wie schön! Wie gemächlich der Gedankengang dahinschreitet, angesichts der laufenden Bestätigungen durch den Gesprächspartner. Eine andere Übersetzung findet man übrigens online hier , ebenfalls unter der blauen Kennziffer 565, die dann auch zum griechischen (und lateinischen) Originaltext durchzuklicken erlaubt.

Oder versuchen Sie doch einfach, den journalistischen Text mit Platos sinnlichem Verstand zu ergreifen:

Soziale Netzwerke werden ihr Angebot so gestalten, dass weder der Algorithmus noch die anderen Nutzer Trolle belohnen. Mit Nacktfotos funktioniert das schon, sie werden auf Facebook mit großem Aufwand blockiert. Die Trolle [über den Troll in der Netzkultur siehe hierwiederum, die Provokateure des Internets, werden ihre Wirkung verlieren. Man wird sich an sie gewöhnen, wie an den Verrückten in der Fußgängerzone, der ein Schild mit der Ankündigung des Weltuntergangs hochhält.

Auf der Straße beachtet ihn niemand. Im Internet hingegen bilden sich Trauben um solche Leute: Die Verrückten sind dort die Debattenführer, weil ihre Inhalte spektakulär sind. So wie der Irre sich im Gemeindesaal blamiert, wenn er Irres von sich gibt, so wird sich in einer unbestimmbaren Zukunft auch der Troll blamiert sehen, wenn er das im Internet tut. Die Sonderstellung des Netzes wird sich nicht halten. Es wird eine Gewöhnung geben. Gefährlich sind immer nur die Umbruchzeiten wie die zehner Jahre – auch die zwanziger Jahre werden es vorerst bleiben.

Quelle siehe oben FAZ, im Anschluss an den roten Text, abzurufen also als vollständiger Text  hier.

  Eine Geschichte für sich…

Zu den Ursachen des Hasses (aus der ZDF-Sendung Markus Lanz am 8. Oktober 2019 mit u.a. Natascha Kampusch – bis November noch abrufbar – HIER):

ZITAT (Abschrift JR)

ab 11:26 (Lanz: Ist das richtig, was Frau Milborn da schildert? Also Opfer müssen sich wie Opfer benehmen, sonst gefällt uns dieses Bild nicht…)

Der Jugendpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort antwortet: (…) Wenn solche unerhörten Grenzüberschreitungen stattfinden, so löst das immer Projektionen aus, und zwar in allen möglichen Richtungen. Das Unerhörte darf es eigentlich nicht geben, das kann es nicht geben, aber wir wissen dann am Ende doch , dass es in der Normalität verborgen ist. Die Normalität heißt: wir sind es alle selbst. Und das wollen wir nicht hören, und deswegen projizieren wir all diese ganze unangenehme Gefühle auf die Opfer, auf die Täter, das ist sehr unterschiedlich je nach Konstellation und bringen da drin unter, was wir eigentlich mit uns selber nicht verarbeiten können. Dass wir nämlich selber potentiell zu dieser Grenzüberschreitung in der Lage wären. (Und dann kommt so eine massive Ablehnung, dieser Hass, ist das für Sie plausibel?) Das ist für mich absolut plausibel (Warum?) das zeigt ja nur, dass offensichtlich bestimmte Menschen in der Gesellschaft – und das ist nicht nur eine kleine Minderheit – so ein Ventil braucht, um mit dem eigenen Druck umzugehen. Und man kann – wir nennen das einen projektiven Mechanismus, nur weil ich mir jetzt vorstelle: sie kucken mich jetzt besonders wütend an, und ich fange an, Sie zu beschimpfen, dann ist das eine Projektion. Ja, dann bringe ich in Ihnen was unter, was mit Ihnen in dem Moment gar nichts zu tun hat, ich bringe etwas unter, was eigentlich zu mir gehört. Nämlich meine eigene Aggression Ihnen gegenüber. So funktioniert so eine Mechanismus, der ist ubiquitär, das können wir alle, das machen wir auch alle in bestimmten Situationen, (das verstehe ich, aber warum mit einer jungen Frau wie ihr, mit jemand, der das durchlitten hat) Weil es eine so unerhörte Grenzüberschreitung ist, die nicht sein darf, die sich natürlich nicht gehört, die aber trotzdem stattfindet, und die Tatsache, dass sie trotzdem stattfindet, in der Normalität nicht nur der österreichischen Gesellschaft, das muss man eben dazusagen, dann darf das nicht sein. Und dann bring ich, weil ich das nicht aushalte, dass das nicht sein darf, weil das ja stattfindet, bringe ich es im Opfer unter. 13:27 (Lanz an C. Milborn: Wie haben Sie das erlebt, wann begann das, wann kippte das?)

Corinna Milborn: Ganz ganz schnell, nach einer Welle der Hilfsbereitschaft – das hat aber nur wenige Wochen gehalten, wenn nicht nur Tage, nach ein paar Wochen ist das ins Gegenteil gekippt. Und ich hab sehr viel darüber nachgedacht, was da in den Leuten ausgelöst wurde, es hat viel mit dem Internet zu tun, aber vielleicht sprechen wir ja noch drüber, weil das neue Buch ja auch davon handelt. Es hat auch damit zu tun, dass das vielleicht auch in den Menschen drinnensitzt. Wenn man sich so ein bisschen zurückerinnert, wie das vor 100 oder 150 Jahren war, dann hatten junge Frauen überhaupt keinen Platz an der Öffentlichkeit, das war nicht vorgesehen, dass sie sich hinstellen und über ihre Geschichte sprechen und zu sich selbst stehen, und schon gar nicht, wenn sie betroffen waren von sexueller Gewalt. Da gibt’s diesen Begriff, diesen hässlichen Begriff „Schändung“, wo die Schande am Opfer, nicht am Täter klebt, und wo Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt werden zu sowas wie Nutzgegenständen geworden sind im klassischen patriarchalischen Zusammenhang. Und ich glaub, dass das vielleicht noch tief sitzt. Und wenn man eine junge Frau sieht, die sich Raum nimmt, dann ist es an sich schon eine Provokation für viele, – das merkt man schon, wenn Frauen sich Raum nehmen und nicht nur dekorativ sind, sondern mehr als das, und wenns dann noch jemand ist, der sich nicht an die Opferrolle hält, dann löst das tatsächlich Aggression aus, so das Gesellschaftsgefüge, das ganz tief drinnen sitzt, ein bisschen ins Wanken bringt, und deshalb feiere ich Natascha Kampusch jeden Tag, weil sie es ins Wanken gebracht hat. 15:02

Vormerken die Bücher „Cyberneider. Diskriminierung im Internet“ (Dachbuch Verlag, Wien, 192 Seiten, 19,99 Euro) und das frühere im Brandstätter-Verlag hier.

