Kategorie-Archiv: Funde

In the Key of Genius

Klavier und Tastsinn

Auf meinem Flügel liegt ein Klavierstück, das ich zu üben versprach: es ist schön, – 99 Takte, nicht unspielbar, aber auch leicht zu verderben, weil es mit überaus feinen Schattierungen arbeitet. Es stammt von dem Stuttgarter Komponisten Jan Kopp und heißt:

Dann fiel mir Strawinsky ein, für den das Klavier eine besondere Rolle gespielt hat, ich suchte nach entsprechenden Quellen in meinem Bücherschrank und im Internet. Ich blätterte in einer frühen Strawinsky-Monographie, die mich um 1960 beeindruckt hat, Robert Craft war daran beteiligt. Als ich in Berlin zu studieren begann, war er mir deshalb ein Begriff: ein paar helle Köpfe unter meinen Kommilitonen kauften damals seine Gesamtaufnahme der Werke Anton Weberns. Andere helle Köpfe gingen bereits dazu über, diese Gesamtaufnahme massiv zu kritisieren. Und jetzt – nach bald 50 Jahren entdeckte ich einen Youtube-Film, der etwa zur gleichen Zeit entstanden ist, wie hätte mich das damals aufgeregt. In der Oetkerhalle in Bielefeld hatte ich Apollon Musagète (oder „Cantata“?) gehört, ein bestimmtes Motiv wurde mein Klingelton, wenn ich nach Hause zurückkehrte. (Nicht im Handy… an der Wohnungstür.)

 Strawinsky JR

Wiedergefunden nach 22 Minuten (durchaus verständlich, dass mir von damals nur 1 Motiv in Erinnerung blieb, nicht wahr? und die Tatsache, dass im Text eine Nonne von Jesus „in ihrem Bettelein“ sprach, ein Missverständnis zweifellos):

 Cantata 1951

Und heute: Robert Craft im Gespräch mit Strawinsky, über „Agon“, über Webern, am Anfang der Meister allein am Flügel, wie er Einzeltöne anschlägt, Intervalle, es rührte mich: alles, die Situation der Einsamkeit, – wie er die Notenlinien mit einer Schablone zieht, wie er Intervalle anschlägt. Etwas roh, nicht schön, nicht einstudiert. Wie er Robert Craft aus dem Hintergrund herbeiruft, und wie er auf die Taubheit Beethovens kommt.

Als ich mir die Noten für „Tasten Hören“ wieder aufs Notenpult legte, stellte ich mir unwillkürlich Beethoven mit Strawinskys Gesicht vor, wie er – einen Bleistift im Mund – die Vibration einer Taste einfängt. „They have to touch the music, not only to hear it!“ (siehe zweites Video weiter unten bei 2:43!) –  Aber wie kam ich auf das erste Video? Vielleicht über das Wort „key“ ? Das englische Wort heißt Schlüssel, aber auch Taste und Tonart. Und mir fiel ein, dass in einem Bericht über „Inselbegabungen“, wenn es um Musik geht, immer das Klavier auftaucht und die Wirkung einzelner Töne rings umher. Das Gedächtnis der Kinder, die Häufigkeit des absoluten Gehörs. Das Wort „Savants“ fiel mir ein, man sehe fürs erste, was im Wikipedia-Artikel zur Inselbegabung steht,  hier -, und ich erinnerte mich dunkel an die Behandlung des Phänomens bei Douwe Draaisma, da ist schon die Stelle:

Savants spielen Klavier – keine Gitarre, keine Violine, keine Oboe: Klavier. Fast alle Savants haben eine visuelle Behinderung. (…) Alle Savants haben einschneidende Sprachstörungen. Wenn überhaupt eine Sprachentwicklung in Gang kommt, ist diese verzögert. Der Wortschatz bleibt sehr begrenzt. Selbst wenn Savants lange Textstücke oder Unterhaltungen wörtlich wiederholen können (….), verstehen sie ihre Bedeutung nicht.

Damit waren für mich genügend Rätsel angedeutet, und ich saß nun etwas ratlos mit meinem Strawinsky-Buch, in dem ich mir damals schon die jetzt irgendwie passenden Äußerungen unterstrichen hatte. Im Hintergrund immer noch die Frage nach den prinzipiellen Unterschieden musikalischer Begabung und einer Dialektik, die ich seit 13.V.1960 durch erste gründliche Adorno-Lektüre kennenlernte: sie irritierte mich, da es mir nicht passte, Strawinsky als Antipoden Schönbergs aufzufassen (wie „Die Philosophie der Neuen Musik“ nahelegte). Für heute gilt: diese beiden Videos müssen natürlich überhaupt nicht aufeinander bezogen werden, aber der Zufall will, dass das eine im anderen nachwirkt, und mir genügt es, dass das eine Video die Erinnerung an jenes Strawinsky-Buch von 1960 plus Adorno wiederbelebt, das andere aber jenes von Draaisma auf den Tisch zaubert, das im Untertitel „Von den Rätseln unserer Erinnerung“ zu erzählen verspricht. Und dort nun, unter den Namen der musikalischen Savants, die nichts vergessen, was sie einmal gelernt haben, befindet sich eben auch der, der auf dem Video „In the Key of Genius“ mit seinem Mentor zu sehen ist: Derek Paravicini.

Quelle Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Die Hervorhebungen in roter Farbe stammen natürlich von mir. Und ich bleibe bei diesem einen Beispiel, weil es auch allgemein Licht auf das Phänomen der musikalischen Begabung wirft:

Ein paar Anregungen für „normal musikalische“ Menschen: bei 4:52 gibt es das Fragment einer Aufnahme des Vierjährigen, er hat das Stück durch Zuhören gelernt. Ab 8:03 wird sein absolutes Gehör demonstriert: er kann jeden beliebigen Ton, den er hört (aber nicht auf der Tastatur sieht), augenblicklich anschlagen. Genau so geht es mit Tonleitern, interessant, mit welchem Fingersatz er die C-dur-Tonleiter nachspielt, nämlich so, wie er ihn wohl einmal „ertastet“ hat: er schlägt den ersten Ton mit dem 2. Finger an und schiebt sofort den Daumen nach, abwärts arbeitet dann der Daumen allein, ab 8:20 –  21 21 21 21 21 21 21 21 1 1 1 1 1 1 1 1 . Wie erfasst er einen „disharmonischen“ Cluster von Tönen? Er identifiziert alle Einzeltöne in einem Moment, ab 8:50, und schlägt sie ohne Zögern als Cluster an. Ab 9:41 noch einmal die ausgedehntere C-dur-Skala wegen des Fingersatzes (genau wie vorher) und ab 10:08 der „Hummelflug“, ab 11:00 kann man die rechte Hand von oben auf den Tasten beobachten.

http://www.derekparavicini.net/index.html bzw. hier

ZITATE Draaisma

Als er [Derek Paravicini] ungefähr zwei Jahre alt war, fiel seine Empfänglichkeit für Klänge auf: was er auch an Geräuschen hörte, im Radio, aber auch das Zwitschern von Vögeln oder das Ticken und Klingen von Gläsern und Besteck, versuchte er mit der Stimme nachzuahmen. Auf einer elektrischen Kinderorgel spielte er nach, was er an Liedern hörte. Ein Jahr später kaufen ihm seine Eltern ein Klavier. Adam Ockelford, Musikdozent an einem Institut für mehrfach behinderte Kinder und Dereks Mentor, hat sein Talent zur weiteren Entwicklung gebracht. Als er neun war, gab Derek Konzerte mit Jazzensembles. Alle Hölzernheit seiner Motorik, schreibt Ockelford, verschwindet in dem Moment, wo er die Tasten spürt. Mit denselben Händen, die noch keinen Knopf oder Gürtel schließen können, spielt er die kompliziertesten Musikstücke.

Das Einstudieren von Stücken kostet Zeit, Derek muß ein neues Stück jeden Tag ein paarmal hören, bevor es in seinem Gedächtnis gespeichert wird. Aber wenn es dort erst einmal ist, wird es nie mehr verloren gehen. (Seite 117)

Derek spricht nicht, er äußert nur Klänge, kann außer Musik kaum etwas lernen. Aber dieses eine Talent ist nicht rein reproduktiv. Derek improvisiert gern. Wenn er jemanden begleitet, der nicht mit der richtigen Note anfängt, kann er sofort die passende Transposition finden, egal wie kompliziert die Begleitung ist. Alle Stücke, die er im Repertoire hat, kann er in jeder gewünschten Tonart spielen. Sein Talent, macht Ockelford deutlich, beruht nicht auf ‚instant recall‘, sondern auf einer gut entwickelten Fähigkeit, musikalische Strukturen zu manipulieren. (Seite 118)

Auch musikalische Savants sind meist männlichen Geschlechts, zeigen Verhaltensmuster, die mit Autismus assoziiert werden, und entwickeln kaum Sprache. Gerade letzteres wird bei musikalischen Savants als entscheidender Hinweis für den Ursprung ihres Könnens gesehen; (….). (Seite 119)

In den Fertigkeiten von Savants liegt eine seltsame, paradoxe Spannung. Auf der einen Seite sind es oft die einzelnen, trivialen Fakten, die so beharrlich memoriert werden. In dieser Hinsicht ist ihr Gedächtnis außerordentlich selektiv. Savants behalten (…) die oberflächlichen Fakten, nicht die Zusammenhänge und Kategorien. Auf der anderen Seite scheinen Savants Zugang zu Regelmäßigkeiten zu haben, die unter der Oberfläche liegen, seien es nun die Einteilung eines Kalenders, die harmonischen Strukturen in einem Musikstück oder die Gesetze der Perspektive. Dieser Zugang scheint eine Fähigkeit zu erfordern, die beim Auswendiglernen gerade so sehr fehlt: Abstraktion. Wie kommt es, daß ein musikalischer Savant Gefühl für die komplexe Ordnung von Akkorden und Tonarten hat, während ihm Sprachstrukturen verschlossen bleiben? (….) (Seite 123)

