Kategorie-Archiv: Verstreutes

Von BLOGS überhaupt

Was der Musikrat alles weiß

Ich hab’s durch Zufall entdeckt: der Deutsche Musikrat nimmt private Blogs zur Kenntnis und hat sie aufgelistet. Da musste ich also keinen Antrag stellen, ich stehe einfach drin, sogar ziemlich am Anfang und zwar vor dem Jazz, weil mein Vorname mit J beginnt und nicht mit Doppel-Z endet:

 bitte anklicken!

Dies nur zum ersten Lesen, so ist die Liste noch ganz unvollständig. Man gehe also zum

Deutschen Musikinformationszentrum, eingerichtet vom Deutschen Musikrat.

Sehr interessant. Wenn’s auf Anhieb funktionieren soll, – vielleicht HIER.

Etwas sehr Merkwürdiges passiert, wenn ich den allerersten Link anklicke, also auch „weiter“ unter dem Begriff „Alternamag“: da landet man bei „Bach digital“. Dort bin ich persönlich jederzeit gerne, aber korrekt ist das nicht. „News und Berichte über neue Bands, Lieblingslieder und Themen in der Musikbranche“ findet man dort nur im allerallerweitesten Sinne.

Falls Sie sonst etwas vermissen, z.B. den lesenswerten NMZ-Blog, incl. Newsletter, der Einstieg wäre hier , – es könnte sein, dass dergleichen im MIZ den „Corporate Blogs“ zugerechnet wird, – daher nochmals das Zitat:

Im Folgenden sind beispielhaft einige Angebote aufgeführt, die sich durch individuelle Berichterstattung auszeichnen. Nicht verzeichnet werden Corporate Blogs, hinter denen Einrichtungen wie Konzerthäuser oder Verbände stehen und die in erster Linie zur strategischen Kommunikation eingesetzt werden.

*    *    *

An dieser Stelle könnte ich mir in Zukunft mal wieder Gedanken machen, was ein Blog für mich bedeutet. Ganz einfach, weil ich festgestellt habe, dass der frühe Artikel, in dem ich programmatisch zu werden versuchte, sehr häufig angeklickt wird. hier. Aber damals habe ich eigentlich noch nicht genau gewusst, was daraus werden könnte. Es ist ja nicht einfach ein Sprachrohr der Wichtigtuerei, sondern ein Mittel zum Nachdenken. Die Verschriftlichung soll mir nützen, aber auch anderen zur Verfügung stehen. Manchmal verfalle ich leider in den Verkünderton alter Radiosendungen. Man sehe es mir nach, zuweilen komme ich eher auf neue Gedanken, wenn ich mir vorstelle, dass ich zu lieben Leuten spreche. Ein andermal eher, wenn ich polemisch aufgelegt bin. Ich möchte allerdings niemanden verletzen. Abgesehen von … Stopp.

Es war damals ein Neustart, einige hundert Artikel, die schon in den Jahren vorher im Blog veröffentlicht waren, sind durch mein Fehlverhalten plötzlich auf einem digitalen Trümmerhaufen gelandet. Damals war ich am Boden zerstört, ich hätte das Ganze nur mit größter Mühe rekonstruieren können und habe dann lieber Neues geschrieben. Manches, was fehlt, schmerzt mich heute noch: zum Beispiel eine Serie über Schubert-Lieder. Es funktioniert einfach nicht mit einem streberhaften Vorsatz, es muss eine Grundbegeisterung dasein, die später mit Hilfe des Blogbeitrags (in Grenzen) wieder abrufbar ist, – aber eben nicht aus dem Nichts.

Der zweite Teil des Satzes „hier seit dem 11.11.2014 – der alte Blog wird als Archiv wieder verfügbar sein“ ist also ein frommer Wunsch geblieben. Es ist als Gesamt-„Block“ verloren gegangen (mir ist übrigens klar, dass man auch „das“ Blog sagen könnte).

Immerhin: manchmal finde ich da draußen (!) noch Spuren des alten Blogs, so zum Beispiel im immer empfehlenswerten Blog von Berthold Seliger mit dem Datum des 20. Februar 2012  Stichwort „Knepler & Reichow“ : HIER.

Musik und Politik also. Wenn ich über anderes schreibe als Musik, so getreu dem Motto von Hanns Eisler: Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts. Aber es liegt mir fern, z.B. meine politischen Ansichten als der Weisheit letzen Schluss darzustellen, es sind Versuche, einen gewissen Durchblick zu bekommen, mit dem Vorbehalt, es jederzeit zu widerrufen oder zu korrigieren. Oder auf sich beruhen zu lassen. Also ohne abschließendes Sündenbekenntnis. Meinungsfreiheit gilt auch, wenn man sich irrt.

Bedenkliches und zu Bedenkendes

Aus DIE ZEIT und anderswoher

Zunächst erinnere ich mich an die eigene Evokation der alten Griechen (mit Nietzsches Hilfe): „Nichts zu sein…“ hier  und „… besser zu leben als zu sterben …“ hier . Und lese erinnerungsbeschwert weiter in dem Feuilleton-Artikel: „Los, komm, wir sterben endlich aus! / Darf ich noch Fleisch essen, den Wäschetrockner nutzen? Alle diese Fragen würden sich sofort erledigen, wäre man gar nicht erst geboren worden oder würde sich nicht mehr fortpflanzen. Über eine merkwürdige neue Sehnsucht / Von Nina Pauer / in DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 41.

Da ich in dem kleinen Urlaub auf Texel die ZEIT vom 16. Juni nicht mehr zur Hand hatte, wusste ich nicht, dass dort das umfangreiche Heft „Rechte Räume“ von ARCH+, das ich mir als Lektüre vorgenommen hatte (von hier bis hier), also ebendasselbe Heft von Adam Soboczynski besprochen war, der sich jetzt den Soziologen Armin Nassehi vorgenommen hat, den ich aufgrund folgender Mail vom 15.6. längst ernst genommen hatte:

Bester Artikel der Woche:
http://www.taz.de/Soziologe-ueber-Klimawandel/!5600327/

- da könnte man glatt grün wählen...

Mein Gott, hatte ich nicht längst in diesem Sinne gewählt? Und er etwa nicht? Mal sehen, ob wir etwas zu bereuen haben:

Schönes neues System der Widersprüche / Die Grünen haben ihren Meisterdenker gefunden: Wie der Soziologe Armin Nassehi die Gegensätze in der Partei mithilfe seiner Systemtheorie zum Zukunftsmodell erklärt. Von  DIE ZEIT Nr. 27/2019, 27. Juni 2019.

Finden Sie den Artikel doch bitte selbst online, zitieren möchte ich aus dem älteren Blatt, das ich versäumt hatte und als Papier für unersetzlich halte. Der Autor hat vor allem mit Durs Grünbein und dessen Frau, der Schriftstellerin Eva Sichelschmidt, geredet. Über den Walter-Benjamin-Platz also und über die Inschrift (Einschreibung) des Verses von Ezra Pound.

ZITAT:

Ein faschistischer Ort? Durs Grünbein, 56, der sich auf erstaunliche Weise Jugendliches bewahrt hat, blättert befremdet durch die Zeitschrift, die er eigens mitgebracht hat,  und zeigt auf die Säulengänge auf dem Platz: ‚Die strenge Kolonnade gibt es sowohl im antiken Griechenland als auch in Moskau und Washington. Was mir missfällt, ist die gesamte Aufteilung in linke und rechte Räume. Sind sowjetische Plätze linke Räume? Ist das Forum Romanum ein rechter Raum, die Akropolis? Dort finden Sie ja bereits die Kollhoffschen Stilmerkmale.‘

Es klingt ähnlich absurd, wie Elias Canettis Vergleich des „deutschen“ Waldes mit der Phalanx von Soldaten (beide stehen ziemlich aufrecht). Die Kolonnade, die das Dach eines griechischen Tempels trägt, hat nichts gemein mit einer anderen, auf der ein sechsstöckiges Büro- oder Bankhaus lastet (oder nur zu lasten scheint).

Und der faschistische Dichter?