Sehr wichtig ist auch – aus meiner Sicht – die ZDF Lanz Sendung gestern, mit den folgenden Gästen: Journalist Olaf Sundermeyer, Politiker Gerhart Baum, Autorin Deborah Feldman, Extremismus-Forscherin Julia Ebner und Schauspieler Christian Berkel, bis 9. November 2019 abrufbar HIER.

Männer!

Das typische Vorurteil.

Sage ich, wenn eine Frau diesen für Frauen typischen Klageruf ausstößt.

Und freue mich (gebe vor, mich zu freuen), wenn eine Frau etwas ganz anderes erzählt, zum Beispiel dieses:

Frauen sind nun mal so, von Natur aus. Sie sind warmherzig und lächeln viel, sie können gut mit Menschen umgehen und gut zuhören. Sie wiegen Risiken besser ab und machen deshalb weniger Dummheiten. Andererseits quatschen sie ein bisschen viel und einparken können sie auch nicht.

Haha! Frauen!! Sie sagen es selbst! Kathrin Werner jedenfalls. (Hat nebenbei ein Komma vergessen.) Und dann fährt sie fort:

Wer es nicht gemerkt hat: das war Ironie. Kaum jemand würde solch plakative Klischees heute noch ohne Widerspruch stehen lassen. Doch Klischees gibt es noch immer. Und manchmal werden Männer, die sie äußern, sogar dafür gefeiert.

Irritiert Sie das? Gewiss doch. Nur wissen Sie jetzt nicht, in welche Schublade Sie mich, den Zitierenden, stecken sollen? Dann sind Sie reif für den ganzen Artikel, den Sie (hoffentlich) leicht an anderer Stelle nachlesen können, nämlich hier. (https://www.sueddeutsche.de/karriere/frauen-karriere-klischees-1.4592127 )

Das hat zudem den Vorteil, dass Sie von einzelnen Behauptungen aus zu deren Grundlagen durchklicken können. Und ich habe weniger Arbeit. Männer überlassen die Kleinarbeit lieber anderen, bevorzugt Frauen, die sich in der dienenden Rolle recht wohl fühlen, wie jeder weiß.

Interessant ist, dass viele Menschen keine Probleme haben, typische Eigenschaften von Männern und Frauen zu definieren, das Gleiche aber politisch inkorrekt finden, wenn es um Hautfarbe oder Sexualität geht. „Schwarze Menschen sind nun mal so“, würde kaum jemand sagen. Genauso wenig wie: „Schwule Männer sind so und so…“ Das liegt daran, dass Menschen hinter den Unterschieden zwischen Frauen und Männern biologische Fakten vermuten – auch wenn es für sie meist keine Beweise gibt.

Aus Platz- und Copyright-Gründen gebe ich nur noch die Quelle an; allein die Irreführung zweiten Grades ganz am Anfang stammte von mir, die andere diente der Autorin selbst als Blickfang oder verbaler Eyecatcher.

Quelle Süddeutsche Zeitung 9. September 2019 Seite 15 Rollenklischees / So sind sie halt / Von Kathrin Werner.

Noch ein Zitat zur bleibenden Erinnerung:

Wer wahre Diversität will,

muss zulassen, dass Menschen

anders sind als die Klischees.

Schimpansen und ihr „Tanz“

Ehrfurcht oder Aufbegehren?

Ich bin jetzt auf den Originaltext über einen „Religionsansatz“ bei den Schimpansen gestoßen, den ich neulich erwähnte, nämlich hier. Dort habe ich hervorgehoben, was Susanne K. Langer über den symbolischen Gebrauch der Sprache beim Menschen gesagt hat. Auch Jane Goodall beginnt damit, wenn sie die Evolution rekapituliert, ohne allerdings den gravierenden Unterschied weiter begründen zu wollen. Sehr interessant:

Also sind vermutlich die Klugen am Leben geblieben und haben ihre Gene weitervererbt. Sie haben nach und nach immer feinere Werkzeuge entwickelt und sich die Natur immer mehr untertan gemacht. Irgendwann im weiteren Verlauf dann müssen unsere Ahnen eine Sprache entwickelt haben, ein echter Meilenstein auf dem Weg zur Einzigartigkeit des Menschen.

Die Sprache war es, die unsere Vorfahren erstmals in die Lage versetzte, anderen, auch Kindern, etwas über die Gegenstände und Ereignisse mitzuteilen, die nicht unmittelbar da waren oder gerade stattfanden. Das können andere intelligente Tiere nicht, soweit wir bisher wissen, auch wenn sie zum Teil über komplexe Gehirne und ausgeklügelte Informationssysteme verfügen. Schimpansen und andere Affen können viele Zeichen der amerikanischen Fingersprache ASL erlernen. Einige kennen inzwischen 300 Zeichen und mehr und können sie in neuen Zusammenhängen gebrauchen, sowohl untereinander als auch gegenüber ihrem Trainer. Aber sie haben im Laufe ihrer evolutionären Entwicklung nicht die einzigartige menschliche Fähigkeit erlangt, über etwas zu sprechen, das nicht gegenwärtig ist, einander Ereignisse aus ferner Vergangenheit zu erzählen, für eine ferne Zukunft vorauszuplanen oder, was das Wichtigste ist, sich über Ideen zu unterhalten und diese gemeinsam hin und her zu wenden, um von der gesammelten Weisheit aller zu profitieren. Die gesprochene Sprache hat unsere Vorfahren dazu befähigt, Gefühle der Ehrfurcht auszudrücken, die zu religiösen Überzeugungen und schließlich zu organisierter Gottesverehrung führten.

