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Ranking mit Sibelius

Das Thema des Violinkonzertes

Ein Versuch / „Zensuren“ allein für die künstlerische Qualität, Nuanciertheit, tonliche Gestaltung zu geben, – alles ist (mindestens) gut, es geht nur um die Stufen (1-10) zwischen gut , angemessen etc. und überragend schön. Wird später eingetragen, die Liste ist noch nicht vollständig, und die Reihenfolge hier ist zufällig. Kein Zufall ist, dass ich meine eigenen Noten abbilde: ich habe das Werk im Mai 1962 bei Wolfgang Marschner in Köln studiert, nie konzertreif, meine gute Zeit bei ihm war vorbei (Winiawski Nr.2, Lalo „Symphonie espagnole“, Saint-Saëns „Havanaise“ u.ä., Ravel „Tzigane“), er verlor jedes Interesse, da ich nicht mit ihm nach Freiburg wechseln wollte. Ich liebte Sibelius (trotz Adorno), und Marschner hatte das irrsinnig schwere Schönberg-Konzert auf LP eingespielt, entsprechend sein Prestige, auch wenn man vor allem französische Leichtigkeit bei ihm lernen konnte. Christian Ferras war mein Idol seit dem 12. Lebensjahr (Mendelssohn in der Oetkerhalle Bielefeld) und noch im Studium mit „Tzigane“. Aber das heißt nicht viel: man kannte damals nur wenige Varianten; finanziell gesehen, reichte für den Studenten 1 LP pro Werk.

VORSICHT im folgenden bei jedem Einstieg: Reklameschock möglich !

Hier (ab 0:00) Christian Ferras (1:07) 

Hier ab 0:25 Hilary Hahn (1:52)

Hier ab 0:30 Maxim Vengerov (1:52)

Hier ab 0:45 Leonidas Kavakos (2:15) aufnahmetechnisch dürftig

Hier ab 0:00 Leonidas Kavakos (1:25)

Hier 0:18 Isaac Stern (1:23) aufn.techn. dürftig / nicht synchron

Hier 0:07 Anne Sophie Mutter (1:24) zu weit weg, Husten,

Hier 0:11 Anne Sophie Mutter (1:29)

Hier (1:30) Lisa Batiashvili (2:51)

Hier Gespräch über Sibelius Julia Fischer ab 1:36 über den Anfang / gespielt hier

Hier (0:00) Ida Haendel (1:28)

Hier (0:36) Joshua Bell (1:56)

Hier (1:07) Sarah Chang (2:25) Vorsicht, brutale Reklame vor Beginn

Hier (0:32) Janine Jansen (1:48)

Hier (0:26) Ray Chen (1:40)

Hier  (0:00) Frank Peter Zimmermann + FPZ Kommentar hier

Hier (0:00) David Grimal

Nein! ich ändere das ganze Vorhaben, ich beschreibe nur zwei extreme Auffassungen, alles andere überlasse ich den externen Betrachtern, den Rezipienten. Allenfalls greife ich noch Einzelheiten heraus, an denen sich etwas zeigen lässt.

Mein Urteil? Eine 1 für Anne Sophie Mutter, eine 10 für Frank Peter Zimmermann. Warum so wenig Punkte für die Ausnahmegeigerin, die zweifellos alles kann? Ich vergleiche nicht Perfektion der schwersten Stellen, sondern nur den Charakter der ersten vier Zeilen, bis zur Ziffer I.