Klar, bei Pound sei die Kritik am Wucher nicht ausschließlich antisemitisch konnotiert, er ziehe mit seiner Kapitalismuskritik eine weltgeschichtliche Linie. Zinswucher sei aus der Sicht des Dichters eine Dekadenzerscheinung, mit der die Qualität der Bauten sinke. Dass er die Kritik am Finanzkapitalismus ‚an manchen Stellen forciert mit dem Judentum verbindet, ist natürlich schlimmer Unfug, Pound diskreditiert damit sein Werk‘. Und Kollhoff nicht damit seinen Platz? ‚Wenn Sie in Deutschland einen richtig rechten Raum sehen wollen‘, gibt Grünbaum zu bedenken, ‚dann müssen Sie auf die deutsche Autobahn, mit der auf schneidigste Weise die Landschaft durchquert wird.‘

Ist das nicht vielleicht noch absurder als der Vergleich mit den Soldaten?

Quelle DIE ZEIT 27.06.2019 Seite 46 Eine AfD des Bauens? Neuerdings gilt ein Berliner Platz manchen als neurechter Raum. Die Schriftsteller Durs Grünbein und Eva Sichelschmidt wohnen nebenan. Wie sehen sie das? / Von Adam Soboczynski.

Am interessantesten finde ich das Dossier zum Titelthema MACHT. Überschrieben: DIE HELLE SEITE DER MACHT. Der Ruf der Macht ist miserabel. Warum eigentlich? Eine Ehrenrettung. / Von Malte Henk und Britta Stuff.

Natürlich habe ich auch die Autoren gegoogelt, sie brauchen mich nicht, um gelobt zu werden. Mich hat die Auswahl der Beispiele überzeugt: Schimpansen unter sich, 1 junger Politiker im Bundestag, 1 Dirigentin mit ihrem Orchester „Lohengrin“ probend, (Hinweis auf Elias Canetti, der in „Masse und Macht“ das Beispiel des Dirigenten eingeführt hat), der Absturz aus den höheren Sphären der Macht (Shakespeare „Macbeth“ und „Richard III.“), Stefan Mappus nach Stuttgart 21, die 4 Literaturhinweise am Schluss (s.u., mir waren alle Titel neu). Was mich am meisten bestach: der leichte Ton, der phantasievolle Sprachduktus und der Sachverstand. Zugegeben: beim Beispiel der Dirigentin lag ich auf der Lauer, wie leicht strauchelt der Laie, – aber nichts ist passiert, alles richtig. (Ich habe 30 Jahre lang in einem Orchester gespielt, das keinem Dirigenten unterstand, sondern dem primus inter pares, dem Konzertmeister, – aber natürlich hatte er „Macht“. Oder – wie wärs mit dem Wort „Autorität“ für diesen Herrn der Exekutive? Niemand von uns hätte z.B. – oder nur mit dem allertriftigsten Grund – abbrechen können, niemand hätte aus dem Tutti heraus dem Oboisten einen Rat erteilen können.)

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Die Sängerin Brigitte Fassbaender – jetzt immer noch als Regisseurin tätig – wird am 3. Juli 80 Jahre alt. Das Interview aus diesem Anlass hat mich in einem Punkt erschüttert, dort, wo sie von ihrer Angst spricht. Dabei gehört es zu den typischen Vorurteilen des Publikums, dass es Künstlern vor allem Spaß macht, auf der Bühne zu stehen, – um dann umjubelt zu werden. Kleinere Lichter mögen Angst haben, aber doch nicht die Stars, mögen sie noch so oft ihr Lampenfieber hervorheben: meist folgt ja auch der Hinweis, dass es mit Beginn des ersten Tones in sich zusammenfiel. Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie ein typischer Tag in ihrem Leben aussah, etwa vor einem Liederabend:

Na, das war das Furchtbarste! Da wacht man auf: Bin ich heute bei Stimme, bin ich gut disponiert, habe ich alle Texte im Kopf? Meistens war ich mittags schon krank und wollte absagen. Vormittags ging man mit dem Pianisten noch einmal das Programm durch. Essen konnte ich gar nichts, mir wurde von fast allem schlecht. Nachmittags legt man sich hin, mit Herzklopfen, Magendruck, schweißnassen Händen und Füßen, das ganze Nervenkostüm revoltiert. Und irgendwann kommt der Moment, da zieht man die Vorhänge des Hotelzimmers wieder auf, macht sich zurecht – und trottet wie das Lamm zur Schlachtbank. ZEIT: Wovor hatten Sie Angst? Fassbaender: Vor dem Versagen, dem Blackout. Ich bin mir ja ausgeliefert, meinem Innenleben, meiner Physis, meiner Tagesform. Und manchmal konnte ich nicht so, wie ich wollte. Das war bitter – bei Liederabenden übrigens noch viel bitterer als in der Oper. Als Charlotte in Werther, als Wozzeck-Marie, Prinzessin Eboli oder Octavian schlüpfe ich in eine Rolle. Es gibt das Kostüm, die Maske, die Kollegen, das Licht, das Bühnenbild – und den Abstand zum Saal. Bei Liederabenden sitzen sie meist direkt vor einem, das ist auch ein voyeuristischer Prozess. Damit muss man fertigwerden. Und wird es nie.

Brahms „Von ewiger Liebe“ op.43,1 Brigitte Fassbaender mit Irwin Gage, Klavier HIER

Höchst erstaunlich, was die Sängerin zur #MeToo-Debatte sagt. Auf die Frage: Welche Folgen hat sie für das Theater?

Viele gute. Man geht sensibler miteinander um, vorsichtiger. Wenn ich daran denke, was für Tobsuchtsanfälle ein Regisseur wie Otto Schenk hatte! Teilweise war das sicher nur gespielt, weil er künstlerisch was erreichen wollte. Das geht heute nicht mehr, und das ist gut. Wer schreit, ist sowieso in der Defensive. Sexuelle Übergriffe waren früher an der Tagesordnung. Wir haben das einfach nicht so ernst genommen. Mir persönlich hat das auch nie geschadet, wenn ich mich verweigert habe, ich kannte solche Abhängigkeiten nicht. Es sind hauptsächlich Dirigenten, die ihre Macht missbrauchen. Auch Regisseure und Intendanten tun es, aber der Dirigent steht abends am Pult und kann dich fertigmachen. ZEIT: Haben Sie so etwas erlebt oder miterlebt? Fassbaender: Natürlich. Manche Dirigenten waren regelrecht verschrien und versuchten es mit jeder. Ich möchte keine Namen nennen. Es waren ja trotzdem große Könner, sollen sie’s bleiben.

Quelle: DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 45 „Was man jagt, ist schon verloren“ Sie war eine Ausnahmesängerin und kann einfach nicht aufhören, kreativ zu sein: Brigitte Fassbaender über Versagensängste, militante Fans und den Trash in der Oper /  Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey

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Einer der unsinnigsten Artikel, die ich in letzter Zeit gelesen habe: manche mögen es für Fantasy halten, ich schalte dann sofort ab: wegen mutmaßlich ausgeklügelter Phantasielosigkeit. Warum habe ich den Artikel trotzdem gelesen? Wahrscheinlich wegen der Katze, ich Naivling! (Natürlich eine aus Stoff, aber aus welchem Stoff? Keine Ahnung, wird schon virtuell sein. Meinetwegen auch irgendwie spirituell.)

Quelle: DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 39 Hurra, ich werde zerfetzt Wie ich in der virtuellen Realität eine ziemlich echte Katze rettete und dabei meinem eigenen Todesmut begegnete / Von Clemens Setz

Irrtum? Eine Stunde später erlebe ich ihn live aus Klagenfurt. Oder vielmehr: Einstieg erst bei  Fuzzman & Fritz Ostermayer im Gespräch über Schlager. Später mehr darüber… siehe hier. Zu einer Klagenfurt-Besprechung bei Faust-Kultur hier 

Zitat FAZ 30.6.19 Autor Jan Wiele:

Dass der beste literarische Text beim Bachmann-Preis nicht einer der vierzehn Beiträge ist, sondern vielmehr die „Rede zur Literatur“ zu seinem Auftakt, war bis zu diesem Jahr noch nicht vorgekommen. Clemens Setz hat das geändert. Mit seiner Rede über „Kayfabe und Literatur“, die einen Begriff aus dem Show-Wrestling vielfach metaphorisch fruchtbar machte, poetisch wie politisch, schlug der 1982 in Graz geborene Schriftsteller die Zuschauer und Jury so sehr in Bann, dass nach Tagen noch darüber gesprochen wurde und Ideen aus der Rede in Diskussionen auftauchten. Dass die Grenzen von poetologischer Rede und Erzählung verschwimmen und eine Zwittergattung gezeitigt haben, die selbst als Literatur betrachtet werden kann, ist insbesondere auf die vielen Poetik-Dozenturen zurückzuführen, die in den vergangenen Jahrzehnten eingerichtet wurden. Aber so triftig wie bei Setz hat man diese Gattung noch nicht verwirklicht gesehen.

