Kategorie-Archiv: Globalisierung

An Afghanistan denken

Aus dem Archiv von Uli Preuss (Solingen)

Handwerker in der Chickenstreet, Kabul, Afghanistan, Februar 2012

Handwerker bauen nach dem Sieg gegen die Taliban erste Satellitenschüsseln, Kabul, Afghanistan 2004

Um diese Bilderreihe mit einem Hoffnungsschimmer zu beschließen, wähle ich ein anderes aus der Sammlung: allerdings aus einem anderen Land, einer anderen Zeit: Kambodscha, Basisgesundheitsstation Friedensdorf 2010, siehe auch hier.

Alle Fotos wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis, Dank an ©Uli Preuss Solingen

Welche Visionen brauchen wir?

Angenommen: einzig Untergangsszenarien sind realistisch

Dann kommt man gern mit Luthers Apfelbäumchen daher, – ein Spruch dieser Art ist aber bei dem großen Reformator gar nicht nachweisbar. Wir müssen eigene formulieren. Angenommen im Herbst des Jahres 79 n. Chr. hätte ein wohlhabender Bürger Pompejis die Weissagung bekommen: in Kürze wird diese Stadt untergehen, es grummelt schon bedrohlich aus der Tiefe des Vesuvs. Würden wir ihn bewundern, wenn er furchtlos seinen Garten bestellt hätte statt sich außer Reichweite zu begeben?

Einerseits ist Optimismus hoch im Kurs, weil zukunftsorientiert. Andererseits wissen wir, dass nur die Wahrnehmung maximaler Gefahr eine echte Kehrtwendung veranlassen kann. Und nicht die Formel: es wird schon wieder werden…

Wir können uns nicht mehr außer Reichweite begeben, abgesehen davon, dass wir nicht einmal wohlhabend sind. Bei Markus Lanz habe ich kürzlich erfahren, dass man in San Francisco, „der reichsten Stadt dieses Planeten“, laut Statistik als arm gilt, wenn man weniger als 115.000 Dollar pro Jahr verdient. Und noch nie konnte man dort soviel Obdachlose sehen wie heute. Also: es sind hochinteressante Zusammenhänge, mit denen wir konfrontiert werden, und man sollte sich unbedingt um die Zukunft kümmern, – quia absurdum est, sagte man im alten Italien. Nein, auch dieser Satz ist nie so formuliert worden, wie man ihn zitiert. Dabei ist das Fazit, wie man lesen kann, ziemlich genau so, wie es gleich im Gespräch mit einem unverbesserlichen Optimisten zutage tritt.

ZITAT

Aber das ist nicht der Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende von allem. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es jetzt Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, zum Beispiel auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es geht aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen.

Ich weiß nicht, ob dieser Autor zu den Untergangspropheten gehört, die in der Markus-Lanz-Sendung vom 4. Februar 2020 apostrophiert wurden. In diesem Blog wurde er schon als bedenkenswert zitiert, als es die kleine Schrift noch gar nicht ohne weiteres zu kaufen gab. HIER.

Hier ist ein Protokoll dessen, was Harald Welzer in der Sendung gesagt hat. Vielleicht kann man alles in seinem Buch systematischer nachlesen, aber manches wirkt gerade in den locker (und engagiert) hingesprochenen Beiträgen inspirierender.

ZDF Sendung Markus Lanz 5.2.2020, nachzuhören bis 5.3.2020 HIER.

Zum Text (noch nicht vollständig lektoriert)

Lanz (ML)bei der Vorstellung der Gäste:

Wir müssen, schreibt er, endlich den Untergangspropheten ihre Uhr wegnehmen, die seit 40 Jahren auf 5 vor 12 steht, für diese – Achtung! – Lamentierökos richten wir eigene Nöhlreservate ein, und da gehen wir dann alle hin, wenn wir mal versehentlich gute Laune kriegen. Herzlich willkommen, Harald Welzer!

20 Minuten später…

Harald Welzer (im folgenden als HW)

20:35 Mich erschüttert, dass bei solchen Aussagen geklatscht wird. Also es ist wirklich irre, wir haben – ML stopp stopp, geklatscht wurde grade, weil Frau Wöhrl sagte, da sind Lobbyisten dahinter, die puschen (ja, aber) (alle durcheinander)

HW – wir haben nun eine ausgebaute Klimawissenschaft aus sehr sehr vielen verschiedenen Disziplinen zusammengesetzt, die seit vielen Jahrzehnten an diesem Thema arbeiten, es gibt eine weit, weit über 90prozentige Übereinstimmung der Befunde, die aus diesen unterschiedlichen Disziplinen kommen, dass wir es mit einem menschengemachten Klimawandel zu tun haben, und wir wissen auch mit einer hinreichenden Sicherheit, wie die Sache sich weiter entwickelt, und wir wissen auch, dass es an Treibhausgasen liegt.Das gibt es in keinem andern wissenschaftlichen Bereich – ich bin selber Wissenschaftler -, dass es einen solchen Konsens gibt. Und wenn es bezahlte[r] Institute usw. gibt, die insbesondere in den USA seit vielen vielen Jahren gegenteilige Dinge behaupten, dann sind es nicht – die Wissenschaftler sind sich nicht einig, sondern die WissenschaftlerInnen, die von dem Thema was verstehen und da arbeiten, sind sich einig. Deshalb gibt es die Berichte vom IPCC (ML: Weltklimarat usw.) usw. usw., und man kann auch nicht sagen, – und deshalb finde ich es hier auch nicht berechtigt an der Stelle zu klatschen – beide werden bezahlt. Ich glaube, es gibt ne ganze Reihe von WissenschaftlerInnen, gerade in dem Umweltbereich, im Klimabereich, die haben eine echte Besorgnis über ihre Forschungsergebnisse, die kommunizieren die nicht deswegen, weil sie dafür bezahlt werden, sondern weil sie als Wissenschaftler sehen, wir haben ein riesiges Problem. Dieses Problem haben wir seit mindestens 1972 erkannt, als „Die Grenzen des Wachstums“ erschienen sind, seitdem wissen wir das (ML: Club of Rome!) ja, ja, und nennen uns selber eine Wissensgesellschaft, aus diesen Wissensbeständen werden kaum Konsequenzen gezogen, das ist der Punkt! (22:50 Einspruch von Heiner Lauterbach über Situation „auf beiden Lagern“, Dagmar Wöhrl über politische Interessen, ML „es geht immer um die Schuldzuweisungen, es geht doch vielmehr um die Frage: wie gehen wir mit dem Klimawandel um in der Zukunft“ ML: „wie gelingt es, diese Polarisierung aufzuheben?“)

22:50 Na ja, ich würde eigentlich – und dann können wir auch harmonischer werden in der Runde – ich glaube, da gäbe es ja eine Übereinstimmung, woran es uns da elementar fehlt, sind tatsächlich Zukunftsbilder, und Gesellschaften, dieses Typs, also der westlich-liberalen Demokratien, sind ja immer erfolgreich gewesen, weil sie immer ne Vorstellung hatten: wer wollen wir sein? Wo soll diese Gesellschaft (ML sie sagen: immer neuer, immer besser, immer mehr, das ist sozusagen unser Mantra) ja, darauf ist es zusammengeschrumpft, ja, aber dass es mal ne Gesellschaft gewesen ist, die gesagt hat, jetzt kommen diese Klischee-Zitate „mehr Demokratie wagen“, aber „Öffnung des Bildungssystems“, großes Programm der 1960er Jahre, ich hab da extrem von profitiert, als Ziel: wir müssen eine andere Gesellschaft sein, mehr sozialen Ausgleich, mehr Partizipation etc. etc. oder auf der symbolischen Ebene solche Dinge wie Apollo-Projekt, Eroberung des Weltraums usw.usw., also Dinge, wo Gesellschaft nicht einfach nur um ihre eigene Gegenwart kreist, sondern wo sie eine Vorstellung hat: da sind Ziele, da wollen wir hin, da wollen wir auch alle mitnehmen. (ML: Heute, also, Apollo ist abgehakt, für mich zumindest, aber – E-Mobilität wär doch so’n Ziel…)

22:50 Aber das ist doch kein identifikationsstiftendes Ziel, das ist doch dasselbe wie jetzt, nur Sie haben n Antrieb ausgetauscht, ist doch nichts, wo man sagt: au, cool!!! 2050 haben wir nur noch E-Autos (ML: also 50 sagen Sie jetzt…ganz cool, ehrlich gesagt, in ner Innenstadt zu leben, die nicht mehr stinkt morgens, nach Abgasen) ich fänd’s ja viel cooler in ner Innenstadt zu leben, wo es keine Autos mehr gibt (auch gut! Beifall können wir uns sofort drauf einigen), aber vielleicht verbirgt sich genau dort der Witz, dass es dort auch so etwas wie Utopien geben, Visionen geben muss, wir könnten uns vorstellen, – dieses Thema, das wir zu Anfang hatten, wir haben keine soziale Ungleichheit in diesem Ausmaß mehr, meine ich keine sozialistische … ja? aber keine soziale Ungleichheit in dem Sinne, dass Menschen zur Tafel gehen müssen, wenn sie was zu essen haben wollen. Wir könnten doch ein Zukunftsbild haben, dass wir eine Gesellschaft haben, in der alle anständig essen können, ich meine, dass man im Jahr 2020 sowas überhaupt sagen muss. Oder das als Ziel ist ja schon bizarr. (ML Oder in die andere Richtung jetzt wenn Sie nach San Francisco gehen, also noch nie konnten Sie in der reichsten Stadt dieses Planeten, wo Sie glaube ich mit 114 000 Dollar mittlerweise offiziell arm sind, wenn Sie ein Jahreseinkommen von 115.000 Dollar haben, sind Sie statistisch arm, nie konnten Sie soviel Obdachlose dort sehen wie im Moment.)

Ja, selbstverständlich, und das ist in allen Metropolen, ehm, aber jetzt wollen wir nicht das Negative sagen, man könnte ja sagen: wir haben die Power, wir haben auch das Bildungssystem, wir haben auch sozusagen theoretische Motivation genug, uns diese Gesellschaft anders vorzustellen, nämlich eine, die viel weniger Ressourcen verbraucht, siehe Frage Mobilität, was ist die Mobilität der Zukunft? Ist das der Ersatz eines Energiegebers gegen einen andern, oder ist es intelligenter Bewegung, also sprich: nicht mit Autos, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die super funktionieren 29:21 weil sie digital orchestriert sind. Ist die Stadt der Zukunft, sieht die aus wie jetzt aussieht? Oder hat die ganz andere Nahversorgungskonzepte? Wird viel mehr Nahrung in der Städten angebaut? Usw. ML Nahrung? Nehmen Sie uns doch mal mit, lassen Sie uns frei denken , auch mal verrückt denken. Welche Ideen gibt’s da? Wie sieht sozusagen der Nahrungsmittelanbau der Zukunft aus?