Ich glaube, auch die Schimpansen kennen so etwas wie Ehrfurcht. Im Kakombetal gibt es einen herrlichen Wasserfall. Das Wasser stürzt mit donnerndem Getöse vom etwa 25 Meter höher gelegenen Flußbett durch die grünliche Luft in die Tiefe. In zahllosen Äonen hat das Wasser eine senkrechte Rinne in den nackten Fels gehöhlt. Farne rascheln unablässig in dem Luftstrom, den das herabstürzenden Wasser erzeugt, und zu beiden Seiten hängen Schlingpflanzen herunter. Für mich besitzt dieser Ort etwas Magisches, Spirituelles. Und wenn die Schimpansen sich am Ufer des Flußbettes entlang nähern, verfallen sie manchmal in langsame, rhythmische Bewegungen. Sie heben große Steine und Äste auf und werfen sie hinab. Oder sie springen an die Schlingpflanzen und schwingen sich damit durch die gischterfüllte Luft weit über den Wasserstrom, bis man meint, die dünnen Ranken müßten sich aus ihren hohen Verankerungen lösen oder reißen.

Zehn Minuten und länger widmen sie sich bisweilen diesem herrlichen „Tanz“. Warum? Wäre es nicht möglich, daß Schimpansen so etwas wie ehrfürchtiges Staunen empfinden? Ein Gefühl, das durch das Geheimnisvolle des Wassers ausgelöst wird, des Wassers, das lebendig zu sein scheint, das immer vorbeirauscht und doch nie aufhört, immer gleich und doch immer anders. War es vielleicht ein ähnliches Gefühl ehrfürchtigen Staunens, das die ersten animistischen Religionen begründete, die Verehrung der Elemente und der Mysterien der Natur, die nicht zu beherrsc hen waren? Letztendlich konnten unsere Vorfahren erst, als sie eine Sprache entwickelt hatten, über solche tiefgreifende Gefühle miteinander reden und eine gemeinsame Religion schaffen.

Die Sprache dürfte es unseren Steinzeitahnen auch ermöglicht haben, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zu entwickeln. (…)

Quelle Jane Goodall / Phillip Berman: Grund zur Hoffnung / Autobiographie / Aus dem Englischen von Erika Ifang / Riemann Verlag / C. Bertelsmann Verlag München 1999/2006

P.S. Die Unterstellung eines „ehrfürchtigen Staunens“ bei den Menschenaffen klingt doch allzusehr nach menschlichem Wunschdenken; näher an der Instinktlage scheint mir der Zorn der Mächtigen zu liegen, der Zorn darüber, etwas noch Mächtigeres kampflos hinnehmen zu müssen; deshalb scheint es mir plausibler, ein Zitat aus dem oben schon verlinkten SZ-Artikel von Markus C. Schulte von Drach nachwirken zu lassen:

Vielleicht geht die Interpretation der Forscher zu weit. Allerdings haben Wissenschaftler bei Schimpansen schon früher Verhalten beschrieben, das zumindest ganz am Anfang der Entwicklung einer Form von Religiosität stehen könnte.

So haben de Waal und andere wiederholt eine Art „Regentanz“ beobachtet, bei dem Schimpansenmännchen mit Machtdemonstrationen auf Wolkenbrüche reagierten – gerade so, als würden sie versuchen, die Naturgewalten zu beeinflussen.

Ja, das befürchte ich auch und würde die Wolkenbruch-Aktion daher anders akzentuieren: Schon damals gab es Alphamännchen mit dem dringenden Bedürfnis, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten, mehr noch: nicht nur mächtig zu sein, sondern allmächtig!

Und das „Gefühl ehrfürchtigen Staunens“? Vielleicht wieder die typische Interpretation einer wohlmeinenden Frau? Und ich der überlegene männliche Skeptiker?

Zu meiner Entlastung füge ich hinzu, dass ich zur Zeit fast ausschließlich Bücher von Frauen lese, an erster Stelle Susanne K. Langer. Und der nächste Blogbeitrag wird sich auch irgendwie mit Frauen beschäftigen, was wiederum nicht mein Verdienst ist, sondern Verdienst der Autorin. Selbst die Berge ringsum erinnern mich (bitte, das ist eher privat) an Mutter Erde. Schlern, was für ein schlumpiger Name, sehr alt, aus einer maskulin geprägten Zeit, als man über geschlechtsspezifische Artikel noch nicht diskutierte! Nur links am Rande der realen Bergin (Sie verstehen: der Berg, die Bergin) sehe ich zwei sonderbare Appendices… immerhin 2, jawohl – mindestens.

Foto: E.Reichow

P.P.S. Zugegeben, „Schlern“ ist nicht weiblich. Die Etymologie sagt anderes, aber mich interessieren momentan sowieso nur noch die Geschichten von den Schlernhexen. Insbesondere die gutmütigste unter ihnen hat es mir angetan, sie heißt Martha und kann uns jederzeit als Eichhörnchen erscheinen. Weiteres und leider nicht nur Erfreuliches lesen Sie bitte unter dem Stichwort Schlernhexen hier. Vergessen wir nur nicht: das meiste davon haben ängstliche Männer erfunden.

Ich glaube, als nächstes werde ich einen Abwehrzauber entwickeln: den Geschichten über Hexen gründlicher nachgehen. Nicht weit von hier am Schloss Prösels steht ein Denkmal, das ihrer gedenkt. Aber auch die sogenannte Heilige Katharina bietet, wie ich las, allerhand Stoff der Empörung. Angefangen mit der süßen kleinen Kirche in Breien. Und ich selber fühle mich dabei keineswegs mächtig, sondern ganz, ganz klein, ja, denn auch die Kindheit kehrt zurück, Zwerg Laurin und der Rosengarten, der schwache Punkt der Heldensagen, mit denen ich aufgewachsen bin…

Muss man denn alles ans Licht zerren?