Als Vortragsbezeichnung steht unter der Solostimme dolce ed espressivo, aber nicht: dass dies Thema frei rhapsodisch zu interpretieren sei. Erst viel später tauchen Hinweise auf wie a piacere oder veloce, Largamente und poco stringendo, was darauf hindeutet, dass der Komponist durchaus eine Vorstellung von Tempo- und Rhythmusdifferenzierungen hatte, die er nicht notieren mochte. Der Notentext scheint demnach relativ verbindlich gemeint zu sein, also auch die Längen und Kürzen, das heißt: am Ende der Zeile 1 steht eine Viertelnote und in Zeile 2 im 2. Takt steht ebenfalls eine Viertel und keine Achtel, am Ende der Zeile 2 stehen 2 Sechzehntel, am Ende der Zeile 3 stehen 2 Zweiunddreißigstel, nur hier, in Zeile 4 gibt es wieder ausschließlich Zweiergruppen von Sechzehnteln. Man sehe sich die Zeile genau an: dort ist in Takt 2 aus der Zweiergruppe von 2 Sechzehnteln gis-a eine Zweiergruppe von 2 Achteln gis-a  geworden. In Takt 4, 5 und 6 gibt es am Taktende Zweiergruppen, zweimal in normalen Achteln, beim dritten Mal sind diese Achtel Bestandteile einer Triole, sie sind also minimal schneller als vorher; vielleicht erfolgt – als furiose Steigerung dieser Tendenz – der Zweiunddreißigstelauftakt am Ende der Zeile 3. Aber ist das ein Grund, ihn verspätet zu liefern und diesen Takt um 1 volles Viertel zu verlängern?

Wollen wir so pedantisch am Notentext hängen? (Ja!!!) Halten wir uns trotzdem alternativ noch an den Ton, an das Vibrato, an den Bogendruck, die Zartheit, die Emphase, all das, was vom Herzen her kommt. O  wie so trügerisch, – dieses non-vibrato kenne ich doch von A.S.M.s Mozart, es klingt nach Masche, vielleicht aus der Alte-Musik-Praxis entwendet, wo es kein Ausdrucksmittel ist, sondern der Normalfall; dort wird es auch nur in seltenen Fällen derart substanzlos, wesenlos präsentiert, aus dem Nichts kommend, daher die Fragilität, das Diaphane, es ist „rein“ und „engelgleich“, es sagt: „ich bin zu zart für diese Welt“, und – man glaubt ihr nicht leisesten Hauch. Man spürt die Absicht: wie da stilistische Enthaltsamkeit zelebriert wird, eine planvolle Ärmlichkeit, auch wer keine Ohren hat, darf ketzerhaft vermuten:  gleich geht es zur Sache. Das ist die Religion der Streicher (Kolisch), der große Ton. Wofür ist eine Stradivari da? Es dauert keine Minute. Sul G, „auf der Sull“, das haben auch die wenigen Glissandi vorausschmecken lassen. Und der naturwüchsige, bärige Sibelius soll nicht umsonst bis Zeile 4 gewartet haben. Jetzt lassen wir die Sau raus. (So hieß es spätpubertär an der Hochschule.)

Ein anderes Ausdrucksmittel, das man in romantischer Musik gern anwendet, ist das Glissando, der gleitende Übergang von einem Ton zum anderen, oder auch nur das Anschleifen eines höher gelegenen Tones. In klassischer Musik ist es verpönt, muss jedenfalls mit größter Vorsicht eingesetzt werden, bei Mozart etwa. Beim Beaux Arts Trio liebte ich es bei bestimmten Akkordwechseln im langsamen Satz des Erzherzogtrios (Daniel Guilet) und fand mich dabei geschmacklich mutig. Vor Jahrzehnten hörte ich im Radio ein entsetzlich geschmalztes Dvorak-Cellokonzert, glissando fast bei jedem zweiten Lagenwechsel, den Namen habe ich mir negativ vorgemerkt: Mischa Maisky, um 1970, schon damals weltberühmt. Hinreißend bei Christian Ferras im Anfangsteil der „Tzigane“ von Ravel. (Die gnadenlose Enthemmung im Salon dank eines imaginierten Zigeunertums.) Um es kurz zu machen: bei Sibelius ist es zwar selbstverständlich, aber im hochsensiblen Anfangsthema zugleich ein Gradmesser des guten Geschmacks. Frühesten beim Ton gis, aber die Verlockung ist schon vorher da, beim hohen D (2.Zeile, 2.Takt), oder bei demselben Intervall zum Anfang der dritten Zeile, – oder spart man es auf für die Intensivierung im nächsten Takt mit dem erneuten Quart-Sprung zum hohen D?