Außerdem: Die Rom-Therapie – ein Buch von Simon Strauß, besprochen von Iris Radisch – das würde ich auf jeden Fall nicht mit nach Rom nehmen: „Wie entkommt man der nervigen Gegenwart? Indem man sich in die Ewige Stadt flüchtet und die ‚Römischen Tage‘ von Simon Strauß mit auf die Reise nimmt.“ Warum sollte ich?

Unbedingt lesen (Info mit Leseprobe): DIE ZEIT 27. Juni 2019 Seite 43 Wie der Sex zur Sünde wurde / Vor vierzig Jahren hat Michel Foucault mit seinem dreibändigen Werk „Sexualität und Wahrheit“ den Blick auf Macht und Lust revolutioniert. Jetzt ist aus dem Nachlass des französischen Philosophen ein vierter Band erschienen – eine Sensation? Antworten einer Philosophin und eines Theologen / Von Petra Gehring [a]/ Von Christoph Markschies [b]

[a] Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine „Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen“. Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) „erzeugt“. In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das „Fleisch“ ist dabei Ziel wie auch Mitte. Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens.

[b] Wer lange auf die 556 Seiten wartete, ist nicht nur verwundert, dass in der Ausgabe jeder Hinweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt. Es überrascht auch, dass der dicke Band lediglich aus ausführlichen Referaten von Text von rund zehn antiken Autoren besteht, die in einer zugespitzten Perspektive in den Blick genommen werden. Von einigen Zusammenfassungen abgesehen, fehlen ausführlichere Einleitungs- und Schlusskapitel. Sexualität wird aus der Perspektive antiker christlicher Oberschichten und vor dem Hintergrund ihrer theoretischen Reflexionen thematisiert. Archäologische Quellen oder soziologische Analysen fehlen vollkommen. Da Foucault antike Argumentationen nachzeichnet, wirkt sein Text im Vergleich zu heutiger Kommunikation über Sexualität mindestens nüchtern, wenn nicht leicht prüde. So fällt das Wort „Masturbation“ kein einziges Mal, und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden höchstens indirekt behandelt. […]

Durch das Christentum – so die Hauptthese des Bandes – wurde Sexualität erstmals zum Kern des menschlichen Subjektes. Unter Subjekt versteht Foucault ein Selbstverhältnis, genauer ein ständig der Selbstprüfung unterworfenes Wissen des Menschen von sich selbst. Das antike Christentum hat seiner Ansicht nach die Sexualität nicht verdrängt (wie ein im Paris der Studentenrevolutionen gepflegtes Vorurteil lautete), sondern ganz im Gegenteil die Frage, wie man kritisch mit ihr umzugehen hat, in den Mittelpunkt gerückt. Am Ende dieser Entwicklung steht nach Foucault der nordafrikanische Bischof Augustinus, der den Menschen als sujet de désir, als Subjekt des Begehrens, beschreibt, die libido, das Begehren, in das Zentrum seiner Sicht der Sexualität stellt und sie als Sünde bewertet.

Siehe auch bei Perlentaucher HIER.

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 Mönch am Meer

Von selbst wäre ich sicher nicht drauf gekommen, dieses Bild des Malers einzusetzen, der in meiner Geburtsstadt gewirkt hat. Sein Greifswald-Bild, der Blick über die Wiesen,  hing in der Wohnung meiner Eltern, so dass ich auf die Kirche zeigen konnte, in der ich getauft war (in der „dicken Marie“, nicht – wie es mir lieber gewesen wäre – unter dem schlanken, hohen Nicolai-Turme). Die unwillkürliche Beziehung dieses düsteren Bildes auf mein helles Texel-Meeres-Foto wäre mir viel zu demonstrativ erschienen, – als hätte ich sozusagen den Rauterberg-Text, den ich noch gar nicht kannte, vorausgeahnt; aber so ist die Realität:

[…] Bleibt nur das Problem, dass der Mensch in seinem Verhalten eher einer Wolke gleicht, unberechenbar wie ihr Formgewalle. Verlangt man von ihm, er möge bitte einsichtig sein, denn ohne Einsicht werde die Welt kollabieren, füttert man ihn zusätzlich mit zahllosen Fakten und Diagrammen, wird er noch lange nicht handeln wie erhofft und notwendig.

Quelle DIE ZEIT 19. Juni 2019 Seite 38 Schönes Erschrecken Nur mit Fakten und Vernunft wird der Klimawandel nicht gelingen: Was Greta Thunberg von Caspar David Friedrich lernen könnte / Von Hanno Rauterberg

Ehrlich gesagt: der Artikel überzeugt mich nicht, ganz zu schweigen davon, was Greta Thunberg für Augen machen würde. Die Schönheit des künftigen Schreckens zu erfahren – das soll uns locken?

Die Erfahrung des Erhabenen heißt, die eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen, sie aber als erhellend und energetisierend zu erfahren, als schöpferischen Antrieb, in dem der Mensch seine Natur neu zu fassen beginnt. Erhabenheit heißt, auch die drohende Katastrophe als bereichernd empfinden zu können – und damit die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Wandels erst möglich zu machen.

Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun. Vielleicht passiert das auch bereits, man muss sich nur das viel debattierte Video des YouTubers Rezo anschauen. Dort sind es nicht die Fakten allein, dort ist es nicht nur die Wahrheit des Untergangs, die ungemein fesselnd wirken. Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht. Und so die Zuschauer in jenes innere Wechselspiel verwickelt, aus dem es so gut wie kein Entkommen gibt. Es sei denn, sie handeln.

Ich finde, das Wechselspiel geht anders aus: hier schießt die Ästhetik ein weithin schallendes Eigentor.

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Was ist mit dem Wetter? Wir haben Tage enormer Hitze. Trotzdem kein Grund, die Sache in aller Kürze mit Klimawandel zu erklären. Interessanter Artikel mit dem Titel Puuuhhh! / DIE ZEIT WISSEN 27. Juni 2019 Seite 33. Nur zwei Zitate:

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das „Blockwetterlage“.

[…]

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: „nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl“.

Quelle DIE ZEIT 27. Juni 2018 Seite 33 f Puuuhhh! Was bedeuten die hohen Temperaturen dieser Woche? Tötet die Hitze wirklich Menschen? Was kann jeder tun, für sich und andere? Und wie geht es dem Wald, den Böden, den Gewässern? Sieben Antworten. ( Von Harro Albrecht, Dirk Asendorpf und Stefan Schmitt. (S.a. hier).

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Ich muss einen Abschluss finden, in der Tat: heute Morgen, 7:50 Uhr in WDR 3 Choral, die nachfolgende Predigt brauche ich nicht, aber etwas, was wie Bach klingt, eine Fuge darstellt und natürlich ein „Noch einmal!“ erzwingt, sogar mehrmals, also auch eine kleine Recherche, die hiermit angedeutet sei: der Komponist ist Johann Ludwig Bach – aber es ist J.S.Bachs Handschrift!

Nein, es ist nicht J.S.Bachs Handschrift, sondern die des Kopisten J.H.Bach (1707-1783), dem Sohn des Ohrdrufer Bruders (Näheres dazu hier).

Dies alles bringt mich auf ein Buch, das ich vor drei Jahren mit Begeisterung gelesen habe, „Bachs Welt“ von Volker Hagedorn, siehe hier, – und gerade dorthin, wo es um das physikalische Weltbild der Zeit geht (wir waren ja gerade beim Wetter!), und dort ist auch von Johann Ludwig Bach die Rede, wenn auch in seiner Säuglingszeit (1677).

Und auch die folgenden Seiten entdeckte ich aufs neue. Und wie recht ich damals hatte, ein „ja!“ an den Rand zu schreiben, ich hatte offenbar die Aufnahme schon gefunden, die mich jetzt begeisterte wie am ersten Tag! Wie traurig und wie wild, dieser Satz „Meine Bande sind zurissen“! In der Tat, man kann davon nicht lassen, kein Wunder: jetzt habe ich die Konsequenzen gezogen, – die CD ist unterwegs zu mir!! Und nie mehr werde ich den „Meininger Bach“ mit einem anderen verwechseln. Hören Sie, und wenn Ihnen die Musik nicht den Atem raubt, lesen Sie auch! Einzigartig ebenso: dieser Chor und dieses Orchester! HIER.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2016

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Volker Hagedorn hat übrigens gerade ein neues Buch herausgebracht, – Der Klang von Paris – Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts -, noch befindet es sich nicht in meinen Händen. Eine Leseprobe ist vielversprechend: hier.