Foto JR

„Die Gemeinde Völs am Schlern gedenkt ihrer vor 500 Jahren als Hexen und Zauberer verurteilten und gerichteten Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ihr Feuertod auf dem Scheiterhaufen der Unwissenheit und Verblendung sei uns Nachgeborenen eine Mahnung und mache uns wachsam gegen Intoleranz und jede Form der Ausgrenzung.“

Paradies & Kindheit

Südseeträume

Fast möchte ich behaupten, dass alle meine Interessen auf frühe Kindheitseindrücke zurückgehen. Das soll heißen: zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr, danach begann schon der planmäßigere Ausbau, grob gesagt: von der Tierwelt plus Botanik zur Musik, in jeder Phase spielten Bücher eine zentrale Rolle, auch die großen Figuren der Weltentdeckung (Weltumsegler): James Cook und Fernando Magellan. Nicht zu vergessen: Nils Holgersson (Reise mit den Wildgänsen). Die Kleinheit im Verhältnis zum großen Ganzen schien mir erschreckend, aber auch mit Angstlust besetzt. Das ist mir erst jetzt aufgefallen: wie lange ich selbst der Kleinste war, die meisten waren älter als ich, und nur sie beunruhigten oder lockten mich. Oder es waren Mädchen, oder beides: Älter und Mädchen. Und Machtfragen spielten eine Rolle (mein Großvater), – ohne dass es mir klar war natürlich. Meinen Vater erlebte ich als fern (Krieg) oder trotz Nähe ferngerückt (seelische Distanz, frühe Krankheit und Tod).

Heute, im Zusammenhang mit dem Papua-Thema, kam das alles zurück, wobei nicht von Bedeutung ist, dass die Traumgebiete Papua-Neuguinea, Borneo, Bali u.ä. absolut nicht zum Gebiet Südsee gehören und mir auch laut Verstand nicht mehr verlockend erscheinen. Vergleiche das Paradiesthema hier, und auch die Überblicke bei Wikipedia hier und hier, im letzteren Link insbesondere den Abschnitt „Südseeparadies“.

Ich erinnere mich zwar auch an Eskimogeschichten – an das klein geratene, schwächliche Kind des Seehundjägers: es wurde krank und kränker, eines Tages war ihm so übel, dass es ein Bündel kleiner Knöchelchen erbrach, und siehe da: fortan wuchs es und wurde ein starker Knabe. Auch Märchen kommen mir in den Sinn, etwa „Hans der Tannendreher“. Oder Heldensagen, „Zwerg Laurin“, der leider bösartig war, später natürlich „Siegfried“, mein älterer Bruder durfte sich gern „Dietrich von Bern“ nennen. Wo spielte eigentlich „Dr. Dolittle“? Ich sehe, wie er vom Schiff aufs Wasser blickte und dem Kopf eines Schwimmenden ins Gewissen redete: Sieh einmal, Ben Ali. Das Buch der Bücher: Robinson Crusoe. In „Gullivers Reisen“ aber begeisterte mich als erstes Liliput, erst später die Umkehrung der Verhältnisse oder sogar das Reich der Pferde, deren Sprache mir ganz allmählich sympathisch wurde. (Seite 259 „Die Hauyhnhnms sprechen hauptsächlich durch die Nase und Kehle.“ Also ähnlich wie die alten Solinger, was ich damals noch nicht wissen konnte.)

 Reclam 1948

 Linde Verlag Berlin 1948

Ja, und eben dieser von allen missachtete Knabe Mafatu, aufgewachsen auf dem winzigen Südsee-Atoll Hikueru. Wie er, sich selbst besiegend, alle Gefahren bestand, allein mit seinem Hund und dem treuen Seevogel Kiwi. Am Schluss die große Rehabilitation, im Angesicht des Vaters, ich musste weinen. Natürlich nicht ohne Selbstmitleid, – aber schon öffnete sich mir als weiteres imaginäres Refugium der (halb)wissenschaftliche Anhang: die Geschichte muss also der Wahrheit entsprochen haben.

Noch viel wahrer, gewissermaßen ein Augenzeugenbericht, war für mich die Geschichte von Robinson Crusoe und seinem treuen Geschöpf Freitag…

P.S. Was für ein Zufall!

Zwei Tage nach Beendigung dieser kleinen Rückschau besorge ich mir wieder einmal die Süddeutsche und finde folgenden interessanten Artikel. Die Versuchung ist groß. Oder soll ich bis ans Ende meiner Tage bei Bedarf das Kinderbuch frequentieren? Vielleicht auch öfters – als Übersprunghandlung – bei OBI nach Anregungen fürs praktische Leben Ausschau halten?

Quelle Süddeutsche Zeitung 3. Juni 2019 Seite 12 Aufklärung als Do-it-yourself Zum 300. Geburtstag neu übersetzt: Daniel Defoes „Robinso Crusoe“ / Von Jutta Person hier

Daniel Defoe: Robinson Crusoe. Roman. Aus dem Englischen von Rudolf Mast und mit einem Nachwort von Günther Wessel. Mareverlag, Hamburg 2019. 400 Seiten, 42 Euro.

Glaubwürdigkeit

Was fehlt?

Ist es wirklich die Seele? Die Redensart heißt ja: das Herz auf der Zunge haben. Aber von Glaubwürdigkeit kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Man sagt alles, was einem so einfällt, und immer gleich mit Gefühl (Bewertung) verbunden. Viele glauben (und glauben, dass die andern glauben), Emotion sei etwas Unmittelbares und irgendwie mit der Wahrheit im Bunde. Ich zum Beispiel schreibe jetzt spontan, allerdings fast emotionslos, – wer weiß, vielleicht werde ich nach ZEIT-Konsum gleich eine lange Pause machen und nochmal selber nachdenken.

Man kann sich den ganzen Artikel auch vorlesen lassen, wenn man meint, der Weg durchs Ohr sei verlässlicher. Hier. Oder lesen Sie mit, wenn Sie ZEIT-Leser sind. Sicher ist sicher:

Man lese nur den ersten Fall vom lernfähigen Redner Björn Schuller: genügt es etwa, zum Laien-Schauspieler zu werden? Sich hörbar „der emotionalen Klaviatur“ zu bedienen??

Vielleicht kann ich mir jeden möglichen Einwand sparen, wenn Sie den Artikel über Diderot’s Paradox vom Schauspieler lesen. Hier würde ich jedenfalls anknüpfen.

Unter dem Foto der Sängerin, das ich oben in der Titel-Wiedergabe abgeschnitten habe, stand noch eine aufschlussreiche Zeile, die im Artikel hinsichtlich ihrer Implikationen überhaupt nicht behandelt wird, nämlich:

Große Emotionen? Nur eine Simulation mittels der Technik „Gesang“: Die Opernsängerin Montserrat Caballé.

