Kategorie-Archiv: Gesellschaft

Wozu Musikwissenschaft?

Eine Infragestellung

Der unter dem folgenden Link erreichbare Essay – eine Polemik gegen den Stand der gegenwärtigen akademischen Musikwissenschaft – sollte einfach zur Kenntnis genommen und geprüft werden. Kritik ist wichtig, ebenso eine mögliche Kritik an der Kritik.

https://www.merkur-zeitschrift.de/2019/06/24/musikwissenschaftsdaemmerung-anmerkungen-zu-einem-unzeitgemaessen-fach/ HIER

Dem Essay vorausgegangen ist am 14.1.2016 eine (Vor-) Arbeit desselben Autors, die z.T. die gleichen Themen mit den entsprechenden Zitaten und Hinweisen behandelt:

https://kontrovers.musiconn.de/2016/01/14/digitale-historische-musikwissenschaft-eine-fragwuerdige-disziplin/ HIER

Interessant ist allein schon der neue Rahmen, den man auch hier studieren kann.

Einige Notizen zum Thema sollen folgen, ungeordnet und vielleicht unnütz.

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Mich stört zunächst einmal, dass manche Namen, die hier genannt werden, zum Beispiel Laurenz Lütteken und Ulrich Konrad, zu den Vertretern einer alten, verkrusteten Musikwissenschaft gehören sollen, nebenbei gerade solchen, die mir besonders viel bedeuten, und zwar vor allem im Zusammenhang mit Mozart (siehe hier und hier). Und warum soll mich nicht auch ein gewisser Zeitgenosse namens Woelfl um Mozarts willen brennend interessieren? Hätte ich je ohne die Arbeit der altmodischen Wissenschaft um Bach und über ihn hinaus soviel aufregende Musik aus seinem älteren Verwandtenkreis zu hören bekommen? Zugegeben: auch bei diesen Entdeckungsreisen waren viele ausübende Musiker am Werk und erst in ihrem Schlepptau wurde die Wissenschaft maßgebend tätig, und niemand sollte deren Beiträge schmälern. Wo haben denn all die Praktiker, die für glänzendste Auferstehungen alter Meister sorgten, ihr Handwerk gelernt, wenn nicht in der musikwissenschaftlichen Philologie? Und zwar so, dass sie nicht nur informierter spielen, sondern auch genauer lesen. Ich denke z.B. an die inspirierende Verbindung zwischen dem Feuerkopf Reinhard Goebel und dem Bach- und Mozartforscher Christoph Wolff.

Die schriftlich fixierte Opus-Musik ist ja ein Lieblingsfeind der U-Musik-Amateure, – das muss man sich durchaus nicht zu Herzen nehmen: Man bedenke, dass jede gelungene Melodie dazu neigt, gedankenlose Varianten auszuschließen. Die südindische Kunstmusik z.B. hat früh Wert darauf gelegt, perfekte Kompositionen der Meister bis ins Detail unverändert im Gedächtnis zu halten, ohne sich schriftlicher Stützen zu bedienen. Es gab genügend Freiraum für echte Improvisationen.

Man darf nicht verkennen, dass die komponierte abendländische Musik nicht einfach nur aufgeschrieben wurde, sie wuchs in dauernder Wechselwirkung mit Geschriebenem. Auch improvisiert wurde nach geschriebenen oder – auswendig gelernten, gewussten Mustern. Erst das Studium der geschriebenen Werke erlaubte den Neutönern gezielte Abweichungen, die vom Publikum gefühlt und goutiert wurden, ohne dass es wusste, warum. Die Musikwissenschaft aber will wissen, was da geschehen ist und studiert die Texte.

Man darf skeptisch werden, wenn jemand Musik auf das Äußerste, das am offensichtlichsten außen Liegende, den Klang, festnageln will. Vieles ist ja im Gehirn, dort wo der Klang landet, schon vorgezeichnet, ein Netz von Deutungsmöglichkeiten. Vielleicht dem ähnlich, das im Gegensystem, dort wo der Klang entworfen wird, bereits ein Spiegelbild hat. Das Ohr hört, ob es will oder nicht, aber ein Organ, das immer tätig ist, ob du willst oder nicht, ist vor allem das Gehirn. Das Ohr hört, das Gehirn arbeitet.

Der Schwachpunkt der ganzen Argumentation, abgesehen von einer zuweilen unnötig hochtrabend klingenden Ausdrucksweise, liegt in der (vorsätzlich?) defizitären Beschreibung dessen, was Musik sei. Nägele:

Musik ist aber keine Sprache, kein konkretes Zeichensystem, aller musikwissenschaftlichen Versuche, dies beweisen zu wollen, zum Trotz. Sie ist der unverständlichen, aber gleichwohl affizierenden Glossolalie vergleichbar: nicht Schrift gewordenes und als solches zu deutendes Monument, sondern ein Ereignis jenseits der Sprache. Musik spricht in diesem Sinne nicht bedeutungstragend, sondern ist ein indifferenter Stimulus, der im Moment der Rezeption ein Erregungsmuster auslöst.

Abgesehen davon, dass er vielleicht als Archivar ohnehin dazu neigt, die klassische Musik auf ihre geschriebene Erscheinungsform zu reduzieren, ignoriert Nägele offenbar den Stand der ästhetischen Diskussion, vor allem die Bedeutung der Mimesis-Forschung. Eine Musikwissenschaft, die nicht auch die Geschichte der Aufführung von Musik reflektiert, würde sich kaum noch behaupten können.

Der Autor aber diskreditiert seine Absichten, wenn er statt zu argumentieren, der historischen Musikwissenschaft unterstellt, wesentlich sei ihr eine „metaphysische Dimension“, so dass der Musikforschende ein „quasi priesterliches Amt“ ausübe.

Zugegeben: es ist kein Ruhmesblatt in der neueren Geschichte der deutschen Musikwissenschaft, dass sie die Musikethnologie (früher: Vergleichende Musikwissenschaft) ausgegrenzt hat. Aber Nägele denkt keinen Augenblick daran, das zu beklagen. (Christine Tewinkel hatte schon 2007 kritische Worte in diesem Sinne gefunden, siehe hier.) Peinlich wird es, wenn am Ende herauskommt, dass Nägele vor allem mit seinem Projekt, Richard-Strauss-Bearbeitungen zu nobilitieren, zurückgewiesen wurde. Es klingt einfach zu beleidigt, als dass man es sachlich noch ernst nehmen könnte. Peinlich:

Mein damaliger Vorschlag, man möge doch das »Publikum« entscheiden lassen, was Anspruch auf Gültigkeit habe – selbstverständlich unter Berücksichtigung und gegebenenfalls Ausgleich der ökonomischen Interessen der Rechteinhaber –, und mein Argument, ein schlecht gemachtes Arrangement, eine schlecht gemachte Bearbeitung, beschädigten oder minderten den Wert des für gut, wahr und geniehaft erklärten Originals in keiner Weise, sonst wäre es ja nicht gut, wahr und von einem Genie gezeugt, dieser Gedankengang stieß auf Unverständnis. Im Plenum herrschte daraufhin für kurze Zeit Schweigen. Dann gingen die Veranstalter zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

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Was man unter Musik verstehen kann, findet man andeutungsweise hier. Aber verstehen Sie bitte nicht zu schnell!

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Musikwissenschaftliche Ehrenbezeugung: In meinen Augen ist es ein Widerspruch, wenn man sich über ein Zuviel im Fall Joseph Woelfl und über ein Zuwenig im Fall Harald Genzmer beklagt.

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Wenn mir jemand persönlich seine Unzufriedenheit über die Musikwissenschaft mit eindringlicher Miene kundtäte, würde ich vielleicht zum Bücherschrank gehen, einen der 26 Lexikon-Bände MGG „MUSIK IN GESCHICHTE UND GEGENWART“ herausnehmen und an beliebiger Stelle aufschlagen: was für ein Wunderwerk des Wissens! Oder ganz gezielt im Personenteil das Stichwort MOZART, im Sachteil das Stichwort INDIEN oder AFRIKA SÜDLICH DER SAHARA – und würde erklären, weshalb mir die Zukunft der Welt doch nicht so aussichtslos erscheint, wie man bei der täglichen Zeitungslektüre glauben möchte. Und die Musikwissenschaft sowieso anders, als man dank Reiner Nägele argwöhnen könnte.

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Gestern traf das Magazin „Musik & Ästhetik“ Heft Juli 2019 an, und mein Blick fiel als erstes auf den Beitrag „Hörtäuschung bei Johann Stamitz“ – als zweites auf die Behandlung des großen Buches über Bernd Alois Zimmermann,  eine Rezension von Markus Roth, ein Muss an Lesestoff also und überhaupt: über Keith Jarrett, über die Gegenwart der Alten Musik und so weiter… Und immer die bohrende Frage: ist das alles verzichtbare Musikwissenschaft? Fast nichts kann ich lesen, ohne es mir zu erarbeiten. Sollte man nicht das Publikum abstimmen lassen, ob die Zeitschrift weiterhin subventioniert werden soll? (Ob sie es wird, weiß ich nicht).

Lesen Sie nur dieses Beispiel:

Nimmt er nicht diesen Stamitz viel zu wichtig? Und holt er nicht zu weit aus? Und die tabellarischen Analysen sind doch reinstes Augenpulver, nicht wahr? Oder eine ganz listige Frage: warum gerade Johann, warum nicht lieber den Carl?

Muss ich extra das Internet bemühen? (Ja sicher, einfacher als heute hat man musikwissenschaftliche Unterstützung noch nie bekommen können. Siehe z.B. hier. Und dann auch noch die Noten hier. Und vielleicht ein Klangbeispiel zur Aufmunterung? Sie kennen doch Youtube? Vielleicht dies. 4 sec Werbung überspringen!)

Die Problematik der Musikwissenschaft entsteht für mich durch die Tatsache, dass jeder interessante Begriff, der auftaucht, eine Unmenge an Arbeit heraufbeschwört. Seit ich den vorigen Absatz beendet und die Warnung mit den „4 sec Werbung“ hingeschrieben habe, hat sich um mich herum eine Anzahl von Büchern versammelt, alle aufgeschlagen und quergelesen, einige Seiten auch recht gründlich, den Vorsatz motivierend, in naher Zukunft alles noch gründlicher aufzuarbeiten: da ist auch das Büchlein von Carl Dahlhaus, das Oliver Wiener zitiert, wo sich leider neben der Analyse der Stamitz-Sinfonie D-dur auch eine hochinteressante Behandlung des „Actus Tragicus“ BWV 106 findet, später auch noch die eines Streichquartettsatzes von Haydn, opus 20, 2, der Klaviersonate c-moll op. posth. von Schubert und vieles anderes, – wie soll ich mich retten? Das Stichwort Manierismus treibt einen ins Uferlose, im oben erwähnten, geliebten Lexikon MGG genügt allerdings im Sachteil der Band 5, der auf den Artikel „Manierismus“ nahezu unmittelbar die Artikel Mannheim und dann Mannheimer Schule folgen lässt. Hervorragende Artikel. Ich weiß, dass ich nicht ohne den hochverehrten Ernst Robert Curtius auskomme (Sp.1629), in der nächsten Spalte beginnt „Manierismus in der Musikgeschichtsschreibung“ und auf der wiederum nächsten Seite merke ich mir die Sätze:

Es geht nicht um außergewöhnliche Mittel und nicht um die Häufung gewöhnlicher, sondern um die ‚Verfremdung‘ und kunstreiche, paradoxe Umkehrung der traditionellen Regelsysteme, Grammatik und Rhetorik. Erst von diesen Denkformen her ergeben sich sinnvolle Fragen nach einem Manierismus in der Musik und Möglichkeiten, Entsprechungen auf kompositorischer Ebene zu finden, in den Regelsystemen der musikalischen Rhetorik, der Kontrapunktlehre und der Tonartenlehre. Ein solcher historisch fundierter, eingegrenzter und soweit möglich präziser Begriff von musikalischem Manierismus würde auch deutlich machen, daß Manierismus in der Musikgeschichte, ebenso wie in der Literaturgeschichte eine ideen- und stilgeschichtliche Tendenz neben anderen und daß er, anders als in der Literaturgeschichte, vermutlich auf eine kleine Gruppe von Komponisten beschränkt war.