Marginalien

Beiläufiges beim Lesen und Musikhören

Über eine Bemerkung in der Zeitschrift Landlust März/April 2019 (Foto: Heinz Duttmann) stolperte ich: „In der freien Natur kommt Lungenkraut kaum noch vor, die Bestände sollten geschont werden.“ Davon wusste ich nichts, und Wikipedia wohl auch nicht. Bei mir ist genug davon im Garten, Treffpunkt der Bienen, der Pelzbienen. Siehe im Blog unter Mein Rasenstück. So sah ich es vor etwa einem Jahr, und jetzt beginnts gerade auch wieder zu blühen, viele Einzelbienen, die ziemlich eilig von Blüte zu Blüte wechseln, umgeben von Bärlauch, dessen Knospen sich noch unter den Blättern verbergen.

Neu:

Annie Ernaux – „Der Platz“ ist angekommen (s. hier). Über ihren Vater, der Seite 52 auf dem Weg nach oben die Grenze seines gesellschaftlich niederen Standortes mit Mühe hinter sich gelassen hat. [Ich denke an alle Orte, wo ich solche Grenzen wahrgenommen habe. Meine Großeltern in Lohe bei Bad Oeynhausen, meine Mutter, die bei Besuchen dort plötzlich mit den Nachbarn westfälisches Platt sprach, mein Vater aus Hinterpommern, der „Viertel elf“ sagte oder „ich habe dort ein Buch zu liegen“, in Bielefeld, wo man eben anders sprach,  in Köln-Niehl das Kölsch meiner Zimmerwirtin, in Solingen allenthalben die Reste eines altertümlichen Bergisch Platt.]

Meine Großeltern sprachen nur patois, das normannische Platt.

Manche Leute finden das Patois und das Französisch der unteren Schichten pittoresk. So zählte Proust Françoises Fehler und veraltete Ausdrücke auf. Ihn interessiert nur die Ästhetik, weil Françoise sein Hausmädchen war, nicht seine Mutter. Und weil ihm diese Wendungen selbst nie spontan über die Lippen gekommen wären.

Für meinen Vater war das Patois etwas Altes, Hässliches, ein Zeichen gesellschaftlicher Unterlegenheit. Er war stolz darauf, es teilweise abgelegt zu haben, und selbst wenn er kein schönes Französisch sprach, war es immerhin Französisch. Auf dem Jahrmarkt von Y… führten Laienschauspieler in normannischer Tracht Sketche in Patois auf, und das Publikum lachte. In der Lokalzeitung gab es zur Belustigung der Leser eine normannische Chronik. Wenn der Arzt oder ein anderes hohes Tier im Gespräch eine regionale Redewendung gebrauchte, zum Beispiel „elle pète par la sente„, wiederholte mein Vater die Worte voller Genugtuung gegenüber meiner Mutter, glücklich, weil er annehmen konnte, dass diese feinen Leute noch etwas mit uns gemein hatten, eine kleine Schwäche. Er war fest überzeugt, dass ihnen der Ausdruck versehentlich rausgerutscht war. Weil es für ihn undenkbar war, dass man ohne Anstrengung „richtig“ sprechen konnte. Weißkittel oder Pfaffe, immer musste man sich zusammenreißen und aufmerksam zuhören, nur zu Hause konnte man sich gehen lassen.

Er, der in der Kneipe und in der Familie viel redete, schwieg in der Gegenwart von Leuten, die gutes Französisch sprachen, oder er brach mitten im Satz ab, sagte „finden Sie nicht?“ oder nur „nicht?“ und bedeutete seinem Gegenüber mit einer Handbewegung, den Satz für ihn zu beenden. Beim Sprechen immer vorsichtig sein, unsagbare Angst vor dem falschen Wort, was genauso schlimm wäre wie in der Öffentlichkeit einen fahren lassen.

Aber er hasste auch große Phrasen und neumodische Ausdrücke, die „Blödsinn“ waren. Irgendwann sagten alle ständig „sicher nicht“, und er verstand nicht, warum man zwei Wörter kombinierte, die einander widersprechen. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die kultiviert wirken wollte und Gehörtes oder Gelesenes beherzt ausprobierte, mit nur leichter Unsicherheit, weigerte er sich, ein Vokabular zu verwenden, das nicht seins war.

Wenn ich als Kind versuchte, mich besser auszudrücken, habe ich immer das Gefühl, mich in einen Abgrund zu stürzen.

Eine meiner geheimen Ängste: einen Lehrer als Vater haben, sodass ich die ganze Zeit auf meine Ausdrucksweise achten müsste und die Endungen nicht verschlucken dürfte. Wir redeten mit dem ganzen Mund.

Weil die Grundschullehrerin mich immer „verbesserte“, verbesserte ich später meinen Vater, ich eröffnete ihm, dass Wendungen wie se parterrer (sich auf den Boden schmeißen) oder quart moins d’onze heures (Viertel elf) im Französischen nicht existierten. Er bekam einen Wutanfall. Ein anderes Mal: „Wie soll ich in der Schule richtig sprechen, wenn ihr euch die ganze Zeit so schlecht ausdrückt!“ Ich weinte. Er war unglücklich. In meiner Erinnerung führte alles, was mit Sprache zu tun hatte, zu Ärger und Streit, viel mehr als Geld.

Quelle: Annie Ernaux: Der Platz / Aus dem Französischen von Sonja Finck / Suhrkamp Verlag Berlin 2019 ISBN 978-3-518-22509-7.

Habe heute die Orthodoxen Liturgietexte gesucht und gefunden („tas thyras!“), Aufnahme 1982 in Athen und anschließende Riesenarbeit (für Deutsche Harmonia Mundi), die zu nichts führte, außer dass ich sagen kann: einige Liturgie-Sendungen im WDR und ein wunderbares, gewaltiges Ton-Dokument im Schallarchiv des Senders, endlich wieder zu etwas nütze: hier.

Gestern Tacet-CD gehört, Tschaikowski-Quartette, gespielt vom Bartók-Quartett, dessen Besetzung sich im Laufe der 50jährigen Geschichte offenbar geändert hat. Als Ergänzung zur Wikipedia-Angabe lese ich an anderer Stelle:

05/10/2017 Der ungarische Geiger Péter Komlós, Gründer und erster Geiger des Bartók-Quartetts, ist im Alter von 81 Jahren in Budapest gestorben. 1957 gründete er zusammen mit Sándor Devich, Géza Németh and László Mező das Komlós Quartett, das sich 1963 in Bartók Quartett umbenannte. 

Mir liegt daran, weil ich Sándor Devich 1986 in Szombathély erlebt habe, und es damals hieß, er  sei zweiter Geiger im Bartók-Quartett gewesen. Vielleicht ist er gerade bei der Umbenennung ausgestiegen? Unwichtig in diesem Zusammenhang: es geht um Tschaikowski und verschiedene Wahrnehmungsweisen.

Diese schöne CD enthält keinen Text zu den Werken, sondern allein zum Programm der Tacet-Reihe „Summary“ allgemein. Empfehlenswerte Einführungen zu op. 11 findet man hier, zu op. 22 hier. Ich notiere das an dieser Stelle, weil ich den berühmten zweiten Satz von op. 11, der mich plötzlich sehr ergriff, für eine (oder die?) Zarenhymne hielt; beim Recherchieren erwies die Melodie sich als ein ukrainisches Volkslied. Ebenso merkwürdig: dass Tolstoj von dieser Melodie zu Tränen gerührt wurde. Für mich – wie immer – Anlass zu analytischen Überlegungen. Wobei ich nicht unterstelle, dass ER aus den gleichen Gründen gerührt war wie ich. Schließlich war er mit dem Flair der russischen (und ukrainischen) Lieder seit früher Jugend vertraut, während mich etwas Fremdes (Exotisches) daran beeindruckt. Die Wirkung verdankt sich zu einem nicht geringen Teil der Harmonik (modal), ich konzentriere mich aber an dieser Stelle nur auf den Melodieverlauf.

Ist es die eigenartige Verschiebung der Balance in den ersten 4 Takten? Der eingeschobene Dreiertakt? Ein Viertel „zuviel“, 9 Viertel Gesamtlänge; während die nächsten 4 Takte ganz gleichmäßig antworten, mit 8 Vierteln Gesamtlänge. Es wäre leicht, einen Kompromiss zu finden, – aber der Reiz wäre dahin.