HW Naja, da gibt es n ganzes Spektrum von Ideen, da geht von den Verical Gardening – das kennen die meisten: dass man Hochhäuser auch dafür verwendet, dass man in bestimmten Etagen die Nutzung der Fassaden, um Nahrungsmittel anzubauen, das gibt es als ganz konkrete Utopie, umgesetzt in Andernach, wo der Grünraumplaner der Stadt vor 10 Jahren auf die famose Idee gekommen ist, dass Stadtgrün auch verwendet werden kann, um Nahrungsmittel anzubauen. Seitdem nennen die sich die essbare Stadt, zeigen stolz vor, dass in ihrer Stadt Flächen usw. anders genutzt werden, die Bürger finden das zum Teil toll (glaub ich) nich? weil die jetzt sagen können, wir sind die mit der essbaren Stadt, ja, die haben viele Preise bekommen, und sowas, das sind so Ansätze, und das geht bis hin, dass man natürlich eh eh im Untergrund bestimmte Formen von Nahrungsmitteln anbauen kann usw. (ML Beispiel? Im Untergrund? Ohne Licht, ohne…) Ja, kann man machen, ich bin kein Biologe, aber da laufen solche Experimente oder in Rotterdam, da machen sie auf Poldern im Fluss sozusagen Kühe, ja, da machen sie Weidewirtschaft, es gibt total verrückte Geschichten, ehm, ich finde an solchen Dingen nur interessant, wir habe eigentlich keine – wie soll man sagen – keine Medienformate, wo solche Zukunftsbilder, die z.T. ja sehr konkret sind, wo die richtig sexy vermittelt werden (ML doch Sie heute grade hier, das ist doch cool / Wöhrl: aber man kann das doch auch immer nur ergänzend sehen, es sind ganz tolle Geschichten, man kann es sich ganz super vorstellen, aber es wird nichts das ersetzen, was notwendig ist, um alle zu ernähren) ML was machen wir mit der mit der mit dem Bevölkerungswachstum, das ja enorm ist, wenn man sich das mal anschaut, (HL das ist das Problem, das wir haben, das mit Abstand größte Problem, das wir habe, ist die Überbevölkerung. Sie sagen ja in einem Artikel, den ich gesehen habe von Ihnen, den ich unterschreiben würde, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, 9 Milliarden Menschen zu ernähren, das ist nicht das Problem. Als ich auf die Welt kam, da hatten wir 3,5 Milliarden Menschen, jetzt haben wir mehr als doppelt so viel, man muss ja kein Mathematiker sein, was lässt Sie denn daran glauben, dass es bei 9 Milliarden bleibt?

HW Oh, das wiederum, sagen die Leute, die sich damit beschäftigen, Demographen, die können das relativ gut berechnen, weil sie sehen können, wie die Kinderzahlen sinken, (ML mit steigender Bildung…) mit steigender Bildung und bestimmten anderen sozialen Faktoren sinken die Kinderzahlen, auch heute schon, und dann können Sie hochrechen: wenn Sie weniger Kinder haben, haben Sie entsprechend in der nächsten Generation so und so viel Bevölkerungszuwachs oder -abnahme, und (HL dann muss man aber die Bildung heben, in Afrika zum Beispiel) ja, das kann man ja auch machen bzw. sollte man machen (ML es geht ja um Frauenbildung vor allem) ja, es gibt bei Bevölkerungswachstum keinen unendlichen Anstieg, es wird sich bei 9 – 9 ½ Milliarden irgendwie einpegeln. Da gibt’s sozusagen Übereinstimmung. Das macht das Problem nicht besonders klein, denn das sind immer noch sehr viele, wir haben durch Klimawandel und anderen Umweltstress natürlich immer mehr Probleme, diese Leute zu ernähren, nur über einen Faktor müsste man in dem Zusammenhang auch sprechen: dass natürlich die Menschen in den USA oder wir hier in der Bundesrepublik und so das Zehn- bis Zwanzigfache von dem verbrauchen, was Menschen in andern Teilen der Welt verbrauchen. Das heißt, wir müssen das Bevölkerungsproblem auch mit solchen teilen, und da kann die Lösung nicht sein: alle müssen so viel zuviel verbrauchen wie wir, das ist die Aufgabe…

Markus Lanz: Aber Ihr Buch gefällt mir deswegen so gut, Herr Welzer, ich hab das schon vorm Jahr gesagt, weil das ein optimistisches Buch ist, weil Sie sagen, wir müssen da für diese Öko-Lamentierer müssen wir eigentlich so Nöhlparks einrichten, da sperren wir die alle ein, da können die alle rummaulen von morgens bis abends, und diese Weltuntergangspropheten, bei denen die Uhren seit 40 Jahren auf 5 vor 12 stehen, äh, das kann man ja alles nicht mehr hören. Deswegen: wo ist sozusagen der positive Blick ins Morgen, wie lösen wir das? Wenn Sie sagen, zu recht ja sagen, wie kann das sein, dass wir weiterhin auf dem Niveau Spaß haben und Halligalli machen und CO2 in die Luft pusten, und die andern, die jetzt also grade erst dazukommen, die Schwellenländer, Indien und China usw., die jetzt aber auch partizipieren wollen, – dann können wir nicht einfach so weiter machen, was bedeutet das? Kommen dann tatsächlich die Verbote? Müssen wir runter von unserem Lebensstil? Oder gibt es ein gutes Leben, das nur anders gestaltet wird?

HW Ja, also ich hab ja für den Optimismus dieses Buches erstens subjektiv den Grund gehabt, dass ich dieses Gejammer nicht mehr hören kann, und diese pausenlosen Untergangsphantasien, die sind ja insofern eitel, diese Untergangsphantasien, weil wir heute auf dem allerhöchsten Niveau leben, das es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat. Das ist auch nicht pathetisch, das ist einfach so. Alle hier in diesem Saal leben besser als Ludwig der XIV., he? und das ist ja nicht nichts! Und die Lebenserwartung hat sich verdoppelt in den letzten hundert Jahren, alle diese Faktoren, und dann interessiert mich, wow, wenn das möglich gewesen ist, was waren denn die Bedingungen dafür, dass das möglich war? warum geht es heute so gut im Vergleich? Da haben wir n paar Faktoren: wir haben auf der einen Seite wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, wir haben enorme soziale Fortschritte, die haben sehr viel mit Gleichheit zu tun, die haben auch etwas mit der äh äh äh Emanzipation der Frauen zu tun, die haben was mit dem Bildungssystem zu tun, viele solcher Faktoren, und medizinischer Fortschritt natürlich auch, führen dann dazu, dass diese Lebensverhältnisse besser werden, aber – was immer nicht gesehen wird – es gehört auch n Gesellschaftssystem dazu, und wir leben in einem offenen Gesellschaftssystem, in einer Demokratie, die die Eigenschaft hat, sich permanent modernisieren zu können, weil sie Kritik zulässt, weil sie Bewegungen zulässt wie jetzt diese „Fridays for Future“, genau so wie die Grünen, die Öko-Bewegung war eine Modernisierungsbewegung, die brauchte diese Gesellschaft, ha, genau so brauchen wir jetzt die Kids ganz dringend, weil die Modernisierung geht nicht von den Altmaiers dieser Gesellschaft aus. Das muss man einfach mal so ganz schlicht sagen, das ist n Altersphänomen usw., auch das was wir als Realpolitik betrachten, hat ja in dem Sinne keinen Horizont, deshalb verstehen ja viele auch nicht, was wollen die eigentlich damit? Was bedeutet das jetzt, wie sieht denn unser Bildungssystem im Jahre 2030 aus, wie sehen unsere Städte, wie sieht unsere Mobilität 2030 aus? Das ist sozusagen pragmatisch, kurzfristig orientiert, macht aber keinen Horizont auf. Oder wir sehen mal das Beispiel der Autoindustrie: die Autoindustrie wird einen Strukturwandel durchmachen von der Dimension durchmachen, wie es vorher der Bergbau insbesondere im Ruhrgebiet vorexerziert hat. HÖREN WIR ETWAS DAVON? Wie sieht dieses Land nach der Autoindustrie aus? Das muss ja nicht negativ sein, das muss man abfedern, das nennt man Strukturwandelspolitik. Aber wir brauchen doch JETZT Visionen für die Zeit nach dem Auto. Wir brauchen Visionen für eine Zeit, wo diese Form von Emissionen – und übrigens auch Rohstoffverbrauch im ganzen, das ist eine verengte Diskussion, wenn wir nur über Emissionen sprechen. (Klar!) Wir haben – jetzt nach dem Davos-Gipfel wurde verkündet – wir haben jetzt globales Wachstum 2020 3,3 Prozent Wachstum: 3,3 Prozent Wachstum bedeutet 3,3 Prozent mehr Verbrauch – wie soll das auf einem Planeten, der jetzt unter Stress steht, funktionieren? Was haben wir für eine Vision für eine Wirtschaft jenseits des Wachstums? Und das meine ich mit Zukunftsbildern, die muss man nicht immer negativ bestimmen, es ist doch eine Herausforderung zu sagen: wir können’s doch viel besser. Ist doch viel interessanter als immer nur so weitermachen und hier und da herumzubasteln. Oder? 37:52 (Beifall)

*    *    *

Das Buch von Welzer – und zwei Rezensionen: hier.

Quellen und Rezensionen zu Jonathan Franzen in DIE ZEIT 30. Jan. 2020

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 37 Was, wenn es so kommt? Der Kampf gegen den Klimawandeöl ist verloren, sagt der Schriftsteller Jonathan Franzen. Manche Forscher behaupten gar, schon diesem Jahrzehnt breche die Zivilisation zusammen. Es ist Zeit, sich mit der „Kollapsologie“ zu befassen. Von Ulrich Schnabel. S.a. hier (leider mit Zahlschranke).

Kritik zum Begriff „Collapsologie“ siehe hier (Wikipedia Pablo Servigne)

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 53 Werden wir untergehen Jonathan Franzens jüngster klimapolitischer Essay hat spektakuläre Shitstorms ausgelöst. Jetzt kann man ihn auf Deutsch lesen. Von Elisabeth Thadden. S.a. hier (ohne Zahlschranke)

Zur Quellenseite der ZEIT hier = Zugang zu der folgenden Übersicht; dort kann kann man die einzelnen unterstrichenen Texte oder Infos anklicken.

 Screenshot

Der Aufsatz „Deep Adaptation“ („Tiefenanpassung“) von Jem Bendell auf deutsch als pdf. abrufbar hier.

Solingen – Kunst und Leben

Zwei Spaziergänge

Ich liebe das Solinger Industrie-Museum, nicht nur die Maschinen und die didaktische Aufbereitung der ganzen Gesenkschmiede, sondern besonders den Geruch und das Mauerwerk. Und eine neue Dimension öffnet sich, wenn darauf die Bilder eines Meisterfotografen und Menschenfreundes zu sehen sind, wie hier am 2. Februar 2020 (und auch jetzt noch!).

 

Alle auf diesen Amateur-Fotos abgelichteten echten Fotos stammen von Uli Preuss. Ich danke für die Erlaubnis, sie hier wiederzugeben! Zwei Links zu seiner Person – hier und hier.

Natürlich ist es nicht adäquat, solche Bilder quasi im Vorübergehen mit dem Smartphone einzufangen. Ich brenne darauf, einige „Originale“ in der wahren Qualität wiedergeben zu können. Und auch den Meister selbst bei der Arbeit zeigen zu können. Andererseits geht es mir auch darum, quasi nebenbei eine Ahnung von der Weltoffenheit dieser Stadt im Bergischen Land zu vermitteln. Als mein Sohn ganz klein war, hat er mich bei einem Spaziergang mal mit der Frage überrascht: „Wo is einklich die Welt?“ Und ich habe ihn vielleicht nicht auf die Natur da draußen verwiesen, sondern auf all die Bilderbücher. Eins meiner Lieblingsbücher bis heute heißt übrigens „SEHEN. Das Bild der Welt in der Bilderwelt“. Der Autor ist John Berger. Ich weiß nicht, ob es auch schon eine Reisebuch von Uli Preuss gibt. Als ich ihn jetzt anschrieb, kam die Antwort aus Abu Dhabi, Zwischenstopp auf dem Rückflug von Kambodscha… Während ich aus der Ohligser Heide heimkehrte. Und heute in Düsseldorf verabredet war. Immerhin.

In der Ohligser Heide 7. Februar 2010

Alle Fotos JR Smartphone Huawei (Keine Kunst)

Sonntag 9. Februar 2020

Heute sind Originalfotos von Uli Preuss eingetroffen, unfassbar schön und erschütternd. An dieser Stelle nur zwei aus Kabul (bitte anklicken und vergrößern!), die mir unvermittelt eine Welt und eine Zeit vor Augen stellt, die ich vor 45 Jahren selbst intensiv erlebt habe: als habe sich nichts verändert (abgesehen von den Autos) – aber was hat sich dort in der Zwischenzeit alles abgespielt. Großer Dank an den Fotografen!

Fotos ©Uli Preuss Solingen (siehe auch hier)

Ich zitiere aus dem oben – „vor 45 Jahren“ – verlinkten Artikel von Sven Hansen:

 „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, lautet der bekannteste Spruch der Taliban. Als hätte es dafür noch einen weiteren Beleg gebraucht, ist Ende 2014 auch der Nato, die Afghanistan mit ihrem „Krieg gegen den Terror“ unter Kontrolle bekommen wollte, die Zeit davon gelaufen.