Nahezu alle musikalischen Savants haben schwere Sprachstörungen. Damit verfällt eine psychische Funktion, die unter normalen Umständen gerade der wichtigste Kommunikationskanal ist. Das bedeutet auch, daß eine mögliche Blockade für die Entwicklung anderer Funktionen entfällt. Sprache und Musik haben in mancherlei Hinsicht rivalisierende Funktionen, wobei sich Sprache auf einer leicht vorherrschenden Position befindet: wir können sehr wohl lesen und sprechen, während im Hintergrund Musik erklingt, Musik dagegen wirklich zu hören, wenn dazwischen geredet wird, ist viel schwieriger. Savants entwickeln ihre Empfindsamkeit für Musik in einem Alter, das für die Entwicklung von Sprache ein kritischer Zeitraum ist. Die Energie, die normale Kinder in der Erwerb von Wortschatz stecken, das Gefühl für Klang und Intonation, das sie dafür entwickeln müssen, die Entdeckung der impliziten Regeln für Wortbildung und Satzbau, die Steuerung der subtilen Motorik für Lesen, Sprechen und Schreiben, die sie lernen müssen, das Erkennen von Buchstaben und Wortbildern – das alles hält der Savant für die Entwicklung und Verfeinerung seiner eigenen speziellen Begabung zur Verfügung. Wenn er dabei, so wie das fast immer der Fall ist, auch noch ein visuelles Handicap hat, kann das seine akustische Empfindsamkeit noch verstärken. Das Ergebnis ist das musikalische Äquivalent eines Wortschatzes, einer Grammatik und einer akzentlosen Beherrschung der Muttersprache. (Seite 125 f)

Diese kompensative Beziehung zur Sprache ist der Aspekt, der im Fall des musikalischen Savant so interessant ist. Andere Komponenten, die für das Musikverständnis des normal ausgestatteten Geistes wesentlich sind, spielen demnach keine oder nur eine geringe Rolle. Die Relation zwischen linker und rechter Gehirnhälfte hat aufgrund frühkindlicher Fehlentwicklungen eine andere Form angenommen (Forschungen von Galaburda und Geschwind ). Draaisma fasst zusammen:

Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit, selbst nach schwersten Verletzungen ein gewisses Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Verwüstung kann noch so groß sein – es entsteht eine neue Ordnung. Blockaden und Beschädigungen führen zu einem Netz aus Schleichwegen, Umleitungen und Notbrücken. Auf den Malus eines Handicaps folgt oft der Bonus der Kompensation, auf einen Defekt ein heimlicher Profit. Bei Savants kann dieses eine Talent einen Kanal für Kommunikation öffnen. (…) Savanttalente, sobald sie entdeckt und entwickelt sind, werden zu Kontaktstätten, um so wertvoller, wo Kommunikation in Sprache oft unmöglich ist. (…) Ockelford hat in seinem Institut für mehrfach Behinderte manchmal mit Menschen zu tun, die unter derselben Behinderung leiden wie Derek Paravicini, aber ihnen steht keine Musik zur Verfügung. Wenn so jemand aber ein gewisses Maß an Verstand hat und seine Gefühle mit anderen teilen will, führt dieser abgeschnittene Weg zu Enttäuschung, Frustration und Aggression. Für Derek dient Musik „ausschließlich dazu, mit seinen Freunden zu kommunizieren. Er würde sich  nie hinsetzen und sein Herz und seine Seele in einem Stück von Chopin ausschütten oder so. Musik ist für ihn kein Ziel an sich, sie ist ein Mittel, um etwas zu erreichen.“  (Seite 126)

*     *     *

Fernsehsendung QUARKS WDR 11.02.2020 – noch abrufbar bis 11.02.2015

 HIER 

*    *    *

 

Video ab 2:17 …hier sind die Intervalle, man muss die Musik berühren, nicht nur hören, denn Berühren ist – – – zu fühlen – die Vibrationen der Musik. Es ist eine wichtige Sache – Sie erinnern sich: als Beethoven schon vollständig taub war, nahm er den Stift in den Mund (Str. macht es mit einem Bleistift vor), und er spielte die Musik, während er so den Notenständer berührte (schlägt einen tiefen Ton an), um die Vibrationen zu spüren, weil er die brauchte — er musste die Vibrationen genießen – andernfalls wäre die Musik eine abstrakte Sache für ihn gewesen – und dies war es, was er nicht wünschte. Meistens am Klavier, meistens wenn er das Instrument berührte (klopft mit den Fingern auf die Flügelkante) zum Beispiel, wenn ich auf einen bestimmten Abstand zwischen den Fingern schaue, entspricht das Intervallen, und diese Intervalle sind wirklich musikalische Ideen. Manchmal zufällig. Und manchmal mit Absicht (engl. „will“). Und wir haben den Willen nicht geringzuschätzen, der Wille ist eine sehr wichtige Sache, ich denke wieder an Beethoven und seine Skizzenbücher, wie jeder heute weiß: was er mit Willen tat, das ist auch … ein Element des kreativen Prozesses.

Das sagt er in dem Beitrag „Antworten auf 35 Fragen“ (1975). In seinen „Erinnerungen“ (1936) war Strawinsky den Anfängen dieser Neigung nachgegangen:

Als ich neun Jahre alt war, nahmen meine Eltern eine Klavierlehrerin für mich. Ich lernte sehr schnell, Noten zu lesen, und betrieb das so ernsthaft, daß ich bald Lust bekam zu improvisieren. Dieser Tätigkeit widmete ich mich mit Hingabe, und für lange Zeit war sie meine Lieblingsbeschäftigung. Meine Improvisationen waren bestimmt nicht sehr interessant, denn man warf mir häufig vor, ich vertändele meine Zeit, statt regelmäßig zu üben. Ich allerdings war nicht dieser Ansicht, und sie verdroß mich sehr. Heute verstehe ich, daß man sich bei einem Bürschchen von neun Jahren um die Disziplin kümmert, aber dennoch muß ich sagen, daß diese dauernde Arbeit …

Quelle Igor Strawinsky: leben und werk von ihm selbst / Atlantis-Verlag Zürich u B.Schott’s Söhne Mainz 1957

13. Februar 2020 Das Buch ist eingetroffen:

Adam Ockelford: In the Key of Genius

The Extraordinary Life of Derek Paravicini

 Hutchinson London 2007

Das Leben, ein wirklicher Traum

Wenn Sie den Trailer sehen, wissen Sie nicht, was Sie erwartet:

Und wenn Sie meine Screenshots sehen, ebensowenig:

     .     .     .     .     .     .     .     .     .

Wikipedia sagt dies: hier.

Und es gibt nur noch 4 Tage, den Film abzurufen. HIER !

Bis 26. Dezember 2019. Nur eine nebensächliche Frage: ist der Starengesang „echt“? Die Starenschwärme – echt oder mit Computer generiert? Siehe ab 1:33:26.

Ich bin kein Cineast, aber ich hätte einer werden können: seit ich begann, zu Beginn des Studiums in Berlin regelmäßig das Programmkino am Steinplatz in Berlin zu besuchen (1960) und manche Filme mehrmals anzuschauen, z.B. Orphée von Jean Cocteau, in Originalsprache, ohne Untertitel, später auch „Das Testament des Orpheus“. Ich bin nicht sicher, ob meine Faszination ebenso groß gewesen wäre, wenn ich den Film genauer verstanden hätte (jetzt habe in Wikipedia nachgelesen, und bin etwas desillusioniert). Aber dieser „brandneue“ Film aus Belgien, dessen Titel wohl keine Anspielung auf Cocteaus letzten Film sein soll, ist der einzige, der mich auf ähnliche Weise gefesselt und begeistert hat, nicht durch eine „Aussage“, sondern durch seine schiere, realistische und surrealistische Szenenfolge und die starken Bilder.

Nicht zu vergessen: es war ein Empfehlung von JMR. Ich hatte eigentlich geglaubt, keine Zeit zu haben, einen so langen Film am Computer anzuschauen. Wenn die Bilder wirklich nachwirken und wiederkehren, werde ich mir die DVD bestellen… Irgendwo las ich, es sei eine Komödie, aber das ist mir kaum aufgefallen, der Titel trifft etwa so wie Dantes „Divina Commedia“.

Und noch ein Traum der Wirklichkeit 25.12.2019

La Tempête ! Alle Einzelstücke bei jpc anspielen hier (! Tr. 14 „Duo Seraphim“ !)

Ich denke zu allererst an die großartigen Chöre Sardiniens, z.B. den Coro di Neoneli und an den Launeddasspieler Luigi Lai, Aufnahmen, wie sie der WDR in den 70er Jahren an Ort und Stelle aufgenommen und bei Network-Medien veröffentlicht hat. Das folgende Beispiel ist auf youtube mit Verweis auf Naxos und Network (das falsch geschriebene Wort „Poliphony“ macht mich nachdenklich) gekennzeichnet: hier. Ist es genau „unsere“ Aufnahme? Wie wär’s mit Tr. 15?

Nachtrag 26. Dezember 2019

Um zu dem Film zurückzukehren (heute letzter Tag!): es gibt doch noch eine Frist. Da stand:

Verfügbar vom 18/12/2019 bis 26/12/2019 Letzter Tag // Nächste Ausstrahlung am Mittwoch, 1. Januar um 00:45

Ich kann ihn aufnehmen. Wenn ich nur wüsste, ob mit 00:45 Uhr insgeheim der 2. Januar gemeint ist, die Stunde nach Ablauf des 1. Januartages? Ich würde mich verpflichten, länger darüber nachzudenken. Sein Vorzug ist es, dass er „ernst“ ist und doch eine Komödie. Vielleicht deshalb: um zu verhindern, dass er ein Kultfilm wird. Ein quasi-religiöser Ansatz wird verhindert dadurch, dass er blasphemisch beginnt und diese Rolle bis zum glücklichen Ende weiterspielt. Diesen Gott kann man nicht ernst nehmen, obwohl genau darin das Problem der „wirklichen“ Religion liegt: dass man nicht glauben kann, dass ein Gott, falls er existierte, so willkürlich mit der Wirklichkeit verfährt, wie ein spielendes (unerzogenes) Kind. Die „echte“ Religion beginnt mit dem Gebot: Du darfst nicht lachen. Du musst hinter jedem widersinnigen Verlauf des Lebens einen tieferen Sinn sehen. Ich bin heute um 7:35 h aufgestanden, um mit Schreiben zu beginnen, jedoch zuerst erinnert, dass ich gestern Nachmittag alle Kinder und Enkel gesehen, ja noch 2 mehr, und auch noch den Hund dazu. Rückfahrt 23.25  bis 00.15 Uhr. Doch weiter im Text: Die Brücke des Lebens, über die du mit dem Auto fährst, könnte einfach abbrechen. Hier. Ich erinnere mich, wie gut Safranski über das Erdbeben von Lissabon geschrieben hat, das Desaster der Theodizee. Und schon hat sich die gespenstische Brücke in die Vergangenheit doppelt materialisiert:  „Peru, im Jahr 1714: eine Hängebrücke in der Nähe von Lima stürzt ein und reißt fünf Menschen in den Abgrund. Ein Franziskanermönch wird Zeuge dieser …“ Thornton Wilder (1928). Wann habe ich das gelesen?  Die Taschenbuchreihe des Fischer-Verlags war ziemlich neu, hier, dies Büchlein war sogar die Nummer 1. Wie ich heute doch die Furie des Verschwindens schachmatt setzen kann mit Hilfe des Internets. Ich finde diesen Thornton Wilder nicht einmal wieder in meinem Bücherschrank, nur „Die Iden des Märzes„. (Des Märzes? Ist das unwiderruflich? Nein! Und soviel Zeit muss sein in den letzten Tagen des Dezembers Jahres. Ach, ich vergaß den Film…

Der Blick all dieser Fußgänger aufs Handy, in dem plötzlich das eigene Todesdatum steht, erscheint als lustige Anspielung und wird uns in Zukunft immer begleiten.Man muss es ernst nehmen.