Wenn es tatsächlich als „Simulation“ bezeichnet werden kann, dann simuliert der Gesang jedenfalls etwas ganz anderes als die normale Stimme in einer besonderen Situation. Und ob es „echt“ wirkt oder nicht, spielt im Fall Caballé sowieso kaum eine Rolle. Im Alltag, selbst in südlichen Ländern, wirkt eine „melodramatisch“ eingesetzte Sprechstimme nicht unbedingt glaubwürdig. Gesang aber arbeitet selbstverständlich mit einer Übertreibung, die in der normalen Rhetorik tödlich wäre.

Wenn dann die Erfahrung eines Redners referiert wird, dessen Vortragstechnik durch den Einsatz eines Algorithmus verbessert worden sein soll, und in einem anderen Fall zwei Mitarbeiter versuchen, eine App zu überlisten, die ein Gefühl in der Stimme erkennen kann, – sie soll „glücklich“ klingen, was allerdings nicht computergerecht gelingt -, so handelt es sich mehr oder weniger um recht dilettantische Simulationen. Der Gesang wiederum würde musikalisch nach ganz anderen Regeln und Mechanismen funktionieren als ein Gespräch im Alltag, und dieses wiederum anders als auf der Theaterbühne, und solange das nicht methodisch sauber voneinander getrennt wird, kann auch ein Paartherapeut niemanden überzeugen, wenn er mithilfe seines Computers voraussagen kann, welche Ehe hält und welche scheitert. Er könnte das Ergebnis ebenso zuverlässig würfeln. Möglicherweise gilt hier gleichermaßen ein Satz, der später allen Ernstes – „nach tollen Trefferquoten im Labor“ – von einem Informatiker geäußert wird: „Die Genauigkeit war besser als der Zufall, aber nicht nützlich.“

Das ist die Schwäche dieses Artikels über ein Wissenschaftsgebiet, das methodisch noch so präzise arbeiten kann, – der Journalismus will etwas über den Nutzen hören. Dahinter steht die Furcht oder die Hoffnung, dass der Mensch lesbar wird und der Blick auf eine Zahlenreihe die eigene Wahrnehmung von Nuancen überflüssig macht. Weils halt die Apparate besser können. Schneller vor allem. Wie nun, wenn Emotionen sich nur langsam entfalten? Und sonst gar nicht?!

(Fortsetzung folgt)

Gibt es Glück?

Was Kant dazu sagt

Ich habe es nicht aus seinen Werken oder mit Google-Hilfe zusammengesucht, sondern aus einem Buch, an dessen Kant-Kapitel ich seit dem 6.XII.1961 regelmäßig gescheitert bin. Jetzt habe ich zweierlei gelernt: das Scheitern ist keine Niederlage. Und: es ist nicht unseriös, die Lust am Lesen durch das Überspringen unverstandener Seiten aufrecht zu erhalten. Letzteres ermutigt einen, es weiter vorn immer wieder neu zu versuchen. Von einer in diesem Sinn halbwegs glücklich erfolgten Ermutigung will ich eigentlich erzählen, stattdessen nutze ich die günstige Stunde, einen einprägsamen Text abzuschreiben. Und zwar nicht über den berühmten „Kategorischen Imperativ“, ein Wort, das uns ohne tieferen Grund das Fürchten lehrt – es ist einfach notwendig -, sondern eben über das Glück, das wir bei Kant nicht suchen, der angeblich so präzise lebte, dass externe Beobachter die Uhr nach seinem Spaziergang stellen konnten. Meine im Folgenden benutzte Quelle:

Karl Jaspers: Plato – Augustin – Kant Drei Gründer des Philosophierens. R.Piper & Co Verlag München 1957

Aber was ist Glück? Der Begriff scheint klar: Glückseligkeit ist „die Befriedigung aller unserer Neigungen“ der Mannigfaltigkeit, dem Grade, der Dauer nach. Sie ist „der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht“. Aber es zeigt sich, daß dieser Begriff eine Unmöglichkeit trifft, Glückseligkeit, „obgleich jeder Mensch zu ihr zu gelangen wünscht“, ist doch von der Art, daß niemand bestimmt und für sich selbst eindeutig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle.“ Das hat folgende Gründe:

1.  Alle Elemente des Glücks müssen erfahren werden. Erfahrung muß einen jeden durch sein Gefühl der Lust und Unlust lehren, worin er sein Glück zu setzen habe. Diese Erfahrung ist verschieden bei den Menschen und beim gleichen Menschen zu verschiedenen Zeiten und sie ist unabschließbar. Zugleich aber gehört „zur Idee des Glücks ein absolutes Ganzes, ein Maximum des Wohlbefindens in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustand“. Der Widerstand zwischen Unabschließbarkeit der Erfahrung und Idee der Vollendung des Glücks ist in der Zeit unaufhebbar.

2.  Die Vorstellung eines Maximums des Glücks ist unmöglich. Denn die Summe des Glücks ist nicht zu schätzen, „weil nur gleichartige Empfindungen können in Summen gezogen werden, das Gefühl aber in dem sehr verwickelten Zustand des Lebens nach der Mannigfaltigkeit der Rührungen sehr verschieden ist“.

3.  Die Natur des Menschen kann nirgendwo „im Besitz und Genuß aufhören und befriedigt werden“. Denn die Neigungen wechseln, wachsen mit ihrer Begünstigung und „lassen immer ein noch größeres Leeres übrig, als man auszufüllen gedacht hat“.

4.  Das Glück ist nicht einfach Lust und Unlust, sondern diese werden erst in der Reflexion darauf zum Glück oder Unglück. Man ist glücklich oder elend nach Begriffen, die man sich von beiden macht. „Glück und Elend sind nicht empfunden, sondern auf bloßer Reflexion beruhende Zustände“. Der Mensch „entwirft die Idee eines Zustandes, und zwar auf so verschiedene Art durch seinen mit der Einbildungskraft und dem Sinn verwickelten Verstand, daß die Natur kein allgemein bestimmtes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff übereinzustimmen“.

Daher kann ein endliches Wesen, und sei es „das einschneidendste und zugleich allvermögendste“, sich „unmöglich einen bestimmten Begriff „von dem machen, was es hier eigentlich wolle“.