In Eile: Papua

Und doch zu spät

Die Ausstellung, über die ich heute (16.1.) lese, ist morgen zuende: siehe hier (faustkultur)

Der Fotograf Alexander Paul Englert zeigt in der Frankfurter Galerie Schamretta eine Auswahl von Aufnahmen, die er bei seinem Besuch traditioneller Feste im Sommer 2019 in Papua-Neuguinea gemacht hat. Cornelia Wilß hat sich die Ausstellung angesehen.

„Bilder aus einem bemerkenswerten Land“

Daraus ein paar Sätze (wegen des Links), alles weitere an Ort und Stelle nachlesen (s.o.):

Der Journalist Arno Widmann hat vor einem Jahr ein bemerkenswertes Interview mit der britischen Anthropologin Marilyn Strathern geführt. Sie hat viele Jahre mit und über das Hagen-Volk am Mount Hagen in Papua-Neuguinea gearbeitet. Auf seine Anmerkung hin, dass Strathern stets die strikt binäre Struktur unseres westlichen Denkens kritisiert habe, antwortet diese, dass wir im Westen uns seit der Aufklärung angewöhnt hätten, Natur und Gesellschaft stark voneinander zu trennen.

Rückerinnerung im Blog: hier (24. November 2015)  und hier (29. Mai 2019).

Beethoven 2020

Alles neu?

Vieles brauche ich nicht, sage ich mir, ich beschäftige mich mit Beethoven genau so lange wie mit Bach. Und immer wieder neu, dank neuer Biographien: nach Paul Bekker und vor allem Riezler kamen Dahlhaus, Solomon, Lockwood, Kropfinger (MGG), Geck und viel Analytisches zu den Klaviersonaten (Uhde), Sinfonien (Schenker), Streichquartetten (Kerman), dann die Zeit, als der Reihe nach alle Klaviertrios drankamen (eigene Texte für Intercord bzw. Tacet). Es gäbe keine schlimmere Aufgabe für mich, als jetzt alles das zu beurteilen, was anlässlich BTHVN2020 zu sehen und zu lesen war. Vor allem alles sehen und lesen zu müssen! Der 3sat-Tag ist als Ganzes in sechs Teilen noch in der ZDF-Mediathek abzurufen, ich bin oft im Laufe des Tages hängengeblieben, Jan Cayers ist ein kompetenter Erzähler, auch Buchbinder erreicht spielend, dass man dabeibleibt, während der Sprecher der Beethovenschen Originaltexte, die man  ohnehin schon irgendwoher kennt, Widerstand erzeugt, weil er als Schauspieler so tut, als erfinde er sie im Augenblick. Unglaubwürdigkeit ist auch die Crux jedes Beethoven-Spielfilms. Und nichts verträgt Beethoven weniger. Deshalb braucht man auch kein Mienenspiel bei Beethoven-Pianisten. Man ist als Interpret ein erlebender Mensch, aber kein Darsteller. Übrigens: Wenn man – wie ich – im Zusammenhang mit Beethovens Zauberformel „Menschheit“ darauf besteht, dass auch andere Kulturen auf der Welt existieren als die von Beethoven repräsentierte, erwähne ich als erstes, dass ich den Film „Diesen Kuss der ganzen Welt“ ganz furchtbar fand, ein Pseudokunstprodukt, das von Beethoven nur die Klischees benutzte (Ta-ta-ta-taaaa und Für Elise , die Schiller-Hymne oder im Fall Japan die gesamte Neunte als Dauerbrenner). Interessanter war die Buntheit des Angebotes in der Wochenzeitung DIE ZEIT, Titelthema „Beethoven, der Rebell“.  Das beginnt sehr schön mit Thea Dorn, und gerade die Nichtmusiker(innen) bestechen oft durch ihre seltsamen Ideen. Aber kein Musiker dürfte es wagen, öffentlich so über Literatur daherzureden wie zum  Beispiel Maxim Biller über Musik: ausgerechnet „im Arbeitszimmer der großen Eleonore Büning“  so unverhohlen seine Inkompetenz  zu entfalten.

„Frau Büning“, sage ich, „ich verstehe diese ganze Beethovensache nicht. Und deshalb verstehe ich auch mich selbst nicht. Wieso kann ich eigentlich nicht wie alle anderen den größten Komponisten aller Zeiten lieben?“

Mit diesem Einstieg will er offenbar selbst als der große Rebell auftreten, der alles ignoriert und gern von der Übermutter heimgeführt würde, wenn er nur könnte. Und sie soll tatsächlich versucht haben ihn einzufangen, indem sie freilaufende Einzelstücke wie die Egmont-Ouvertüre zum Abschuss freigibt: „Beethoven hat auch eine Menge schreckliches Zeug geschrieben. Vielleicht meinen Sie nur das.“ Als ob er ausgerechnet sowas kennte!

Nein, jetzt muss er prophylaktisch mit Weltoffenheit auftrumpfen, die in der Prominenz gern durch Verweis auf eine Weltstadt oder deren sattsam bekanntes Publikum, auf eine(n) andere(n) Prominente(n)  oder einen Taxifahrer bekundet wird. So auch hier:

Es war Sonntagmorgen, drei Tage vor Weihnachten, viele schliefen noch. Als ich kurz vorher mit dem Taxi durch die verlassenen, nebligen Straßen Berlins, der hässlichsten Stadt der Welt, die heute etwas weniger hässlich war als sonst, von Mitte nach Kreuzberg gefahren war, hatte ich den Fahrer gefragt, ob er Beethoven mag. Er kannte nicht einmal seinen Namen, er kannte nur Mozart, und den mochte er nicht. „Mein Herr“, sagte er, „ich bin Araber. Ich höre morgens Fairuz, das macht mich wach. Und abends höre ich vor dem Einschlafen Umm Kulthum, dabei kann ich immer sehr weit denken.“

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin: Erwachsen werden von Maxim Biller

Und er fährt fort:

„Ach, wie schön“, sagte Eleonore Büning, als ich ihr das erzählte, und jetzt spielte sie mir auf ihrem alten CD-Player den letzten Satz der Sturmsonate vor, damit ich auch mal etwas Gutes von Beethoven hörte und richtig weit denken konnte. Während wir zuhörten und ich leider nur dachte, zu viele Noten, zu viel Vergangenheit, zu viel Ernst und keine einzige Blue Note, schloss die große Büning glücklich die Augen. „Was soll ich machen?“, sagte sie, als sie nach ein paar Minuten auf die Stopptaste drückte, „Beethoven ist mein Leben.“

Manches klingt wie Ironie, abgesehen von „die große Büning“, was ja auch nicht witzig ist, sofern es nicht eine Anspielung ist (aber auf wen?), – etwa wie im Fall Joseph II., der zu Mozart gesagt haben soll, “ (…) gewaltig viel Noten, lieber Mozart“ (Mozarts Antwort: „Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.“) – nein, das hat Maxim Biller garantiert nirgendwo gelesen, aber ein „zu viel Vergangenheit“, – wie kann man dies Zuviel besser ausdrücken als durch Hinweis auf den Mangel an Blue Notes, während man in Wahrheit die Zuhörerin meint, die bei so wenig action schon glücklich die Augen schließt. Nein, dieser Schlauberger wird sich Ironie nicht leisten:

„Kann es sein“, sagte ich und sah an der großen Büning vorbei aus dem Fenster, „dass Beethoven für mich das Ancien Régime ist und mich deshalb nicht interessiert?“

So kann er der kindliche Rebell bleiben, der mit Beethoven brach, als er ihn nicht verstand. Ein immerwährendes Trotzalter.

Beethovenhaus Bonn, Geburtszimmer mit Büste (Wiki Leonce49)

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Etwas sehr Merkwürdiges ist mir passiert, während ich diesen Beitrag schrieb und über die Äußerung des arabischen Taxifahrers stolperte: da erinnerte ich mich an eine Aufnahme mit dem ägyptischen Sänger und Komponisten Mohammed Abdel Wahab, der auch der Komponist des Werkes „Enta Omri“ ist, das oben beim Namen Oum Kulthum angeklickt werden sollte (jetzt findet man dort – nach der Reklame ! – „Al-Atlal“ von Riad as-Sunbati), von Abdel Wahab gibt es jedoch auch eine bestimmte Aufnahme, die mit dem Zitat des Anfangs der Fünften von Beethoven beginnt. Sie müsste sich heutzutage im Internet recherchieren lassen. [Erste Spur: z.B. hier ab 1:51] Bei der Suche geriet ich allerdings ins Abseits, da ich auf eine Arbeit stieß, die mir bekannt vorkam, ja, und vielleicht lohnt es sich, diesen alten Vortrag noch im Blog zu veröffentlichen … das Beethovenjahr 2020 wäre kein schlechter Anlass, auch mich im großen Stil zu profilieren (Achtung: Selbstironie!), siehe hier. Oder, wenn’s nicht funktioniert, ⇒ ⇓

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Jonas Kaufmann über eine Schlüsselstelle im „Fidelio“:

Nicht der körperliche Verfall eines Langzeitgefangenen darf hier zu hören sein, sondern der Seelenzustand des Verzweifelten, seine ekstatische Vision von Rettung und Befreiung. Genauso ist der allererste Ton dieser Szene, das aus dem Nichts kommende, immer stärker und immer dringlicher werdende „Gott!“, der Aufschrei einer gequälten Seele aber eben kein naturalistischer Schrei, sondern ein musikalischer Schrei, der die größte gesangstechnische Kontrolle erfordert. Ich weiß nicht, wie viel ich an diesem Crescendo gearbeitet habe. Jedenfalls hat es lange gedauert, bis es so klang, wie ich mir es vorgestellt habe. Das Publikum sollte bei solchen Phrasen nicht denken: „Toll, wie der das macht!“, sondern immer mit der dargestellten Person fühlen. Das ist die große Herausforderung: ganz in eine Figur hineinzuschlüpfen und trotzdem das nötige Quantum an Kontrolle darüber zu haben, was man da als Sänger und Darsteller tut.

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Nicht einfach so nach links von Jonas Kaufmann

*    *     *

Eine so seltsame Begründung dafür, fast nichts von Beethoven zu kennen, habe ich noch nie gehört: es sei sozusagen nur ein Fitzelchen, „denn jedes zweite Fitzelchen Beethoven überfordert mich emotional derart, dass ich Jahre brauche, um es zu verarbeiten.“

Was heißt denn dann „verarbeiten“? Ich kenne die Sonate op. 26 nicht, op. 27 Nr.1 und Nr. 2 nicht, op. 28, – nein, warum denn die? Op. 31 Nr.1 und Nr. 3 wiederum nicht, warum soll ich ausgerechnet diese zwei Sonaten kennen?? Nach op. 28 hat Beethoven gesagt:  „Ich bin mit meinen bisherigen Arbeiten nicht zufrieden, von nun an will ich einen anderen Weg beschreiten“. Wenig später folgte op. 53, die „Waldstein“-Sonate, aber all das gilt für null und nichtig, nein, es überfordert mich unmäßig, nur eine einzige Sonate soll mir für Jahre (fürs Leben?) als emotionale Nahrung dienen, – nennen wir es so -, die siebzehnte, op. 31 Nr. 2, nichts von denen, die vorausgingen, nichts von denen, die ihr folgten? Es sind zweiunddreißig!!!

Und das sollen wir ernst nehmen? Wäre es nicht ebenso vernünftig, dieser Schriftstellerin zu erwidern: Ich lese vorläufig lieber kein Buch von dir, ich werde mich auf dein Spätwerk beschränken, das wird bestimmt emotional ausgeglichener? (Als Musiker kann man schließlich nicht alles Geschriebene lesen, man muss es auch noch spielend wiedergeben.)

Zugegeben: wenn man den ganzen Artikel von Eva Menasse liest, wird man nachsichtiger. (Die Sonate, die sie meint, heißt – mit Bezug auf Shakespeare – Sturmsonate, ohne dass dieser Titel viel bringt. Jede Beethovensonate ist ein Drama.)