Nein, wie wären um das C betrogen, obwohl es vorhanden ist. Wenn ich es dingfest machen müsste, würde ich sagen: im dritten Takt beginnt mich die Melodie zu faszinieren, und beim Übergang zum vierten spüre ich, dass die Tränen kommen wollen. Merkwürdig: genau so, wie der Komponist das Crescendo gesetzt hat, aber dieses ist nicht die Ursache, die auf mich wirkt. Ich vermute – der Komponist reagiert genau wie ich oder wohl wir alle, und er setzt deshalb das Crescendo, um die Interpretation darauf einzuschwören. In der zweiten Hälfte der Melodie gibt es einen ähnlich neuralgischen Punkt, der aber nicht das Ziel des auch hier eingezeichneten Crescendos ist… sondern… welcher Ton?

Für Außenstehende ist schwer vorstellbar, warum Musiker lange grübeln können, wie eigentlich der erste Takt dieses Themas gewichtet ist. Eine Schaukelbewegung hat immer etwas Unernstes, Unentschlossenes, aber vielleicht ist das Wort schon falsch; denn die beiden Zweiergruppen sind ja nicht gleich, sie schaukeln nicht, sie vermeiden den Ton der dazwischenliegt. Aber sie wollen zum ersten Ton des nächsten Taktes, zum ES. Ist dieser Takt also auftaktig zu verstehen? Versuchen wir doch ein paar Varianten:

Ich erspare mir an dieser Stelle drei Texte, Musiker würden debattieren, singen und spielen, der „dazwischenliegende“ und übergangene Ton würde eine Rolle spielen, er macht den dritten Takt so stark, das C mit dem nachgelieferten G, das pendelt, aber zurückwill (zum C), ein F nur spielerisch vorwegnehmend, dann zum C, dort wieder „pendelt“, um dann auf dem F einen vorläufigen (!) Ruhepunkt zu finden. Der nächste Takt, Beginn der zweiten Hälfte, greift auf die Bewegung des ersten Taktes in den zweiten zurück (also die Schleife F-D-G bezogen auf D-B-ES), und so wird auch der Septsprung verständlich, in Wahrheit die Wiederaufnahme des Tones C. Aber welcher Ton ist das wirkliche Ereignis der zweiten Hälfte? Keinesfalls das hohe C, ebensowenig der Zielton F, der den letzten Ton der ersten Hälfte wieder aufnimmt. Es ist der Ton A, der in der ganzen „Reihe“ bisher fehlt, der aber an dieser Stelle keinesfalls betont werden darf (nur mit Liebe gespielt werden muss).

Zur Intensivierung der Diskussion stelle man ähnliche Überlegungen an bei dem berühmten Thema der Haydn-Variation von Brahms: zwei fünf(!)taktige Hälften, – ist der erste Takt auftaktig zu verstehen? Ist der zweite Takt stärker als der erste? Vergleiche das Forte in Takt 6 und die Akzente auf den vier Melodietönen der danach folgenden Takte. Erfinde Varianten für den allerersten Takt nach dem Muster des vorigen Beispiels.

*    *    *

David Oistrach bleibt zum Glück sehr dicht am Original, – auch in den Bindungen? Oder? – spielt er etwa einfach die 1. Geige des Quartetts?

Zum Abgewöhnen auch noch die zweite Melodie des Andantes, siehe Notentext Mitte Zeile 7, in der Version von 1940. Möglicherweise auch wieder zum Weinen.

Abschiedsfrage: wie schreibt man eigentlich Tschaikowski? Hätte er sich selbst in unserm größten Musiklexikon MGG eigentlich wiedergefunden? (Um so lesenswerter der Artikel, der von Thomas Kohlhase stammt.)

11.04.2019

In WDR 3 gehört (Klassikforum zwischen 10 und 11, Freund Hanns-Heinz rief aufgeregt an) : Tschaikowski Violinkonzert / Kopatchinskaja Musica Aeterna Currentzis: Ich hatte allerhand Vorbehalte gegenüber ihrer Behandlung Beethovens und anderer Klassiker, aber dieser Tschaikowski wischt alle Bedenken weg, auch der Zusammenklang von Violine und Orchester, der Wechsel der Farben, das äußerste Pianissimo, die minimalsten Nuancierungen, z.B. Wechsel zwischen Violine und Klarinette oder Flöte, deren Gleichberechtigung nach Bedarf. Am Übergang zwischen zweitem Satz und Finale mögen sich die Geister scheiden (siehe Link unten: tritt nicht doch eine gewisse Zickigkeit zutage?), aber es ist einfach unerhört, der Kontrast der Temperamente, die übersprudelnde Virtuosität, die Wildheit, die Oasen der Lyrik. Keine Wiederentdeckung des Komponisten, sondern die Erstentdeckung.

Repeat! Wo ist die Taste? Ich muss die CD haben und jedes Detail zu studieren. (Neugier daher auch auf „Les Noces“!) Den Link habe ich erst nachträglich entdeckt (kaum zu glauben der Hinweis auf Darmsaiten!), das alles stammt von 2016, wo bin ich nur gewesen?? Prüfen Sie nur selbst und zwar hier.

23.04.19

Die CD ist da, und der Sturm hat sich gelegt. Es ist nützlich zu warten, bis eine gewisse Ruhe der Betrachtung wiederkehrt. Welchen Sinn hätte es, in Raserei zu verfallen, oder einer Wahnidee nachzujagen, einer Phantasieromantik? Ein neuer Versuch der Annäherung und Distanzierung, vielleicht hier.

Lesenswert

Notizen aus der Süddeutschen

ZITAT

Bald schon entwickelte ich ein Leitmotiv, das seither alle meine Unternehmungen geprägt hat: Neue Technologien führen immer auch zu neuen Erkenntnissen. (…)

MacLuhan selbst brachte mich auf Warren Weavers und Claude Shannons Forschungsarbeit von 1949, die den Titel trug „Jüngste Beiträge zur mathematischen Theorie der Kommunikation“ und mit dem Satz begann: „das Wort Kommunikation wird hier in einem sehr weit gefassten Sinn verwendet, der sämtliche Vorgänge umfasst, durch die ein Geist auf einen anderen einwirkt.

Realität ist ein menschengemachter Prozess. Die Bilder, die wir von uns selbst und unserer Welt machen, sind zum Teil Modelle, die in den Erkenntnissen der Technologien wurzeln, die wir erschaffen. Obwohl viele von uns noch nicht bereit waren, betrachteten wir schon nach wenigen Jahren unser Gehirn als Computer. Und als wir die Computer zum Internet vernetzten, realisierten wir, dass unser Hirn kein Computer ist, sondern ein Netzwerk aus Computern.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 11 John Brockmann: Der Geist der unbegrenzten Möglichkeiten / Von Kybernetik, Mensch und Menscmaschine – eine kurze Geschichte des Nachdenkens über künstliche Intelligenz. (Erster Beitrag einer SZ-Serie über Künstliche Intelligenz.)

Merken: Norbert Wiener: „Mensch und Menschmaschine – Kybernetik und Gesellschaft“ 1950.

ZITAT

Natürlich war das ein Torwartfehler. Natürlich gilt immer noch die Regel der Urväter, wonach ein Torwart, wenn er rauskommt, den Ball haben muss. Und Neuer war wirklich weit rausgekommen in dieser 26. Minute, und man sah seinen Lauf- und Irrwegen geradezu die Gedankenkollision in seinem Torwartkopf an: Die Situation da draußen im Gelände sah ganz anders aus, als er sich das drinnen im Tor vorgestellt hatte, und, huch, da war schon die Strafraumlinie, er durfte auf keinen Fall mehr Hand spielen jetzt, und foulen durfte er auch nicht, und jetzt, huch, … und dann flog der Ball auch schon in höhnischer Flugkurve in das verlassene Tor.

Wer Neuer auf die Anklagebank setzt, wird aber auch mildernde Umstände anerkennen müssen. Das vorwärts und rückwärts gespulte Bild zeigt, dass Fußball ein Teamsport ist, in dem selten einer alleine verliert, und so ist auch dieses 0:1 eher ein Dokument allgemeiner Desorientierung. Der lange Pass von Liverpools van Dijk führt nicht nur Rafinha vor, der sich von Mané übersprinten und übertölpeln lässt. Im Bild sieht man auch Niklas Süle und Mats Hummels, die erst zurücktraben und dann, fast im gleichen Moment, die Gefahr erkennen und Tempo aufnehmen; zu spät, um rechtzeitig am Unfallort einzutreffen.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 27 Christof Kneer: Ein Fehler, der im Büro beginnt / Neuer patzt beim 0:1 – aber das Tor erzählt eine größere Geschichte.