Hausfrau in Seesen 1905

Das Kochbuch 1877 als Vermächtnis

Neues praktisches Kochbuch / für / die gewöhnliche und feinere Küche / von / Henriette Sander / geb. Düwel, / Wittwe des Posthalters Heinrich Sander in Elze / Verlag Carl Meyer Hannover Hinüberstraße 18 ( 2. Auflage 1877)

Besitzerin: Luise Hörmann in Seesen. Es war wohl ihre Tochter, die später zur Schwiegermutter meiner Tante Ruth Rühling geb. Rw (* 1913) wurde, nämlich: Frieda Rühling geb. Hörmann, dies Buch also hat sie wahrscheinlich von Mutter Luise geerbt. Tante Frieda war zu meiner Zeit berüchtigt als „Nervensäge“. Sie wohnte immer in der Nähe oder im Haus ihres Sohnes Fritz (der mit Tante Ruth verheiratet war), zuerst in Goslar (?), dann in Alfeld (Leine), in Misburg und in Hannover. Auf dem Foto (1953) vor dem neu erworbenen, etwas ärmlich wirkenden Misburger Häuschen (das dann ausgebaut und erweitert wurde), mitten im Wald, „Am alten Saupark“, für mich ein Ferienparadies: links außen Tante Ruth, dann Tante Frieda, schräg hinter ihr der Gatte Friedrich und dahinter der gemeinsame Sohn Fritz. (Wie hätte er denn sonst heißen können?)

 August 1953

Zeitsprung: weitere 50 Jahre zurück. Zum Kochbuch: Gutbürgerliches Ambiente der wilhelminischen Zeit, vor dem ersten Weltkrieg. Wahrscheinlich noch wie bei Fontane. Das Einkochen (Einmachen, Einwecken) spielte eine große Rolle, wie ich es noch aus der Zeit des Fotos – nach dem zweiten Weltkrieg – erinnere: Einmachgläser („Weckgläser“ mit Glasdeckel und Zwischengummi), vorwiegend Obst: Pflaumen, Birnen, Himbeeren, Johannisbeeren. Im Kochbuch geht es aber noch um Steinguttöpfe, wenn man die vorletzte unten wiedergegebene Seite verallgemeinern darf. Siehe auch Wikipedia hier und hier.

          

Frommer Rätselspruch bei der Schenkung? Listige, auf den Hausherrn bezogene Doppeldeutigkeit? Ein Scherz liegt nahe. (Aber doch nicht mit dem jüngsten Gericht?!)

Um die krasse Gegenwart nicht zu vergessen: es gibt keinen anderen Grund als den Zufall, dass dieses Kochbuch sich gerade heute zum Scannen anbot, denn gestern Abend haben wir eine H-moll-Messe gehört, die es wert wäre, den ganzen nachfolgenden Tag nur dieser Musik zu widmen. Seit wann kenne ich sie? Sie stand im Notenschrank meines Vaters (auf dem Foto neben Onkel Fritz bzw. als dritte Person von rechts), und Bach wurde gerade mein Lieblingskomponist.

  

Eine hervorragende Aufführung, aus einem Guss, gute Tempi. Mir fiel auf, in welchem Maß der Ablauf aller Einzelteile sich dramaturgisch zu einem Ganzen fügt, – wenn ein guter Dirigent es darauf anlegt. Und ihm wunderbare Solisten zur Seite stehen: die überschwängliche Solovioline, die sanfte Flöte, die sich erbarmende Oboe, das getreue Horn, ja, ein Corno di caccia, – früher eine Angstpartie, und immer noch spürt man die Nähe des Abgrundes, „tu solus dominus“: es ist kein Instrument der Herrschaft, sondern der Verinnerlichung, und genau so soll es sein, die fremd tönende Septim, der Versuch eines Trillers, jeder einzelne, errungene Ton. Ich habe die Glücksmomente von Aufführungen im Ohr, bei denen ich vor Jahrzehnten im Orchester saß: Walter Lexutt, Andrew Joy… Auf das Horn-Solo warte ich. – Die Solosänger(innen) waren mir fast zu präsent im Raum, sie sind Textträger, aber nicht wichtiger als die Instrumente. Und ohne die überzeugende Leistung der Chöre schmälern zu wollen, wird mir klar, dass ich von Knabenstimmen geprägt bin und deren kristallenen Anteil herbeiphantasiere, – meine Schuld. Denn diese Mischung dreier Chöre grenzt an ein Wunder des homogenen Klangs. Eine Meisterleistung des Dirigenten. (Nebenbei ist es ein Vergnügen, ihn bei der „Arbeit“ zu beobachten; die Bewegungen sind funktionell, und sie „passen“ zur Musik.) Das fabelhafte Orchester – siehe unten – soll nicht als Kollektiv untergehen, jeder einzelne lobenswert – die Facetten des Klangs kamen mir vertraut vor, wie aus fernen Zeiten…

l’arte del mondo Einstudierung Werner Ehrhardt

Was bleibt?

  

Da ist diese Ungeheuerlichkeit des „Et expecto“ und der dramatische Umschwung mit den aufspringenden D-dur-Dreiklängen, aber vor allem die maßvolle, abschließende Bitte „Dona nobis pacem“, die musikalisch mit dem Dank „Gratias agimus“ vom Anfang identisch ist. Das bleibt als Essenz der ganzen Messe. Vielleicht in einem umfassend diesseitigen Sinne.

Oder vielleicht nur für mich? Während andere es als großes Glaubensangebot verstehen. Darüber darf man schweigen.

Ich beende diesen Eintrag so privat, wie er begonnen hat, aber nicht im Umkreis von Tante Frieda. Da ich eben die Besetzungsliste durchgegangen bin, die mich wehmütig berührte, darf ich eine andere aus dem Jahre 1985 anhängen; sie befand sich in meinem Bach-Buch von Malcolm Boyd, das ich damals gerade neu war. Für diese Jahre bin ich dankbar.

Musica Antiqua Köln 24. Mai 1985

Meinungen, Gespräche

Über Musik? Über Geschmack?

Ich erinnere mich an Gespräche der frühen Schulzeit, wenn man den gleichen Weg hat, aber sich erst kennenlernt. Ein Thema, was immer ging, war Essen: was man mag und was man überhaupt nicht mag. Leicht vorstellbar. Aber: das bleibt ein Leben lang, lediglich die Begründungen werden länger, man will nicht nur Laber-Meinungen austauschen, sondern sich selbst als differenzierenden Menschen geben. Dachte ich jedenfalls.

Ich finde, es hat sich nach Jahrzehnten nur wenig geändert, auch wenn der eine 14 Jahre älter ist als die andere, das macht wenig: die Beliebigkeit der Inhalte ist grenzenlos. Mich interessiert es aber immer, wenn der Gegenstand des Gesprächs Musik ist, welcher Art auch immer. Neulich habe ich erlebt, dass sich erwachsene Männer mittleren Alters gegenseitig auf dem Smartphone Automodelle zeigten, sportliche Typen, Cabrios der S-Klasse und sowas, ich war sprachlos, ohne mich überlegen zu fühlen. Ich schwöre: man ist einfach isoliert. Interessant aber, dass dieses Gespräch 1:1 den Schulweggesprächen der Kindheit glich, nur dass wir damals keine Bilderbücher im Miniformat mit uns herumtrugen. Und jetzt lese ich etwas ganz Ähnliches in der Zeitung, man nennt es dort allerdings Podcast. Im folgenden kommen die beiden Gesprächspartner – A männlich, B weiblich – auf Musik. Ich werde versuchen, sie zuzuschalten (die Musikstücke, soweit auffindbar).

Unser Ziel ist nicht das Finden irgendeiner objektiven Wahrheit, die dann für alle Menschen gelten soll. Wir machen eher so eine Art Gummitwist in der Dialektik. Eine andere Meinung ist sehr schützenswert, ich finde sie oft spannender als meine eigene. Manchmal habe ich auch selbst zwei gegensätzliche Meinungen zu einem Thema. Heute, wo es meist nur um das Niederschreien geht und sich alle in eine Art Mini-Trump to go verwandeln, ist das Interesse an der Meinung des anderen total verloren gegangen.

B (Jasna) Voll.

A Das ist doch gerade das Schöne im Leben, der Austausch, die Unterschiede. Da geht das Denken erst los.

Bei welchen Themen sind Sie sich denn nun uneins?

Zum Beispiel bei Miley Cyrus!  Die hast du mir doch neulich nahegebracht an deinem Geburtstag, Jasna. Die war mir vorher egal. Was noch, Jasna?

(kaut auf ihrer Kette) Ich weiß nichts mehr.

Was machst du da?

Keine Ahnung.

Verstehe. Na ja, auf ihrem Geburtstag lief jedenfalls „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus. Da habe ich Miley Cyrus zum ersten Mal verstanden. Und später hat dort noch Sophie Hunger „Atemlos“ gesungen. Das war unerwartet toll. „Ok cool“ von Yung Hurn findet Jasna zum Beispiel wiederum total doof, da sind wir uns uneins. Sie hasst das.

Warum?

(B schweigt)

Keine Ahnung, als sie mir das gesagt hat, wurde ich tatsächlich richtig sauer. Aber offenbar ist ein intelligentes Leben möglich, auch wenn man Yung Hurn ablehnt. Das sitzt hier neben mir.

Was stört Sie an Yung Hurn, Frau B?

B Das ist dumme Scheißmusik. Ich finde das uninteressant und auch gar nicht lustig.

Und trotzdem sind wir Freunde.

Sind Podcast-Macher eigentlich alle Freunde? Es ist ja recht auffällig, dass sich sehr viele Podcast-Menschen gegenseitig in ihre Podcasts einladen.

A & B unisono Wir laden niemanden ein.

Sie reden hier mit der Champions League. Selbst Yung Hurn könnte an der Tür kratzen, unsere Antwort wäre immer: Nein. Das Kabuff ist verriegelt. Bis zur Raucherpause.