Das Ergebnis dieser Einsicht ist: die Glückseligkeit kann nicht Endzweck sein. Sie ist dies weder für unsere Erfahrung als faktischer Endzweck des Lebens in der Natur, noch kann sie für den Menschen als Vernunftwesen sein Endzweck sein. Vielmehr ist sie „die Materie aller seiner Zwecke auf Erden“. Wenn er aber diese Materie zu seinem ganzen Zwecke macht, so wird er „unfähig, seiner eigenen Existenz einen Endzweck zu setzen und dazu zusammenzustimmen“.

Aus dieser Situation der Vergeblichkeit des Glückswillens, der nicht erfahren und nicht wissen kann, was er eigentlich will, ist seit der Antike immer wieder der Gedanke der Sinnlosigkeit entsprungen. Bei jedem erreichten Glück die Enttäuschung: weiter nichts? Wir werden von unserer Natur zum Narren gehalten. Ein grenzenloser Drang kann unter der Peitsche des Begehrens nur seinen eigenen Widersinn erfahren. Kants Denken leugnet nicht die hier zugrundeliegende Erfahrung. Aber bei ihm ist der Wille, es solle eine Welt sein, begründet in dem Gedanken, der das Glück nicht verneint, sondern an ein anderes bindet. Die unendlich mannigfaltige und schwankende Welt des Glücks, an sich selbst bodenlos und ohne Endzweck, ist das Medium einer Verwirklichung, die unter anderer Bedingung und Führung steht als unter der Absolutheit eines leibhaftigen Glücks, in welcher Gestalt es sich auch zeige. Glück und Unglück erhalten Prägung und damit Transparenz dadurch, daß sie aufgenommen sind in einer anderen Ordnung, wo sie Boden und Sinn gewinnen.

Diese Ordnung aber durchschauen wir nicht. Daher bleibt für uns in der Zeit die Spaltung: Wir ringen um das Glück der Verwirklichung, aber stellen den Glückswillen unter die Bedingung des kategorischen Imperativs. Das Glück wird von Kant nicht verworfen, nicht verachtet, nicht für gleichgültig gehalten, sondern als Erfüllung der Verwirklichung bejaht. Aber das Glück in dieser Welt gibt in keiner seiner schwankenden Gestalten das letzte Maß. Es ist unter die Bedingung des ethischen Imperativs gestellt.

Da aber zudem das Glück in der Welt ohne Zusammenhang mit der durch sittliches Handeln erworbenen Würdigkeit verteilt ist, es nicht nur Guten gut und Bösen schlecht geht, so ist für Kant die Folge nicht Glückshaß und nicht Verzweiflung, sondern der Zeiger auf das Übersinnliche. Das höchste Gut wäre als Einstimmigkeit und Angemessenheit von Glückseligkeit und sittlichem Wert zu denken. Dies geschieht im Postulat der Unsterblichkeit, die, selber unvorstellbar und unbestimmbar, in einer Chiffer der Vollendung spricht.

*    *    *    *

Soweit der Text von Jaspers über Kants Auffassung vom Glück, nachzulesen a.a.O. Seite 268 ff. Zur Ergänzung in aller Kürze zum „kategorischen Imperativ“:

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Oder: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“ […] Der Sinn ist: Wenn du handelst, sei dir bewußt, daß die Welt nicht ist, wie sie ist, sondern daß du handelnd sie mit hervorbringst. Was eigentlich ist, erfährst du nicht durch Erkenntnis, sondern durch dein Tun.

Zitate a.a.O. Seite 263 und 264

Anmerkung JR: alles was oben farblich hervorgehoben ist – ob blau oder grün – , stammt wortwörtlich aus dem Jaspers-Buch bzw. von Kant. Ich persönlich steige im letzten grünen Absatz aus, – wenn es auf das Übersinnliche geht und die Unsterblichkeit als Postulat erscheint. (Ähnlich der Weg in „Der philosophische Glaube“ von K.Jaspers 1948. Es muss heute anders gehen als 1948 oder gar am Ende des 18. Jahrhunderts, und es muss eine Logik geben, die es anders zuendebringt.)

Ich würde mich auf das berufen, was sich mir als Formel aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ eingeprägt hat, etwa so: „Wenn das Leiden eines einzigen Kindes in der Welt in Kauf genommen werden muss, damit ich die Eintrittskarte fürs Paradies bekomme, d.h. auf ewig glücklich werden kann, dann gebe ich diese Eintrittskarte ein für allemal zurück!“

Deshalb verlasse ich jetzt die philosophische Ebene und empfehle einen Film, von dem ich fast noch nichts gesehen, aber einiges gelesen habe:

Bitte bei 1:55 aussteigen, oder das Wiederholungszeichen anklicken.

Für ein europäisches Publikum, ein bildungsbürgerliches zumal, das den eigenen Nachwuchs gern zum Zentrum des eigenen Lebens erhebt, verlangt dieser Film einen radikalen Perspektivwechsel. In „Capernaum“ sind Kinder unter Umständen nur eine Ware.

Ab und zu blickt Labaki auf die Welt hinab, die sie beschreibt, aus großer Höhe, mit den Augen Gottes oder denen von Google, auf eine Betonwüste, ein geometrisches Muster von Straßenzügen und Häuserdächern. Und dann stürzt sie sich hinein in die labyrinthischen Straßenschluchten, durch die das Leben mit der Kraft und Gewalt eines Sturzbaches rast. Es ist nahezu unmöglich, nicht mitgerissen zu werden.

Quelle Der Spiegel Nr.3 / 12.1.2018 Seite121 (Lars-Olav Beier)

ZITAT Nadine Labaki im Gespräch, aus dem ttt-Beitrag gestern im ERSTEN, 13.01.2019 (abrufbar hier : darin auch noch andere, längere Szenen aus dem Film; verfügbar bis zum 24.2.):

Wir haben bei der Arbeit am Drehbuch mit vielen Kindern gesprochen, und ich habe immer dieselbe Frage gestellt: Bist du glücklich, auf der Welt zu sein? Und meistens war die Antwort: Nein, ich bin nicht glücklich, dass ich lebe. Ich weiß nicht, warum es mich gibt, warum ich bestraft werde, welchen Sinn das alles macht… Und genau diese Wut wollte ich umsetzen.