Bei A.S.M. fällt als erstes das Abwärtsglissando in Zeile 2, 2. Takt, von c nach h, abwärts ist immer heikel (weil es nach abgewirtschafteten Sopranen im Kirchenchor klingt), aber hier natürlich absolut kalkuliert, darum nicht schöner: für mich klingt es nicht klagend, gequält – wie es vielleicht gemeint ist – sondern leicht „geschmiert“. Da weiß man, es kann noch schlimmer werden, aber wann? Beim Gis ist sie sparsam, tut jedoch noch eine Spur Vibrato hinein, Anfang der dritten Zeile beim hohen D moderater, dagegen nimmt sie Anfang des nächsten Taktes das C wieder leicht von oben, vom E her angeschliffen, und jetzt ist das hohe D fällig: nach einer enthaltsamen Phase im forte-legato muss wieder das B dran glauben, man fürchtet bereits, dass bei den 32stel-Auftaktnoten etwas  Besonderes blüht: in der Tat, sehr spät, zu spät und sehr heftig. Wer das Thema gut kennt, weiß, dass nun das tiefe G in Gestalt der leeren G-Saite bevorsteht, und die Takte, in denen man zeigt, dass eine leistungsstarke Geige nicht umsonst „Kanone“ genannt wird. Ich bin sicher, dass Leute, Männer, reihenweise ins Knie brechen, und ich weiß, wie ich einst bei Michael Rabin in „Zapateado“ auf den tonlichen Höhepunkt gewartet habe… Aber das ist virtuose Imponiermusik! Hier ist man froh, dass Sibelius das letzte crescendo von Zeile 4 zu 5 in ein subito piano umschlagen lässt. Mit neuen Steigerungen, das ist klar, aber wenn man bereits etwas überbeansprucht und irregeführt ist, fürchtet man sich vor weiteren Impulsen, die derart auf der flachen Hand liegen. Wenn kein tonlicher Effekt ausgelassen wird.

Ein paar Worte über andere Interpretationen:

Julia Fischer spielt vollkommen schön, zurückhaltend. Leider hört man am Anfang die kleinen, „nachschlagenden“ Notenwerte fast gar nicht, aber das könnte eine Schwäche der youtube-Kopie sein.

Sehr anrührend Frank Peter Zimmermann, wie unspektakulär er selbst das tiefe G in Zeile 4 ansetzt, jedoch in einer etwas plötzlichen Aufwallung die Akzente 1 Oktave höher, man erschrickt, man begreift, – was für ein Augenblick! Und er hat recht: Akzente gab es schon vorher, aber mit „poco „, auf G und B, (nicht auf dem Cis), jetzt jedoch auf G – A – B mit più f und crescendo. Was für ein herrliches, erschütterndes Pathos! Und Frank Peter Zimmermann ist der einzige geigende Mensch, der diese Töne so erfasst, kaum zu glauben! Die Heftigkeit allein ist es nicht, die hat z.B. Janine Jansen auch, aber sie hat sich in diesem Thema viel zu früh tonlich verausgabt, ist von Anfang an schon irgendwie zu präsent, wobei winzige Rucks vorm Bogenwechsel noch für latente Unruhe sorgen.

In den älteren Aufnahmen (Christian Ferras, Isaac Stern) stört es heute auf Anhieb, dass sie das Sibelius-Thema in seinem völlig neuen Ansatz nicht erfassen, sondern es einfach intensiv spielen, stark vibriert, wie eben große Geiger einen Soloauftritt absolvieren. Sie werden im weiteren Verlauf gewiss auch große Momente inszenieren, aber den allerersten verpassen sie ganz und gar. Da ist alles beeindruckender, was von Lisa Batiashvili, Sarah Chang, Joshua Bell, Leonidas Kavakos gezeigt wird.