*    *    *

So, das war die Grundlage, jetzt sollte ich verstehen, was Sache ist… Mit Konzentration also:

Unmöglich? Natürlich. (Wie auch Joseph Beuys mit „Nä nä nä – ja ja ja“.) Eine Provokation also. Aber das, was hier folgt, ist doch einfach irgendsoein Lied?

Es könnte auch dieses sein: hier. (Im externen Fenster abgerufen. Möglicherweise ist Werbung vorgeschaltet. Wappnen Sie sich.) Man könnte die Musik analysieren. Mein Problem wäre nur die Langeweile, die sich beim intensiveren Zuhören steigert (bei sehr guter Musik ist das umgekehrt). Ich vermute, dass sich das ändert, wenn man das Hörvermögen auf physiologischem Wege „transformiert“: es halluziniert. Und dann muss man nicht mehr von der Musik (da draußen) reden, sondern vielleicht von dem Mädchen. (Allerdings nehme ich schon das externe Fenster, um nicht immer zuschauen zu müssen. Da gab es noch den Punkt: Einschlafen als Kritik.)

Nachzutragen wäre noch die Quelle des (natürlich unvollständig zitierten) Gesprächs oben. Folgt sofort…

Quelle Süddeutsche Zeitung 14./15. August 2019 Seite 26 (Medien) „Ich bin extrem dafür, dass alle ihre Hosen anbehalten!“ Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer haben nun einen gemeinsamen Podcast. Ein Gespräch über spontane Themenfindung, gespielte Authentizität und Einschlafen als Kritik. (Interview: Quentin Lichtblau)

Unter neuem Aspekt – aufgedeckt

Ein Skript vom 16. Januar 1985

Der Kreis, die Welle und der Geist der Wiederholung

Damals habe ich die Radiosendungen oft noch mit Tintenkuli geschrieben, so auch hier, ausnahmsweise nicht auf große Bögen, sondern auf 36 kleine Din-A-3-Blätter, von denen Nr. 32 und 33 fehlen. Der Schreibblock stammte aus der Firma eines Solinger Freundes. Ich habe hier alles, was an Text vorhanden war, ins Reine getippt, leider fehlt mir der Wortlaut einzelner Zitate („Glockenbuch“ und einige gute Sätze von Kevin Volans). Trotzdem lag mir daran, wenigstens den Ablauf zu rekonstruieren, weil ich mich auf diese Weise genau erinnere, was ich damals wollte. Und was ich heute anders behandeln würde. Die jetzt verlinkten Musikbeispiele sind nicht unbedingt identisch mit den im Original verwendeten. – Die Sendung war vorproduziert, Länge 89:16, live aus dem Studio kam nur die Kopfansage und die Absage am Schluss. An dieser Stelle folgt vorläufig nur der TEXT der Sendung / Musikbeispiele werden noch genauer gekennzeichnet und ergänzt. Nicht vergessen: es war eine Sendung zum Hören; sie lebte von der  damals noch sehr ungewöhnlichen Musikauswahl.

Obwohl der Geist der Wiederholung uns von der Geburt bis zum Tode fest im Griff hat, obwohl unsere Stunden, Tage und Jahre von unermüdlicher Repetierung der immergleichen Vorgänge geprägt sind, – Puls, Atem, Essen, Verdauung, Schlafen, Aufstehen usw. -, gefällt es uns, dies zu verdrängen und so zu tun, als bewegten wir uns auf ein Ziel zu: eine neue Stelle, die Anschaffung eines neuen Autos, eines Hauses, auf den Zeitpunkt, wo die Kinder in die Schule kommen oder diese verlassen, auf eigenen Beinen stehen können oder selber Kinder bekommen.

Wenn ein Altvorderer daherkommt und weise meint: „Alles schon mal dagewesen“ reagieren wir mit Unwillen; weder die Nostalgie-Wellen noch die fast vollendete Zerstörung unserer Umwelt wird uns an der geheimen, aber unerschütterlichen Überzeugung irre werden lassen, daß wir uns nicht nur reproduzieren, sondern daß wir fortschreiten. Mit Wiederholungen haben wir’s noch ebensowenig wie mit Recycling. Kaum irgendwo ist diese Einstellung so deutlich zu beobachten wie in der Entwicklung unserer westlichen Musik, um es kurz zu sagen: im Verschwinden der Wiederholungszeichen, in den veränderten Reprisen, schließlich in Schönbergs Dodekaphonie, die keinen Ton wiederauftreten läßt, bevor nicht alle anderen erklungen sind, und in der seriellen Musik, die dies Prinzip auf die Spitze treibt.

Wenn wir Werke unserer traditionellen Musik suchen, in denen die Wiederholung eine wesentliche Rolle spielt, müssen wir lange suchen. Mir fällt als erstes Beethovens VII. Sinfonie ein, besonders jener Schluß des ersten Satzes, der C.M.v. Weber zu der bezeichnenden Bemerkung veranlaßte: „Jetzt hat er den Verstand verloren.“

Aber man muß deutlich unterscheiden: diese düster rollende Bassfigur ist kein Exempel des guten Geistes der Wiederholung: sie insistiert mit einer gewissen Verstocktheit oder Hartnäckigkeit, die sich dann um so befreiender in Jubel auflöst.

Dennoch war Beethoven in seiner von Wagner so genannten „Apotheose des Tanzes“ dem ekstatischen Sinn der monomanen Wiederholung so nah wie niemand sonst.

MUSIK Beethovens große Welle [bei Leonard Bernstein hier ab 13:16]

  1955

[Im Jahr 1981 hatten wir mit dem Collegium aureum Beethovens VII. aufgenommen, ein neuer Schub, mich genau damit zu beschäftigen. Begonnen hatte es in der Zeit, als ich anfing, Partituren zu studieren; die erste war Beethovens VIII., die ich vor dem Radio verfolgte.]

 Textausschnitt zu Beethoven VII 1981

Aber welch ein ungeheurer innerer Abstand zu jenen pulsierenden Zyklen, die das indische und man darf wohl allgemein sagen: das orientalische Zeitgefühl kennzeichnen:

„Trunken kreist das Weltall, / thun wir desgleichen -“

sagte der persische Dichter Hafis. Und das ist nicht einfach poetisch daherphantasiert: die kreisende Bewegung des Tanzes wurde einst und wird als Verbindung mit dem Hintergrund unserer Lebenswirklichkeit aufgefasst. Der Tanz war „ursprünglich und für lange Zeit ein rein religiöser Akt, der oft auf überirdische Ursprünge zurückgeführt wird“, sagt Meyers Lexikon, und weiter: „So gilt im Hinduismus der Gott Schiwa als ‚Tanzkönig‘ und Krischna vollführt mit der geliebten Gopi einen ‚ewigen Tanz‘. Ein Gott des Tanzes war auch der phönikische BAAL MAKOD (=Herr des Tanzes). Nach Klemens von Alexandria tanzen im Himmel die Seligen mit den Engeln. Lukian kennt einen Tanz der Himmelskörper, ebenso Dante, der in den letzten Versen der Divina Commedia von einem Tanz der Sonne und der Sterne spricht, der durch die Liebe bewegt wird.“

MUSIK Sarangi (Ram Narayan) Raga Pilu [Youtube 2002 ! hier ab 14:15]

Trotz Klemens, Lukian und Dante ist die Vergöttlichung des Tanzes nicht gerade ein christliches Phänomen. Das Ziel der Zeit, das Jüngste Gericht, Ewiges Leben, Ewige Verdammnis – all das widerspricht der zyklischen Auffassung der Zeit, die sich im Tanz symbolisiert, aufs schärfste. Das Drehen im Kreis, der Reigen, die Wiederholung, der Kolo, der Horo, der Reel sind Äußerungen eines Lebensgefühls, das dem steten Umgang mit der Natur entspricht.

MUSIK Drei Tänze Bulgarien / Irland

Fast hat man den Eindruck, daß das Prinzip der Wiederholung, welches die barocke Passacaglia erfüllt, seine wahre Bestimmung nur als Negativum findet: indem es den unerbittlichen Lauf des irdischen Schicksals zeigt, an dem der Sterbliche zerbricht, sofern er nicht mit dem Tod seiner wahren Bestimmung entgegengeführt wird, wie im „Crucifixus“ der h-moll-Messe von Bach, wo das chromatisch absteigende Lamento-Motiv 12 Mal wiederholt, beim 13. Mal abgewandelt wird. Der Bach-Forscher Walter Blankenburg weist darauf hin, „daß mit der Zahl 12 die Grenze der Zeit angedeutet ist (Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk die Ewigkeit, sagt ein altes Volkslied). Die gedankenlos vulgäre Redewendung Jetzt schlägt’s Dreizehn, welches ein außergewöhnliches Geschehnis meint, findet in der 13. abgewandelten Durchführung des Crucifixus-Ostinato mit der Erinnerung an den Kreuzestod Jesu eine unheimliche Anwendung.“

MUSIK J.S.Bach H-moll-Messe „Crucifixus“ [Youtube mit Herreweghe hier]

Während sonst die formale Aufgabe für den Komponisten einer Passacaglia oder einer Chaconne darin liegt, die fortwährende bloße Wiederholung des Themas oder des Ostinatos vergessen zu lassen, indem er über diesem Grund mit satztechnischen Mitteln von Variation zu Variation eine Steigerung erzielt, ein Gebäude errichtet, tritt in den großen Lamenti der Barockoper deutlicher ins Bewußtsein: das Individuum scheitert am Unabänderlichen. Wie Henry Purcells „Dido“.

MUSIK Purcell: Klage der Dido [Youtube mit Joyce DiDonato hier ab 1:00]

[Anm. Rückseite: Der gelehrte Mattheson hat vor Wiederholungsformen wie Chaconne und Passacaglia ausdrücklich gewarnt.]

Ich habe vorhin ein Zitat aus dem Lied erwähnt „Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk die Ewigkeit“ und auch die Redensart „Jetzt schlägt’s Dreizehn“. Wir können uns kaum noch vorstellen, in welchem Maße unser Umgang mit der Zeit und der Zeiteinteilung einst durch Glockentöne geprägt wurde: Frühglocke, Morgenglocke, Tagglocke, Mittagsglocke, Vesperglocke, Betglocke, Totenglocke, Feierglocke usw.

Faszinierend am Geläut der Glocken des christlichen Abendlandes, daß es uns nicht nur mit eherner Wucht den Ablauf der Zeit einhämmert, sondern unser Ohr in wundersamen akustischen Wellen trifft und bei vollem Geläut unsere Phantasie mit wellenförmigen, stetig wechselnden Rhythmen beschäftigt, deren einzelne Bestandteile gleichwohl aus invarablen Repetitionen bestehen: so wie die Schläge von 4 pulsierenden Zeitmessern, die der Musiker „Metronom“ nennt.