Ansehen? Hier 

ZITAT

Trotz des großen Forschungsbedarfs waren sich die meisten Entomologen in Halle aber einig, dass genug Wissen vorhanden ist, um schon jetzt zu handeln und etwas gegen den Schwund [der Insekten] zu unternehmen. Klar ist, dass die intensive Landwirtschaft eine der Hauptursachen für das große Sterben ist. „klar ist aber auch, dass das nicht allein das Problem der Landwirte ist,“ sagte Olaf Zimmermann vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Baden-Württemberg. Auch die Verbraucher müssten umdenken und in Kauf nehmen, dass insektenfreundlich produzierte Lebensmittel teurer sein werden. Und die Politik muss eine insektenfreundliche Bewirtschaftung der Felder auch finanziell belohnen.

„Das größte Problem der Insekten mit der intensiven Landwirtschaft ist nicht der Einsatz von Insektiziden“, sagt Gross. Viel schlimmer sei, dass in Deutschland auf riesigen Flächen nur noch einige wenige Pflanzen wie Mais und Weizen angebaut werden, mit denen die Insekten nichts anfangen können, da sie vom Wind bestäubt werden. Solche Flächen sind für viele Kerbtiere wie grüne Wüsten, in die sie gar nicht erst hineinfliegen. „Da braucht es gar keine Insektizide mehr, die Insekten verschwinden auch so“, sagt Gross.

Das zu verändern, wäre eigentlich gar nicht so schwer. [Weiterlesen: hier]

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 16 Summen am Feldrand Blühstreifen, Hecken, weniger Pestizide: Um das Insektensterben zu stoppen, würden schon einfache Maßnahmen helfen. Aber finden Entomologen mit ihren Forderungen Gehör? / Von Tina Bayer

Bittgesang eines noch nicht Genesenen?

ZITAT

Und sie können leiser spielen, als es manchem im Saal lieb ist. Wenn da ein Pianissimo steht (die drei Komponisten des Abends lieben diesen Leisigkeitsgrad), dann ist das halt doppelt so leise wie ein Piano – und schon in der vierten Reihe ziemlich am Rand der Stille. Was wohl davon noch ganz hinten im Saal zu hören ist?

( . . . )

Am intensivsten und stimmigsten versenkt sich das Ensemble in die langsamen Sätze. Natürlich in Beethovens brütende Doppelvariation, die das langsame Zu-Kräften-kommen eines Kranken nachzuzeichnen vorgibt. Linien tauchen auf und brechen ab, Triller fluten dazwischen, Girlanden und Akkordakzente verschlingen sich, zuletzt zerbricht die Musik, entschwebt zart in die Höhe: War die Heilung nur eine Vision, meinte sie den Tod?

( . . . )

Und die daraus resultierende Abschiedswehmut schwebte über dem ganzen Abend, sie schien erklären zu wollen, warum Kammermusik immer mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit schwindet.

Quelle Süddeutsche Zeitung Freitag 15. März 2019 Seite 12 Gleichberechtigter Genesungsgesang / Das Belcea-Quartett spielt Beethoven in München / Von Reinhard J. Brembeck

Schauen wir nach:

Zerbricht die Musik? … meinte sie den Tod?

Beethovens Titel lautet: Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lidischen Tonart. Zwischenüberschrift zum D-dur-Teil: Neue Kraft fühlend.

Nirgendwo bei Beethoven eine Stelle, die „das langsame Zu-Kräften-kommen eines Kranken nachzuzeichnen vorgibt.“ Hier scheint dagegen jemand ein sprechendes Beispiel geben zu wollen, warum Kammermusik immer mehr aus dem Fokus der Kritik schwindet.

Nachwort

Man könnte meinen, dass diesem Leser (ich versuche, mich distanziert zu sehen) an diesem speziellen Wochentag genau diese Artikel am wichtigsten waren; dass er sie am gründlichsten gelesen, bei ihnen am längsten verweilt hat. Das ist durchaus nicht so. Ich müsste auf die Brexit-Beiträge verweisen (zugleich auf den Überdruss am Thema), dann auf die gesamte Seite drei, auf der der Verlauf und das Umfeld eines Doppelmordes rekonstruiert wird. Lese-Motiv? Die Fotos: Blick aufs adrette Eigenheim, das gemeine Grün des Rasens, ein verklemmtes Paar auf dem Sofa. Der Beginn des Artikels:

Der musikalische junge Mann hat bisher kein Geständnis abgelegt, aber nach Lage der Dinge gibt es keinen vernünftigen Zweifel daran, dass Ingo P. seine Mutter und seinen Vater erschlagen hat.

Auf der Rückseite der politische Hauptkommentar, über Macron, leicht erschütternd, sagen wir irritierend: über den Liebling der Deutschen, Macron und seine Politik. Also Thema FRANKREICH. Die Republik erzieht / Von Nadia Pantel. Nachzulesen HIER.

Kein Kommentar von meiner Seite. Aber dies behalte ich im Gedächtnis, alles andere vielleicht nicht. Oder ich wollte mir (Ihnen?) was vormerken, z.B. die angekündigte Serie über Künstliche Intelligenz. Oder ich wusste es schon, z.B. die Sache mit den Insekten und der Landwirtschaft. Wollte es nur warmhalten (der Frühling kommt mit heftigen Sturmattacken). Auch die Fernsehsendung 12.03.19 über das Wetter mit Harald Lesch. Wirbelstürme. Siehe ZDF-Mediathek HIER. Und Musik, sowieso, immer.

Lieblingslieder, bipolar

Aufgelesen

Natürlich wieder Zufall. Und bipolar ist der falsche Begriff, der eigentlich nur bei bestimmten Störungen gebraucht wird. Nachts kam über Whatsapp der Link zur Russischen Romanze. Von jemand zwischen 50 und 60, dessen Musikalität ich schätze. Merkwürdig diese Gefühlskundgabe. Ich bin ein Sammler, der jede authentische Äußerung schätzt und reflektiert. Drunter steht geschrieben: „Hat leider inzwischen Schlagerkarriere gemacht. Aber dies war sehr schön.“ Und ich schreibe zurück: „Das ist jetzt mein Gutenacht-Lied.“

Heute per Fahrrad in die Stadt (Post der Nachbarin einstecken, die nach dem Tod der Mutter in die Stadt gezogen ist). Dort sprechen mich überraschend zwei kleine Mädchen an. Vielleicht 9 oder 10 Jahre alt. „Der ist toll!“ sagt eine und hält mir ein Smartphone entgegen. Ich frage: „Ist das mein Handy?“ und denke, es sei mir beim Post-Einstecken aus der Jacke gefallen. „Nein, das Bild meine ich! Der ist toll, den musst du hören!“ Ich fühle mein Huawei in der Tasche. – „Wer ist das denn?“ – „Chebnassri, der ist ganz berühmt! Ein Sänger!“ – Ich hatte sie für türkische Schülerinnen gehalten, sie sprechen akzentfrei. „Wie schreibt man das denn? Nazri?“ – „Nein, Nassri mit 2 s, hör dir den mal an“. – „Ja, wenn ich zuhaus bin. Chebmami?“ – Sie lachen, sagen es richtig und buchstabieren auch den Anfang. Die eine hält mir eine Tüte hin: „Willst du ein Gummibärchen?“ – „Danke, gern.“ Ich überlege, während ich es herausfriemele, ob ich was sage, z.B. dass es nicht gut ist für sie, so ein Gespräch mit Fremden zu führen, und mache Anstalten, loszufahren. Sie fragen, wohin ich will, ich sage „hierdurch“ und zeige auf den Fahrrad- und Fußweg neben der Kirche, „Richtung Bahnhof!“. – „Da fährst du besser über die Düsseldorfer Straße!“ (ich denke: sie ziehen das Gespräch niedlich in die Länge), „Fußgängerzone!“, sagt die mit den Bonbons, und weiter: „Macht nichts, da fahren alle!“ – „Ja, aber ich heute lieber nicht!“ Wie grüßen uns noch, als ich losfahre, an der Kirche vorbei, ich bin seltsam gerührt, biege dann hinter der Kirche doch zur Düsseldorfer Straße und kurve ganz langsam zwischen den Fußgängern, Kinderwagen und an den Auslagen des türkischen Gemüseladens und der Blumenhandlung vorbei, stoppe hier und da, mit einem Fuß am Boden, die haben alle Zeit der Welt hier, denke ich, und wie gut sich das macht, die „Fremden“ im Straßenbild! – dann um die Ecke, zum Buchhändler, das Buch bestellen, das gestern in der NZZ besprochen wurde.Von Roman Bucheli. Habe mein Notizbüchlein dabei, in dem der Titel steht: „Zen in der Kunst der Vogelbeobachtung“, und ich notiere, während Herr Keller den Computer konsultiert, das Wort „Chebnassir“. Es ist nicht türkisch, denke ich, sondern arabisch, nordafrikanisch. Arnulf Conradi heißt der gesuchte Autor. Und der Titel von Bucheli selbst: „Wohin geht das Gedicht?“ – Kollateralkauf, sowas kann passieren. Ich bin heute prima gelaunt. Keinesfalls werde ich etwas gegen diesen Popsänger äußern. Und Sie bitte auch nicht! So eine verfremdete Stimme… (War es nun Nassri oder Nassir?)