Aber die große, unglaubliche Geschichte, der man sich fasziniert überlässt, wird von Frank Peter Zimmermann erzählt, obwohl er kein gespenstisch-fahles Licht zu verbreiten sucht, er vibriert ein wenig, aber er schauspielert nicht, er beginnt sotto voce, wie der blinde Barde, der eine ganze Nacht des Erzählens vor sich weiß… hören Sie nur, beachten Sie gar nicht das wilde Ölbild mit dem Boot, man denkt vielleicht lieber ans „Waldweben“ im Siegfried, oder an die Stille bei Wagner,  wenn Isolde Tristan erwartet und in den Wald hinauslauscht, der Ton der Jagdhörner sich in der Ferne verliert und ein feines Blätterbeben übrigbleibt. „Nicht Hörnerklang tönet so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher.“ Es könnte auch der frühe Morgen sein, was immer Sie wollen, der erste diffuse Lichtstrahl, der den Nebel durchdringt. Es ist dieses Lauschen, mit dem auch Sibelius anhebt.

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 Wagner Tristan 2. Akt

Man darf diese gewisperten Repetitionen der Orchestergeigen als „Naturlaut“ verstehen. D-moll-Dreiklang. Der Einstieg der Solovioline geschieht auf einem fremden Ton, mit besonderer Wirkung, eigentlich nicht dissonant, eher „unbekümmert“ zart, anfangend als habe man in Gedanken längst mitgewirkt und fahre nur fort, kaum Beachtung heischend. Man bekennt sich quasi nebenbei zum Grundton, der zum Ausgleich für dieses „nebenbei“ eine verschlungene Bestätigung bekommt, womit auch der Tonraum im Quintumfang angedeutet ist. Die Solovioline ergreift den oberen Ton a, den sie nur gestreift hatte, von dem aber die Orchesterviolinen seit Anbeginn wispern, jetzt als Basis, um das anfangs nur „gesetzte“ Thema zu entwickeln und zwar mit dem gleichen motivischen Potential.

Wenn die Solovioline die Tonalität durch den Ton H und den Leiteton Gis gesichert hat, erinnert die Klarinette an den Ausgangspunkt (die ersten drei Töne des Themas, linke Hand im Klavier), und die Violine fährt fort, die Sechzehnteltriole des Anfangs in eine Vierergruppe verwandelnd, um so den Sprung zum neuralgischen Punkt Gis des neu entwickelten Tonraums zu wagen. Ein Hauch von Glissando wäre menschlich.

(Fortsetzung folgt)

Radio Dezember 1959

Als ich das Medium entdeckte

Meine Bibel war damals die eben erschienene Auswahl aus Gottfried Benns Prosa. Sie wurde es seit der Teilnahme an einer Primaner-AG „Moderne Lyrik“ bei Ernst Nipkow, der – was ich nicht wusste – von Haus aus Theologe war und als solcher bekannt wurde (mehrere meiner Mitschüler studierten später dasselbe Fach, z.B. Reiner Preul).

 Ullstein Bücher West-Berlin 1959

Ein Radio-Abend am Mittwoch, 16. Dezember 1959, III. Programm des NDR, 20.00 Uhr Eine Umfrage: „Muß das künstlerische Material kalt gehalten werden?“ These: Kunst und Macht (1934) Ausdruckswelt (1944)

Notizen während der Sendung (JR). Seltsamerweise ist mir wohl der Name eines verantwortlichen Redakteurs entgangen. / Vorweg einiges aus meinem damaligen Benn-Brevier:

 

Antworten von A. Andersch, Heinrich Böll usw.  (Arno Schmidt, Walter Jens)

„Kalt und zynisch muß der Künstler die Welt betrachten, warm ist sie lange genug betrachtet worden.“ These Gottfried Benns.

Fast alle Autoren lehnen Benns These ab ↔ : „Das Material muß erhitzt werden!“

Aus Essay: Kunst und Macht: „Wirklichkeit, Form, Geist“ = 3 Themen / wird gewöhnl. Intellektualismus. Kunstträger ↔ Kulturträger

Kunst ist nicht Kultur.

Kunstträger ist statistisch asozial. ist uninteressiert an Kultur. er macht kalt, verleiht dem Weichen Härte. Ablehnung gegen den Kunstträger seit Plato. Fragwürdiggkeit der Kunst. Sie wächst auf paradoxem Boden. „Ausdruckswelt“

„Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Enge Zusammenfassung, knappe Thesen! Siehe „Prov. Leben“ Seite 177  // ! Sein existentieller Auftrag lautet nicht mehr nat. Natur, sondern Kunst.