MUSIK 4 Metronome (nach Zufallsprinzip) / Hauptgeläut der Kirche von Ftan / Unterengadin (Aufnahme JR)

Die Glocken von Ftan im Unterengadin. – Man ist übrigens auf die Idee gekommen, auch solches Läuten zu reglementieren: „In einigen Orten Thüringens beispielsweise war das Taktläuten mit drei Glocken gebräuchlich, die auf einen Dur-Dreiklang abgestimmt sein mußten. Das Taktläuten, bei dem die Glocken immer in derselben Reihenfolge und im Takt erklingen, unterscheidet sich erheblich vom frei rhythmischen Läuten, in dem die einzelnen Töne durcheinanderwogen. Über der großen Glocke befand sich (….s. Glockenbuch S. 76) ???

Ich weiß nicht, ob die Glocken der Kirche Sainte Geneviève du Mont à Paris im Jahre 1723 in dieser Art geläutet wurden, oder ob der Geist der Aufklärung ihr Geläut rationalisierte: Marin Marais lieferte uns mit dem folgenden Stück „La sonnerie de Sainte Geneviève du Mont à Paris“ für Violine, Viola da gamba und Basso continuo ein Beispiel des Prinzips musikalischer Wiederholung, das wohl bis zu Ravels „Boléro“ in der abendländischen Musikgeschichte ohne Parallele ist. Bemerken Sie, wie dennoch der übermächtige musikalische Geschmack schließlich dem Komponisten gebietet, die Glocken eine Quart abwärts und später wieder hinaufmodulieren zu lassen, um dem Verlangen nach Kurzweil zu genügen. Musica antiqua Köln spielt unter der Leitung von Reinhard Goebel.

MUSIK La sonnerie … [Youtube mit J.Savall !! hier]

„La sonnerie de Sainte Geneviève du Mont à Paris“ aus dem Jahre 1723 von Marin Marais; Musica antiqua spielte unter der Leitung von Reinhard Goebel. Der Bolero von Ravel ist wohl allen Musikfreunden zur Genüge bekannt; ich möchte deshalb nur an jene Stelle erinnern, an der das Prinzip der Wiederholung – ganz ähnlich wie bei Marin Marais mit einer Modulation verlassen wird.

MUSIK Ravel „Boléro“ Modulation + zurück [Youtube mit Gergiev hier ab 13:35]

Noch einmal zurück zu den wirklichen Glocken. In England gibt es seit etwa 1600 die Tradition des Change-ringing: das Wechsel- oder Variationsläuten, dessen Tonketten in verblüffender Weise an afrikanische Repetitionsmuster erinnern, obwohl sie wohl eher auf mathematische als musikalische Prinzipien zurückgehen, und wie der Name Change-ringing schon andeutet, den Wechsel, die Variation wichtiger findet als den gleichbleibenden Rahmen und Tonvorrat, der das ungeübte Ohr zunächst so suggestiv anrührt.

Hier sind 12 Ringer mit Handglocken in action; einer gibt gesprochene Anweisungen.

Musik Change ringing (unter Text)

Das Prinzip des hand ringing kann man verstehen, wenn man sich die Glocken nummeriert denkt und ihre Kombinationsmöglichkeiten errechnet. Bei drei Glocken gibt es sechs mögliche Wechsel, und zwar:

1, 2, 3, / 1, 3, 2, / 2, 3, 1, / 2, 1, 3, / 3, 1, 2; bei 12 Glocken jedoch gibt es schon einige Millionen Wechsel, und geschickte, unermüdliche Change-ringer könnten damit – auch wenn sie Tag und Nacht läuten – 50 bis 60 Jahre auskommen.

Handglocken mögen ursprünglich der Einübung solcher Patterns gedient haben. Hoch vom Turm, wo jeder Ringer ein Glockenseil betätigt, tönt es weit mächtiger.

MUSIK change ringing (im Turm) Mehr darüber HEUTE hier. Beispiel der Aktion: hier.

Es ist wirklich merkwürdig, wie mühsam unsere Suche nach Zeugnissen zyklischen Denkens und Fühlens im abendländischen Kulturkreis ist. Der Typ des barocken Canon perpetuus, so exemplarisch er wirken mag, ist wohl nicht zur Aufführung gedacht, sondern als optisch aufnehmbare Meisterleistung, die akustisch etwa einen zauberisch fluktuierenden C-dur-Klang ergibt, aber keinen Kanon.

MUSIK Bach 14

Der 8stimmige „Canon Trias Harmonica“ von J.S. Bach. HEUTE s.a. hier (Achtung bei Reklame)

Den folgenden Kanon widmete Bach einem Mann namens Faber; den Namen des Adressaten verwertete Bach als Motiv der Bratsche F – A – B – E , das darauf folgende R las er als REPETATUR, d.h. als Anweisung, die Tonfolge zu wiederholen. Über diesem Ostinato erhebt sich ein 7stimmiger Kanon.

Musica antiqua Köln spielt.

MUSIK Bach 15 HEUTE hier.

Erst wenn man den Sinn für die rhythmische Schönheit der Wiederholung, ihre Harmonie mit dem Pulsschlag der Natur und des Weltalls eingebüßt hat, nehmen die physisch notwendigen Wiederholungen Zwangscharakter an, insbesondere der sexuelle Wiederholungszwang scheint groteske und entwürdigende Züge zu tragen, und es ist bemerkenswert, daß Sigmund Freud, der die Sexualität nun wirklich für alle psychischen Gebrechen verantwortlich zu machen suchte, sich mit 40 Jahren von der eigenen Sexualität verabschiedete. („Die sexuelle Erregung ist für einen wie ich nicht mehr zu brauchen.“ Spiegel 52/1984) Wie selbstverständlich aber auch die Erregungsformen der Musik mit denen der menschlichen Physis verbunden sind, kann einem durch Zufall an einem ostserbischen Tanz klar werden, der in aller Unschuld seine Mehrdeutigkkeit provoziert: Er ist ein Fruchtbarkeitstanz und heißt Cuscovac oder Sochits, zu deutsch „Maus“, denn die Maus ist sprichwörtlich fruchtbar und vermehrungsfreudig. Das Vor- und Zurückeilen der Tänzer in Schrittfolgen, die der Melodie entsprechen, wird einerseits auf das eilige Hin- und Herhuschen der Maus bezogen, – hervor aus dem Mauseloch und wieder hinein -, zugleich aber auch auf den Vorgang der Kopulation.

MUSIK Sochits Tanz aus Ostserbien

Wiederholung muß nicht unbedingt zu einer Akkumulatiobn von Spannung führen; sie kann einen gleichmütigen oder ekstatischen Schwebezustand bewirken, der ebenso gut eine Stunde fortdauern wie jederzeit abbrechen kann. Sie kann aber auch, ohne ihr zyklisches Wesen zu gefährden, mit einer Steigerung verbunden sein, die ein natürliches Ende findet. Natürlich?

Vergleichen Sie einmal die folgenden Schlussminuten zweier Raga-Interprovisationen: die Erregung erreicht hier einen Höhepunkt; Sie können es auch Climax nennen. Und was kommt danach?

Man erinnere sich nur an Beethovens affirmative Schlussakkorde und deren düster rollende Vorbereitung und beobachte dann – ohne sich durch die Stimm-Akrobatik der Ali-Brothers aus Pakistan ins Bockshorn jagen zu lassen – wie eine wellenförmige Entwicklung von ca. 30′ auf den aufregenden Höhepunkt zutreibt und sich anschließend Zeit läßt für das entspannende Abklingen der Erregung. So könnte man etwas über den physiologischen Unterschied orientalischen und europäischen Lebensgefühls erfahren.

MUSIK Raga Darbari Kanarra [Youtube hier] und Raga Rageshwari [Youtube hier].

 1993

Richard Wagner wurde durch Schopenhauer mit der indischen Geisteswelt in Berührung gebracht, und es ist bemerkenswert, wie gerade Wagner, ein Feind jeder Wiederholung in dem von uns gemeinten Sinn, die Wellenbewegung ins Zentrum seiner Tristan-Musik einführt. In der Durchführung des Liebestodthemas erscheinen – wie Ernst Kurth formuliert – allenthalben

ZITAT aus Tristan-Arbeit JR 1964 S.80

Hören Sie die Entwicklung dieses Wellenmotives, dessen Steigerung zunächst in den klassischen Fall eines Interruptus mündet (König Marke überrascht das Liebespaar), während es am Schluß der Handlung den Übergang ins Nirwana andeutet – so wie ihn Richard Wagner verstand.

MUSIK Wagner Tristan

ZITAT Tristan-Arbeit JR S.81

MUSIK Wagner Tristan „Liebestod“

Klaus Theweleit ist in seinem Buch „Männerphatasien“ ausführlich auf den Zusammenhang Frau, Welle, Wasser eingegangen. Unzählige Lieder, Märchen und Mythen beschwörebn die Menschin aus dem Wasser, „Nixen, Nymphen, Najaden, die kleine Seejungfrau, die schöne Lilofee, Undine, Loreleys: der Umschlag, neben der Liebe die Angst: Ich glaube, die Wellen verschlingen, am Ende Schiffer und Kahn; das hat mit ihren Singen die Loreley getan…“ (K.Theweleit S.283)

Ohne jeden Beigeschmack von Angst erscheint dieser Zusammenhang in einem erotischen Lied der Pygmäen: ein junger Mann stößt beim Honigsuchen im Wald auf ein wunderschönes Mädchen, dessen Zauber er mit einem vom Wasser überfluteten oder sumpfigen Terrain vergleicht. „Wie kam es her?“, fragt er sich, „dies ist wirklich schön! Es genügte meine Augen aufzuheben und diese unermeßliche Höhlung mit unendlichen Tiefen zu finden“ —- Vielleicht wird sie mich erfreuen!“ Wenn der Text noch nicht deutlich genug ist, die Gesangsausführung ist es umso mehr: „Schmalhüftiger“, wird der junge Mann im ersten Teil des Liedes angeredet, „durchquere den Sumpf im Lauf. Es geschieht im Eilschritt, daß einer in diesen Ort eindringt!“

Der zweite Teil des Liedes beschränkt sich auf die Repetition weniger Silben, gefolgt von Ausrufen der Erleichterung; worauf der Erzähler mit dem Satz schließt: „Die betreffende Sache ist in der Tat sehr gut.“

MUSIK Pygmäen-Anthologie Disc 3 Tr. 1 and 2: Two song-tales: „The Bird“ (Nyodi) and „Slender Waist“ (Nanga-ningi)