I Loves You Porgy

Magie der Musik?

Wenn jemand eine (aus meiner Sicht) musikästhetische Bemerkung macht, wer auch immer bei welcher Gelegenheit auch immer, muss ich der Sache nachgehen. Unabhängig von meiner spontanen Einschätzung ihres Wertes. man könnte es mein Hobby nennen, es ist aber eine Art Zwang. Ganz besonders, wenn die Musik eine besondere Emotion ausgelöst hat (haben soll). Diesmal z.B. bei einer weltbekannten Sängerin, die mir zeitlebens unbekannt geblieben ist, obwohl sie schon 1987 – 14-jährig – einen Sommerhit gelandet hat: Vanessa Paradis in der britischen Musiksendung „The Roxy“. Ich weiß das durch das Interview im ZEIT-Magazin (Autor: Christoph Dallach) 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Abschnitt Seite 54:

Auf Ihren früheren Tourneen haben Sie „Joe le taxi“ immer wieder in sehr verschiedenen Versionen aufgeführt. Haben Sie das Gefühl, mit dem Song erwachsen geworden zu sein?

Joe le taxi ist für mich nicht irgendein Song, er ist das Symbol meiner ganzen Karriere. Ich hatte über die Jahrzehnte hinweg immer eine ganz besondere Freude daran, Joe le taxi bei jedem einzelnen Konzert aufzuführen. [Text hier] [Folgendes Video im externen Fenster hier]

Warum?

Weil dieses Lied eben so unfassbar wichtig für mich ist. Es steht für eine prägende Zeit in meinem Leben und für eine Geschichte, die mittlerweile 31 Jahre andauert. Sie sitzen mir auch nur deswegen gegenüber, weil es diesen Song gibt. Er hat den Kontakt zwischen mir und meinem Publikum hergestellt. Ohne dieses Lied wüsste die Öffentlichkeit überhaupt nicht, wer ich bin. Und ich weiß, dass es auch vielen Menschen da draußen etwas bedeutet. Es gibt diese Lieder, die für wichtige Momente in der Biografie eines Menschen stehen. Oft stellt sich diese Bedeutung erst viel später ein. Songs erinnern an besondere Menschen, an eine besondere Reise oder ein besonderes Ereignis. Das ist doch die Magie von Musik: Sie kriecht in das Leben von Menschen hinein. Mich bewegt Musik immer wieder sehr.

Welche Musik rührt Sie zu Tränen?

Sehr, sehr viele Songs von Sade. Die packen mich immer wieder.

Und der eine große Song, der Sie immer wieder elektrisiert?

Der ist von Nina Simone. Wenn sie I Loves You Porgy singt, ist es um mich geschehen. Da heule ich immer.

Kommentare unter dem Video beachten! Wikipedia über das Lied hier. Das Video im externen Fenster hier.

Quelle des wiedergegebenen Textausschnittes: „Mein Leben ist nicht hart, glauben Sie mir“ Popstar mit 14, die erste Hauptrolle in einem Kinofilm mit 16, turbulente Beziehungen mit Lenny Krawitz und Johnny Depp: Ein Gespräch mit Vanessa Paradis über die Songs ihres Lebens und ihren Fehlstart als Kinderstar / Von Christoph Dallach. ZEIT-Magazin 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Teil Seite 54.

Ohrwurm

Eine fast sexistische Analyse

Natürlich will ich nur mich selbst entlarven und tarne mein Anliegen gleich doppelt investigativ. Die allzu früh ausgeblendete Musik verfolgte mich, je öfter ich sie hörte. So kurz vor den Nachrichten.  Von der Bikini-Frau, die mir am Strand entgegeneilte, kein Wort! Nichts von der muskelgeschmückten Bademeister-Konkurrenz. Nein es geht mir allein um die Musik. Ein winziger Gedanke vielleicht, bildungsgesättigt: ob nicht auf diese Weise die Venus von Milo, der marmorsaubere Praxiteles – stellvertretend für die alten Griechen – Jahrtausende posthum – das kränklichdünn moderne Model-Modell besiegt. „Es ist doch die Natur, die sich durchsetzt!“ Scheinheiliges Argument. Im externen Fenster (der Blog soll hintergedankenfrei bleiben) nur für allzu Neugierige hier. (Achtung: enthält Werbung!)

 Screenshot Youtube-Video

Worum geht’s überhaupt? Auch wissenschaftlich veranlagte Menschen sind neugierig, ja, diese sogar ganz besonders. Eine Anregung etwa für eine anthropologische Seminararbeit: analysieren Sie die Youtube-Kommentare!

Wie gesagt, mir geht es nur um die Musik. Ich vermute, dass ich explizit nach ihr frage, weil sie gerade dort ausgeblendet wird, wo ein harmlos-verspieltes Moment hinzutritt. Die Phantasie aber kennt kein Ende. Gewiss, schon die Gitarre am Anfang und die Stimme mit dem wiederholungsfreundlichen Motiv sind angenehm, das Zielwort „tonight“ gräbt sich ein, man folgt alldem unterhalb des Störmoments Sprechstimme, wenigstens alle 2 sec Wechsel der Blickrichtung , 0:14 – 0:17 dann das Sechzehntelmotiv, das einen neuen Horizont öffnet: „everybody“, – was hier verheißen wird, gilt nicht nur „tonight“, sondern jetzt und immerdar und für jeden, freut euch!

Ich lese die Kommentare um zu erfahren, ob ich allein stehe, mit meiner Neugier; ich brauche Namen und Texte, erfahre eher nebenbei: ich bin wie jedermann. Soll ich mich entrüsten? Schwer zu entscheiden angesichts der anonymisierten Absender, ob Mann oder Frau sich äußert, zumal heutzutage aus verschiedenen Gründen jede(r) für jede(n) sprechen kann, z.B. auch, um sich liebkind zu machen oder (sich selbst oder anderen) zu zeigen, dass man über der Geschlechterrolle steht.

Die einen sagen, dies sei Katie Ball, von der es noch ein Super-Video gebe, die andern, es sei schade um das tolle Lied von Ingrid Michaelson, das kommt mir gerade recht, hier; es ist mir dann allerdings doch zu lang.

Vielleicht noch ein Blick auf den Text: hier. Und noch einmal das Lied.