A. Andersch (*1914) „Die Kirschen der Freiheit“ (Pazifistische Haltung) „Sansibar oder Der letzte Grund (1958)

Heinr. Böll (*1917) „Wo warst du, Adam“ „Und sagte kein einziges Wort“ „Billard um 1/2 10“ Nichts kann gehärtet werden, was nicht erhitzt wurde. Alles Geformte ist kalt. Thermometer /  Kunstträger – Kulturträger trifft nur im Norden zu. Im Süden ist Form selbstverständlich. Ein Abgrund trennt Künstler und Ästheten. (Man denke: Der blutende Van Gogh verlangt Einlaß in ein Museum seiner Werke!)

Hans Magnus Enzensberger (1928) Lyrik (Assoziativ, kulturkritisch) Polemik gegen den „Spiegel“. Zusammenhang der These. Benn arbeitet mit gezinkten Alternativen. Kunst ↔ Leben interessiert nicht. Kalt halten? E. will (↔ Benn) bei der Sache bleiben. (Pallas usw.) Bild des Schmiedes Was ist Material? Benn läßt im Zweifel, was auf dem Amboß liegt. Material: die Sprache! – Kalt oder heiß?? Gegenstand. Was tue ich mit der lauen Sprache? Ich halte sie an meine heißen Gegenstände. Die Sprache ist durch die ganze Temperaturskala zu jagen, am besten mehrmals. Was oft genug durchs Feuer gegangen ist, wird Härte besitzen.

Wolfgang Koeppen / „Der Tod in Rom“ 1954 Reiseberichte. „Benns Behauptung ist eine Binsenwahrheit“. Zustimmt: Kunstträger asozial. Dennoch existiert er nur in der Kultur. nat. Natur? Gretchen in der Stadt! Ischtar auf dem Parkplatz! „Der Geist macht nicht blind?“ Romanschriftsteller. Benn widerspricht s e i n e m Flaubert u. Heinrich Mann.

Arno Schmidt (1910) Scharfe Äußerung. Benn kannte im Theoretischen keine „Werkstattsprache“ klar und nüchtern. „Unendliches Gemetaphere.“ „Benn schwatzt“. Reduzierte Einmannwelt!! Monologe girren! Hitler!?!? Benn Lyrischer Kurzarbeiter. Voreingenommene Beschränktheit Benn’s. Kulturträger ↔ Lyrik bedarf wenig Geistes. Aber die Romanprosa wird dem tägl. Ablauf mehr gerecht.

Natürlich kalt sammeln. Aber das Zusammenschweißen – Anhitzen, glühend machen. Benn war konstitutionell zu künstlerischen Mikroäußerungen veranlagt. Benn sind ab u zu bemerkenswerte Gedichte gelungen. Gut: „Gehirne“.

Walter Jens (Literaturkritiker) „Nein – die Welt des Angeklagten“. Natur ↔ Kunst usw. in der Wirklichkeit abstrakt. Das Pendel schlägt mal hierhin mal dorthin. Plato: Enthusiasmus der Dichtung im Lichte der Vernunft zweifelhaft.“ Philosophie als höchste Kunst. Denken = Synthese von Nüchternheit und Ekstase. (Platon „Gastmahl“ usw.) „Der Dichter soll in allen Lagen seinen kühlen Kopf behalten“ (Novalis) Poe: „Philosophy of composition“ ! ! ! Baudelaires Bedenken. Ordnung u. Klarheit, Kalkül und math. Klarheit bestimmen die Dichtung unserer Zeit. Valéry’s „Krankheit der Präzision“. Poeta doctus. Kalte Kunst. Intellektualisierung. Romant.-platonische These der Wechselwirkung? Auf dem Höhepunkt der Zerebralisation ein Einbruch des Unbewußten, Überwindung des determin. Weltbildes usw. Eliot: Präzise Emotion. Valéry: Rausch der Nüchternheit. Je abstrakter das Denken, desto stärker der Umschlag ins Unbewußte.