 Anthologie der Musik der Aka-Pygmäen

Wenn man von der berühmten Polyphonie der Pygmäen spricht, suggeriert man dem westlichen Hörer leicht, es handele sich hier um ein der abendländischen Polyphonie vergleichbares Phänomen. Bisweilen taucht sogar die Behauptung auf, Pygmäen sängen Kanons und Fugen. Tatsächlich könnte man die akustische Form der Bach-Kanons, die Sie vorhin gehört haben, im Sinne der Pygmäen-Musik mißverstehen. Wenn man schon nach treffenden Vergleichen sucht, um sie nachher zu entkräften, so müßte man die Pygmäen-Polyphonie mit der barocken Passacaglia-Technik vergleichen, wie es der israelische Musikehtnologe Simha Arom tat, dessen phantastische Schallplatten-Publikation ich hier benutze. Jedoch erinnern wir uns, daß die Anstrengung der Passacaglia-Komponisten dahin geht, das Prinzip der Wiederholung vergessen zu lassen, zu überhöhen oder als „böses“ Prinzip wirken zu lassen, während es in der Pygmäen-Musik das eigentliche Lebenselement, ein gutes und mütterliches Prinzip darstellt. Man täte also besser daran, den Begriff Passacaglia in diesem Zusammenhang fallen zu lassen und stattdessen, wie Simha Arom ebenfalls, von Ostinato mit Variationen zu sprechen. „Jedes ihrer Musikstücke basiert auf der Wiederholung von Perioden gleicher Länge, deren Gegenstimmen nach bestimmten, von der Tradition gegebenen Regeln variiert werden. Das Ergebnis ist eine repetitive Musik, und nicht – wie es dem ungeübten Ohr zunächst erscheinen mag – eine Musik kontinuierlicher Entwicklung. Diese Wirkung kommt dadurch zustande, daß die Kontrapunkte, die fortwährend variiert werden, jene Grenzstellen der Perioden so überlappen, daß der Eindruck eines ungeteilten Kontinuums entsteht.“

Aus dem Schallplattentext von Simha Arom (OCORA 558526/27/28):

MUSIK Pygmäen-Anthologie Disc 3 Tr. 1 and 2: Two song-tales: „The Bird“ (Nyodi) and „Slender Waist“ (Nanga-ningi)

Der südafrikanische Komponist Kevin Volans, der sich eingehend mit der Zulu-Musik seiner Heimat beschäftigt hat, warnt davor zu glauben, daß die repetitive Musik Afrikas für uns leichter zu verstehen sei als die zyklische Musik etwa Indiens; in Wahrheit liege eine ganz unterschiedliche Wahrnehmung zugrunde. Der Ethnologe John Blacking habe festgestellt, daß ein Musiker der Venda aus der von ihm gespielten repetitiven Musik weder ein Muster isolieren könne noch wahrzunehmen scheine, daß Zeitabschitte gegeben sind, wenn ein Muster wiederholt werde. Der Venda-Musiker spricht lediglich von der korrekten Melodie oder dem Rhythmus eines Liedes als „die Weise, in welcher es gesungen“ oder „die Weise, in welcher es gespielt wird“. Volans knüpft einige für seine eigene Musik wichtige Überlegungen an die Beobachtungen Blackings:

Seite 32 und 33 fehlen!!!!!!!!!!!!!!!!!

Es wird nicht leicht sein, unsere seit früher Jugend verinnerlichten Maßstäbe des musikalischen Urteils aufrichtig in Frage zu stellen. Ist denn etwa  der Ruf des Weidenlaubsängers nicht wirklich so langweilig wie sein Spitzname Zipzalp andeutet?

MUSIK

Ist nicht ein solcher Drosselruf hundertmal schöner?

MUSIK Melodischer Ruf aus „Singende Landschaft“ (Traber)

[Es dauerte nur noch ein paar Jahre, ehe ich viel mehr Vogelstimmen wagte, die erste wohl am 8. Mai 1992, man kann sie hier nachlesen. Eine andere Sendung habe ich im Blog kurz zitiert, deshalb hier der Link.)

Warum aber gilt es unter den Eskimos als Tugend, beim Singen mit möglichst wenig Tönen auszukommen, so daß die unsinnige europäische Tonverschwendung für Eskimos wie eine einzige grobe Ungeschicklichkeit wirkt. –

Kevin Volans hat für sich als Komponist und Interpret einen faszinierenden Weg der Begegnung mit der sogenannten Volksmusik des südlichen Afrikas gefunden: er hat sie auf 2 Cembali übertragen, die nach den Tönen der Mbira eingestimmt waren. Die Töne der Mbira erklingen durch das Anzupfen von Metallamellen, die auf einem Holzblock befestigt sind, der wiederum zur Klangverstärkung in einer Kürbishöhlung ruht. Daß Kevin Volans von der Adaption dieser Musik keine Verschmelzung zweier grundverschiedener Musikkulturen erwartet, sondern eher einen Lernprozess auf unserer Seite, machte er unmißverständlich klar:

ZITAT O-Ton Volans (?)

MUSIK Kevin Volans „MBIRA“ WDR-Aufnahme (s.a. jpc hier) auf Youtube hier .

*    *    *    *    *

Damals war manches neu, was heute niemanden mehr besonders überraschen würde. Der neue Aspekt in den „alten“ Musiken schien mir bemerkenswert. Was man heute unter der Rubrik „Grenzüberschreitungen“ anbietet, ist zumeist bieder und willkürlich zugleich. Mir kam es immer auf den Erkenntniseffekt an. Auch in Konzerten wie „West-Östliche Violine“ 1980, 1985 und 1989 (siehe u.a. hier), dem Oboen-Festival „Das Schilfrohr tönt“ oder im jährlichen „Weltmusik-Festival“, das wir aus dem „Folkfestival“ der 70er Jahre entwickelt hatten, zuweilen mit Wagemut, etwa als wir neben dem Kölner Dom die südindische Nagaswaram-Gruppe K.P.Ramu – zum Schrecken der Fernseh-Kollegen – für 30 Minuten ins Programm nahmen. Ostserbien war erst nach einer WDR-Aufnahmereise im Westen präsent, z.B. beim ersten Violinfestival, die Bach-Kanons erst nach der Edition durch Musica Antiqua Köln 1982 (wobei ich als Geiger mitwirken durfte), seit den frühen 90er Jahren gab es die CD-Reihe „World Network“, die Aufnahme Mbira (Volans) – u.a. anderem mit Robert Hill – entstand 1983 im Kölner Funkhaus, die tolle Veröffentlichung „Fandango“ mit dem Klassik-Spezialisten Andreas Staier kam erst 1999 heraus. Die Pygmäen-Anthologie von Simha Arom wurde seit ihrer Anschaffung durch die Volksmusikabteilung immer wieder von Kollegen ausgeliehen – für Sendungen der „Neuen Musik“. In Vlotho (! – mit einiger Anstrengung fußläufig erreichbar von meiner zweiten Heimat Lohe bei Bad Oeynhausen) gab es seit 1981 „Weltmusik“-Kongresse, veranstaltet u.a. von dem Stockhausen-Schüler Johannes Fritsch. Nikhil Ghosh & Söhne  (mit Gert-Matthias Wegner) standen im Mittelpunkt. Dort konnte ich zum ersten Mal über „Methoden des Hörens“ referieren. Später dasselbe Thema in erweiterter Form bei „Musik der Jahrhunderte“ 2003 auf dem Pragsattel in Stuttgart. Beim gleichen Termin erlebte ich – neben interessanten Vertretern der Neuen Musik – den faszinierenden externen Experten Sven Giegold, der gestern (26. Mai) bei der Europa-Wahl gigantische Zustimmung erfuhr. – Ich habe bei der Abschrift dieser alten Sendung mit Erstaunen bemerkt, dass in der ersten Minute von Zerstörung der Umwelt und Recycling die Rede ist…

Knabenstimmen

Zum Klang der Alten Musik

Wir haben früher oft über Vor- und Nachteile der Knabenstimmen in der Aufführungspraxis alter Musik diskutiert, auch über die Solisten der Tölzer. Oft begeistert, zuweilen mit Wehmut einiger Sängerinnen gedenkend, die wir in gleichen Partien erlebt hatten. An einem Faktum war nicht zu rütteln: die Vorliebe für den Klang der Knaben entsprach dem Brauch früherer Zeiten, und es gab hinreißende Leistungen.

 

Eine Dokumentation, die 2006 in kleiner Auflage erschien.  Das Zitat rechts unten wird im folgenden ausführlich wiedergegeben.

 (Fortsetzung wie folgt)

Quelle 1954-2004 / 50 Jahre Alte Musik im WDR / Herausgegeben von Thomas Synofzik, Barbara Schwendowius und Richard Lorber / Concerto Verlag + WDR Köln 2005 / Darin: Jan Reichow: Wie alte Musik neu wurde und ferne Musik allmählich näher kam. Ein Rückblick auf 50 Lehrjahre / Seite 75-90.

 Kuppel des Salzburger Domes HM Aufnahme 1974

Unter den Mitwirkenden (ganz rechts) zum ersten Mal dabei: Reinhard Goebel. Ich habe Bratsche gespielt (von Karlheinz Steeb geliehen). Mit der Escolania Montserrat (ganz links) hatten wir schon im Vorjahr in Rom die Missa Romana von Pergolesi aufgenommen. Das Zusammenwirken mit den Tölzer Knaben wurde latent als Wettstreit gehandelt, mit einem Sieg der Tölzer „Buben“ wurde gerechnet. Die Knabensolisten (und der Chor) sangen ganz anders: mediterran! Eine andere katholische Singtradition. Weniger technisch mobilisiert, zurück blieb ein auffälliger gegenseitiger Respekt.

Die aktuelle Begegnung mit dem Gesang der Knaben aus St.Florian und in dieser Aufnahme unter Gunar Letzbor erinnerte mich an das damalige Erlebnis mit der Montserrat-Tradition. Ich kann mich irren, aber es ist dieser – sagen wir – verletzlich schöne Stil, ob er nun katholisch geprägt ist oder nur anders, er fasziniert mich, und ich lese mit Zustimmung und Sympathie, was Gunar Letzbor darüber schreibt. Ihn traf ich 1986, als er zum ersten Mal, wie 1974 Reinhard G. im Collegium Aureum, in Goebels erweitertem Ensemble Musica Antiqua Köln mitwirkte, und ich habe damals, da sein österreichischer Akzent – trotz des schwedisch klingenden Namens – unverkennbar war, sofort an Salzburg zurückgedacht. Eine zweite Generation Zurück in die Zukunft des angeblich „goldenen Klangs“.