Schluss! Unentbehrlich allerdings der Abschnitt Sp. 1656 ff über den Mannheimer Stil – im Blick auf die Entstehung der Sinfonie und vor allem, wieder einmal,- auf Mozart.

Und wenn Sie aufmerksam lesen und genau hinhören, entdecken Sie: es ist doch nichts überflüssig. Jedenfalls wenn Sie in Musik mehr als einen vorüberrauschenden Klang wahrnehmen wollen, der Sie irgendwie affiziert. (Sonst bleiben Sie doch getrost bei Nägele!)

Muss das sein? Es muss sein!

Zum Ausklang:

Quelle Carl Dahlhaus: Analyse und Werturteil / Musikpädagogik / Forschung und Lehre Band 8 / B.Schott’s Söhne Mainz 1970

Nebenbei: Wenn Sie bisher geglaubt haben, dass Manierismus etwas ganz anderes ist, als eben – im Zusammenhang mit Johann Stamitz – angedeutet wurde, haben Sie natürlich auch recht: Florentiner Manierismus zum Beispiel, wie hier zu sehen.

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Ich sehe, dass manche meiner Argumente (Notenschrift) womöglich auf die Dahlhaus-Lektüre und deren Verinnerlichung in früheren Jahren zurückgehen. Zur täglichen Lektüre gehörte damals (neben Adornos „Korrepetitor“) das Büchlein zur Musikästhetik, das ich heute vielleicht mal repetieren müsste; die Sicht hat sich verändert. Zur Erinnerung hier noch ein Zitat aus der 10 Zeilen weiter oben angegebenen Quelle:

Die Meinung, daß Musik ihr ästhetisches Daseinsrecht verliert, wenn sie gelesen werden muß, ist weniger sachlich als sozial motiviert: Sie entstand nicht als Reflex der Entwicklung des Komponierens im 18. und 19. Jahrhundert, sondern zur Rechtfertigung eines musikalischen Analphabetismus, der in der banalen Tatsache begründet ist, daß die musikalische Notation, im Unterschied zur Sprachschrift, außerhalb der Kunst nutzlos ist. (…)

Das scheinbar unbefangene Hören des musikalischen Analphabeten ist in Wahrheit ein in den Schemata der Unterhaltungsindustrie befangenes; und ästhetische Freiheit, die sich „unmittelbar“, unbeengt durch Dogmen zum Gegenstand verhält, ist kaum anders als auf dem Umweg einer Emanzipation vom Eingeschliffenen zu erreichen – einer Emanzipation, zu deren Werkzeugen eine durch Schriftlichkeit vermittelte Reflexion über Musik gehört.

Quelle a.a.O. Seite 63 f

Und ein Ja zur Schriftlichkeit bedeutet natürlich auch immer ein Ja zur Philologie. Eine kleine Warnung zusätzlich: das Nachdenken ohne Schrift (ohne Notizen) geht oft genug nahtlos in (neigungsgelenkte) Kreisbewegungen über.

Ethnopluralismus

Ein unschuldiges Wort?

Die Betrachtung zweier Dinge möchte ich lebenslang im Zentrum wissen, auch wenn es widersprüchlich klingt: die Natur, wie sie [ohne uns] existiert. Und: wie wir leben oder wie wir in Zukunft leben können. Wie aber all dies sich anfühlt, zeigt fortwährend die Musik.

Weshalb ich (JR) mich für Themen interessiere, die nicht unmittelbar damit zu tun haben, ist schnell gesagt: es gibt bestimmte Worte, auf die ich nicht verzichten möchte, ohne aber Gefahr laufen zu wollen, mit völlig absurden Tendenzen in Verbindung gebracht zu werden. Zum Beispiel die Worte Heimat, Vielfalt, Globalisierung. Auch die Wortungetüme Multikulturalität oder Bi- (bzw. Multi-) Musikalität. Etwa hier, die „Alte Heimat“ Lohe betreffend; oder hier, die neuere Heimat Solingen. Überhaupt mehrere „Heimaten“, die mir viel bedeuten. Themenkreise überpersönlichen Charakters (aber amalgamierbar). Urlaubsorte, die mir ans Herz wachsen. Dann z.B. das alte Thema Globalisierung bzw. Vielfalt hier. Daher bin ich dankbar für klärende Texte wie den folgenden von Philipp Krüpe.

ZITAT

Wenn auf [bestimmten Internet-] Seiten ein Europa zelebriert wird, das aus rein weißen Menschen besteht, die in traditionalistischen Gebäuden wohnen, geht es den Verantwortlichen vordergründig nicht um einen White-Supremacy-Rassismus, sondern um das neurechte Konzept des „Ethnopluralismus“.

Der Historiker Volker Weiß sieht in diesen Argumentationen den bekannten Rassismus im modernisierten Gewand. Wenn die Rede vom Ethnopluralismus ist – also das angebliche Recht jedes Volkes (in diesem Fall gar eines europäischen), seine ethnokulturelle Identität bewahren zu dürfen -, wird das Bild einer Vielfalt suggeriert, die auf der „Gleichwertigkeit homogener Völker in ihren angestammten Lebensräumen“ 05 basiert. Das klinge „zunächst wesentlich menschenfreundlicher als die üblichen Ungleichheitslehren“, so Volker Weiß, berge „aber im Glauben an ethnische Homogenität und der Verbindung von Volk und Raum dieselben Ausschlussmechanismen“. 06

Eine Vielzahl vornehmlich junger Menschen scheint Gefallen an den dramatischen Bildern zu finden, bei denen aus einer romantisch-nostalgischen Verklärung Europas geschöpft wird. Dass hier rechtes Gedankengut vermittelt wird, fällt oft erst auf den zweiten Blick auf, da durch geschickte Formulierungen vorbelastete alt-rechte Vokabeln umgangen werden. Eine kleine Gruppierung, die in dieser Hinsicht – und auch außerhalb des virtuellen Raumes – produktiv agiert, ist die sogenannte Identitäre Bewegung (IB), deren Hauptkennzeichen neben Ethnopluralismus Islamfeindlichkeit und die vehemente Verteidigung der „eigenen“ kulturellen Identität sind. Sie pflegt eine starke Vernetzung zu rechtspopulistischen bis rechtsextremen Organisationen, von denen sie sich jedoch durch ihr junges Alter und den sicherlich damit zusammenhängenden geschickten Umgang mit sozialen Medien abhebt. Wie Kai Biermann und andere in der ZEIT darlegten, sind die Identitären „keine ‚Bewegung‘ , ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alle Ziele weiterverfolgen können.“ 07 Die Identitären schaffen es, mit relativ einfachen Mitteln große Aufmerksamkeit zu erzielen, indem sie gut inszenierte und aufgebauschte Videos ihrer Guerilla-Aktionen verbreiten. 08 Es verwundert kaum, dass die Mehrzahl ihrer Protagonist*innen den oben beschriebenen Seiten wie European Beauty und Architectural Revival folgen, auf denen in kulturell-ästhetischer Hinsicht ziemlich genau ihre Ansichten verbreitet werden.

Das Beharren auf kultureller Identität – in den sozialen Medien visualisiert durch das Verbreiten regionaler Trachtengewänder und alter Gemäuer – geht mit dem Bezugauf die in den USA entstandene Internet-Kultur, die in Teilen die Alt-Right-Bewegung 09 hervorbrachte, einher, Akiv*istinnen wie der Österreicher Martin Sellner 10 , der sich als Kopf der Identitären Bewegung versteht, beziehen sich immer wieder auf kulturelle Phänomene wie beispielsweise Pepe the Frog – eine ursprünglich unpolitische Comic-Zeichnung, die im Verlauf des US-Präsidentschaftswahlkampf[s] 2016 von der US-amerikanischen Rechten mit rassistischen, antisemitischen und antifeministischen Botschaften gespickt wurde und Trumps Wahlkampf begleitete.

Um zu verstehen, wie diese Phänomene eine solche Popularität in rechten Kreisen gewinnen konnten, muss ein Blick in die beschriebene Online-Welt geworfen werden.

(Fortsetzung folgt)

Quelle Reaktionäre Architektur-Memes in den sozialen Medien / Von Paul Schultze-Naumburg zu 4chan  [Autor:] Philipp Krüpe / in: ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus Nr. 235, 2019 / RECHTE RÄUME Bericht einer Europareise / Seite 38-39

Aus den Anmerkungen:

06 [Volker Weiß: Die autoritäre Revolte – Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017 siehe auch bei Perlentaucher hier]

07 Kai Biermann et al.: [Link ist bereits eingefügt]

08 2016 erklärten sie das Brandenburger Tor für besetzt, nachdem sie es mit Leitern erklommen hatten […]. Viele Medien bezeichneten die Gruppierung […etc…]

09 Alt-Right (Kurzform von Alternative-Right) ist eine Bezeichnung für die extreme Rechte in den USA, die rassistische, antisemitische, antimuslimische und antifeministischePositionen vertritt.

10 Nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch, Neuseeland, durch den rechtsextremen Australier Brenton Tarrant, bei denen er 50 Menschen tötete, wurde bekannt, dass der Attentäter an Sellner gespendet und ihm bewundernde E-Mails geschrieben hatte. [Siehe Wiki Martin Sellner auch dazu.]

Die Karte Online Culture Wars (2018-19) der Künstlergruppe disnovation.org ordnet mithilfe eines politischen Koordinatensystems die unüberschaubare Anzahl einflussreicher politischer Figuren, Memes und Symbole. Links: „Economic Left“ / Rechts: „Economic Right“ / Oben: „Authoritarian“ / Unten: „Libertarian“

Siehe ausführlich HIER.

Zur Netzkultur, – was man kennen sollte: Begriffe wie Meme (spr. mi:m) – siehe anschließend auch unter Mem (Zusammenhang mit Dawkins) – und Troll. Nerd, Noob (Neuling), Image-Board (dort auch 4chan). Safe Space. Triggerwarnungen in Internetforen und Universitäten.

Der Autor Mattathias Schwartz vergleicht in einem Artikel in der New York Times die erwähnten Plattformen mit einem „Blog ohne Beiträge und mit Kommentaren voller Slang“, womit er den dadaistischen Wesenszug dieser Sphäre charakterisiert.

(Fortsetzung des schon oben zitierten Artikels gegen Schluss:)

Wie ist auf die identitären kulturellen Angriffe zu reagieren? Gibt es eine progressive Alternative, die eine direkte Entgegnung auf die nreaktionäre Bildsprache eröffnen kann?