Musik der Gegenwart

Wie immer in völlig neuen Perspektiven!

Und falls man darüber weiter nachdenken will: Essays Essays Essays

 

Nach 10 Jahren erkenne ich mich (2008) kaum noch selbst, ich bin in jedem Punkt Leser:

Das vollständige Inhaltsverzeichnis des Buches mit allen Autoren findet man hier!

Also beim Wolke Verlag, dort unterste Zeile anklicken! (Der folgende Screenshot nur als Schmuckbild: die unterste Zeile „content/Inhaltsübersicht“ funktioniert also erst im Original, wie hier und dort angegeben.)

 Screenshot der Web-Seite

Wichtig ist mir, in Erinnerung zu rufen, dass ich damals das Thema LINIE vor Augen hatte, das Harry Vogt für den 40. Jahrestag der „Wittener Tage für neue Kammermusik“ ausgerufen hatte. Wir haben ja oft, Raum an Raum im Carlton-WDR-Bürohaus, freundschaftlich miteinander Gedanken ausgetauscht, ich habe auch nicht selten seine Musikpassagen moderiert und dabei viel Neues gelernt. (Er gehörte mit Werner Fuhr und Frank Hilberg zu meinen liebsten Kollegen.) Hier Harry Vogts Vorwort für Witten 2008:

Es wäre an der Zeit, einmal die ganze Wittener Reihe zu ordnen und zu sichten, eine gewaltige Fundgrube des Denkens über Musik, nicht nur über die in Witten gebotene „Kammermusik“. Ach du lieber WDR, wo wirbst du mit deinen Riesenprojekten? Wer weiß davon? Und wo ist die weite bunte Welt der ältesten, der immer noch und ebenfalls weiterhin neuen Musikkulturen geblieben?

Die Rolle des Wortes über Musik in der MUSIK! Die Rolle der Wort-Musik-Sendungen im Rundfunk. Ist es Zufall, dass in dem aktuellen Heft Musik & Ästhetik die lesenswerte Besprechung eines lesenswerten Buches über Programmhefte zu lesen ist?

 Musik & Ästhetik Heft 87 Juli 2018

Beethoven op.130 (Übung)

Zum Einstieg Reminiszenzen

Zum Studium

Man muss sich damit abfinden: es macht keinen Spaß, die zweite Geigenstimme zu üben! Es macht mental nur einen Sinn, wenn man alles studiert (schon präsent hat), was um einen herum passiert. Das gilt für die Bratsche genauso. Und für das Cello selbstredend auch.

Zum Gedenken

Beethoven Köln Zyklus 88-89 Beethoven Köln 88/89 Alban-Berg-Quartett

Damals habe ich peu-à-peu alle CDs mit dem Alban-Berg-Quartett erstanden, auch die große Gesamt-Partitur aller Beethoven-Streichquartette (Breitkopf & Härtel). und ganz allmählich auch die wichtigsten Bücher (auch die englischen: Basil Lam, Martin Cooper), das beste, das vieles andere an Literatur überflüssig macht, stammt von Gerd Indorf (Rombach Verlag Freiburg i.Br. 2007).

Zufällige Kombinationen

(Auryn Quartett, CD-Kommentare, Missa solemnis 2015 Harnoncourt, alte Adorno-Lektüre)

Im Bücher- und Notenschrank meines Vaters kannte ich mich früh ganz gut aus, zumal er so kurz nach dem Krieg nicht extrem umfangreich war. Aber die späten Quartette Beethovens waren darin zu finden und gaben mir Rätsel auf. Aus den Klaviersonaten kannte ich „bessere“ Themen… Ich habe die Sache auf sich beruhen lassen, 21.IV.1921, er war also zu der Zeit kaum 5 Jahre älter als ich… (*1901, 2 Jahre vor Adorno, sage ich heute). Und die Partituren, sicher seinerzeit antiquarisch gekauft, wiesen keinerlei Gebrauchsspuren auf. Im Anfang hier die gleiche „Zerrissenheit“ wie in op. 130! Das war nicht so mein Fall. (Heute tröste ich mich: es war damals praktisch unmöglich, diese Werke zu hören! Das einzige, was ich am Radio mit Partitur verfolgt hatte, war die 8. Sinfonie, etwa 1955.)

Beethoven op 132 Artur1921 Beethoven op 132 Artur1921 Anfg

An der Kölner Hochschule bei Günther Kehr haben wie das Quartett op.95 in f-moll studiert, etwa 1964. (Der Primarius war derselbe wie heute!!!! Hanns-Heinz Odenthal.) Die große Partitur aller Streichquartette Beethovens habe ich mir im Dezember 1988 zugelegt, im Januar ’89 das Büchlein von Basil Lam:

Quartette Gesamt op 130  Basil Lam

Ein lähmendes Notenbild

Wenn Musikmachen nur mäßiges Vergnügen bietet 

Spohr Duetto II

Es ist Alltag, z.B. morgen 10.30 Uhr bis mittags, eine Probe, für die man sich – schon aus Kollegialität – gründlich vorbereiten muss. Zwei Geigen, beide Stimmen sind nicht leicht, man muss jeden Takt sorgfältig geübt haben, aber es wird durchaus nicht froh und brillant klingen, sondern mühselig und beladen, vor allem fragwürdig hinsichtlich der Intonation, mit allzu vielen schwierigen Vierklängen für nur zwei Streicher…

Aber man kennt diese Formation (Duo oder Duetto für zwei Geigen) praktisch seit der Zeit, als man mit Geigespielen begann, der Lehrer spielte immer mit, nolens – volens. Bei Schülervorspielen kamen sehr bald die Mazas-Duos in Frage, Freundschaften wurden gefestigt. Und irgendwo im Unterbewussten nistete sich die Vorstellung ein, wir sind autark, wir können leben ohne die schwerfällige Bass-Region. Ich werde die Programme heraussuchen, die meine Erinnerungen ans Licht befördern. Bis hin zu Max Regers „großem“ Duo, das wir bei Wolfgang Marschner erarbeiteten: eine mühsame Übephase, bis hin zur Vortragsstunde in der Kölner Hochschule. (Was war das eigentlich? nichts „im alten Stil“).

Hier ist das Dokument vom 26. Juli 1962, durch das aber nicht alles geklärt wird: denn das op. 131b besteht nur aus 3 Duos (Canons u. Fugen), aber das 4. (!) Stück Allegro moderato hat sich mir als „hochromantisch“ eingeprägt. Mein Mitstreiter war damals Dietmar Mantel, der sich bald darauf in die Lehre des Cellisten George Neikrug begab, Marschner ging 1963 nach Freiburg, und ich wechselte innerhalb der Kölner Hochschule zu Franzjosef Maier (später Konzertmeister Collegium Aureum), ein Glücksfall, der mein ganzes Leben prägte. Neben diesen Zettel der Vortragsstunde 1962 setze ich ein fast 10 Jahre älteres Programm meines ersten Geigenlehrers Gerhard Meyer in Bielefeld, der mit meinem Vater zusammen das „Bielefelder Kammertrio“ gegründet hatte.