Abdruck des folgenden Textes mit freundlicher Erlaubnis von Gunar Letzbor.

 BWV 1083 (Pergolesi!) s.u.

Eins muss ich hinzufügen: mir fehlt die Wiedergabe der gesungenen Texte im Booklet. Es mag sein, dass man sie im Bannkreis von St. Florian jederzeitig gegenwärtig hat; zudem stehen die Hinweise auf die entsprechenden Psalmen direkt hinter den Titeln. Aber nach dem genauen Text des Hymnus „Venite gentes“ habe ich als notorischer Nicht-Liturgiker im Internet vergeblich geforscht, die beiden Worte kommen in verschiedenen Zusammenhängen vor, und die Textaussprache ist nicht so, dass ich als Altsprachler sie niederschreiben könnte.

Venite gentes, et adorate Dominum. / Quia hodie descendit lux magna in terris/super omnem terram. / Alleluia. / Haec dies quam fecit Dominus:
Exultemus, et laetemur in ea.

Oder etwa:

Venite gentes et adorate Dominum / In hoc natali (paschali) gaudio. / Benedicamus domino.

Oder etwa mit diesem Beginn: Venite gentes, accurite populi ?

Das ist keine Kritik am Soprano Alois Mühlbacher, – ich werde nicht müde, diesen Tr.5 (13:42) zu hören. Gerade deshalb würde ich gern den lateinischen Worten bewusst folgen.

Wer aber ist Rupert Ignaz Mayr? Siehe hier (Wikipedia).

Um Missverständnissen vorzubeugen, – dies ist kein Artikel zur Legitimation der Knabenchöre in der Aufführungspraxis. In einer Mail machte Gunar Letzbor darauf aufmerksam:  „Es ist doch erstaunlich, dass man früher immer mit ganzen Knabenchören musiziert hat ( auch Leonhard oder Harnoncourt), obwohl die Quellen ganz deutlich erkennen lassen, dass 3 Sopranisten selbst in größeren Kirchen schon Luxus waren.“ Das ist völlig richtig und gilt auch für „unsere“ Aufführungen der Oratorien Bachs, die bei mir wehmütige Erinnerungen wecken. Damals konnte man das vielleicht noch kontrovers sehen, aber die Diskussionen waren längst im Gang und wurden auch bei uns (zumindest in den hinteren Reihen) geführt. Der Name Joshua Rifkin war mir schon seit 1964 geläufig, ich konnte ihn gar nicht überhören (siehe hier). Wir hörten früh die entsprechenden Alternativaufnahmen und schätzten sie. Im Juni 2004 traf ich sogar  Andrew Parrott einmal persönlich im WDR. Sein Buch hatte letzte, vielleicht noch gehegte  Zweifel beseitigt.

Ich muss mich einstweilen von diesem Thema trennen und freue mich über die Aufnahme des „Stabat mater“ von Giovanni Pergolesi in der Form, die von Bach überliefert ist und unter der Leitung von Gunar Letzbor aufgenommen wurde..

Kuhglocken im Allgäu

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi a abrufbar bis 2.10.2018 HIER

3:17 Natürlich kennt der Bauer jede Kuh mit Namen, auch wenn für uns eine aussieht wie die andere. Aber nicht nur das: er kann sogar jede einzelne Glocke zuordnen.

„Wenn die Kuh vom Dunklen in den Stall reinkommt, dann kann ich sagen, welche Kuh da kommt. Weil das hör i ja.“ „Moment, jede Glocke klingt anders?“ „Ja.“ „Und Sie wissen alle, wo die im Stall ihren Platz…“ „Da hat jede ihren Platz, jaja, das weiß die Kuh auch nächscht Jahr no. Die sind ja im  Winter unten im Tal, und im Frühjahr werden sie wieder raufgetrieben, da weiß jede, wo sie war. Darf man nicht sagen: blöde Kuh. 3:57

Screenshot 2017-10-03 Das Erste Sushi b Screenshots JR

Erinnerung an Südtirol (14.09.2017):

Villanders Vorm Melken a  Villanders Vorm Melken c Villanders Vorm Melken d

Villanders Vorm Melken b Sie sind noch nicht lang zurück von der Alm.

Und kennen auch hier ein anderes Leben: Täglicher Auslauf noch im September.

Villanders Auslauf der Kühe In der Ferne liegt Dreikirchen.

Handy-Fotos JR

Kuhglocken im Wallis (Schweiz): HIER

Ziegenglocken in Mittenwald (Bayern): HIER

Kohl und die Musik

Ich wusste nur, dass er in Hölderlin gut war.

Aber heute, nach der kursorischen Lektüre der neuen ZEIT, weiß ich mehr:

ZITAT (aus der Sicht des Fahrers)

Und wenn das Ziel erreicht war, hat Seeber auf den Bundeskanzler gewartet, Stunde um Stunde. Insgesamt wohl mehr als ein Jahr. Warten auf Helmut Kohl. Seeber hat ihn wirklich gemocht.

Unterwegs hörten sie James Last, Klavierkonzerte und Glenn Miller. Die Kassetten dazu hatte Kohl besorgt. Am Morgen kramte er sie aus der Manteltasche. Eigentlich waren die Reisen der beiden immer gleich.

Quelle Die Zeit 22. Juni 2017 Seite 4 „Ecki, komm sofort!“ Keiner diente dem Bundeskanzler so lange und so treu wie sein Fahrer Eckhard Seeber. Gedankt hat man es ihm nicht. Von Hanns-Bruno Kammertöns.

ZITAT (aus der Sicht einer Sopranistin)

Irgendwann habe ich einen Extrastuhl für ihn anfertigen lassen, der Mann war ja schwer, und mein antikes Sesselchen ächzte unter seinem Gewicht. Ich habe Tafelspitz gekocht oder Spargel, und er konnte sicher sein, dass keines unserer Gespräche diesen Raum je verlassen würde. Wenn er kam, stand immer frisches Brot auf dem Tisch, das schnitt er, brach es, verteilte es, und Schwester Basina sprach das Gebet.

(…)

Als ich merkte, dass er sich für Musik interessierte, habe ich angefangen, ihm manches zu erklären. Das ist mein kleines Verdienst: Ich habe Helmut Kohl Musik nahegebracht. „Ich bin für Mozart“, habe ich immer gesagt. Das hat ihm gefallen. Und Beethovens Fidelio – die Gefängnisszene des Florestan, wenn das Trompetensignal ertönt – konnte ihn zu Tränen rühren. Was war dieser Mann empfindsam!

(…)

Es hat ihn berührt, wie ich über Musik sprach, und natürlich gefiel ihm, dass mein Vater, der Musikwissenschaftler Hans-Joachim Moser, noch bei Brahms auf dem Schoß gesessen hatte. Kohls erste Frage, wenn wir uns sahen, lautete: „Was war?“ Er wollte alles wissen, und wenn ich ihm Schuberts Erlkönig erläutert habe, hat er vollkommen verstanden, was in der Musik vor sich geht.

(…)

Helmut Kohl war für mich stets ein Denkziel, wir hatten eine herrliche Zeit.

(…)

Quelle Die Zeit 22. Juni 2017 Seite 7 Was war er empfindsam! Helmut Kohl wusste wenig über Musik, aber er liebte sie. Ich habe sie ihm nahegebracht. Von Edda Moser.

Aus der musikalischen Praxis

Üben, Spielen, Hören und Notieren

Gerade recht kommt mir – nach dem Entschluss zur Überschrift – diese Kritik aus dem Bekanntenkreis per Mail:

Dass ausgerechnet Du Dich jetzt so engagiert um die Popkultur kümmerst, ist mir rätselhaft. Ich kenne ja Deine Meinung bez. aller Phänomene auf der Welt: Gründliche Analyse klärt alles auf! Ich bleibe weiter der Meinung: Lange nicht alles lässt sich per ratio klären….. Und bin ein bisschen stolz darauf, dass ich das größte Pop-Phänomen (die Beatles) des vergangenen Jahrhunderts rechtzeitig erkannt habe. Keineswegs durch gründliche Analyse, sondern einfach durch Fasziniert – und Berührtsein…. allerdings schon mit einem gewissen diesbezüglichen Hintergrundwissen.

Natürlich bin ich nicht einverstanden mit dieser Kategorisierung. Gründliche Analyse klärt das auf, was sie kann. Alles andere nicht. Dafür braucht man andere Mittel, inclusive Verzicht auf „Aufklärung“. Schon das Notieren (Objektivieren) kann ein Fehler sein, – außer wenn man stets im Sinn hat (wie jeder klassisch ausgebildete Musiker), dass auch das geduldige Üben nach Noten am Ende zur Folge haben sollte, dass es klingt, als werde diese Musik erst im Augenblick erfunden. Und die Notation lebendiger Musik hat nicht den Sinn, dass sie einen nun aus den Noten anstarrt, als sei sie nie im wirklichen Leben gesungen oder gespielt worden: ein Musiker schaut die Noten an und hört sie innerlich genau so, wie sie ihn vorher sinnlich erreicht haben. Aber vielleicht hat er vorher nicht erkannt, dass sie aus gleichlangen, 8-taktigen Melodiezeilen besteht, dass es auch sonst regelmäßige Strukturen gibt, z.B. einen gleichbleibenden Bass, wiederkehrende Akkordfolgen, dass es in der melodischen Wiederkehr Varianten gibt, vielleicht textbedingt, kurz, lauter Sachen, die einen nicht selig machen, aber – sagen wir – weniger stumpf. Auch die Erzeuger der Musik haben sich um diese Banalitäten gekümmert. Vielleicht findet eine Entzauberung statt, vielleicht auch das Gegenteil. Sicher ist folgendes: kein normal arbeitender Musiker verlässt sich bei der Arbeit blind auf Intuition und Erinnerung. Beide sind nützlich, beide können irren. Also: auch eine apodiktische Mail.

Es gibt täglich etwas, das einen musikalisch (oder einfach „im Kopf“?) weiterführt, das man bewusst ergreift oder das sich irgendwie ergibt, es muss nicht einem lang gefassten Plan entsprechen. Es steht in der Zeitung oder der Nachbar macht einen aufmerksam, in diesem Fall war er es, der einen Grund hatte, die Karten für Düsseldorf weiterzugeben, und – aus im wörtlichsten Sinne nächstliegenden Grund – ausgerechnet an uns.

Lars Karten

Außerdem liegt seit dem Ausflug in die Elbphilharmonie wieder eins dieser schönen Concerti-Hefte sehr griffbereit herum, und gerade das ist zuweilen die Ursache, es liegenzulassen.