Wie Angela Nagle in Die digitale Gegenrevolution feststellt, wurde es den Rechten einfach gemacht, kulturelle Hegemonie in Teilen der Online-Welt zu erlangen und damit einen Beitrag zu leisten, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen konnte. Nun ist aber das Internet in seiner partikularistischen Form nicht nur mit rechten Troll-Posts gefüllt. Nagle zufolge besetzen auch Linke identitäre Online-Räume, wenn immer mehr um Sprechverbote, Triggerwarnungen und Safe Spaces gestritten wird. Aber es würde sicherlich zu kurz greifen, der rechten Meme-Flut einfach nur linke Memes entgegenzusetzen. Nagle beruft sich in ihrer Kritik an der Linken auf den marxistischen Kulturtheoretiker Mark Fisher, der der britischen, in den 1990er-Jahren gegründeten Cybernetic Cultural Research Unit entstammt. Das linke Kollektiv setzte sich mit Themen wie Cyberfeminismus, Akzelerationismus und Rave-Kultur auseinander. Fisher illustriert die problematischen Dynamiken innerhalb der linken Szene, indem er sie als „priesterhaftes Verlangen zu exkommunizieren und zu verdammen“ charakterisiert.

Es bleibt weiterhin offen, wie sich die Linke ihren traditionellen Dynamiken der Mikro-Lagerbildungen und damit der Selbstzerfleischung entziehen kann. Klar ist jedoch, dass Identitätspolitik – mag sie noch so emanzipatorisch gemeint sein – nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Schließlich ist „Ethnopluralismus“ in letzter Konsequenz eben das: Identitätspolitik* einer männlich-weiß-heterosexuellen Mehrheit.

Quelle: Siehe oben „Reaktionäre Architektur-Memes“ etc. [Schlussteile]

*wichtiger Wikipedia-Artikel, zwei Zitate daraus:

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, das Weißsein habe sich jetzt von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt gehabt hatte, in eine Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politische und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keinesfalls nur Sache von Afroamerikanern, Latinas, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch eine der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die damit ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten.[5] Damit, so Frank Furedi, sei Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“.

Und:

Für Francis Fukuyama fiel der Krise der Linken in den letzten Jahrzehnten mit ihrer Hinwendung zu Identitätspolitik und Multikulturalismus zusammen. Die Forderung nach Gleichheit sei für die Linke weiterhin kennzeichnend, doch ihr Programm legte nicht mehr wie einst den Nachdruck auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft, sondern auf die Wünsche eines ständig größer werdenden Kreis ausgegrenzter Gruppen.[10] Für manche Linke sei die Identitätspolitik zu einem billigen Ersatz für ernsthafte Überlegungen geworden, wie der seit 30 Jahren andauernde Trend sozialökonomischer Ungleichheit in den meisten liberalen Demokratien umgekehrt werden könne.[11] Schon 1998 hatte Slavoj Žižek ähnlich argumentiert: Die postmoderne Identitätspolitik der partikularen (ethnischen, sexuellen und anderer) Lebensstile passe perfekt zu einer entpolitisierten Idee der Gesellschaft.[12]

Christoph Jünke betont dagegen, dass Identitätspolitik Schutz vor der herrschenden Mehrheit und Quelle von Selbstbewusstsein sein könne. Damit sei sie ein geradezu notwendiger Ausgangspunkt jeder Politisierung und notwendige Vorbedingung politischer Selbstorganisation und Behauptung: […]

Zurück zum AusgangswortEthnopluralismus(ein zentrales Wort der Neuen Rechten).

Neubeginn: die Ausführungen im Vortrag von Angela Nagle:

Virtual Futures presents Angela Nagle in conversation on her new book, Kill All Normies: Online culture wars from 4chan and Tumblr [siehe hier] to Trump and the alt-right. Angela Nagle untangles the new culture wars raging on the internet: on the one side the “alt right”, which ranges from white separatist movements, to geeky subcultures like 4chan, to more mainstream manifestations such as the Trump-supporting gay libertarian Milo Yiannopolous. On the other side, so-called ‘social justice warriors’, whose progressive, identity politics fuelled campaigns are often seen as little more than virtue signalling and also associated with closing down debate by claiming offence, using the therapeutic language of trigger warnings and safe spaces. She will join us to explore the cultural genealogies and past parallels of these styles and subcultures, drawing from transgressive styles of 60s libertinism and conservative movements, to make the case for a rejection of the perpetual cultural turn.

Als weitere Einführung in die Thematik lese man im DLF Kultur den Artikel HIER.

Neue Welt Papua

Ein Film, der die Perspektive verändert

 Screenshot Wiki

Wie glücklich man sich doch schätzen darf, über modernste Technik zu verfügen, mit deren Hilfe man ohne weiteres eintauchen kann in fernste Vergangenheit. Am Schreibtisch, im halb verdunkelten Arbeitszimmer, während draußen die „heimatliche“ Maisonne lacht. Drei Filme, die auf ARTE zu sehen sind oder waren, nacheinander als einen einzigen zu erleben, eine alternative Welt.

 Der erste von drei Filmen

Ich rekapituliere: seit wann interessiert mich diese Welt? Von der Kindheit zu schweigen, als mich das Buch „Mut, Mafatu!“ begeisterte, psychologisch wichtig, aber auch mit einem natur- und völkerkundlichen Anhang über die Südsee. Die Richtung war da! Ich gehe hier nur zurück bis ins Jahr 2015 im Blog hier. Die Veröffentlichungen von Steven Feld, angefangen mit seiner ersten großen Arbeit „Sound and Sentiment“ 1982, dann die CDs über das Volk der Kaluli, auch die umfangreiche CD-Collection von Artur Simon über das Volk der Eipo und ihre Nachbarn (Irian Jaya),1996 die Begegnung im Berliner Völkerkunde-Museum: Filme und Literatur über die ASMAT. Und vieles andere.

Wer sind die Korowai? Siehe bei Wikipedia hier.

Den Film I im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Den Film II im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Den Film III im Internet anschauen (bis 28. Juni 2019) HIER

Bericht bzw. Interview Will Millard hier

Bemerkenswert ernüchternd, ohne jeden Hauch romantischer Verklärung, die Langeweile (!) in der Wildnis, der psychologische Umschlag am Ende in Gier und Erpressung (der weiße Besucher wird verschwinden, man lässt die Maske fallen und will, dass er wenigstens noch eine hohe Summe locker macht), und der ganze Stamm schweigt dazu. (Denn der „gute“ Mann geht, der Erpresser bleibt.)

Mit etwas Abstand sehe ich die Sache aber noch anders. Der neugierige Ethnologe interessiert sich nicht genug für das, was diese Menschen bewegt. Er kann es sprachlich gar nicht leisten. Daher die furchtbare Langeweile bei Starkregen, sie sitzen alle nur rum. Würden sie sich nicht etwas erzählen, irgendwie austauschen, wenn der verdammte Besuch nicht da wäre? Steven Feld hat bei den Kaluli auch die Natur studiert, kannte jeden Vogel, den seine Schützlinge kannten und beachteten, er fragte sie nach ihren Geschichten (Mythen) aus. – Mit welchem Eifer muss Artur Simon sich bei den Eipo um den Ablauf der Feste und der zugeordneten Gesänge gekümmert haben. Hier findet ein Sago-Fest statt, ein Treffen, für das die Leute stundenlang durch den Dschungel laufen müssen, – aber was ist der Sinn dieses Festes, was wird gesungen, welchen Sinn haben die Tänze?

Die einschüchternde Wirkung des Teams, das von uns nur selten in Aktion gesehen wird, außer bei Gepäckbeförderung. Immerhin wird ein Extralager gebaut, es handelt sich um einen Tross, von 20 (oder 40?) Leuten, das vergisst man dort nicht, auch wenn man mit dem Boss allein ist, und viel Händeschütteln und Körperkontakt stattfindet.

Die wenigen gesungenen Passagen im Film finden keinerlei Beachtung seitens des Ethnologen. Ich habe keine einzige Vogelstimme gehört, und auch nie wieder – außerhalb der Arbeiten von Steven Feld über die Kaluli – etwas über die gewiss intensive Naturbeziehung der Papuas gelesen, abgesehen von der Ernährung… Pizza mit Käferlarven, man sieht wie tapfer der Forscher die Tierchen knackt, den Geschmack gebratener Ratten beschreibt, aber wenn sein Freund fischen geht, ist er nicht dabei. Sie besorgen sich Handys, aber es gibt kein Netz, sie hören damit Musik. Batterien sind mit magischen Kräften versehen, die Säure der Batterie wird auch für das Einritzen von Narbenschmuck gebraucht.

Interessanter, weiterführender Artikel „Trommeln der Asmat“ (Volker Beer) HIER

Nicht direkt zu diesem Thema  gehörig, aber ausgehend von Steven Feld Wiki hier, darin „Schizophonic mimesis“. Geschichte der Titel „Rorogwela“ und „Hindewhu“. Näheres dazu im folgenden Blog-Artikel!

Animal symbolicum

Woher kommt das Denken in Symbolen?

Man lese den Wikipedia-Artikel Symbol, beachte dort insbesondere den Absatz über den Symbolbegriff bei Ernst Cassirer, gehe dann zum Wikipedia-Artikel über Cassirers Begriff des Animal symbolicum:

(…) eine besondere Leistung der Symbolphilosophie Cassirers, dass sein Konzept der Symbolisierung – im Gegensatz zur stärker sprachorientierten Erkenntnistheorie Kants – keinesfalls auf die Sprache beschränkt ist. Der Mensch zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass er der Welt über das Symbol sowohl individuelle als auch kollektiv konnotierte Bedeutung verleiht.

Lesenswert auch der Artikel über Cassirers großes Werk Philosophie der symbolischen Formen.

Natürlich ist das auch ein Thema in der Frühgeschichte des Menschen; genau dann, wenn die Kunst ins Spiel kommt, Seite 48 und Seite 165:

Oben: Zwei Seiten aus dem Prachtband der Theiss-Verlage (Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG 2017). Unten: Titelbild und Einleitung der Autoren Nicholas J. Conard / Claus-Joachim Kind.

 

Letzte Worte zum Klima

Es eilt wirklich! (Panikmache?)

Wetterkunde ist nicht mein Metier, ich bin auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien, und über ein ewiges Leben in einer anderen Welt weiß ich absolut nichts. Aber es ist mir nicht egal, wie es auf dieser Welt in 50 oder 100 Jahren aussieht. Dafür muss ich mich nicht auf meine Enkel berufen. Auch wenn ich keine Freunde, keine nahen Verwandten und nicht mal den klitzekleinsten Nachfahren hätte, – wie könnten mir die Kriege und Katastrophen der Zukunft gleichgültig sein!? Ebensowenig wie die Vergangenheit oder – die Gegenwart. Soll denn alles vergebens gewesen sein, von Homer bis Beethoven?!