ZITAT:

Das Leben ging über die Sturmobsession hinweg. Doch als ich begann, einen Roman zu schreiben, kam ich auf die Idee, wieder Klavierstunden zu nehmen. Bis heute ist Musik für mich die beste Art, das Gehirn zu dopen. Nur damit fährt mein Gehirn wie ein Computer runter und auf andere, geheimnisvolle Weise wieder rauf. Ich quälte mich täglich mit Bachs Inventionen, eine Stunde lang, dann ging ich schreiben. Bach ist faszinierend wie Mathematik, glasklar und vertrackt, aber für mich, in Wien auf Mozart großgezogen, praktisch unspielbar. Die Bach-Qual half fraglos dem Schreiben: Man beginnt den Tag mit etwas, von dem man Knoten im Kopf und Schreikrämpfe bekommt, danach geht fast alles andere leicht von der Hand.

Nur reichte es irgendwann der Lehrerin. Sie fand etwas Temperamentvolleres, Melodiöseres müsse her. Ich sei viel zu verspannt, Schulter beim Ohr, Bach ganz der Falsche. Mit einem Ruck zog sie den Sturm heraus, dritter Satz. Ich fiel fast in Ohnmacht. Sie spielte mir die linke Hand vor. Ist doch schön, sagte sie, gefällt dir das nicht? Aber man muss es nicht so schnell spielen.

Erst dachte ich, es sei Schändung, aber bald wurde mir klar, dass es die vollkommene Einverleibung war. Besser könnte man es niemals durchdringen, als sich Takt für Takt durchzuschlagen wie durch einen faszinierenden Urwald. Fragen Sie bitte nicht, wie es klang. Glauben Sie bitte nicht, ich hätte es je ohne hundertzwanzig Fehler geschafft.

Ich breche ab, es ist absurd. Nicht Bach war „ganz der Falsche“, sondern die Lehrerin. Und die Schülerin bleibt lebenslang bei ihrem absurden Ansatz: nämlich Erleuchtung von der scheinbar einzig wahren Interpretation zu erwarten, auch wenn sie endlich mal eine andere Sonate aus dem Beethoven-Angebot herausgreift. Die letzte Klaviersonate op. 111, die letzte muss ja die beste sein, da spielt dann auch Thomas Mann mit seinem Doktor Faustus hinein…

Meine 111er-Geschichte aber ist ganz kurz, denn nach Prüfung vieler Aufnahmen legte ich mich fest, auf die merkwürdigste und exzentrischste Interpretation: die von [Anatol Ugorski]

Ich will es gar nicht wissen, mag sein, dass sie herausragt, aber mit dieser Einführung braucht man den Interpreten eigentlich nicht vorzumerken: die Prüferin hat den gewählt,

der für den zweiten Satz zehn Minuten länger braucht als alle anderen! Keine andere! So muss man das spielen! Nur dann hört man atemlos, dass Beethoven den Boogie erfunden hat.

Ach bitte, lesen Sie doch noch einmal „Thomas Mann, Doktor Faustus und so.“ Gewiss, da spürt man vor allem die gewaltige Adorno-Kompetenz. Und am Ende schreibt man dann, total abgesichert: „Es gibt nur einen Gott, und der heißt Ludwig von Beethoven.“ Auch wenn man nur zwei Werke von ihm kennt, die siebzehnte Sonate und die zweiunddreißigste.

Aber das, was man hätte lernen können, hängt mit dem Wort „üben“ zusammen, das im Text nicht vorkommt. Die Bach-Qual wäre gemindert, wenn man sich von allen Inventionen nur 4 Takte vornähme und diese auf Perfektion bringt. In dem Beethovensatz würde man sich nicht Takt für Takt durchschlagen „wie durch einen faszinierenden Urwald“, mit 120 Fehlern,  sondern mit kontrollierten Fingern durch vier sonnenklar notierte Takte mit null Fehlern.

Zur Erfindung des Boogie Woogie an anderer Stelle ein paar Worte. So ist es Quatsch!

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 53: Die vollkommene Einverleibung von Eva Menasse.

Nachwort: Ich kenne die Aufnahme mit Anatol Ugorski nicht, aber ich glaube blind, dass sie hervorragend ist (ohne Eva Menasse auch nur ein Wort zu glauben). Nebenbei sei erwähnt: ich habe die letzten Beethovensonaten mit der leider kürzlich verstorbenen Tochter des Pianisten, Dina Ugorskaja, live hier in Solingen erlebt: schöner und gewaltiger kann ich mir keine Interpretation dieser Werke vorstellen. (Obwohl solche Komparative und Superlative vor allem eins sind: Rhetorik. Denn im selben Moment möchte ich andere Aufnahmen nennen, die ebenso unübertrefflich sind, und zugleich anders…)

Ich komme jetzt zu dem Artikel, den ich als Musiker von der ersten bis zur letzten Zeile mit Spannung gelesen habe. Und sein Titel hat wirklich mit der Sturm-Beziehung der Sonate überhaupt nichts zu tun,

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 49: Sturm der Stille „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort“: War Beethoven trotz oder wegen seiner Taubheit so einzigartig? Von Florian Zinnecker

Der Autor bezieht sich vor allem auf die Forschungen von Prof. Eckart Altenmüller (Hannover), die deutlich gemacht haben,

dass es nicht die Hände, die Ohren oder die Seele sind, die einen Menschen zum Musiker machen, sondern sein Gehirn. Weil außerhalb des Schädels Musik nichts anderes ist als Muskelbewegungen und schwankender Luftdruck.

Weitere ZITATE

„Hört man Beethovens Werken an, dass ihr Schöpfer zunehmend ertaubt war?“ – „Ja und nein“, sagt Altenmüller. – „Hat die Taubheit Beethoven beim Komponieren beeunflusst?“ – „Eindeutig ja“. – „Nein, sogar im Gegenteil. Ich habe die Theorie, dass die visionäre Unabhängigkeit seiner Musik nurso entstehen konnte – diese Kantigkeit, das Nichtgefällige, die Autonomie. Beethoven musste sich nicht mehr in erster Linie darum kümmern, dass seine Musik dem Hörer genehm ist. Er konnte sich innerlich von der Gesellschaft und ihren Erwartungen entkoppeln – und er musste sich den Mist seiner Kollegen nicht anhören.“

Allerdings:

Angehende Musiker werden schon dadurch besser, dass sie anderen hochtalentierten Musikeren zuhören, das zeigen Altenmüllers Studien – weil sich das Gehör verfeinert und sich das Klangvorstellungsspektrum im Schläfenlappen anreichert. Beethoven dagegen wäre nivelliert und auf ein niedrigeres Niveau zurückgezogen worden, hätte er sich mit den Werken seiner Kollegen beschäftigt.

Die Annahme, Beethoven habe nur gewusst, wie seine Werke klingen, er habe sie aber nicht gehört, hält Altenmüller für falsch. „Wir können davon ausgehen, dass er das alles innerlich sehr präzise gehört hat. Er hatte eine reiche innere musikalische Welt, wie die meisten anderen Musiker auch. Eine Melodie mit dem inneren Ohr zu hören- das geht mithilfe von Spuren, die in den Schläfenlappen beider Hirnhälften liegen.“ Hier, so Altenmüller, befinde sich das musikalische Langzeitgedächtnis, die Musikbibliothek im Kopf. Tausende Stücke, und oft genügten schon wenige Takte, um sie zu erkennen: „Das war Beethovens Schatz. Hieraus konnte er sich bedienen. Nichts anderes ist Musikalität als das Neu-Kombinieren von musikalischen Gestalten. Das kann man in völliger Stille machen, auch dann, wenn es keinen zusätzlichen Input von außen gibt.“ Und oftmals sogar besser. „Unser Gehirn besteht aus Billionen von Verbindungen, über die Nervenzellen mit anderen Nervenzellen kommunizieren. Unser Gehirn spricht überwiegend mit sich selbst – und genau so entstehen auch diese musikalischen Welten, ohne dass es Einflüsse von außen gäbe.“ Jede Erinnerung im Schläfenlappen ist mit dem limbischen System vernetzt und also mit Emotionen belegt, auch deshalb sind akustische Erinnerungen sehr präsent und langlebig.

Eine so einleuchtende Beschreibung der Physiologie des Ohres wie in diesem Artikel ist mir bis heute noch nicht begegnet; daher will ich keinen Satz weglassen (mit der roten Hervorhebung bezeichne ich die mir wichtigste Stelle):

Die Erforschung des Gehörs, des empfindlichsten und schnellsten Sinnesorgans des Menschen ist so komplex wie das Hören selbst. Außerhalb des Schädels ist Musik nur periodisch schwankender Luftdruck, wahrgenommen über ein hochempfindliches Häutchen im Mittelohr, das Trommelfell. Es reicht schon eines Auslenkung vom Durchmesser eines Wasserstoffatoms, um aus der Stille einen Ton herauszuhören. Weitergetragen wird er von den drei kleinsten Knochen des menschlichen Körpers – Hammer, Amboss, Steigbügel. Über ein raffiniertes Verfahren im Innenohr wird aus der mechanischen Energie ein Nervenreiz: Das Innenohr ist mit einer Lymphflüssigkeit gefüllt, jeder Schallreiz verursacht eine kleine Welle, die von Tausenden Haarzellen vermessen wird; die Ausmaße der Welle werden über den Hörnerv weitergemeldet. Die äußeren Haarzellen lassen sich mit Willenskraft ausrichten; so ist es möglich, sich in einem Orchestersatz auf die Holzbläser zu konzentrieren odere in einem vollen Raum die Aufmerksamkeit von einem Gespräch zum nächsten wandern zu lassen – eines von mindestens zwei Phänomenen, die auch Ohrenärzte noch zum Staunen bringen.

Das andere hat mit der Sensibilität der Haarzellen zu tun: In beiden Ohren sitzen jeweils nur runf 3500 innere Haarzellen, der Mensch aber kann bis zu 5000 Töne unterscheiden. Jeder Reiz im Innenohrnwird mit einer Vielzahl von Gehirnzellen ausgelesen, aufbereitet und analysiert.

Über den Hörnerv gelangt das Signal in den Hirnstamm – und von dort aus in mehrere Regionen zugleich. Bewusst wird das Signal erst im Schläfenlappen der Großhirnrinde; bevor es aber dort ankommt, ist es schon in der Amygdala und im Hippocampus repräsentiert. Mit anderen Worten: Ein Klang kann schon Glück oder Angst auslösen, bevor er überhaupt wahrgenommen wird. „Akustische Signale werden extrem schnell emotional bewertet“, sagt Altenmüller. Das ist evolutionär bedingt: Es war wichtig, den Charakter eines Geräuschs rasch einzuordnen, um rechtzeitig angreifen oder fliehen zu können.

An dieser Stelle erwartet man vielleicht eine Auskunft darüber, was dies alles für Beethoven bedeuten soll, aber mir scheint, dass dieser Bezug etwas gewaltsam hergestellt wird, nämlich so, wie es für jeden anderen guten Komponisten gelten würde:

Diesen Effekt machte sich Beethoven auch in seinen Werken zunutze: Die rhythmische Klarheit und die einfach strukturierten Themen in vielen seiner Werke sorgen dafür, dass beim Hören die Formatio reticularis im Hirnstamm anspringt – jener Bereich, der für Herzschlag und Atmung zuständig ist und dafür, dass uns bestimmte akustische Signale aus dem Schlaf reißen.

Ein Teil der Reaktionsmuster sei angeboren, sagt Altenmüller, schrille, unharmonische Laute gälten auch im Tierreich als Warnsignal. Und Kinder lenten schon im Mutterleib, welche Klänge den Herzschlag der Mutter beschleunigen – das Hörenlernen beginne um die 20. Schwangerschaftswoche.