Ausrede: Eigentlich müsste ich üben, aber Quartett fällt bis Mai aus, und für die Bériot-Violin-Duos als Ersatz brauche ich weniger Zeit; das rein Violinistische reicht, anders als in Beethovens op. 130. Aufgewacht bin ich heute morgen mit Mozarts Melodie „Voi che sapete“, sie im Halbschlaf zeilenweise (!) rekapitulierend; das kam zweifellos von der „All of me“-Notation gestern. Eine Wiedergutmachung an der Klassik?

Concerti Barenboim

Andererseits interessiert mich immer, was Barenboim zu sagen hat. So auch hier einige Sätze, die mich zu seinem Buch führen; oder zunächst – ich kaufe mehr Bücher als ich lesen kann – zu einem Gespräch, das im Internet abrufbar ist. Ich weiß: im Internet gibt es mehr Hörangebote als ich hören kann. Aber … wenn es ums Hören überhaupt geht …

Daniel Barenboim über die große Kunst des Zuhörens

Ich notiere die Stichworte und Zeitangaben von gestern, ohne sie neu zu prüfen:

10:00 früher war Musik organischer Bestandteil der Bildung eines jeden (gebildeten) Menschen, heute durchaus nicht mehr. 11:20 Was fehlt einer Person, die keine Musik hat? 13:20 die gute Neutralität des Klaviertons. 15:00 Warum Klavier als Instrument erlernt? 16:00 Musik ist Normalität (und nicht nur Rausch) 16:39 Fußball – 20:14 der STILLE zuhören, John Cage 4’33“ – 26:52 Hitler, 1 Träne im Lohengrin, oder Stalin, der Mozart brauchte (Maria Judina). 31:00 „denkende Musiker“ oft ohne Intelligenz im Leben 31:20 Sänger „Themen“ bzw. thematisch begrenzt – weiter Horizont. „Musik ist Leben“ (Spinoza), über diese Dinge denken, „man kann spielen ohne zu denken“, und gar nicht mal so hässlich. „Gespräch“ in Musik gleichzeitig. Ganz wichtig: Martin Buber „Ich und Du“. – Auf Konzert vorbereiten? 38:00 Meditation? Leer sein… „Klangliches Leben“ erleben. Filmausschnitt „Chromatismus“ – „ambivalente“ Musik Zitat aus Bruckner IV, Sehnen nach Auflösung 43:50 Musik & Leben, der späte Beethoven hat ihm in der Jugend früher eine Idee von Leidenschaft vermittelt als hübsche  Mädchen. 46:00 Schule – Musik, Kindergarten, seine Söhne machen Klassik (Violine) bzw. DJ Electric Pop. Edward Said! Barenboims Thema Palästina und Gerechtigkeit.

Zugleich ist in diesen Tagen der April-Band von Musik & Ästhetik eingetroffen, dessen Themen mich unterschiedlich stark interessieren. Oder ist es die Herangehensweise, die von einer Konvention der Neuen Musik geprägt ist? Was nicht nur für einen modernen Ansatz spricht, sondern auch eine Neigung zur Abstraktion befördert (zur Loslösung vom konkret Sinnlichen). Das könnte ja auch bedeuten, dass alte Themen auf eine neue Weise attraktiv werden. Oder auch nicht. Falls Sie es nicht deutlich erkennen: der erste Beitrag gilt den Goldberg-Variationen, und zwar ihrer Interpretation am Instrument. Für Zweifler könnte wichtig sein: „Verweigerung als Ausgangspunkt. Anmerkungen zum Umgang mit kritischer Neuer Musik im Kontext ihrer Vermittlung“ von Matthias Handschick.

Musik & Ästhetik April Musik & Ästhetik

Die relativ neu (renoviert) herausgebrachte Zeitschrift „das Orchester“ enthält diesmal mehr als nur einen Aufsatz, der für mich als praktischen Musiker (ohne Orchesterbindung) von Bedeutung ist. Es ist z.B. wirklich ein Problem, wenn Sie mit einem Geigenbogen nach USA reisen wollen, und er sieht so aus wie meiner (s.u., ich nenne ihn „Mozartbogen“). Dazu die Artikel Seite 6, 10 und 14. Aufschlussreich auch die Ausführungen über Betablocker Seite 25, die Auftrittsangst medikamentös dämpfen. Oder über die Jahrestagung des Fachverbandes Kulturmanagement, wo sich der Satz findet, „es gebe kein international standardisiertes Kulturmanagement, (…) ; in Subsahara-Afrika etwa betrachteten sich Kulturmanager in erster Linie als Beförderer des sozialen Wandels – wichtig für die Zivilgesellschaft, nicht bloß für einen eng definierten Kultursektor.“ Das Arbeitsfeld werde sich künftig stärker politisieren. (Eine vor 30 Jahren in diesem Rahmen kaum denkbare Perspektive!)

Orchester Zeitschrift   Orchester Inhalt

Geigenbogenfrosch Ist es Elfenbein? (Foto: JR)

Nützlich ist jederzeit ein Artikel über die Technik des Übens, zumal wenn der Altvater dieser Wissenschaft beteiligt ist: Eckart Altenmüller (Hannover). Gemeinsam mit Hans-Christian Jabusch, Leiter des Instituts für Musikermedizin der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, hat er diesen Beitrag verfasst (dem offenbar ein Artikel über „Neurowissenschaftliche Grundlagen des Musizierens“ zugrundeliegt, der in dem Buch Grundwissen Instrumentalpädagogik bei Breitkopf & Härtel Wiesbaden 2016 enthalten ist). Hier im „Orchester“ (Seite 19ff) unter dem Titel: „Richtig üben – aber wie? Ziele setzen und die Entdeckerlaune erhalten: zur Hirnphysiologie des Übens.“  Die 10 Hinweise zum richtigen Üben sollte man sich als stete Mahnung im Übezimmer an die Wand heften. Ich merke mir zwei davon besonders vor, nämlich die Kombination der Idee von SPIEL und sensomotorischer HÖCHSTLEISTUNG. Zitat:

Hinweis 1: Musik spielt man (…) Und dem Üben sollte dieses Spielerische anhaften: Erkunden von Klängen, Ausprobieren von Techniken, Suchen nach Lösungen; eine Beschäftigung, die zunächst sich selbst zum Ziel ha6t, die meditativ ist, die auf der Suche nach Melodien und Rhythmen die Zeit vergessen lässt. Üben eines Instrumentes bedeutet vor allem Forschen und Entdecken. Es gehört zur Kunst des Übens, sich diese Entdeckerlaune zu erhalten.

Hinweis 5: Pausen und Schlafen gehören zum Üben. Üben ist für das Gehirn Höchstleistung. Millionen von Informationen werden gesammelt und in vorläufige, noch nicht stabile sensomotorische Steuerprogramme integriert. Da die Festigung der sensomotorischen Steuerprogramme vorwiegend in den Pausen geschieht, sind Pausen unabdingbarer Bestandteil jeder Übesitzung. Man nennt diesen Vorgang  der unbewussten Gedächtnisbildung auch Konsolidierung. Die Gedächtniskonsolidierung erfordert nicht unbedingt Aufmerksamkeit, daher können sich Übende in den Pausen mit gutem Gewissen mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Konzentriertes musikalisches Arbeiten macht naturgemäß müde. Ein ausreichender Nachtschlaf verbessert die Lernleistung. Übrigens behindert abendlicher Alkoholgenuss die Gedächtnisbildung.

Es tut mir leid: ich konnte diesen letzten Satz nicht weglassen. Preist nicht gerade der Musiker Wein und Gesang? Oder war da noch was? (Jaja, der Hinweis zur Gedächtnisbildung betrifft uns alle!).

Was ich noch erwähnen sollte, ehe ich schließe: das Büchlein, das nun wieder auf meinem Nachttisch liegt:

Huizinga und andere

Nicht vergessen: das Spiel im emphatischen Sinn vom Prinzip des Agon (Wettkampf) zu trennen. Olympische Spiele – nein, wie kann ich denn die verbissenen Spiele, bei den es um mechanische Rekorde geht, ausklammern? Vielleicht nur Spiele gelten lassen, in denen Mannschaften gegeneinander kämpfen? In denen der Zufall gar nicht auszuschalten ist, nicht einmal durch Doping?

Interessant, wie Barenboim in seinem o.a. Interview den Vergleich mit dem Sport (Fußball) zurückweist.

Und um auf Lars (Sohn meines Bruders) zurückzukommen, dem das virtuose Spiel am Klavier so leicht zu fallen scheint. Was durchaus nicht bedeutet, dass er Chopin-Etüden genau so lässig aus dem Ärmel schütteln würde. Die Virtuosität hier und dort ist von völlig unterschiedlicher Art. Er hat einmal gesagt: Ich spiele auf der Bühne nur, was ich kann. Ein toller Satz!

In der Klassik ist es sozusagen unvermeidlich, dass man sich überfordert. Dass man die Grenzen nicht akzeptiert, dass man, koste es was es wolle, den nächsthöheren Schwierigkeitsgrad angeht. (Aber, könnte man hinzufügen, dilettantisch wäre es auch hier: das eigene Scheitern öffentlich vorzuführen.)

Lars Plakat Düsseldorf

Lars Düsseldorf 170401 Lars Reichow mit Besuchern

5. April 2017

Und bei einer anderen, viel, viel „kleineren“ Verwandten (deren Anonymität ich wahren möchte) habe ich gestern bemerkt, dass sie bei der schriftlichen Erfassung des Titels „All of me“ von John Legend längst weiter ist als ich. Vor allem hat sie die richtige Tonart (f-moll statt fis-moll, – sie saß dabei am Klavier, ich hatte am Computer nur die alte Stimmgabel meines Vaters zur Hand), und – sie hatte eine Karaoke-Version im Internet gefunden, so dass sie leichter den für sie wichtigen Klavierpart (Praxis) dingfest machen konnte. Aber wie erstaunlich der rhythmische Durchblick! (Ich habe hier extra die unscharfe Version meiner Handy-Fotos verwendet.)

All of me Transkription unscharf

Das Barenboim-Buch ist da; anderen Inhalts als ich dachte, aber natürlich gut. Und stark im Thema Palästina, auch: Wagner! Stand 2015, bzw. 2012.

Barenboim Inhalt+

Barenboim Buch

Aber das in der Sendung gezeigte Buch ist ein anderes: „Klang ist Leben. Die Macht der Musik“. Bemerkenswert auch kritische Rezensionen, wie hier. Mir scheint, manches überzeugt mehr in der gesprochenen Rede, im nachdenklichen Ton Barenboims, worin manches offen bleibt, bzw. zum Selbstdenken des anderen führt.