Ich kann mir andererseits gern Schopenhauers Sicht zueigen machen. Ein Luxus irgendwie. Oder auch die des Mephistopheles, – das wäre also der Geist, der stets verneint; „denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

Aber all dies doch nicht ohne Begründung. Wenn die Umwelt ihren Schutz nicht wert ist oder im Moment anderes wichtiger ist, so möchte ich wissen, warum. In jedem Fall interessieren mich auch gut begründete Gegenmeinungen. Zum Beispiel: Das System Mensch ist auf Untergang gepolt. Und da die Dinge ihren Gang gehen, ist es irgendwann soweit. Ausgerechnet in meiner Lebenszeit, wer konnte das ahnen? In den 1950er Jahren war für mich klar, dass es ewig aufwärts gehen wird, wenn ich nur positiv gestimmt bin und genügend übe. – Und jetzt? Kann man denn das System Mensch, wenn es so schlecht funktioniert, nicht einfach umpolen?

 siehe HIER (Eric Gujer)

 Screenshot (nicht anklickbar)

Die Aufzeichnung der ANNE-WILL-Sendung HIER

Harald Lesch in diesem Gesamtmitschnitt ab 26:37 / Vorweg im ERSTEN: Infos hier

Das Interview mit Greta Thunberg HIER

Harald Lesch s.a. im früheren Blog-Beitrag:

Brand an Land, Müll im Meer

Solastalgie

Trostlosigkeit

Ich weiß nicht, warum dies Wort erfunden wurde, und weiß auch nicht, ob Bruno Latour es so verstanden hat, wie der Erfinder Glenn Albrecht es gemeint hat. Das lateinische Solacium bedeutet Trost oder Trostmittel; Solastalgie wäre dann vielleicht die Krankheit, sich aller Trostmittel beraubt zu fühlen, so jedenfalls meine Deutung, und so würde ich beschreiben, was ich (manchmal) fühle. Obwohl ich auch an „Sol“ denke, vielleicht weil Bruno Latour aus einer Winzerfamilie in Beaune stammt, wo man etwas vom Boden versteht, auf dem die Reben wachsen, den Rest besorgt le soleil, die Sonne. „Heimat. Was bedeutet sie heute? “ so die Schlagzeile. Aber schon der Untertitel signalisiert, dass es nicht um Regionales geht: „Der Planet rebelliert. Der Boden unter unseren Füßen schwindet.“

ZITAT Bruno Latour:

Wenn die Frage nach der Heimat überall, nicht nur in Deutschland, wieder zurückkehrt, dann offensichtlich deshalb, weil wir alle, aus welchem Land wir auch stammen, eine allgemeine Krise des Verlustes unseres Selbst und unseres Grund und Bodens erleben. Es ist dieses Gefühl der Verlassenheit, das der Psychiater Glenn Albrecht auf den Namen Solastalgie getauft hat. Die Nostalgie ist ein universelles und altersloses Gefühl, das uns angesichts der Erinnerung an eine entschwundene Vergangenheit zum Lachen oder zum Weinen bringt. Um es aber mit dem witzigen Titel von Simone Signorets Autobiografie zu sagen: Die Nostalgie ist auch nicht mehr, was sie mal war. Es ist nicht mehr eine für immer verlorene Vergangenheit, die uns vor Elend zum Weinen bringt, sondern der Erdboden, der vor unseren Augen verschwindet, was uns nach und nach unserer Existenzgrundlagen beraubt. Solastalgie heißt, Heimweh zu haben, ohne ausgewandert zu sein, also Heimweh daheim. Dies ist der radikalste Effekt der neuen klimatischen Verhältnisse: Die Klimakrise, das allgemeine Artensterben, das Sterilwerden der Landschaften macht uns verrückt.

Quelle DIE ZEIT 14. März 2019 Seite 40 f Heimat. Was bedeutet sie heute? Rede: Der Planet rebelliert. Der Boden unter unseren Füßen schwindet. Von Bruno Latour.

Als Gegenrede folgt Seite 41 Zugehörigkeit braucht Grenzen. Von Mark Lilla.

Ich kann ebensowenig erkennen, dass die Rede von der Gegenrede in Frage gestellt wird, wie umgekehrt. Mark Lilla sagt:

Gibt es den geringsten Grund für die Annahme, die heutige Welle der Globalisierung sei in irgendeiner Weise destabilisierender oder beunruhigender als früher? Oder für die Annahme, dass wir uns nicht letztlich daran anpassen würden, wieder in einer stärker nomadisch geprägten Welt zu leben? Ja, gibt es, und Bruno Latour erinnert uns an einen entscheidenden: die durch menschliche Aktivitäten verursachte Umweltzerstörung in globalem Maßstab. Der Klimawandel wird jedes Gelobte Land heimsuchen, das wir uns je vorstellen können.

Ein weiterer Grund ist die Geschwindigkeit, mit der Kapital und Arbeit heute verlagert werden. Der Niedergang antiker Städte vollzog sich über Jahrhunderte, der meiner Heimatstadt Detroit über zwanzig Jahre. So schnell passt sich unser Orts- und Heimatgefühl nicht an. Der wichtigste Grund aber, warum wir unglückliche Nomaden sind, besteht in unserem Wissen, dass wir nirgendwo mehr hingehen und von vorne anfangen können, befreit von den globalen Dynamiken, die unsere Gegenwart bestimmen.Wir verlieren unser ‚Hinterland‘, l’arrière pays, wie es der französische Dichter Yves Bonnefoy genannt hat – das ungesehene, aber angenommene Jenseits, das Menschen immer über sich hinausgetrieben hat, voller Hoffnung und Schrecken.

Insgesamt nachlesbar in DIE ZEIT online: HIER.

Ich halte mich einstweilen an ein Buch, das nicht in der Perspektive der Trostlosigkeit endet, – wie schon auf der Umschlaginnenseite angekündigt:

In dieser brisanten Situation gilt es, zuallererst, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich dann neu zu orientieren.

 ISBN 978-3-518-07362-9

 Inhaltsverzeichnis  Rechts oben das Motto für Nicht-Leser

Erläuterung für Noch-weniger-Leser: es stammt von Donald Trumps Schwiegersohn, zitiert von Sarah Vowell in „The danger of an incurious president“ in The New York Times (9. August 2017)

*     *     *

Es gibt nur noch ein anderes Buch, dass ich an dieser Stelle zwischenschalten würde und ohnehin zur regelmäßigen Konsultation im Sichtbereich halte. Es enthält seltsamerweise Leerseiten, als hätte der Stoff nicht ganz für ein Buch gereicht. Etwas enger gedruckt hätte es vielleicht nur 100 Seiten umfasst, und meine selbstverordnete Pflichtlektüre umfasst letztlich 7 Kapitel, die man leicht in einem Zug durchlesen kann. Das Gegenteil aber würde ich raten: nämlich lange Denkpausen einzulegen (Pausen zum Nach-Denken ohne Buch), sagen wir: anstelle einer Morgen-Meditation. Und 7 Tage ergeben 1 Woche. Soviel Zeit muss sein.

Ich will das Buch nicht abbilden, es ist oft genug eine Fehlentscheidung, den Autor oder die Autorin aufs Titelblatt zu setzen und auf die Suggestion der individuellen Ausstrahlung zu bauen. Wer hat schon ein Gesicht, das zur Idee des Weltfriedens passt. Immanuel Kant etwa? Aber seine unbestechlichen, unbarmherzigen Ausführungen zum Weltfrieden stehen im Mittelpunkt aller Gedankengänge zur Globalisierung und laufen nicht auf einen treuherzigen Aufruf zur Gewaltlosigkeit hinaus, sondern auf das Prinzip Gewaltenteilung. So, dass „die unfriedlichen Gesinnungen in einem Volke [der Vielzahl aller Völker] in ein solches Verhältnis zueinander gebracht werden, dass sie, sich wechselseitig neutralisierend, zu einem Friedenszustand führen“.

Quelle Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2004 / Carl Hanser Verlag München Wien 2003

I Zunächst muss klar sein, dass es den Naturzustand der Menschen nicht gibt und auch nie gab. Der Mensch ist das „transzendierende Tier“. Er ist „von Natur aus auf Künstlichkeit, also auf Kultur und Zivilisation angewiesen.“ Das Problem: „Wie weit kann der Mensch sich mit seiner zweiten Natur – also der kulturellen – von der ersten Natur entfernen?“

II Wir leben in einem Zeitalter der Globalisierung, das heißt aber auch: „Es gibt seit der Atombombe eine globale Gemeinschaft der Bedrohung. Raketen erreichen jeden Punkt der Erde“. – „Das Ganze wirkt wie eine Naturkatastrophe globalen Ausmaßes, ist aber menschengemacht, wenngleich nicht geplant. (…) Die Prozesse sind im einzelnen rational und im Ganzen unvernünftig. Dabei ist für Öffentlichkeit gesorgt. Mit Hilfe der globalen Informationstechnologie kann man überall auf der Welt wissen, was überall auf der Welt geschieht.“

III Vom Globalismus handelt ein wichtiges Kapitel, denn angesichts der Globalisierungen entgeht einem leicht die Umdeutung in die globalistische Ideologie, die das Bild einer Weltgesellschaft erzeugt, „die einheitlicher erscheint als sie ist. Häufig wird die Tatsache verdrängt, daß in dem Maße, wie in bestimmten Regionen die Homogenität wächst, in anderen Regionen sich dramatische Prozesse der Abkopplung vom übrigen Weltgeschehen vollziehen.“ Das Phänomen der Ungleichzeitigkeiten ist allenthalben zu beobachten. „In Afrika zum Beispiel lösen sich Staaten auf in Tribalismus, in Bandenkriege; es gibt Refeudalisierung, Raubrittertum, die Seeräuber kehren zurück; unvorstellbare Armut und bestialische Überlebenskämpfe setzen gesellschaftliche Regeln außer Kraft. Das zivilisatorischen Minimum verschwindet.“ Der Globalismus wirkt auf die reale Bewegung zurück: „verhüllend, forcierend, lähmend, legitimierend“, – die Globalisierungsfalle: a) als Neoliberalismus. Ökonomie first! Entpflichtung des Kapitals, die Staaten konkurrieren um Arbeitsplätze und locken mit dem Abbau von Investitionshindernissen. Entfesselung des Marktes. b) Anti-Nationalismus (!), der gut scheint. „Aber an der anthropologischen Grundbedingung, daß Mobilität und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit ausbalanciert werden muß, ändert auch der anti-nationalistische Globalismus nichts.“ – „Es gehört die Bereitschaft dazu, sich ins Fremde verwickeln zu lassen. Weltläufig ist nur, wer durch den Reichtum von Welterfahrung verwandelt wurde.“  c) die Vorstellung „der Erde als globales Biotop“, im „erhabenen Ton“ auch als allgemeine Drohkulisse verwendet. „Nur Staaten und Staatenbündnisse haben Macht, ‚die Menschheit‘ aber hat keine Macht. Sie ist eine Beschwörungsformel in der Arena der wirklichen Mächte, wo die globalen Asymmetrien von Macht, Produktivität und Reichtum ein Souveränitätsgefälle neuen Typs hervorbringen. (…) Es ist […] eine Selbsttäuschung zu glauben, daß globale Probleme in apokalyptischer Größenordnung zu globaler Solidarität führen könnten. Auch hier gilt: die Letzten tragen die Last. Solange man hoffen kann, daß man zu den Vorletzten gehören wird, bleibt diese Logik in Kraft.“ – Dieses Kapitel ist besonders wichtig, weil es beliebte Irrtümer offenlegt und zugleich darauf vorbereitet, dass man sich der eher lästige Problematik der „Verfeindungsgeschichten“ und des (womöglich unrealisierbaren) Weltfriedens unbedingt stellen muss. Ich vermute, dass ich dem Thema damals, Ende 1956, nicht gewachsen war. (Albert Schweitzer spielte als Vorbild die Hauptrolle, auch Nietzsche, Beethoven, jugendlicher Enthusiasmus.)