Das ist interessant, hat aber mit Beethoven nichts Spezifisches zu tun. Zu Anfang des ganzen Essays wurde zitiert, wie der 31jährige Komponist an einen Freund geschrieben habe: „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort (….)“. Wenig später darauf bezogen das vom Autor gegebene Stichwort „Hyperakusis, eine Überempfindlichkeit für bestimmte Frequenzen, aus gelöst von einer Lähmung der Gehörknöchelchen.“ (Man weiß heute wohl, dass die Beeinträchtigung auch vom Bleigehalte des Weines stammte, den Beethoven zeitlebens genoss.) Und jetzt, am Ende des Artikels nur noch dies:

Weiß man, wo im Kopf das Komponieren stattfindet? „Nicht so genau. Diese Prozesse sind hochkomplex. Jeder Komponist prüft und verwirft unzählige Varianten, bevor er sich für einen Weg entscheidet, eine Vielzahl neuronaler Netzwerke ist beteiligt, andere – etwa die Kontrollinstanz im Stirnlappen – sind gezielt deaktiviert. Erst dann kommen neue Gedanken, Ideen und Kombinationen. „Das ist ja das Tolle an der Kreativität: dass ich die neuen Möglichkeiten nur finde, wenn ich die Kontrolle abgebe“, sagt Altenmüller.

Wie sich die Welt für Beethoven anhört, nachdem das Sausen und Brausen verstummt war – darüber lässt sich nur mutmaßen.

War da Stille? Oder Musik?

Genau an dieser Stelle, so scheint mir, verlegt sich der wissenschaftliche Artikel auf ein merkwürdiges Mutmaßen:

„Beides ist möglich“, sagt Altenmüller. Bei Menschen, die im Alte schwerhörig werden oder taub sind, träten häufig musikalische Halluzinationen auf. Man spreche dann von einem „Enthemmungsphänomen“: Wenn die Nervenzellen, die musikalische Gedächtnisinhalte codieren, keine Anregungen mehr von außen erfahren, begännen sie selbst Melodien zu produzieren – unaufhörlich und ohne Rücksicht auf Konventionen.

Gut möglich, dass ein paar der auf diese Weise entstandenen Themen und Melodien seit zwei Jahrhunderten zum Kern der europäischen Musikkultur gehören.

ENDE DES ARTIKELS

Man sollte diesen irreführenden Suggestionen keinen Raum geben: als ob Nervenzellen nun endlich „von selbst“ produzieren, vielleicht in einer Richtung, wie man sie früher einmal von der Écriture automatique (siehe hier) erwartete: dass hier also gewissermaßen die geheimnisvolle Instanz des Unterbewussten selbst zu sprechen beginnt. In  allerwahrster Authentizität! Ob es nun Halluzinationen oder Phantasien sind, die als „eigene“ Einfälle des Komponisten auftreten oder von fremden Kräften gesteuert erscheinen, entscheidend ist, ob er sie als Arbeitsmaterial gelten lässt. Nur dann haben sie am Ende auch Bedeutung für uns.

Der Artikel von Wolfram Goertz gibt eine gute Einführung in die Tempo-Problematik bei Beethoven. Ich gehe nicht ausführlich darauf ein, weil sie für mich nie so gravierend war; ich habe früh die Analysen der Schönberg-Schule gelesen, also auch Adorno, vor allem das Heft Musik-Konzepte über Tempo (genauer: Musik-Konzepte 76/77 Rudolf Kolisch: Tempo und Charakter in Beethovens Musik 1992). Das Buch von Talsma habe ich bei Freund Klaus Giersch durchgeschaut und keinen Moment als gründliche Lektüre erwogen, die darauf beruhenden Ausführungen von Grete Wehmeyer, die ja persönlich sehr liebenswürdig war, erst recht nicht ernstgenommen, vor allem nicht die in halbem Tempo exerzierten Musikbeispiele.

Im Fall der jetzt enthusiastisch auf den Schild gehobenen Eroica-Interpretation von Hermann Scherchen, die ins andere Extrem gegangen war, nämlich die Metronomzahlen Beethovens buchstäblich umzusetzen, habe ich bei aller Faszination allerdings auch Vorbehalte, – wenn der letzte Satz vorübergejagt ist, frage ich mich, ob nicht „der gestirnte Himmel“ irgendwo hätte aufscheinen können, die Klarheit und Ruhe, die Beethoven an Kant so begeistert hat. (Siehe auch hier.) Letzter Satz im folgenden Dokument ab 33:21. Was geschieht zwischen 38:50 und 42:56?

Quelle DIE ZEIT 3. Januar 2020 Seite 52 ff Mein Beethoven Geld sammeln, Romane schreiben, aufwachen, lange Hosen tragen – sechs Prominente erzählen, wie seine Musik ihr Leben verändert / darin Seite 54: Am Tempolimit „An den aberwitzigen Metronomzahlen, die Beethoven seinen Werken verpasst hat, können selbst heutige Musiker noch scheitern. Was wollte der Komponist uns damit sagen?“ Von Wolfram Goertz.

Daraus die Schlussworte als ZITAT:

Zweifellos fühlte sich Scherchen, der in Schönbergs Tradition stand – er hatte die Uraufführung des Pierrot lunaire dirigiert -, als Vollstrecker der Metronomangaben, die er zu ihrer unaufhaltsamen Großartigkeit befreit. Bei Scherchen muss sich der Hörer anschnallen und weiß nicht, ob er die Reise überlebt. Am Ende ist er erledigt, erschöpft, überwältigt, beseelt.

Das Orchester klingt auf der Aufnahme manchmal, als betreibe es seine eigene Implosion. An einigen Stellen klappert es gehörig. Aber dieses Klappern erzeugt nur ein Häufchen Kehricht, das unter Scherchens Feuer sogleich verbrennt. Und da Scherchens Motivationskunst noch größer war als seine Strenge, entstand ein Einzigartiges: das Neue. Ohne Metronom hätten wir es möglicherweise nie erlebt.

*     *     *

Grund genug, eine im Beethoven-Jahr vielleicht weniger angesagte Sinfonie unter die Lupe zu nehmen, die erste, und einfach zu lesen, welche Überlegungen Hermann Scherchen dazu in seinem schönen Buch „Über das Dirigieren“ anstellt. (Ich habe mir das Buch zu Anfang meines Studiums in Köln zugelegt, zugegeben: ohne es gründlich durchzuarbeiten: ich wollte nicht unbedingt Dirigieren lernen, sondern z.B. Beethovens Sonaten für Klavier und Violine und sein Violinkonzert studieren. Aber in einer unserer ersten Methodikstunden, dafür gibt es Zeugen, war ich es, der das Hauptthema der ersten Sinfonie fehlerfrei an die Tafel schreiben konnte und die Erstsemester, die wir unterrichteten, in Staunen versetzte. Objektiv natürlich kein Wunder, wenn man das Stück schon Jahre vorher mit seinem Bruder vierhändig gespielt hatte. Und mit welcher Begeisterung!)

Ich muss in Worte fassen, was für mich später die entscheidenden Punkte wurden bei der Beurteilung einer Eroica-Aufführung:

  1. Erkenne ich die Ideen, die mir das Buch von Martin Geck und Peter Schleuning eingegeben hat? Ich möchte dem „Ernst der Lage“ begegnen und nicht nur die Tempo-Konstanz bestaunen, ich möchte auch den Evolutionsmythos von den Geschöpfen des Prometheus herauswachsen hören.
  2. Spüre ich ähnliche Erschütterungen, wie ich sie bei Aufführungen mit dem Collegium Aureum wahrgenommen habe? Wie subjektiv auch immer. Egal, ob es dieselben Tempi waren. Wir arbeiteten, so hieß es, nach Maßgabe der Pariser Beethoven-Aufführungen, die François-Antoine Habeneck vom Konzertmeisterpult aus geleitet hat. Ich spüre jederzeit, wenn ich daran denke, den wilden Auftakt, den Franzjosef Maier mit Bogen und krachendem Klappstuhl gab, wenn es in den Sechzehntelansturm zu Beginn des Finales ging, dann das Konzentrationswerk der Variationenentfaltung, wartete auf den überirdischen Auftritt der Oboe (Helmut Hucke) und auf den dröhnenden Chor der Naturhörner. Größeres gibt es nicht!

Da ich dies in Domburg an der niederländischen Küste schreibe, gehört der Blick auf das Meer zur aktuellen Rückerinnerung an die Eroica, obwohl diese Landschaft natürlich nichts mit Beethoven zu tun hat. Es ist das Gefühl der physischen Gewalt und des Erhabenen, das einen hier wie dort überwältigt.

(Fortsetzung u. Fotos  folgen)

Zum Jahresende

Dies ist ein Programmtext für drei Weihnachtskonzerte, die in Heidelberg, Mannheim und Schriesheim stattfinden. Ich wollte, ich könnte dort zuhören, nachdem ich neulich in Bonn einen atemberaubenden Vorgeschmack bekam. (Siehe hier).

Den Ablauf der Konzerte kann man anhand des Heidelberger Programms studieren. Des weiteren hier. Der einführende Text entfaltet eine flankierende Gedankenwelt, die man im Blick auf Weihnachten vielleicht nicht erwartet, weil man von Kindheit an in der dunkelsten Jahreszeit mit besonders strahlenden Visionen und Lichtphänomenen versorgt wurde. Zumal auch die Denkfigur des „quia absurdum est“ zuverlässig eingeübt wurde, – „und wenn du denkst, es geht nicht mehr“…

Gewiss wird es dort ganz anders klingen als in der folgenden Version desselben Gesangs; sie aber setzt wiederum unserer gewohnten Klangwelt auf ihre Weise etwas ganz Anderes entgegen:

*    *    *

Und jetzt?
von J. Marc Reichow

Vergente mundi vespere heißt es in der leicht apokalyptischen Sicht des lateinischen Conditor-Hymnus, den wir heute in elaborierter Vertonung von Guillaume Du Fay hören. Thomas Müntzer übersetzt später den sinnbildlichen Niedergang mit Do sich die welt zum abent want – aber wie beziehen wir das auf unsere Welt? Auf welche Rettung dürfen denn wir noch hoffen und durch wen, kurz vor Sonnenuntergang und am Tipping Point des Weltklimas?

Im September erschien ein rücksichtsloser, voraus schauender Aufsatz von Jonathan Franzen, Autor von The Corrections, Übersetzer von Karl Kraus und Schirrmacher-Preisträger, im New Yorker. Seine kontroverse Aufnahme durfte keinen Leser überraschen, der mit dem essayistischen Schaffen des Romanciers Franzen, etwa den radikalen Ansichten zum Naturschutz (Singvögel!) vertraut war. Die ebenso unscheinbare wie provozierende Titelfrage

„Was, wenn wir aufhören würden, so zu tun, als ob die Klimakatastrophe zu verhindern wäre?“ 

berührt mehrere Aspekte wenn nicht der Weihnacht, so doch einer Jahresendzeit, und offensichtlich spekuliert Franzen auf einen neuen Denkzusammenhang aus bekannten und verdrängten Fakten, eine neue Perspektive für Gegenwart und Zukunft. Für die Vergangenheit bleibt vorerst keine Zeit.

Auf Widerwillen und Widerstand stieß Franzens Aufsatz auch deswegen, – ein F.A.Z-Kritiker verkannte ihn bewusst als „amüsanten Text“ (2), andere unterstellen ihm paradoxerweise Abwertung des Klimaaktivismus, wieder andere sahen ihn als bloße Fortsetzung älterer Naturschutzkontroversen -, weil der erste Teil seiner unfrohen Botschaft ernster genommen wurde als die konkrete Utopien ihres zweiten Teils: nur dessen pragmatischer Hoffnungsgehalt erlaubt es überhaupt heute, den – nach drei Monaten natürlich längst vergessenen – Artikel zu Weihnachten wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Wenn Franzen auf das Verhältnis von Hoffnungslosigkeit, Hoffnung und Rettung abzielt, tut er dies schon in der Titelfrage mit psychologischer Empathie und aus der Perspektive des wahrnehmenden, selbst im Bestreben um Nähe (oder Ferne!) zu den Fakten unsicheren Individuums. Er ist Erzähler und spricht für sich.