Reger Duos Hochschule Schüler Meyer 1953

Zurück zur erfreulichen Probe des heutigen Morgens. Wiederholung Louis Spohr op.39 Nr.1 und erster Satz aus der Nr.2 desselben Opus. Ein wunderbares Stück Musik, harmonisch erfindungsreich, alle Möglichkeiten des Lagenwechsels einbeziehend, ohne Rücksicht auf Bequemlichkeit. Manchmal möchte man kaum glauben, dass dies von einem Geiger geschrieben wurde, andererseits konnte doch nur ein Geiger auf die Idee kommen, dass es in dieser Form ausführbar ist. Oder überhaupt zumutbar? Es muss einem schon Spaß machen, mit den Widerständen der eigenen Finger zu „ringen“.

Die folgende – sehr schöne – Aufnahme bitte anklicken und dann oben links in der Ecke auf den kleinen Pfeil gehen, danach im Angebot der Duets auf Nr. 4 „Andante“. (Den Beginn der in diesem Artikel oben abgebildeten Noten erreicht man bei 3:46, falls Sie mitlesen möchten. Achtung: bei 5:53 spielt Violino Secondo ein A, während in den Noten das As nicht aufgelöst ist. Nachprüfen.)

Wie war das mit dem „mäßigen Vergnügen“? Eine falsche Befürchtung. Jedenfalls, wenn beide Spieler den Termin ernst genommen (also: gut geübt) haben und die Atmosphäre gut ist. Schließlich geht die Freundschaft auf die gleiche Zeit bei Marschner zurück (siehe oben), bewährte sich damals schon in der gemeinsamen Streichquartett-Arbeit (bei Prof. Günter Kehr). Und in den letzten Jahren ebenso im Duo wie im Quartett.

Aus dem Leben eines Musikethnologen

Peter Cooke im Interview mit Carolyn Landau

Persönliche Website Peter Cooke Hier.

Die Verlinkung unten in diesem Beitrag führt zur British Library und soll dazu verführen, das unvergleichliche Archiv SOUNDS zu nutzen und weiterzuempfehlen. Wichtig ist es, die rechtlichen Limits dieses Gebrauchs zur Kenntnis zu nehmen, die ich hier nur andeutungsweise zitiere:

The recordings on this website are governed by licence agreements between the British Library and the Licensors. The material is intended solely for the purposes of teaching, learning and research. Any misuse of the materials such as illegal file sharing, misquotation, misappropriation or decontextualisation constitutes a breach of these agreements. Please treat the materials with respect as a failure to do so constitutes a breach of the trust we have built up with the licensors.

The British Library Board acknowledges the intellectual property rights of those named as contributors to this recording and the rights of those not identified. (Fortsetzung siehe dort.)

  • Inhaltsübersicht (rote Markierung JR)

    Track 1 [51:24] [Session one: 7 July 2010] Peter Rich Cooke (PC) was born in Cardiff 1930. Discussion of PC’s upbringing, parents and earliest memories and experiences of music. When PC was born his father was a leading motor mechanic in Cardiff at Howell’s store. PC’s mother was grand-daughter of a German (possibly Jew) who escaped from Brunswick in about the 1830s and married a recycler/rag and bones man, through whom she met PC’s father. Describes his roots as peasant. Moved from Cardiff to Western-Super-Mare when PC was 5 years old for father’s work, which switched to aircraft mechanics, which he did during the War. Mother played parlour piano, father loved to sing old Irish songs (in Anglo-Irish), which he’d learned from his father whose family had worked for a period in Ireland. Father was also a good chorister. PC had 5 brothers (he was number 4), all of whom were choristers at an anglo-catholic church. Description of early memory singing at Wells Cathedral aged about 8 or 9. Attended local grammar school, where music teacher informed PC’s family that PC ought to have piano lessons, which PC received from this man. PC learned how to sight read and learned much repertory. Description of other musical experiences , which led to him being able to study music at university. 1949 went to Cardiff University to study music. Discussion of parents’ attitude towards PC’s musical education. Recounts vivid memory of entire family singing in harmony around the piano and brothers arguing because they all wanted to sing harmonies and not the tune. Recollects making decision to pursue music aged about 15. Description of father’s encouragement of all brothers’ education. Discussion of why he chose Cardiff University, where he also did a PGCE before going into teaching. Description of repertoire he learnt at university, being entirely Western Classical music, but of other informal musical experiences singing and playing without notes. Description of learning cello with an adult orchestra and meeting some excellent string players with whom he played piano. Description of first teaching job in a boarding school Shropshire, including playing organ for a local church, followed by second job in a comprehensive school in Coventry. Description of his use of the recorder (wind instrument) as a useful teaching aid in schools, as well as a performer on this instrument. Description of next job as head of department at comprehensive school in Bristol, in the early days of comprehensive schools; students were very keen and high achievers. Description of widening the curriculum, following discussions with students and parents, leading – after three years as a teacher trainer – to his first trip to Uganda. Description of the influence of The Beatles in his teaching and interest in World Music. Description of how opportunity to train teachers in Uganda arose and of his research prior to leaving the UK for East Africa, including a meeting with Paul and Andrew Tracey whilst they were in London in 1964, where he received his first amadinda lesson (backstage before their show “Wait a Minim!”). Description of records of African music that he had collected prior to going to Uganda. Remembers possibly joining the Society for Ethnomusicology before leaving for Uganda. [25:55] Discussion of PC’s concept of ethnomusicology at this stage, which he describes as ‘nil’, since the word wasn’t known. Description of a note from Maud Karpeles saying the word should be avoided at all costs, since ‘Folk Music’ was fine. Description of first job in Uganda in a secondary school on Makerere University campus, which had been built up by expatriates. Description of music that already existed there including Western and some Ugandan music. Description of other teachers at the school, who were from all sorts of different backgrounds including many excellent Western instrumentalists. Discussion of what PC aimed to do in first instance, answering various questions: What should music education in Uganda be about? Where does the study of Ugandan music come into it? Remarks on how he enjoyed the challenge of being at the teacher training college where he could affect the syllabus, which often neglected Ugandan music. Description of what Ugandan music was being performed. Remembers John Blacking’s research trip to Uganda in 1965 from South Africa whilst PC was there, during which he gave 2 short courses in African music, and encouraged PC to pursue his own research, and also conducted 2 field trips around Uganda with PC and others, making recordings (most of these tapes are archived in PC’s collection in BL). Description of Blacking’s impact on PC in terms of bringing a more anthropological approach to his way of researching. Description of Wachsmann’s trips back to Uganda during PC’s time there – in 1966 and 1968 (?) to give lectures and make more recordings and do more fieldwork. Further discussion of significance of Blacking’s and Wachsmann’s seminars for PC and for the shaping of African musicology. Mentions Ken Gourlay who accompanied Blacking on a recording trip to the Karamajong. Further discussion of Blacking’s impact on PC, particularly in his research themes, such as a survey or flutes across Uganda, as well as his use of his own students in helping to conduct research in different regions – descriptions of his visits to students’ homes. Mentions how he was influenced by Hugh Tracey in terms of the importance of documenting and classifying his recordings – and passing on these documentation sheets to his students for the recordings they made also. Remembers first reading Alan Merriam, as a result of meeting Blacking. Description of Wachsmann’s influence on PC, describing him as a man of few words, opposite of Blacking; memory of Wachsmann’s approach to making high quality recordings in various ways: respecting the individual musicians, what they wanted, their sound ideas and motivations, which PC reflects as slightly running against the grain of the folk music movement of the time; importance of seeking out and working with high quality musicians. [48:25] Description of PC visiting Uganda Museum in Kampala to find and use Wachsmann’s recordings initially and then later in the 1980s, when PC facilitated the copying and archiving of the collection, which PC remembers as a disaster as the Nagra that PC had brought over from Edinburgh University wasn’t cleaned properly while in use at the Uganda Museum.

  • Description

    Interview with Peter Cooke (1 of 3). The ethnomusicologist talks about his research. Interviewer: Carolyn Landau.

    • Aufzufinden im Originalton HIER. (Teil 1)
    • Fortsetzung HIER (Teil 2, dort ebenfalls mit zugehöriger Inhaltsangabe)
    • Weitere Fortsetzung HIER (Teil 3, ebenfalls mit zugehöriger Inhaltsangabe)

Hugh Tracey Ngoma Titel Hugh Tracey Arbeit

An Introduction to Music for Southern Africans (1948) / Die Folgen siehe HIER.

Merriam Cover  Merriam Inhalt

Bloomington, Indiana, 1963

Blacking Cover  Blacking letztes Kapitel

University of Washington Press 1973