Die Enttäuschung begann schon auf der ersten Seite. Stichwort „Traum“. Ich wollte Eindeutigkeit, Aufklärung, Idealismus. Mir hätte ein Buch wie das jetzt neben mir liegende zur Globalisierung gut getan. Ich war viel allein, etwas mehr Menschengewühl hätte vielleicht auch nicht geschadet… Ich zitiere:

Eines ist gewiß: im dichten Menschengewühl, in ständiger aufdringlicher Kommunikation mit seinen Mitmenschen, hätte sich ein solcher Enthusiasmus kaum entwickeln können. Nur in wohldosierten Portionen genossen, können Menschen Enthusiasmus erregen. Der idealistische Menschheitsenthusiasmus konnte vielleicht nur in kleinen Städten wie Tübingen oder Jena gedeihen und nur in Zeiten, da es noch keine Weltkommunikation gab. [Seite 42]

Hätte ich die Kant-Einleitung von Theodor Valentiner nur drei Sätze weitergelesen, so hätte doch die Neugier überhand nehmen müssen:

…[von einem Traum], der „ebenso wenig zwischen Herrschern wie zwischen Elefanten und Rhinozeros, zwischen Wolf und Hund bestehen kann“, oder man spinnt den Gedanken aus, auf den Kant in seinem Vorwort deutet, daß im Zeitalter der Atombombe das Ende aller Bemühungen um einen Völkerfrieden ein Kirchhof ist, in dem die Menschheit sich einmal zur ewigen Ruhe betten wird. Nichts von alledem finden wir in der Schrift. Vielmehr faßt Kant seine Aufgabe an, wie wir es nach seinem kritischen Hauptwerk erwarten.

(Fortsetzung folgt)

Philosophischer Ausblick 1966

Abschrift (s.u.) noch nicht korrigiert

Warum ist mir Foucault wichtig?

 

Ja, könnte jemand sagen, auf das „Thema 1“ waren wir alle scharf, besonders als wir jung waren. Nein, würde ich erwidern, mir war es immer schon ein Problem. Und ganz speziell, als es im Religionsunterricht unter dem Namen „Thema 1“ behandelt wurde, diese eigenartigste Form der Heuchelei. Das Wort „Wahrheit“ aber kannte ich schon als 4- oder 5-Jähriger in Greifswald aus dem Mund meiner Mutter, in der Zeit, als ich noch viel gelogen hatte. Verstehen konnte ich das Abstractum nicht, bei aller Liebesmüh.

 1986

Die Ordnung des Diskurses“ ist ein anderer Titel als der im folgenden Text  als „The Order of Things“ bzw. „Die Ordnung der Dinge“ erwähnte!

If Man is dead, everything is possible!’ – an early interview with Michel Foucault

Einleitungstext (Original aeon)

Roughly a decade before publishing his two most famous treatises on power – Discipline and Punish: The Birth of the Prison (1975) and The History of Sexuality, Volume One (1976) – the French philosopher Michel Foucault rose to prominence with The Order of Things: An Archaeology of the Human Sciences (1966). Written as existentialism fell out of favour among French intellectuals, the ambitious work sought to define a new philosophical epoch in which knowledge could be best understood as arising from ‘large formal systems’ that change over time. In this 1966 interview with the French television broadcaster Pierre Dumayet, Foucault discusses ideas from The Order of Things, including why he believed that Jean-Paul Sartre’s emphasis on the individual made him ‘a man of the 19th century’, and why ‘the disappearance of Man’ presented an exciting opportunity for new moral and political systems to arise.

From the Library of Human Sciences we present „The Order of Things“ by Michel Foucault.

Quelle: aeon / abrufbar als Film HIER .

 Screenshot

Das Interview / Abschrift der englischen Untertitelzeilen JR 4. Februar 2019

Pierre Dumayet: Mr. Foucault, you ‚ve done work as an ethnologist, an ethnology of our culture you say. What do you mean?

Michel Foucault: Well, I would like to consider our own culture to be something as foreign for us as, for example, the cultur of the Arapesh, Zuñi, Nambikwara, or Chinese. Of course, we’ve been trying for a long time through the work of historians or sociologists to grasp our culture as an object, as a thing there in front of us. But historians mainly study economic phenomena, sociologist study emotional, political, sexual behaviour. I believe that, until now, we ‚ve never considered our own knowledge a foreign phenomenon. And what I tried to do was deal with it as if it was sonething before us as a phenomenon just as foreign and distant as the culture of the Nambikwara or Arapesh, for all Western knowledge formed since the Greek age. And it’s this ethnological situation of knowledge which I wanted to reconstruct.

Like looking at yourself in a mirror, as if a stranger to yourself?

There is a difficulty here that’s obviously very great, because, after all, how can we know ourselves if not with our own knowledge? It’s only by using our own categories of knowledge that we can know ourselves. And if we wish to precisely know these categories we ‚re in a situation that’s obvously very complex. It takes a complete twisting of our reason of itself to able to re-examine itself as a foreign phenomenon. It requires going outside itself in some way and returning… And it is the beginning of this endeavour I ultimately undertook.

What ethnicity or nationality would the ideal ethnologist be?

Well, we could say a good ethnologist of our own culture might be Chinese, Arapesh or Nambikwara. However, with what category and framework of thought could this Chinese or Arapesh know us if not with frameworks of thought hat are ours? So perhaps we could still do this best. If we could thus twist at ourselves as through a mirror. We might, after all, be capable of doing this task and undertake this ethnology of our own culture. We could obviously dream of a Martian whose thougt would be able to entirely capture our own. This Martian could undoubtedly know us best. But this probably isn’t possible since, as far I know, Martians don’t exist.

You teach philosophy, is this a philosopher’s outlook or the contrary?

It’s quite difficult to define what philosophy is currently. For a long time, I think we can say basically up to Sartre … (Sartre included?) Yes, Sartre included. Philosophy was an autonomous discipline, I was going to say closed in on itself, but that’s not right, since philosophy has always thought about cultural subjects that were proposed to it from elsewhere. It thought about God because theology proposed it. I also thought it about science because the whole system of our knowledge proposed this. Philosophy was an open discipline, but it had iits own methods, its own forms of reasonings and deductions. It seems to me philosophy is now disappearing. When I say it’s disappearing, I don’t mean we are coming upon an age where all knowledge eventually becomes positive. But I believe philosophy is being dissolved and dispersed into a whole series of activities of thought of which it’s difficult to say whether they are strictly scientific or philosophical. We are reaching an age perhaps of pure thought. After all, a discipline as abstract and general as linguistics, a discipline as fundamental as logic, an activity like literature, since Joyce, for exemple… Well, all these activities activities are perhaps of thought and they serve as philosophy. No that they take the place of philosophy, but they’re the very unfolding of what philosophy once was.

What is your idea of Man? 5:36

I believe that Man has been, if not a bad dream, a spectre, at least a very particular figure, very much historically determined and situated in our culture.

You mean it’s an invention?

It’s an invention! In the 19th and first half of the 20th century it was believed that Man was the fundamental reality of our interest. One had the impression that the search for the truth about Man since the Greek age had animated all research, perhaps of science, certainly of morality, and for sute of philosophy. When we look at things more closely, we have to wonder if this idea of Man as basically always existing and as there waiting to be taken up by science, by philosophy, by us. We habe to wonder if this idea isn’t an illusion, an illusion from the 19th century. Actually, until the end of the 18th century, roughly until the French Revolution we never dealt with Man as such. It’s curious that the notion of Humanism that we attribute at the Renaissance is a very recent notion. You can’t find the term ‚Humanism‘ earlier because Humanism is an invention of the 19th century. Before the 19th century, it can be said Man didn’t exist. What existed was a number of problems, a number of forms of knowledge and reflection, where it was a question of nature, a question of trooth, a question of movement, a question of order, a question of imagination, a question of representation, etc. But it wasn’t actually a question of Man. Man is a figure constructed near the end of 18th and beginning of the 19th century, whichb gave rise to what has been and still are called the human sciences. This new notion of Man invented at the end of 18th century also gave rise to Humanism, the Humanism of marxism, of Existentialism, which are the most obvious expressions currantly. But I believe that, paradoxically, the development of the human sciences is now leading to a disappearing of Man rather than an apotheosis of Man. Indeed, this is happening now with the human sciences. The human sciences did not discover the concrete core of the individual, positive kinds of human existence. On the contrary, when you study, for example, the behavioral structures of the family, as Lévy Strauss did, or when you study the great Indo-European myths, as Dumézil, or when you study the very history of our knowledge, you discover not the positive truth of Man. What one discovers are great systems of thought, of large formal structures which are like the soil in which individualities historically appear. This is why thought nowadays has entirely reversed from a few years ago. 9:22

I think we are currently experiencing a great break with the 19th and early 20th century. This break at bottom is experienced as not a rejection, but a distance from Sartre. I think that Sartre, who is a really great philosopher, but Sartre is still a man of the 19th century. Why? Because Sartre’s whole enterprise is to make Man in some way adequate to his own meaning. Sartre’s whole enterprise consists in wanting to find what in human existence is absolutely authentic. He wants to bring Man back to himself, to make Man the possessor of meaning, that could escape him. Nevertheless, Sartre’s thought is situated in philosophy of alienation. Whereas, we wish to do the opposite. We want to show not what is individual, what is singular, what is truly experienced as human, but a kind of glittering surface on top large formal systems and thought must now reconstruct these formal systems on which float from time to time the foam and image of human exístence.

 

Let me ask a question. How can any political outlook stem from your work?

Of course, this is probably the question posed to all forms of reflection that are destroying a myth and haven’t yet reconstructed a new mythology. For example, for a very long time, philosophy and theology maintained a kinship, where the role of philosophy was to define what morality or what policy we can and should deduce from the existence of God. When philosophy and the culture discoveres that God was dead, it was immediately proclaimed „If God is dead, all is permitted“ and „morality isn’t possible“. „If God is dead, what policy should we adopt or hope for?“ But experience has proven that moral and political reflection never had been more alive, more rich and more abundant than it had the moment we kne God was dead. And now that Man is disappearing, the same question is being raised, that had been formerly raised for God’s death: „If Man is dead, everything is possible!“ Or more precisely, we’ll be told that all is necessary. Whart was discovered by the death of God, what was discovered by this great absence of a supreme being was the very spave for freedom. What’s now being discovered by the disappearance of Man is a small gap left by Man which arises in the frame of a kind of necessity, the grat web of systems towhich we belong and are said to be necessary. Well, it’s probable that just there’s a space for freedom left by the death of God for grand political systems, grand moral systems, like Marxism, like Nietzsche, like Existentialism, to be build, so, we may see arise above this grid of necessities we’re now trying to navigate great political options, great moral options. I must say, even if wie don’t see it arise, after all, no one can prejudgethe future, it doesn’t matter if we don’t. It is being discovered in recent years that literature is no longer made to amuse, nor music just to provide visceral sensations. Well, I wonder if we won’t notice that thought can do something other than prescribe to people what they have to do. It would be quite nice if thought could come to entirely think itself, if thinking could unearth what is unconscious in the very depth of what we think.14:14

Brexit India

Zur Vergewisserung

Vor zwei Jahren hatte es mich aufgewühlt, und ich habe diesen Teil der Geschichte nach dem Film im Fernsehen rekapituliert, aber an das Wort Brexit habe ich nicht gedacht, das gehört doch auf einen anderen Stern:

Die Teilung Indiens

Das war 2017, dann rückte es wieder in den Hintergrund, bis ich dieses Buch im Schaufenster liegen sah, – ich muss mich wieder mehr mit Indien befassen!