Trotz der himmelschreienden Tatsache, dass ich bald tot sein werde, für immer, lebe ich in der Gegenwart, nicht in der Zukunft. Gezwungen zur Entscheidung zwischen einer beunruhigenden Abstraktion (Tod) und der beruhigenden Evidenz meiner sinnlichen Wahrnehmung (Frühstück!), hält sich mein Bewusstsein lieber an letzterer fest. Außerdem: der Planet ist immer noch wunderbar intakt, immer noch grundsätzlich normal – mit dem Wechsel der Jahreszeiten, einem neuen Wahljahr vor uns, neuen Unterhaltungsserien auf Netflix -, und sein bevorstehender Kollaps ist für mein Bewusstsein viel schwerer zu fassen als der Tod. 

Andere Arten von Apokalypse, egal ob religiöser oder thermonuklearer oder asteroidenbedingter Art, kommen zumindest mit der binären Sauberkeit des Sterbens: in einem Moment gibt es die Welt noch, im nächsten ist sie für immer verloren. Klimaapokalypse ist, im Gegensatz dazu, unordentlich. Sie wird die Form zunehmend schwerer Krisen annehmen, die sich chaotisch häufen, bis die Zivilisation auszufasern beginnt. Die Sache wird immer immer schlimmer, aber vielleicht nicht zu bald und vielleicht nicht für Jeden. Vielleicht nicht für mich.

„Vielleicht nicht für mich“ ist merkliche oder unmerkliche Anspielung auf jenes Zitat von Franz Kafka, mit dem Franzen seinen Essay begonnen hat – und dessen Umkehrung auch die Umkehrung von Hoffnungslosigkeit in (vielleicht trügerische) Hoffnung bedeuten könnte. Es ist dies die zentrale Denkfigur von Franzens Versuch.

„Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung“ sagt uns Kafka – „nur nicht für uns.“ (3). Dies ist ein angemessen mystisches Epigramm von einem Schriftsteller, dessen Handlungsfiguren zu scheinbar erreichbaren Zielen streben und, tragischer- oder amüsanterweise, diesen doch niemals näher zu kommen vermögen. Es scheint mir aber, in unserer sich schnell verdüsternden Welt, dass die Umkehrung von Kafkas geistreicher Bemerkung ebenso zutrifft: Es gibt keine Hoffnung außer für uns.

Natürlich spreche ich vom Klimawandel. Der Kampf um die Zügelung der globalen CO2-Emissionen und um den Schutz des Planeten vor der Schmelze fühlt sich an wie eine Kafka’sche Fiktion. Das Ziel ist seit dreißig Jahren deutlich, und trotz ernsthafter Bemühungen haben wir im Kern keinerlei Fortschritt gemacht, es zu erreichen. Heute gilt die wissenschaftliche Evidenz als unwiderlegbar. Wenn Sie jünger als Sechzig sind, haben Sie gute Chancen, die radikale Destabilisierung des Lebens auf der Erde mitzuerleben – massive Ernteeinbrüche, apokalyptische Brände, implodierende Wirtschaftssystem, epische Überflutungen,hunderte Millionen von Flüchtenden aus Regionen, die durch extreme Hitze oder permanente Trockenheit unbewohnbar geworden sind. Sind Sie unter Dreißig, werden Sie das praktisch garantiert erleben.

Sorgen Sie sich um den Planeten und um die Menschen und Tiere, die auf ihm leben, gibt es zwei mögliche Denkweisen hierüber. Sie können weiterhin hoffen, dass die Katastrophe abwendbar ist, und sich dabei um so mehr durch die Inaktivität der Welt frustrieren oder erzürnen lassen. Oder Sie können das Kommen des Desasters akzeptieren und neue zu überlegen beginnen, was es bedeutet, zu hoffen.

Entscheidend nun heute hier, rhetorische Fragen nicht nur zu stellen, sondern Antworten zu suchen. Oder: an die Möglichkeit von Antworten zu glauben? Franzens Konsequenzen scheinen paradox, berühren sich aber um so enger mit der Frage nach der Rolle von Kunst und Kultur heute.

Völlig falsch mutet der Vorwurf an, sein Essay verhalte sich unpolitisch – zumal in einer Zeit und in einem gesellschaftlichen Kontext, wo um die Neubesetzung von Begriffen wie „Bürgerlichkeit“ (4) ein Kulturkampf inszeniert wird.

Und so frage ich mich, was passieren würde, wenn wir uns, statt die Realität zu leugnen, die Wahrheit sagen würden. (…)

Obwohl individuelles Handeln keine Auswirkung auf das Klima haben, heißt dies nicht, sie wären bedeutungslos. Jeder von uns kann/muss sich ethisch entscheiden. Während der protestantischen Reformation, als die „Endzeit“ lediglich eine Denkfigur war und nicht die schrecklich konkrete Tatsache, die es heute ist, war eine Schlüsselfrage der Doktrin, ob man Gutes zum Zweck tun sollte, dadurch in den Himmel zu gelangen, oder einfach weil es gut war – weil man nämlich, während der Himmel mit einem Fragezeichen versehen war, doch wusste, dass diese Welt besser wäre, wenn jeder Gutes täte. Ich kann den Planeten respektieren und mich um die Menschen sorgen, mit denen ich ihn teile, ohne jedoch glauben zu müssen, dass dies mich retten wird.

Aber mehr als das, kann eine falsche Hoffnung auf Rettung aktiv schädlich sein. Wenn man dabei bleibt, die Katastrophe für abwendbar zu halten, verpflichtet man sich zum Inangriffnehmen eines Problems, das durch seine immense Größe alles an Priorität übertreffen müsste, für Jeden und für immer. Folge davon ist, verwunderlicherweise, eine Art Selbstzufriedenheit: durch die Wahl „grüner“ KandidatInnen, durch das Fahrradfahren zur Arbeit, durch das Vermeiden von Flugreisen könnte man das Gefühl bekommen, alles für das einzige wichtige Ziel unternommen zu haben. Andererseits gibt es, wenn man die baldige Überhitzung des Planeten bis hin zur Bedrohung der Zivilisation als Tatsache akzeptiert, sehr viel mehr, das man unternehmen sollte.
Unsere Vorräte sind nicht unbegrenzt. Selbst wenn wir viele von ihnen in eine großen Wurf zur Reduzierung von CO2-Emissionen investieren würden, in der Hoffnung auf unsere Rettung, so wäre es doch unklug, sie alle zu investieren. Jede Millarde Dollar, die für Hochgeschwindigkeitszüge ausgegeben wird (…), ist eine nicht zur Katastrophenvorsorge, zur Reparationszahlung an überflutete Länder, für zukünftige Menschenrettung genutzte Milliarde. (…)
Die totale Mobilmachung gegen den Klimawechsel ergab nur Sinn, solange dieser besiegbar war. Akzeptieren wir einmal, dass wir verloren haben, ergibt sich daraus größere Bedeutung für andere Arten des Aktivismus. Einschlägiges Beispiel ist die Vorbereitung auf Brände und Fluten und Flüchtlinge. Aber die drohende Katastrophe erhöht die Dringlichkeit beinahe jeder weltverbessernden Aktion. In einer Zeit des zunehmenden Chaos suchen Menschen eher Zuflucht in (identitärem, Anm.) Tribalismus und Waffengewalt als in der Macht des Gesetzes, und eine unserer besten Verteidigungen gegen diese Art von Dystopie ist die Aufrechterhaltung funktionierender Demokratien, funktionierender Rechtssysteme, funktionierender (kommunaler) Gemeinschaften.
In dieser Hinsicht kann jede Bewegung in Richtung einer gerechteren und zivilisierten Gesellschaft als Aktion für das Klima gesehen werden. Die Sicherung freier Wahlen ist Klimaschutz. Bekämpfung extremer Wohlstandsunterschiede ist Klimaschutz. (…) Einführung humaner Einwanderungspolitik, Unterstützung von Antirassismus und Gleichberechtigung, Förderung des Respekts von Rechtsprechung und ihrer Durchsetzung, Unterstützung der freier und unabhängiger
Pressearbeit, Befreiung des Landes (USA, Anm.) von halbautomatischen Feuerwaffen – all diese Aktivitäten sind bedeutsam für den Klimaschutz. Zum Überleben ansteigender Temperaturen wird jedes System, egal ob Teil der Natur oder der menschlichen Zivilisation, so stark und gesund sein müssen, wie wir es machen können.

Und dann ist da die Frage der Hoffnung. Was wird man, wenn alle Hoffnung für die Zukunft von einem grob optimistischen Szenario abhängt, in zehn Jahren unternehmen, wenn selbst dieses Szenario sogar theoretisch als unbrauchbar erweisen wird? Den Planeten komplett aufgeben?
Mit einer Anleihe bei Wirtschaftsberatern würde ich ein gleichmäßiger verteiltes Portfolio von Hoffnungen empfehlen, manche davon langfristig, die meisten aber kurzfristig angelegt. So gut es ist, gegen die Beschränkungen der menschlichen Natur anzugehen und auf Abmilderung des Kommenden zu hoffen, so wichtig ist daneben, kleinere, lokalere Gefechte auszutragen, bei denen man mehr Aussicht auf Erfolg hat. Tun wir das Richtige für den Planeten, ja, aber versuchen wir auch das zu retten, was uns spezifisch am Herzen liegt – eine Gemeinschaft, eine Institution, einen Ort in der Wildnis, eine gefährdete Art – und schöpfen wir Mut aus unseren kleinen Erfolgen. Jede gute Sache, die man jetzt tut, ist unter Umständen eine Absicherung gegen die überhitzte Zukunft, aber die wirklich bedeutungsvolle Sache ist, dass sie heute gut ist. So lange wir etwas lieben, gibt es etwas, dem unsere Hoffnung gilt. (…)

Liebe und Hoffnung sind keine ungewöhnlichen Weihnachtsbotschaften, aber ihre Motivation ändert sich: schneller als erwartet befinden wir uns, alle, in einer Situation, in der Zukunft ohne das Zusammendenken individueller, „privater“ und globaler Sicht und Verantwortung kaum mehr möglich scheint. Allerdings: hat man sich für einen Moment auf Jonathan Franzens Perspektive eingelassen statt auf grundlose Hoffnungstraditionen, so könnte man die Vermutung teilen, Kunst und Kultur wären mit dieser Perspektive längst vertraut.

Wie als Antwort auf Franzens rhetorische Frage findet Olga Tokarczuk dieser Tage in ihrer großen Stockholmer Nobelpreisrede (5) die Hoffnung für unsere Welt in einer explizit zärtlichen Verbindung menschlicher wie künstlerischer Sichtweisen. Gemeint ist damit mehr als nur die Kraft der Literatur – hören wir nicht in jeder „Musik zu Weihnachten“, die der heutigen Situation angemessen wäre, etwas wie das, was Tokarczuk (statt als Hoffnung, Liebe oder Empathie) mit dem Begriff der Tenderness bezeichnet, der Zärtlichkeit als der „bescheidensten Form der Liebe“?

Die Zärtlichkeit (…) ist das Begreifen der Welt als lebendig, lebend, verbunden, zusammenhängend mit und abhängig von sich selbst. Literatur baut auf die Zärtlichkeit zu jedem anderen Wesen als uns selbst. (…)

Die Klimakatastrophe und die politische Krise, in der wir heute unseren Weg zu finden versuchen, und die wir ängstlich durch Rettung der Welt zu stoppen versuchen, kommt nicht aus dem Nichts. Wir vergessen oft, dass sie nicht nur Resultat einer Laune des Schicksals oder der Bestimmung sind, sondern von sehr spezifischen Handlungen und Entscheidungen abhängen: ökonomischen, sozialen und solchen, die mit Weltanschauung (auch religiöser Art) zu tun haben. Gier, Missachtung der Natur, Selbstsucht, mangelnde Vorstellungskraft, endlose Konkurrenz und fehlende Verantwortung haben die Welt zu einem Objekt abgewertet, das in Stücke geschnitten, verbraucht und zerstört werden kann.

Deswegen glaube ich daran, dass ich Geschichten erzählen muss, als ob die Welt eine lebende, vollständige Einheit wäre, die sich ständig vor unseren Augen formt – als ob wir ein kleiner und zugleich mächtiger Teil von ihr wären.