Das „Oh, oh, oh“ beginnt schnell zu nerven. Das Lied hört auf, ein Ohrwurm zu sein.

Eine gute Erfahrung. Almased sei Dank!

Koinzidenz

Zufall und Fügung

 Viehbach-Holzweg

Ich erwähne des öfteren Koinzidenzen, die sich aufdrängen, und fürchte, dass ich vergesse zu betonen: ich glaube keineswegs an ihre tiefere Bedeutung. Es handelt sich um irgendwie passende gedankliche Synapsen, die helfen, dem Nachdenken eine gewisse Richtung zu geben, wie dem Unerfahrenen durch das Handlaufseil  an leichteren Hochgebirgspfaden. Dadurch werde ich noch kein Kletterkünstler wie Reinhold Messner – ich überquere gewöhnlich nur den Viehbach in Solingen-Ohligs -, hätte aber gern in Höhenluft ein ähnliches Sicherheitsgefühl. Es ist bloße Autosuggestion. Würde ich meinen täglichen Schritten oder Eingebungen nicht trauen, wäre ich schon auf dem Weg in die Stadt absturzgefährdet.

Wenn mir jemand erzählt, dass er an Zahlenhinweise glaubt (Vorsicht bei Kilometerstein xy!), so fällt mir ein, dass die Kombination 754 mir in meiner Jugend eine Zeit lang bedeutungsvoll erschien, selbst in anderer Reihenfolge (wodurch sich die Begegnungen vervielfachten), und ich registriere die entsprechenden Zahlen immer noch, um dann jedoch um so stärker zu betonen, dass ich es seit damals für groben Aberglauben halte. Genauso wie die manische Takt- und Notenzählerei bei Bach.  Sobald ich eine Zahl für bedeutungsvoll oder gar schicksalhaft erkläre, tritt sie mir überall wie von selbst entgegen – so scheint es. In Wahrheit verhalte ich mich wie ein abgerichteter Hund. Welcher Vorgesetzte war es nochmal, der „zielführendes“ Handeln anmahnte?

Wenn ich also heute die ZEIT aufschlage und den Artikel „Lob der Blase“ von Jens Jessen sofort kurzschließe mit den Texten und Figuren, die mich seit Tagen beschäftigt haben, so hat das innerlich vielleicht gar nichts zu sagen. Aber dies überprüfen zu müssen, kann bereits als hilfreicher Leitfaden dienen. Man braucht Motivationen, um kontinuierlich zu denken, auch wenn diese zunächst wie unnütze Ablenkungen wirken. Kein Wort weiter.

 Ist Josefine Günschels Idee „zielführend“?

Aktuelle Quelle DIE ZEIT 27. September 2018 Feuilleton Seite 43  Lob der Blase Für die Polarisierung der Gesellschaft wird stets den „Filterblasen“ im Netz die Schuld gegeben. Aber ist wirklich die Abschottung von anderen Meinungen das Problem? Oder ist es nicht vielmehr die ständige Sichtbarkeit der Gegner?

(JR) Ich frage: wirklich die ständige Sichtbarkeit der Gegner, oder vielleicht doch ihre Unsichtbarkeit, verstanden als Anonymität? Ihre Ungreifbarkeit? Unangreifbarkeit, geschützt auch durch das latent allgegenwärtige Gebot totaler Schein-Toleranz. Sakrosankte Meinungsfreiheit! (Auch für Teufel.)

(JR) Ist es möglich, dass es keinen Unterschied macht, anonym zu sein, ein Ameisenmensch in einer unübersehbaren Menschenmasse, oder vom Räderwerk der totalen Registrierung erfasst zu sein und als einzelnes Genom-Konstrukt aufzugehen in einer Statistik.

ZITAT

Es ist kaum zehn Jahre her, aber gefühlt eine ganze Epoche, da wurde das Internet als Instrument der Freiheit gepriesen, mehr noch: der Befreiung und Demokratisierung der Welt. Im Netz gibt es keine Zensur, Anonymität schützt seine Nutzer, die Meinungsfreiheit schien unbegrenzt und das probate Mittel zu sein, lügengestützte Diktaturen und Totalitarismen zu stürzen. Man wundert sich heute sehr, wenn man die Utopien von gestern liest.

Die Hoffnung auf Weltverbesserung durch die Netzgemeinde (man dachte sie sich im Singular und ahnte ihre destruktive Pluralität noch nicht) ist gründlich verflogen. Das Internet und seine sozialen Netzwerke sind heute ein vermintes Gelände, von Schützengräben durchzogen. Jede Bewegung und Äußerung – das Emporstrecken eines Kopfes – provoziert feindliche Artillerie. Schmutzfontänen spritzen empor wie auf den Bildern des Ersten Weltkrieges. Der Begriff des Shitstorms, der sich dafür eingebürgert hat, bezeichnet die Sache im Effekt genau.

Das ist das eine. Zum anderen habe ich den im vorigen Beitrag (hier) erwähnten Artikel von Shoshana Zuboff ausfindig gemacht und empfehle ihn in der FAZ online vollständig aufzuschlagen: hier. (Überwachungskapitalismus: „Wie wir Googles Sklaven wurden“.)

Dann wurde Christian Schwägerl erwähnt mit dem Buch „Die analoge Revolution“ (München 2014) Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt. Folgender Klappentext und Rezensionen sind bei Perlentaucher nachzulesen:

Die „digitale Revolution“ hat in jüngster Zeit ihre dunkle Seite gezeigt. Droht eine Zukunft, in der jeder Mensch lückenlos von Google und Geheimdiensten überwacht wird, in der Maschinen die Natur ersetzen und Online-Konsum die Umweltzerstörung anfacht? Christian Schwägerl beschreibt konkrete Gefahren, wenn die analoge Welt von Mensch und Natur durch die falschen Kräfte kontrolliert wird. Vor allem aber entwickelt er in diesem Buch Alternativen und eröffnet neue Perspektiven. Bei der „analogen Revolution“ geht es darum, die Macht über Daten demokratisch zu verteilen und Menschen mit der ganzen Fülle des Lebens auf der Erde zu verbinden.

Zu H.G.Wells „The Invisible Man“ siehe Wikipedia „Der Unsichtbare“ hier.

(Fortsetzung folgt)