Ich lese die Seiten über die „Loslösung“ Großbritanniens, die Gefahr der „Balkanisierung“, ich denke an die Gefahr, dass Europa wieder zerfallen könnte, an die inständigen Worte im Manifest von Bruno Latour. Nur keine Panik! Was bedeutet überhaupt Balkanisierung? Wikipedia hier!

Vorweg noch dies: wer war Wavell? Siehe hier. Und nun die einschlägigen Seiten aus der „Geschichte Indiens“:

Und dann, vor ein paar Tagen, schickt mir ein aufmerksamer Mensch per WhatsApp den Link zu „The New York Times“ und schreibt dazu: „Das ist zwar auf Englisch, aber unbedingt lesenswert als sehr dezidierte postkolonial-indische Perspektive auf den Brexit (als ironische Wiederkehr der katastrophal abgewickelten indischen Unabhängigkeit 1947).“ Und da saß ich nun und sagte mir, das muss ich genau wissen. Zumal mir das Buch von Pankaj Mishra „Aus den Ruinen des Empires“ – im Regal hinter mir – ein schlechtes Gewissen macht, ich bin drin steckengeblieben.

ALSO: Ich gehe aus von dem Artikel, den der Schriftsteller Pankaj Mishra jetzt in The New Yorker veröffentlicht hat. Die folgende Übersetzung ist zur schnellen Selbst-Verständigung verschriftlicht und nur als Provisorium festgehalten. Keine inhaltliche Gewähr, man halte sich im Zweifel an das englische Original hier. Was mich so fasziniert, ist das ungeschminkte Geschichtsbild, die rücksichtslose Zusammenschau der Dinge, die eben nicht durch Welten voneinander getrennt sind. Es ist unsere Gewohnheit, die an Schubladen festhält und an Epochenwechsel glaubt, obwohl die alten Geister unbeirrt fortwirken oder wieder aufstehen.

ZITAT (Übersetzung ohne Gewähr, für den Hausgebrauch JR)

Der Schriftsteller Paul Scott, der 1947 den katastrophalen Austritt Großbritanniens aus dem indischen Teil des Imperiums beschrieb, konstatierte, dass die Briten in Indien „dort anlangten, wo sie tatsächlich waren“, das heißt am Ende ihrer erhabenen Vorstellung von sich selbst. Scott war schockiert darüber, wie schnell und unbarmherzig die Briten, die Indien seit mehr als einem Jahrhundert regiert hatten, das Land der Fragmentierung und Anarchie überließen; wie Louis Mountbatten, den der rechtsgerichtete Historiker Andrew Roberts präzise als „verlogenen, intellektuell beschränkten Gauner“ bezeichnete, als letzter britischer Vizekönig Indiens über das Schicksal von rund 400 Millionen Menschen zu entscheiden hatte.

Großbritanniens Bruch mit der Europäischen Union erweist sich als ein weiterer Akt moralischen Verfalls unter den herrschenden Kräften des Landes. Die Brexiteers, die ein Phantom imperialer Stärke und Selbstständigkeit verfolgen, haben in den letzten zwei Jahren wiederholt ihre Hybris, Sturheit und Unfähigkeit gezeigt. Premierministerin Theresa May, die ursprünglich ein „Remainer“ war, hat sich in ihrer arroganten Verstocktheit bestätigt, indem sie dem Brexit einen offensichtlich unausführbaren Zeitplan vorgab und rote Linien festlegte, die die Verhandlungen mit Brüssel untergruben und ihren Deal dazu verdammten, im Parlament parteiübergreifend zu scheitern.

Ein solches Muster egoistischen und destruktiven Verhaltens der britischen Elite verblüfft heute viele Menschen. Es hat sich aber schon vor sieben Jahrzehnten beim kopflosen Exit Großbritanniens in Indien manifestiert.

Mountbatten [siehe hier], der in britischen Marinekreisen als „Master of Disaster“ verspottet wurde, war ein repräsentatives Mitglied einer kleinen Gruppe von britischen Bürgern der Ober- und Mittelklasse, aus denen die imperialen Herren von Asien und Afrika rekrutiert wurden. Miserabel ausgerüstet für ihre immensen Verantwortlichkeiten, waren sie dennoch durch Großbritanniens brutale imperiale Macht ermächtigt, in der Welt herumzustolpern, – einer Welt, von deren Reichtum und Subtilität, wie E. M. Forster in seinen „Notizen über den englischen Charakter“ schrieb, sie keinerlei Vorstellung hatten.

Forster machte für die politischen Missstände Großbritanniens die privat ausgebildeten Männer verantwortlich, die Nutznießer des elitären öffentlichen Schulsystems des Landes waren. Diese ewigen Schuljungen, deren „Gewicht in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl steht“, sind sicherlich unter den Tories überrepräsentiert. Sie haben Großbritannien heute in seine schlimmste Krise gestürzt und seine inzestuöse und selbstsüchtig herrschende Klasse wie nie zuvor entlarvt.

Von David Cameron, der die Zukunft seines Landes in einem Referendum rücksichtslos ausgespielt hatte, nur um einige notorische Meckerköpfe seiner konservativen Partei zu isolieren, bis hin zu dem opportunistischen Boris Johnson, der auf den Brexit-Zug aufsprang, um sich den Sessel zu sichern, den der einstige Primeminister Winston Churchill vorgewärmt hatte. Und bis zum topmodischen, theatralischen Retro Jacob Rees-Mogg, dessen Fondsverwaltungsgesellschaft ein Büro innerhalb der Europäischen Union eingerichtet hat, die er zugleich vehement verachtet, hat die britische politische Klasse der Welt ein erstaunliches Schauspiel von verlogenen, intellektuell beschränkten Gaunern geboten.

Sogar ein Kolumnist für The Economist, ein Organ der britischen Elite, beklagt sich heute über „Oxford Chums“ [Kumpanei], die mit „Bluff statt Fachwissen“ arbeiten. „Großbritannien“, beklagt das Magazin letzten Monat, „wird beherrscht von einer selbstermächtigten Clique, in der die eigene Gruppenzugehörigkeit über Kompetenz , Selbstsicherheit über Fachwissen hinaus belohnt wird. Im Brexit hat die britische Chumokratie [Kumpelherrschaft] endlich ihr Waterloo gefunden.“

Für alle, die sich auf die britische Geschichte berufen, ist es eigentlich korrekter zu sagen, dass die Teilung – die ruinöse Exit-Strategie des britischen Empires – endlich zuhaus angekommen ist. In grotesker Ironie haben sich die Grenzen, die 1921 Irland, der ersten Kolonie Englands, auferlegt wurden, als der größte Stolperstein erwiesen, den die englischen Brexiteers auf ihrer Jagd nach imperialer Stärke vorfanden. Außerdem steht Großbritannien selbst vor der Teilung, wenn der Brexit, eine vorwiegend englische Forderung, erreicht wird und die schottischen Nationalisten ihre Forderung nach Unabhängigkeit erneuern.

Es ist ein Maß für den politischen Scharfsinn englischer Brexiteers, dass sie anfangs die schwankende irische Frage gar nicht beachteten und die schottische mit Verachtung straften. Irland war einst zynischerweise so aufgeteilt worden, dass sichergestellt war, dass die protestantischen Siedler in dem einem Teil des Landes die Anzahl der Katholiken übertrafen. Diese Aufteilung provozierte nun seit Jahrzehnten Gewalt und kostete Tausende von Menschenleben. Sie wurde 1998 teilweise entschärft, als ein Friedensabkommen die Notwendigkeit von Sicherheitskontrollen entlang der von Großbritannien auferlegten Trennungslinie aufhob.

Die Wiedereinführung eines Zoll- und Einwanderungsregimes entlang der einzigen Landgrenze Großbritanniens mit der Europäischen Union wurde immer mit Gewalt bekämpft. Aber die Brexiteers, die erst spät bei dieser unheilvollen Möglichkeit wach wurden, haben zunächst einmal versucht, sie zu leugnen. Eine durchgesickerte Aufnahme enthüllte, wie Mr. Johnson verächtlich über diese Grenze als „reines Millenium-Wanzenzeug“ höhnte.

Politiker und Journalisten in Irland sind natürlich entsetzt über die aggressive Ignoranz englischer Brexiteers. Geschäftsleute sind überall empört, weil die wirtschaftlichen Konsequenzen neuer Grenzen missachtet werden. Aber das alles kann niemanden überraschen, der von der unanständigen Leichtfertigkeit weiß, mit der die britische herrschende Klasse zuerst Linien durch Asien und Afrika zog und dann die Menschen, die diesseits und jenseits der Linien lebten, zu endlosem Leiden verdammte.

Die bösartige Inkompetenz der Brexiteers wurde während des britischen Rückzugs aus Indien im Jahr 1947 präzise vorweggenommen, und zwar am auffälligsten dadurch, dass es keine ordentliche Vorbereitung dafür leistete. Die britische Regierung hatte angekündigt, dass Indien bis Juni 1948 unabhängig sein würde. In der ersten Juniwoche 1947 verkündete Mountbatten jedoch plötzlich, dass die Machtübernahme schon am 15. August 1947 stattfinden würde – ein „lächerlich früher Zeitpunkt“, wie ihm selbst entfuhr. Im Juli wurde einem britischen Anwalt namens Cyril Radcliffe die Aufgabe übertragen, in diesem Land, das er selbst noch nie besucht hatte, neue Grenzen zu setzen. [Link zu Radcliffe und Stichwort „Radcliffe-Linie“ hier].

Er hatte lediglich fünf Wochen, um die politische Geographie eines Indiens zu erfinden, das von einem östlichen und einem westlichen Flügel namens Pakistan flankiert wurde. Dafür besuchte Radcliffe keine Dörfer, Gemeinden, Flüsse oder Wälder entlang der Grenze, die er ziehen wollte. Er teilte das landwirtschaftliche Hinterland von den Hafenstädten ab und reduzierte Hindus, Muslime und Sikhs auf beiden Seiten der neuen Grenze abrupt zu einer religiösen Minderheit. Er lieferte einen Teilungsplan, der Millionen effektiv in Tod oder Verzweiflung trieb, ihn selbst aber in den höchsten Rang des Adels erhob. Bis zu einer Million Menschen starben, unzählige Frauen wurden entführt und vergewaltigt. Die größte Flüchtlingsbewegung der Welt entstand während des Bevölkerungswechsels aufgrund Radcliffe’s Grenze – ein umfassendes Gemetzel, das alle apokalyptischen Szenarien des Brexit übertrifft.