*    *    *

(1) Jonathan Franzen, What If We Stopped Pretending? – The climate apocalypse is
coming. To prepare for it, we need to admit that we can’t prevent it, The New Yorker,
08.09.2019, Übs. und Hervorhebungen hier von JMR
(2) Jan Wiele, Akopalüze nau! – Jonathan Franzens Dialektik, F.A.Z. 10.09.2019
(3) hier zit.n. Max Brod, Der Dichter Franz Kafka, in Gustav Kronjanker, Juden in der
deutschen Literatur, 1922
(4) vgl. den Wahl- und Begriffsbesetzungskampf um die „bürgerliche“ Mitte im virtuellem Adventskalender einer oppositionellen Berliner Senatsfraktion samt geklimperten Dauerschleifen von „Es ist ein Ros entsprungen“ und unter dem Nazibegriff „Deutsche Weihnacht“
(5) Olga Tokarczuk, Nobelpreisrede The Tender Narrator, Stockholm 07.12.2019,
zit.n.d. engl. Übs. (Jennifer Croft and Antonia Lloyd-Jones), Übs. JMR,
https://www.nobelprize.org/uploads/2019/12/tokarczuk-lecture-english.pdf

(Wiedergabe des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers ©JMR)

Neues von Rainer Prüss

Schöne Aussichten

Es passt nicht ganz zusammen, aber das ist keine Schuld des Urhebers, sondern die meines Blog-Systems. Außerdem möchte ich nicht vergessen machen, dass die Bilder, von denen natürlich jedes ein Großes und Ganzes ist, den Heften aus Papier entnommen sind; man muss und darf darin blättern, man hat sie nicht in den Digitalfingern, sondern in den Händen, die auch beim Handwerk real mitwirken, wie bei der Handhabung der Musikinstrumente. Es ist zum Staunen!

 

 

Auf dem Computerbildschirm setzen sie sich halt nebeneinander und ergänzen sich, im Handy folgen sie nacheinander und geben ästhetisch sonderbar zu denken, mir gefällt das auch. Noch schöner, wenn das Heft aufgeklappt den Nachttisch schmückt und zur beschaulichen letzthinnigen Betrachtung einlädt.

Für alle Bilder und Texte gilt ©Rainer Pruess, wie schon vor zwei Jahren, ein herzlicher Dank für die Erlaubnis, dies wiederzugeben und gebührend darauf aufmerksam zu machen. Siehe also auch hier. Mich interessiert noch ganz besonders ein Denkzettel über die großen brückenschlagenden  Festivals, mit denen wir ja seit den 90er Jahren (Rudolstadt) oder sogar seit Mitte der 70er Jahre verbunden sind (WDR Folk- oder Weltmusik-Festival) in Köln, Bonn, Aachen und eben ein einziges Mal – zur Begrüßung nach der Wende – in Rudolstadt.

 

Es sind nicht nur Brücken. Zuweilen darüberhinaus auch Denkmäler des Eigensinns und der Selbstherrlichkeit. Unversehens auch nützliche Instrumente zur Relativierung der Brückenwärter.

Bücherbedarf

Warum gerade dies?

 .    .    .

Weil es die eigene Zeit verstehen (und verändern) hilft. Ich kam darauf durch die Präsenz der Autorin in der Lanz-Sendung 8. Oktober 2019 (mit N.Kampusch) HIER

Warum Peter Gülke? Man kann sicher sein, dass er diesen Gegenstand mit einem universalen (linken) Blick betrachtet, nicht als lebenslänglich eingeschränkter Archivar. Er schreibt (heute) eher etwas schwierig, aber was ich kenne (Brahms/Bruckner, Schubert, Schumann), möchte ich nicht missen. Dieses frühe Buch ist einfacher zu lesen, und wenn ich meine, man müsse zu diesem Thema unbedingt auch Salmen lesen („Der fahrende Musiker im europäischen Mittelalter“), oder Bachmann („Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels“) oder Hammerstein („Die Musik der Engel“), er kannte das alles schon!

  Köhler & Amelang Leipzig 1975

285 Seiten, mit einer unbezahlbar schönen Bildauswahl, antiquarisch für 6,50 €

Antiquarisch, aus dem Besitz eines Rauchers (man riecht es), leicht vergilbt, aber ohne Lesespuren. Ich werde es mir durch viele Unterstreichungen aneignen.

ZITAT

„Schritte zum mehrstimmigen Komponieren“ (Gülke a.a.O. Seite 79f)

Wo immer der erste Schritt getan wurde, ob er angeregt war durch Erinnerungen an die Heterophonie, das freie Umspielen einer gleichen Melodie durch verschiedene Instrumente in der Antike, oder dadurch, daß Sänger verschiedener Stimmlagen die gleiche Melodie in der jeweils bequemsten Lage sangen und so zu einer Parallelbewegung kamen – entscheidend war der Entschluß, die „wild“ improvisierte Mehrstimmigkeit theoretisch zu fassen und so als kompositorische Möglichkeit zu legitimieren. Im Rahmen improvisatorischen Musizierens hätte die Mehrstimmigkeit sich nicht so entwickeln können, wie es in Europa geschah. Eben hieran zeigt sich der Unterschied von Komposition und Improvisation in aller Deutlichkeit: Wohl ist der Improvisierende „frei“ insofern, als er nicht an die Vorgabe eines Notentextes gebunden ist, aber die Wahrnehmung seiner Freiheit, alle Ausflüge seiner Phantasie erscheinen sinnvoll nur in einem Rahmen, den ihm das Verständnis seiner Zuhörer und das Zusammenwirken mit seinen Mitspielern vorgeben, ganz abgesehen davon, daß er, befangen im Vollzug, von seinem musikalischen Gegenstande nur geringen Abstand hat; nur, wenn er ein den Zuhörern vertrautes musikalisches Material benutzt, werden sie ihn und seine Freiheiten verstehen, und nur, wenn er sich an vorgegebene melodische und harmonische Modelle hält, funktioniert das Zusammenspiel mit seinen Partnern. Anders der Komponierende, der bei der Auswahl der Mittel freiere: Er kann Auseinanderliegendes planvoll zusammendenken und so zu neuartigen Synthesen gelangen, kann ohne die Befangenheit und das unmittelbare Engagement eines Musizierenden die Einzelheit präziser kalkulieren und in ein Verhältnis zur Disposition des Ganzen setzen, er kann im Bereich des Unerwarteten, Neuen weiter ausschreiten, mit bislang unvereinbar erscheinenden Mitteln, bei den Anfängen des mehrstimmigen Komponierens.

Nicht möglich wäre dies gewesen, wenn nicht die Entwicklung der Notenschrift die Übersicht erleichtert hätte. Die schriftliche Fixierung, zunächst nicht mehr als eine Gedächtnishilfe und also ohne Weitergabe der Melodien von Mund zu Mund kaum brauchbar, half nicht nur, die Einheitlichkeit des Repertoires in weit auseinanderliegenden Gebieten zu sichern, sie entlastete nicht nur die durch das Memorieren der Musikalischen Liturgie arg strapazierten Hirne, sie muß darüber hinaus die Einstellung zur Musik grundlegend verändert haben.

Wer stürzt nieder? Millionen?

Wieviel Zeit hätten Sie denn?

Ich war nicht dort, und ich habe mit dem Rücken zum Fernseher gesessen. Ein Banause. Aber für die Großkritik der Großkritikerin der großen deutschen Zeitung habe ich Zeit. Berlin, Brandenburger Tor. Ich raste aus, wenn ich das Wort „Echoraum“ höre oder lese. Ich zitiere nur und wende mich aufs Stichwort in eine andere Richtung: Vergangenheit, Leningrad und so weiter.

Glaubt Petrenko an Beethovens Botschaft? Setzt er sich dem Echoraum der Neunten aus?

Schon der Anfang verheißt: kein langes Fischen im Ursuppentrüben leerer Quinten, zur Sache mit dem ersten Thema. Und das Ende schreit: Hexensabbat! Tschingderassabum! Prestissimo! Zumindest Letzteres steht durchaus so in den Noten, auch Furtwängler lässt es hier anno 1942 brutalstmöglich krachen. Mit dem Unterschied, dass Petrenko von Anfang bis Ende auf die Tube drückt und kaum Temporückungen zulässt, was vor allem dann ermüdet, wenn zusätzlich alles mehr oder weniger gleich laut daherkommt, vorzugsweise sehr laut. Ein Freund stabiler dynamischer Zustände war der gebürtige Sibirier schon immer.

Was soll nun das? Die Assoziation „Sibirien“ in diesem Zusammenhang? Wieviel Zeit ist eigentlich vergangen bei der Stelle, wo Beifall aufbrandet vor dem Brandenburger Tor, mitten im Schlusssatz? „… und der Cherub steht vor Gott, und der Cherub steht vor Gott, steht vor Gott, steht vor Gott, vor Gott, vor Gott.“  30.000 an Ort und Stelle, sagt man, stellvertretend für Millionen draußen im Land. Klatschen sie jetzt für Gott!? Nein, für die erste große Fermate, für das Fortissimo, für den letzten Akkord nach lauter D-Dur und endlich A-Dur, ach! nein: F-Dur, den Trugschluss als Echtschluss nehmend, für seine Länge und die kleine Luftpause. Im Finale Takt 330 (von 940). Das muss es doch gewesen sein!

Wenn die Erwartungen an einen Dirigenten derart messianisch ins Kraut schießen, wie sie zuletzt ins Kraut schossen (wofür Petrenko nichts kann) …

usw. …. usw.

Wollten die Philharmoniker mit ihrem neuen Chefdirigenten der Welt das Monument Beethoven vorführen, damit sie begreift, wie wenig sie damit in Wahrheit anzufangen weiß?

Sieht Petrenko mit Beethoven das Ende der westlichen Welt und Werte gekommen? Und ist das Erschrecken darüber so groß, dass die Musik gar nicht anders kann, als aus ihrem Antagonismus auszubrechen? Ideell sucht Petrenko damit fast Schuberts Nähe – nur dass sein Beethoven leider nicht mehr nach Bruckner und Schostakowitsch klingt. Das Antrittskonzert als Zerreißprobe.

Gewiss, der Gehalt einer Sinfonie lässt sich nicht in Schlagzeilen packen.

usw. …. usw.

Und damit zurück ins Wohnzimmer. (JR mit dem Rücken zum Fernseher.)

Quelle DIE ZEIT 29. August 2019 Seite 39 Hier zuckt keine Wimper unerlaubt Ausgerechnet mit Beethovens „Neunter“ tritt Kyrill Petrenko sein Amt als Chef der Berliner Philharmoniker an. Ganz schön mutig. / Von Christine Lemke-Matwey.

Wollen Sie das folgende kleine Liedchen ein bisschen ernst nehmen? Leicht und locker, das ist klar, – aber auch ein bisschen ernst? Stellen Sie sich vor, Sie singen es als Spaßmacher (Kabarettist) vor einem gefährlichen Despoten, den Sie strunzdumm finden; alle sollen es merken, nur er selber nicht, das könnte Sie nämlich das Leben kosten. Also: ER ist der Esel, und sein Richterspruch im Liederwettbewerb lässt den Kuckuck gegen die Nachtigall gewinnen.

In diesem Sinne: Sie kennen die Terz des Kuckucks und registrieren als adäquate Antwort die aufsteigende, definitive Quart, den Richterspruch, ja, den Richter selbst. Im Bass bei 1:10 aufgespießt. Bitte schön: im externen Fenster hier, ansonsten – dasselbe Beispiel folgt unten noch einmal.

Einstmals in einem tiefen Tal Kukuk und Nachtigall täten ein’ Wett’ anschlagen. Zu singen um das Meisterstück, gewinn’ es Kunst, gewinn’ es Glück! Dank soll er davon tragen.