Rückblickend hatte Mountbatten noch weniger Grund als Mrs. May, den Exit-Zeitplan zu beschleunigen und damit unlösbare und ewige Probleme zu schaffen. Nur wenige Monate nach der verpatzten Teilung führten beispielsweise Indien und Pakistan einen Krieg um das umstrittene Gebiet von Kaschmir. Keine der betroffenen Parteien drängte auf einen hastigen britischen Austritt. Wie die Historikerin Alex von Tunzelmann feststellt, „kam der Druck von Mountbatten und von ihm allein.“

Mountbatten war eigentlich weniger dickköpfig als Winston Churchill, dessen Aufruf heute noch das Rückgrat vieler Brexiteers versteift. Churchill, ein fanatischer Imperialist, arbeitete härter als jeder andere britische Politiker daran, die Unabhängigkeit Indiens zu durchkreuzen, und tat als Premierminister von 1940 bis 1945 alles dagegen. Erfüllt von der rassistischen Idee der Überlegenheit des Anglo-Amerikaners, weigerte er sich 1943, den Indern zu helfen, mit der Hungersnot fertigzuwerden, einfach weil sie sich, wie er sagte, „wie Kaninchen“ vermehrten.

Es ist unnötig zu erwähnen, dass solche Vergehen aus einer Ignoranz über Indien resultierten, die so hartnäckig ist wie die der Brexiteers über Irland. Churchills eigener Staatssekretär für Indien behauptete, sein Chef wisse „so viel über das indische Problem wie George III von den amerikanischen Kolonien.“ Churchill zeigte in seiner langen Karriere eine ähnliche imperiale Unbekümmertheit gegenüber Irland. Er schickte unzählige junge Iren während des Ersten Weltkrieges in den Tod, als er sie in das katastrophale militärische Fiasko in Gallipoli, Türkei, sandte und entfesselte 1920 brutale paramilitärische Einsätze gegen irische Nationalisten.

Die zahlreichen Verbrechen der kühnen Abenteurer des Imperiums wurden durch die große geopolitische Macht Großbritanniens ermöglicht und durch sein kulturelles Ansehen verdeckt. Dies ist der Grund, warum Bilder, auf denen die britische Elite als tapfer, weise und wohlwollend erscheint, bis vor kurzem überleben konnten, und es wurden viele historische Beweise über diese Meister der Katastrophe von Zypern bis Malaysia, Palästina bis Südafrika vorgelegt. In den letzten Jahren konnten sich solche privat ausgebildeten und glattzüngigen Männer wie Niall Ferguson und Tony Blair noch den Briten als Retter aus Leid und bedrohter Humanität darstellen und die amerikanischen Neokonservativen dazu drängen, die Lasten des weißen Mannes weltweit zu übernehmen.
Demütigungen in neo-imperialistischen Unternehmungen im Ausland, gefolgt von der zunehmenden Katastrophe des Brexit zu Hause, haben den Bluff der „quixotischen Narren des Imperialismus“ (Hannah Arendt) grausam entlarvt.

Während die Teilungsidee nun zu Hause kommt, in Irland Blutvergießen und in Schottland die Sezession droht, und ein unvorstellbares Chaos von No-Deal-Brexit sich abzeichnet, leidet das normale britische Volk unter den unheilbaren Austrittswunden, wie sie einst von Großbritanniens stümperhaften Chumokraten Millionen von Asiaten und Afrikanern zugefügt wurden. Noch hässlichere historische Ironien könnten den Briten noch auf der tückischen Straße zum Brexit auflauern. Jedoch kann man mit Sicherheit sagen, dass eine lang verwöhnte herrschende Klasse soeben an ihr Ende gekommen ist.

Quelle Pankaj Mishra: The Malign Incompetence of the British Ruling Class / With Brexit, the chumocrats who drew borders from India to Ireland are getting a taste of their own medicine. [Original HIER.]

Was wäre dem noch hinzuzufügen? Dass es nicht nur um die Einordnung des Brexit-Wahns geht. Natürlich betrifft es auch nicht nur Großbritannien, Indien oder Irland, sondern uns alle, Europa und den (umfassenden) Rest der Welt. Wobei der Blick sich auf größere Probleme richtet als diesen Brexit. Einige hoffnungvolle Ausblicke lassen sich in Bruno Latours Terrestrischem Manifest finden:

Durch eine unglaubliche Bastelarbeit ist es der Europäischen Union gelungen, auf vielfache Weise die Überlappung, Überlagerung, den overlap der verschiedenen nationalen Interessen zu materialisieren. Mit ihrem vielfältig verzahnten Regelwerk, das die Komplexität eines Ökosystems erreicht, weist sie den Weg. Genau diese Art Erfahrung ist gefragt, wenn wir den alle Grenzen überwindenden Klimawandel in Angriff nehmen wollen.

Gerade die Schwierigkeiten des Brexit, aus der EU auszusteigen, belegen, wie originell die Konstruktion ist, ist durch sie doch die Vorstellung einer durch undurchlässige Grenzen eingehegten Souveränität komplizierter geworden. Damit ist die eine Frage gelöst: Stellte der Nationalstaat lange Zeit über  den Vektor der Modernisierung gegenüber den überlieferten Zugehörigkeiten dar, ist er jetzt nur noch ein anderer Name für das LOKALE – und nicht mehr für die bewohnbare Welt.

(…) Ohne Zweifel, Europa war gefährlich, als es sich imstande wähnte, die ganze Welt zu „beherrschen“; aber finden Sie nicht, dass es noch gefährlicher wäre, wenn es sich ganz kleinmachte und wie ein Mäuschen sich vor der Geschichte zu drücken versuchte? Wie könnte es sich seiner Berufung entziehen, an die von ihm erfundene Form der Modernität zu erinnern und zu gemahnen? Gerade wegen der von ihm begangenen Verbrechen darf es sich nicht kleinmachen.

Eines seiner kardinalen Verbrechen war der Glaube, sich unter Berufung auf die notwendige „Zivilisation“ an Orten, auf Territorien und Kulturen festsetzen zu dürfen, deren Bewohner und Träger dafür entweder ausgerottet oder deren Lebensformen durch die seinen ersetzt werden mussten. Dieses Verbrechen hat bekanntlich das Bild und die wissenschaftliche Form des GLOBUS ermöglicht.

Aber dieses Verbrechen ist auch ein weiterer seiner Trümpfe: Es hat Europa für ewig aus der Unschuld gerissen, aus dem Irrglauben, man könne die Geschichte neu erschaffen, indem man mit der Vergangenheit bricht, oder aber der Geschichte ernsthaft zu entkommen.

(…) Es wollte die Welt in Gänze sein. Es hat einen ersten Selbstmordversuch unternommen. Dann einen zweiten. Fast wären beide gelungen. Dann glaubte es, der Geschichte entkommen zu können, indem es unter dem Schirm Amerikas Schutz suchte. Dieser göleichermaßen moralische wie atomare Schirm wurde zusammengefaltet. Jetzt steht Europa allein und schutzlos da. Dies ist genau der Augenblick, wieder in die Geschichte einzutreten, ohne sich einzubilden, sie zu beherrschen.

Europa ist eine Provinz? Nun gut, genau das wird doch gebraucht: ein lokales, warum nicht provinzielles Experiment dazu, was es heißt, eine Erde nach der Modernisierung zu bewohnen, zusammen mit jenen, die die Modernisierung endgültig von ihrem Mutterboden vertrieben hat. (…) Nichts Besseres als ein Alter Kontinent, um sich aufs Neue zu befragen was gemeinsam ist, und zitternd wahrzunehmen, dass die universelle Lage darin besteht, in den Ruinen der Modernisierung zu leben und wie ein Blinder tastend nach einer Wohnstätte zu suchen. (…)

Quelle Bruno Latour: Das terrestrische Manifest / edition Suhrkamp Berlin 2016 (aus Seite 116, 118, 122)

Zwei Seelen in der Brust – mindestens

Wo bleibt das Gleichgewicht?

Die kleine Unterbrechung (angedeutet im vorigen Beitrag) hat zwar auch musikalisch etwas gebracht (betr. Haydn-Quartette), wirft einen aber auch zurück durch mangelnden physischen Kontakt zu den Instrumenten, während in anderer Hinsicht der Körper aufdringlich seine Präsenz zur Geltung bringt. Man muss sich hüten, ihn voreilig zum Thema zu machen. Man muss ohnehin immer wieder von vorn beginnen, mit Fingerübungen zum Beispiel, der Leistungswille verleitet einen, zuviel Kraft in die Finger zu lenken, die Dosierung ist erst allmählich zu steigern. Hier ist mein Teststück seit 50 Jahren:

 BWV 850

Die Übe-Noten sehen natürlich anders aus. Sie regen mich durch das Grau der Jahrzehnte an, immer wieder neu zu beginnen und am Ende zu behaupten: so schön gleichmäßig habe ich es noch nie im Leben gekonnt. Wenn mich aber jemand bäte, es vorzuspielen, würde ich sagen: „Lass mich noch drei Tage üben!“ – Der jüngste Vorsatz: für einen Blog-Artikel meinen (für mich) endgültigen Fingersatz einzutragen und die speziellen Probleme der Hand zu beschreiben. Außerdem die Sechzehntelstimme der rechten Hand zusätzlich mit einem Fingersatz für die linke Hand zu versehen (ich glaube, Busoni hat eine Fassung mit vertauschten Händen herausgegeben) und die Stimme am Ende mit beiden Händen im Oktavabstand zu spielen. Wenn es glatt gelingt, wäre es für mich die „Selbstkrönung“. Das Stück als Melodie genommen lohnt die Arbeit genau so wie das Preludio der E-dur-Partita für Sologeige.

Das ist das eine (wenn ich vom Bratsche-Üben absehe, mein Eindruck: man ist schneller „wieder da“ als auf der Geige, die ohnehin seit einiger Zeit ruht, Hin- und herwechseln hat keinen Zweck).

Das andere sind aktuelle oder philosophische Themen (weiter mit Kant/Jaspers), „aktuell“ meint politische Themen, einmal durch bestimmte Anregungen der sog. „arabische Frühling“ von 2011, dann das verrückte Thema Brexit/Europa plus Klima, vorrangig aufgrund eines Artikels von Pankaj Mishra, der für mich zum erstenmal klar ausspricht, weshalb einen die Vorgänge im britischen Parlament so fassungslos machen. Soetwas kann man nur von einem Inder (oder einem Iren?) erfahren. Was sind das für Typen, die solche Politik betreiben? Wie kann man tolerant bleiben?

Beenden wir die fruchtlose Aufzählung, es sind natürlich viel mehr Seelen in einer Brust  als zwei (es geht zweifellos anderen Menschen ganz ähnlich!), und die eine will sich nicht von den anderen trennen. Man möchte weiterhin einen Zusammenhang finden oder herstellen und nicht den prinzipiell resignativen Spätling abgeben, der altert und unkt: ich hab es immer schon gesagt, das wird böse enden.

Bei Bach endet es gut. Und Lesen hilft auch noch weiter…

 

… so viele Geschichten, Religionen und Ideologien

 Und was folgt daraus? (Tue nichts!)

ZITAT (Harari)

Bis dahin wusste ich recht wenig über Meditation und war der Ansicht, dazu gehörten alle möglichen komplizierten mystischen Theorien. Ich war deshalb erstaunt, dass sich der Kurs als sehr praxisorientiert erwies. Unser Lehrer, S.N. Goenka, brachte den Teilnehmern bei, im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen dazusitzen und die gesamte Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten, der durch die Nase in den Körper strömt und wieder herausfließt. „Tue nichts“, sagte er immer wieder, „versuche nicht, den Atem zu kontrollieren oder auf eine besondere Weise zu atmen. Nimm einfach nur die Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks wahr, wie auch immer er sein mag. Wenn der Atem einströmt, bist du dir einfach nur bewusst – jetzt fließt der Atem hinaus. Und wenn du die Konzentration verlierst und dein Geist damit beginnt, zu Erinnerungen und Fantasien abzuschweifen, bist du dir einfach bewusst – jetzt schweift mein Geist vom Atem ab.“ Das war das Wichtigste, was jemals irgendjemand zu mir gesagt hat.

Wenn die Menschen die großen Fragen des Lebens stellen, haben sie in der Regel absolut kein Interesse daran, sich des Atemflusses bewusst zu werden. Vielmehr wollen sie Dinge wissen wie etwa, was passiert, wenn wir tot sind. Doch das eigentliche Rätsel des Lebens ist nicht, was geschieht, wenn wir tot sind, sondern was geschieht, bevor wir sterben. Wer den Tod verstehen will, muss das Leben verstehen.

Quelle Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert / C.H.Beck München 2018 (Zitat Seite 408f)

   

Teil I „Die technologische Herausforderung“ beginnt mit der Erklärung:

Die Menschheit verliert den Glauben an die liberale Erzählung, welche die Weltpolitik in den letzten Jahrzehnten bestimmte, genau in dem Augenblick, da die Verschmelzung von Informationstechnologie und Biotechnologie uns vor die größten Herausforderungen stellt, mit denen die Menschheit je konfrontiert war.

Als ich dieses Buch zu lesen begann, fühlte ich mich an den Tag erinnert, an dem ich „Die große Erzählung“ – oder wenigstens die fortwährenden Anspielungen auf ein „Narrativ“ – dingfest machen wollte, in diesem Fall auf Musik bezogen, nämlich hier. Warum soll sich diese Technik der Annäherung erledigt haben? Wenn in diesem Moment auch „nur“ von Weltpolitik die Rede ist, vom „Glauben an die liberale Erzählung“, es hindert ja den Autor nicht, auch die Musik sozusagen spielerisch einzubeziehen. („Mozart in der Maschine“ Seite 50ff)

Weil dieser Historiker, dem soviel auf rationalem Wege gelingt, in der Musik nichts Bemerkenswertes zustandebekommt, obwohl das musikalische Handwerk doch auch ohne Genie ganz gut zu beurteilen und sogar zu erlernen ist. Er meint Komponisten, Sänger und Djs, die „nach wie vor aus Fleisch und Blut“ sind.

Wir vertrauen auf ihre Kreativität, mit der sie nicht nur völlig neue Musik schaffen, sondern auch aus einer schwindelerregenden Fälle verfügbarer Möglichkeiten auswählen.

Gleichwohl wird auf lange Sicht kein Arbeitsplatz absolut sicher vor der Automatisierung sein. Selbst Künstler sollte man auf der Rechnung haben. In der modernen Welt wird Kunst üblicherweise mit menschlichen Emotionen assoziiert. Wir neigen zu der Annahme, Künstler würden innere Seelenkräfte bündeln, und der eigentliche Zweck der Kunst sei es, uns mit unseren Emotionen in Verbindung zu bringen oder irgendein neues Gefühl in uns auszulösen. Wenn es darum geht, Kunst zu bewerten, beurteilen wir sie folglich gerne nach ihrer emotionalen Wirkung auf das Publikum. Wenn man aber Kunst über menschliche Emotionen definiert, was würde dann passieren, sobald äußere Algorithmen in der Lage sind, menschliche Emotionen besser als Shakespeare, Frida Kahlo oder Beyoncé zu verstehen und zu manipulieren?

Schließlich sind Emotionen nicht irgendein geheimnisvolles Phänomen – sie sind das Ergebnis eines biochemischen Prozesses. Deshalb könnte in nicht allzu ferner Zukunft ein maschinell lernender Algorithmus die biometrischen Daten analysieren, die ihm von Sensoren auf und in unserem Körper zufließen, er könnte unseren Persönlichkeitstyp und unsere wechselnden Gemütslagen bestimmen, und er könnte berechnen, welche emotionale Wirkung ein bestimmtes Lied – ja sogar eine bestimmte Tonart – mit hoher Wahrscheinlichkeit auf uns hat.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 51

Wenn es um das Ergebnis biochemischer Prozesse geht, die erforschbar und manipulierbar sind, – was soll uns dann veranlassen, weiterhin Energie in diese furchtbaren Umwege zu investieren, die am Ende nichts als ein bestimmtes Lied ergeben? Dafür der ganze Konzertbetrieb und die gigantisch aufgeblähte Musikindustrie? Und warum übt ein Mensch jahrzehntelang Klavier, wenn er sich – ohne einen Finger zu rühren – alle Klavierwerke der Welt in meisterhaften Versionen und „gefühlsecht“ vom CD-Spieler (oder Nachfolgegeräten) einflößen lassen könnte?

Man bedenke allerdings, was die Geschmacksverstärker in der Kulinarik ausrichten. Oder gewisse Psychopharmaka, die „aufhellende“ Wirkung haben. Für mich würde vielleicht eine Weltschmerztablette täglich reichen, schon wäre ich der Sorge um weitere Bücher und Musikkonserven ledig. Geistige Nahrung – was ist das?

Wahrscheinlich doch das einzige, was uns lebendig hält.

Dementsprechend gehören für mich zu den hervorragenden Teilen des Buches diejenigen, die sich kritisch mit der digitalen Welt befassen, von deren Denken es ansonsten geprägt ist. Und so gefällt mir das Kapitel über Facebook.

Menschen haben Körper. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat die Technik uns von unseren Körpern entfernt. Wir haben unsere Fähigkeit verloren, darauf zu achten, was wir riechen und schmecken. Stattdessen sind wir von unseren Smartphones und Computern absorbiert. Das, was im Cyberspace passiert, interessiert uns mehr als das, was draußen auf der Straße geschieht. (…)

Wenn die Menschen dazu ermuntert werden, „Erfahrungen zu teilen“, heißt das nichts anderes, als dass sie das, was ihnen zustößt, mit den Augen anderer begreifen sollen. Wenn etwas Aufregendes passiert, besteht das Bauchgefühl von Facebook-Nutzern darin, das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, ein Foto zu machen, es online zu stellen und auf die Likes zu warten. Währenddessen bemerken sie kaum, was sie selbst fühlen. Vielmehr wird das, was sie fühlen, zunehmend von den Online-Reaktionen bestimmt.

Menschen, die sich dem Körper, ihren Sinnen und ihrer physischen Umgebung entfremdet haben, fühlen sich leicht isoliert und desorientiert. Meinungsmacher schreiben solche Entfremdungsempfindungen oftmals dem Schwinden religiöser und nationaler Bindungen zu, aber wichtiger ist in diesem Fall wohl die Tatsache, dass die Menschen den Bezug zum eigenen Körper verloren haben. Über Jahrmillionen haben sie ohne Religionen und ohne Nationen gelebt – insofern können sie vermutlich auch im 21. Jahrhundert gut ohne sie existieren. Doch sie können nicht glücklich leben, wenn sie nicht mehr mit ihrem Körper verbunden sind. Wer sich in seinem Körper nicht mehr zu Hause fühlt, wird sich auch in der Welt nirgends zu Hause fühlen.

Quelle Yuval Noah Harari: a.a.O. Seite 131f

Alles was er schreibt, ist richtig gedacht, jedoch rein „positivistisch“, z.B. wie er die Religionen der Welt der Reihe nach destruiert. Alles überzeugend, und wer da denkt, der Abschluss mit Meditation (s.o.) könnte zumindest den Buddhismus als Lösung voraussetzen, hat sich geirrt. Ebenso – natürlich? – das Judentum, als äußerst partikulare Weltanschauung und eigentlich desolat als Grundlage des Christentums, dem es seinerseits nicht besser ergeht usw. usw., im Prinzip kennt man das alles aus den rationalistischen Deduktionen der Wissenschaft, etwa bei Richard Dawkins. Weshalb ich es ganz anders lese, beruht nicht auf einer latenten, mir nicht bewussten (schwächlichen) Rückwendung zur Mystik, sondern weil ich gleichzeitig Jaspers lese („Der philosophische Glaube“) und – durchaus nicht im Sinne einer Rückwendung – mit Enttäuschung zur Kenntnis nehmen musste, dass er doch von „Gott“ spricht, so dass man meinen könnte, jetzt komme der Krypto-Evangelist zum Vorschein. Es ist ganz anders. Es fehlen alle christlichen Insignien, wenn ich mich nicht irre*. Ich werde diese Gedankengänge keinesfalls verkürzt darstellen, als seien daraus neue Dogmen zu gewinnen. Nicht einmal behaupten, Gott sei mit dem identisch, was Jaspers sonst mit größter Vorsicht „das Umgreifende“ nennt, – jenseits der „Subjekt-Objekt-Spaltung“, die alle unsere Gedankengebäude als Irrglauben desavouiert. Auch in dem Moment, wo wir neue Namen dafür ersinnen. Und neue Erzählungen drumherum…

Doch, ich irre mich, und auch wieder nicht. Jaspers macht die Bibel und den Christusglauben ausgiebig zum Thema, und das ist lehrreich; aber er distanziert sich, etwa mit den folgenden Sätzen (a.a.O. Seite 81):

Wenn aber dann die Christusreligion bedeutet: das glaubende Erfassen des rettenden Christus außer mir durch Verwirklichung des Christusgeistes in mir, so bleibt zweierlei für unser Philosophieren unumgänglich: der Christus in mir ist nicht an jenen einmaligen Jesus-Christus ausschließend gebunden und der Jesus ist als Christus, als Gottmensch ein Mythus. Die Entmythisierung darf hier nicht willkürlich halt machen. Auch der tiefsinnigste Mythus bleibt Mythus und ist ein Spiel, und er wird eine objektive Garantie nur, sei es durch eine religiöse Wahrheit (die das Philosophieren nicht zu sehen vermag), sei es durch Täuschung.

Quelle Karl Jaspers: Der philosophische Glaube / Piper München Zürich 20012 (1974)

Am Ende finden wir bei beiden Autoren die Gewissheit, an einem Wendepunkt zu stehen, bei dem einen nach dem Krieg im Jahr 1948, bei dem anderen heute im Jahr 2018.

Bei dem einen –  Yuval Noah Harari –  lerne ich zu Beginn des letzten großen Kapitels das Wort Resilienz, was bedeutet: „psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“.

 2018

Bei dem anderen – Karl Jaspers – steht am Ende die Frage, wo „der feste religiöse Boden [ist], der bleibt“. Ich fürchte, solche Fragen stellen sich heute nicht mehr, aber bei Jaspers lohnt es sich immer, sorgfältig weiterzulesen…

 1948

Es könnte sein, dass die letzten Kapitel Hararis – 19) Bildung 20) Sinn 21) Meditation – gar nicht so weit entfernt sind von der letzten der sechs Vorlesungen von Karl Jaspers: „Die Philosophie der Zukunft“ (Seite 116):

Das ist die Erfahrung des nicht im Wahrheitsbesitz erstarrten Philosophen, wenn er alt wird. Es ist die Form des geistigen Jungseins im Schmerz des Abschieds.

Man kann das gleiche finden in den unglaublich ausgearbeiteten Werken des letzten Brahms. Ich höre keinen Anklang an das alte „Dies irae“. Versöhnung, vielleicht sogar Liebe.