Der Kukuk sprach: „So dir’s gefällt, hab’ ich den Richter wählt,“ und tät gleich den Esel ernennen. „Denn weil er hat zwei Ohren groß, so kann er hören desto bos, und, was recht ist, kennen!“ 1’10“

Sie flogen vor den Richter bald. Wie dem die Sache ward erzählt, schuf er, sie sollten singen! Die Nachtigall sang lieblich aus! Der Esel sprach: „Du machst mir’s kraus! Du machst mir’s kraus! Ija! Ija! Ich kann’s in Kopf nicht bringen!“

Der Kukuk drauf fing an geschwind sein Sang durch Terz und Quart und Quint. Dem Esel g’fiels, er sprach nur: „Wart! Wart! Wart! Dein Urteil will ich sprechen, ja sprechen.

Wohl sungen hast du, Nachtigall! Aber Kukuk, singst gut Choral! Und hältst den Takt fein innen! Das sprech’ ich nach mein’ hoh’n Verstand, und kost’ es gleich ein ganzes Land, so laß ich’s dich gewinnen, gewinnen!“

Kukuk, kukuk! Ija!

Und nun hören Sie ohne große Vorsichtsmaßnahmen den folgenden Orchester-Satz, den Kopfsatz einer Sinfonie, die dem Despoten Stalin gefallen soll, gefallen muss, – ER darf nicht misstrauisch werden! -, ein fröhlicher Satz, nicht wahr, aber in der Realität, 1945, nach dem unter unsäglichen Opfern gewonnenen Krieg – wie wird Ihnen da???

(Achtung: Event. am Anfang Reklame, überspringen! Der Satz dauert 5:25, – stoppen.)

Die klare Aussage dieses brillanten Musikstückes ist erst Jahrzehnte später publik gemacht worden, diejenigen, die es hätten früher erkennen können (und erkannt haben!), mussten das Mahler-Lied intus haben. Aber wer kannte Mahler vor 1950, zumal in der Sowjetunion? Ganz sicher Dmitri Schostakowitsch und sein engster Freund Iwan Sollertinski (der allerdings 1944 plötzlich gestorben war), Verfasser eines begeisterten Mahler-Buches, ja, und der Dirigent Jewgeni Mrawinski, der die Uraufführung der Fünften von Schostakowitsch leitete. Sie schwiegen also aus unterschiedlichen Gründen.

Letztlich war der Hintergrund der Sinfonie insgesamt der Weltöffentlichkeit unbekannt geblieben, bis der Schweizer Musikwissenschaftler Jakob Knaus im Jahre 2016 in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel veröffentlichte, Überschrift: Der Weiseste der Weisen – ein Esel? In seiner 9. Sinfonie von 1945 zitiert Schostakowitsch an zahlreichen Stellen das Lied «Lob des hohen Verstandes» von Gustav Mahler – darin hat er eine sehr spezielle Widmung an Stalin versteckt.

Online nachzulesen HIER.

Wenn Sie das Quartmotiv des Kopfsatzes im Ohr haben, werden Sie wahrnehmen, dass es im langsamen Satz unterschwellig weiterwirkt: zu der klagenden Klarinettenmelodie, im Untergrund bei den Bässen, Pizzicato, eine Art Ostinato, mit dem angehängten Kuckucksruf – in Umkehrung. Im dritten Satz wieder der entfesselte Rhythmus. Ein karnevaleskes Scherzo, das am Ende in ein großes Unisono der tiefen Streicher ausläuft: Bitte stellen Sie dasselbe Musikbeispiel im externen Fenster und gehen Sie dort direkt auf den dritten Satz: HIER auf 11:08 beginnen, kurz vor 14:03 kommt das besagte (dreitönige) Unisono-Motiv, in den letzten drei Takten des folgenden Notenbeispiels, es will offenbar mit großer Intensität eine Botschaft übermitteln.:

 Zitat: Wir arme Leut‘

Es ist also ein Zitat, den Text dazu findet man in Alban Bergs Oper Wozzeck, folgende Szene. Wenn Sie wollen, im externen Fenster hier (Achtung Reklame am Anfang?).

Bei Schostakowitsch ein Bekenntnis zu den armen Leuten, die sich im Scherzo dem Kirmestrubel des Lebens überlassen haben. Der Beginn des vierten Satzes jedoch präsentiert jenen (und uns allen) die Rechnung, die Übermacht der Mächtigen. Der Publizist Ian MacDonald nannte es Wotans Leitmotiv, – so nach dem Text, der unter dem Youtube-Video wiedergegeben ist:

For MacDonald it is „an open gesture of dissent [that] ruthlessly targeted Stalinism….Wagnerisms, the most prominent being an allusion to Wotan’s Leitmotif in the fourth movement, are probable expressions of the view, outlined in Testimony, of Stalin and Hitler as ’spiritual relatives.'“

Genau genommen bezieht der Komponist sich auf eine Gestalt des Siegfried-Motivs, das Wotan im „Feuerzauber“ am Ende der Walküre aufgreift, es wird anschließend im „schweren Blech“ wiederholt. „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie!“ (Siegfried wird es tun!) Im folgenden Beispiel ab 4:42.

Wenn Sie die entsprechende Stelle, den Beginn des Satzes 4 in der Schostakowitsch-Sinfonie, einstellen, werden Sie Verwandtschaft der machtvollen oder auch gewaltträchtigen Gesten unmittelbar erfassen. Ich möchte Sie aber bitten, die Aufmerksamkeit ganz besonders auf den Abschluss-Akkord zu richten, bzw. auf das, was sich auf dieser Ebene abspielen wird. Doch zunächst geht es nur um diesen Akkord.

Hören HIER ab 14:03

Es wird Ihnen vielleicht absurd vorkommen, aber genau dieser „Effekt“, über dem im Quintfall erreichten Zielton A (viertletzter Takt des Partiturausschnitts) einen Fortissimo-Sextakkord einschlagen zu lassen, rückt blitzschnell die Finalwirkung einer ganz anderen Oper in den Focus: „Madame Butterfly“.

 die letzten Takte der Oper „Madame Butterfly“ (Puccini).

Es ist derselbe Akkord, der sich nach dem Selbstmord der gedemütigten Frau, nach der groben Unisono-Kadenz des Orchesters, gewissermaßen über den Schlusston wirft, ein Schrei der Verzweiflung. Ihrem Kind bleibt zum Abschied die amerikanische Flagge. Der Spruch auf dem Samurai-Schwert, mit dem die Mutter sich den Tod gibt, lautet: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren.“

Sie hören es, wenn Sie in der folgenden Gesamtaufnahme ganz auf den Schluss gehen, ab 2:11:55 bis 2:12:57 (= Ende).

Und diese Assoziation wirkt lange nach bzw. dieser Klang bleibt bei Schostakowitsch unter dem anschließenden großen Fagott-Solo liegen, und dieses ist wohl neben dem zweiten Satz (Moderato) die einzige Stelle des Werkes, an der das Individuum ohne Maske auftritt. Eine ergreifende Klage, die an die Englischhorn-Melodie im dritten Akt des Tristan erinnert, die „traurige Weise“. (Das Husten gehört leider zum realen Leben, ist kein Theater.)

Ich hätte Lust, die beiden Melodien nebeneinander-, untereinanderzustellen. Am Anfang könnte Schostakowitsch eine Umkehrung der Hirtenweise im Sinn gehabt haben statt F – C aufwärts den Schritt F-C abwärts,  ganz am Ende – wie bei Wagner – ein Insistieren um den melodischen Kern des „Neapolitaners“. Aber vor allem ist es die Einsamkeit, der Verzicht auf harmonische Anpassungsvorgänge. Nur dieser stehende Klang, wie in Ives‘ „Unanswered Question“ (1908).

Bemerkenswert auch, was darauf folgt, – das Fagott schleicht sich von seinem letzten Ton aus in ein neues Tempo, streift eine Maske über und spielt fürderhin den lustigen Clown, im Dauer-Staccato, wie man es von diesem Instrument aus dem Kinderfunk kennt. Stretta gegen Schluss, Atemnot, [Tod], Sieg! – – – HIER (ab 17:10 letzter Track).

Mir scheint, dass der Biograph Krzysztof Meyer ein ganz anderes Werk gehört hat:

Die letzten drei Sätze werden ohne Pause gespielt. (…) das unerwartet auftauchende kurze und dramatische Largo [scheint] einer anderen Welt anzugehören, die nichts mit der Leichtigkeit und Heiterkeit der vorangegangenen Sätze gemeinsam hat. Das Solorezitativ des Fagotts und die dramatischen Episoden der Blechbläser stören die klassische Harmonie des Werkes (…). Dieser Satz, der nur wenige Minuten dauert, verwandelt sich in ein satirisches Finale, das ganz eindeutig eine Fortsetzung des Scherzos ist. Es ist dies eine fröhliche, heitere Musik, kunstvoll in ihrer Polyphonie und dank des völlig unerwarteten Instrumenteneinsatzes faszinierend.

Geschrieben 1995. Harmlos. Ja, so kann oder konnte man das Werk wohl auch hören; man sollte es vielleicht sogar. 1945.

Aber es geht auch ganz anders. Wenn man eine Neunte hört, die alles andere als harmlos ist, aber auch nicht überwältigen will, sondern Überwältigung reflektiert und ins Groteske wendet.

Niemand stürzt nieder, niemand von all den Millionen, die nichts mehr hören. Weder bei Beethoven noch bei Schostakowitsch.

*    *    *

Rückblick

Es ist seltsam, dass mir dieser Komponist immer wieder begegnet und mich beeindruckt, obwohl ich seine Nähe nicht planmäßig suche…

16./17. September 2005 WDR Kölner Philharmonie, Einführungen zur Sinfonie IV hier (vielleicht immer noch ganz nützlich, obwohl das Wesentliche des Vortrags fehlt, nämlich die klingenden Musikbeispiele und jeglicher Notentext).

9. Mai 2009 SWR – Weiteres also über Schostakowitsch hier (darin auch etwas über den Gebrauch des „Neapolitaners“, vor allem aber über die Sinfonie X ).

2009 Booklet-Text für die CD-Firma TACET über die Klaviertrios hier (auch dieser Text beginnt mit dem „Neapolitaner“, ansonsten handelt er „Von der ersten Liebe, vom schwierigen Leben und vom Totentanz“).

Letzte Worte zum Klima

Es eilt wirklich! (Panikmache?)

Wetterkunde ist nicht mein Metier, ich bin auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien, und über ein ewiges Leben in einer anderen Welt weiß ich absolut nichts. Aber es ist mir nicht egal, wie es auf dieser Welt in 50 oder 100 Jahren aussieht. Dafür muss ich mich nicht auf meine Enkel berufen. Auch wenn ich keine Freunde, keine nahen Verwandten und nicht mal den klitzekleinsten Nachfahren hätte, – wie könnten mir die Kriege und Katastrophen der Zukunft gleichgültig sein!? Ebensowenig wie die Vergangenheit oder – die Gegenwart. Soll denn alles vergebens gewesen sein, von Homer bis Beethoven?!

Ich kann mir andererseits gern Schopenhauers Sicht zueigen machen. Ein Luxus irgendwie. Oder auch die des Mephistopheles, – das wäre also der Geist, der stets verneint; „denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

Aber all dies doch nicht ohne Begründung. Wenn die Umwelt ihren Schutz nicht wert ist oder im Moment anderes wichtiger ist, so möchte ich wissen, warum. In jedem Fall interessieren mich auch gut begründete Gegenmeinungen. Zum Beispiel: Das System Mensch ist auf Untergang gepolt. Und da die Dinge ihren Gang gehen, ist es irgendwann soweit. Ausgerechnet in meiner Lebenszeit, wer konnte das ahnen? In den 1950er Jahren war für mich klar, dass es ewig aufwärts gehen wird, wenn ich nur positiv gestimmt bin und genügend übe. – Und jetzt? Kann man denn das System Mensch, wenn es so schlecht funktioniert, nicht einfach umpolen?

 siehe HIER (Eric Gujer)

 Screenshot (nicht anklickbar)

Die Aufzeichnung der ANNE-WILL-Sendung HIER

Harald Lesch in diesem Gesamtmitschnitt ab 26:37 / Vorweg im ERSTEN: Infos hier

Das Interview mit Greta Thunberg HIER

Harald Lesch s.a. im früheren Blog-Beitrag:

Brand an Land, Müll im Meer