21.00 Das imaginäre Konzert Versuch einer neuen Programmierung

Konzert von Klang überhaupt

Konzert der Kompositionen aller Zeiten

(als Autor der Sendung ist irgendwo im Text mit Rahmen markiert: Hans Otte)

Das Programm: Machaut – Bach (Vier Duette) – Anton Webern (Konzert für 9 Instrumente op. 24)

Bisher: Spezielle Aufführungsmöglichkeiten: Historisch noch nicht genügend erforscht. Jetzt: Technische Medien – Radio, Tonband usw. „Neue Möglichkeiten“.

Antike: Musik als Kult. Nur von Eingeweihten. Mit Aufkommen der Instr. auch nichtklerikale Musikerkreise. Mit Beginn der Aufklärung  jedermann zugängliche Konzerte. Heute: Musikgut der Vergangenheit fast lückenlos. Alte Instrumente nachgebaut, kultische, soziolog, Bezüge alter Musik aber verschlossen. Durch neue Mittel Musik aller Zeiten und aller Arten im gleichen Raum. Die Werke aller Zeiten rücken zusammen!! Der neue Stil: Der Stil der künstlerischen Mittel.

Bisher:

1.) Konzerte mit einheitl. Instrumentarium. „Musik mit …“

2.) Musik aus historischer Sicht „Musik um zu …“

3.) regional „Musik aus …“

4.) Inhaltl. Aspekt (Unterhaltung.., ernst..) „Musik für, aus, wegen … usw.“

Jetzt:

Programmierung musikalischer Kunst als Kunst. Verzicht auf obige Kategorien. „Musik aus Musik zu Musik“

Machaut – das Stück 1 für kirchliche Kreise.

Bach – das Stück 2 für höfische

Webern – das Stück 3 für keinen besonderen Zweck

erstmalig so gebracht Völlig Neuartige Programmgestaltung

Gemeinsam → Ein Mehrstimmiges, Polyphones.

  1. Ton als melodisch-modales Element
  2. Ton als harmonisch – metrisches Element
  3.  Ton als strukturelle Einheit von Zeit, Höhe und Dynamik.

Mannigfache Beziehungen. Vergleich der Kräfte. Vergleich der Werke, der Kunstwerke in ihrem autonomen Mitteln.
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1.) Machaut: (frz. Titel?)

2.) Bach: 4 Duette für Cembalo

3.) A.v. (sic!) Webern: Konzert für 9 Instrumente op. 24

4stimmige Gesänge

Zu 1.)  Zunächst a capella

a) Dann instrumentale Begleitung b) gezupfte Akkorde, dunkles Melodieinstrument c) a capella

Zu 3.) Bruchstückhaft, abwechselnd in den Instrumenten. Motivfetzen. Klavier am meisten, darunterliegend.

Dieser intensive Abend vorm Grundig-Radio – am Paderbornerweg 26: der Apparat stand im Erkerzimmer rechts an der Außenwand, daneben die Couch, darüber das Bild „Die roten Pferde“ von Franz Marc; sie hatten meinem Vater Kraft geben sollen, dessen Bett zur Erleichterung der Pflege zuletzt hier im Wohnzimmer gestanden hatte; er ist am 31. August des Jahres im Krankenhaus Gilead auf der anderen Seite der Promenade gestorben, ich war bei ihm, – aber auch die Inhalte des einen Radio-Abends blieben mir für viele Jahre im Gedächtnis. An die Musik-Sendung habe ich sozusagen ein Jahrzehnt später mit der eigenen Radio-Praxis angeknüpft, ohne mir darüber klar zu sein. Denn das große Buch von André Malraux wirkte als interkulturelle Vision bereits vorbildlich, bevor ich nach 6 Jahren klassischem Musik-Studium die Wende des Jahres 1967 zum Orient vollzog und ab 1969 regelmäßig beim WDR arbeiten konnte oder sollte. Die Festanstellung 1976 hatte ich mir – als Geiger – nicht gewünscht. Die Doppeltätigkeit war schwer zu kombinieren mit ehrgeiziger Programmarbeit. Aus späterer Sicht war mir  übrigens das Konzept des „imaginären Konzertes“ – als bloß abendländisch geprägt und rein historisch – völlig unzureichend. Auch der „Klang“ als wesentliche Orientierung schien mir eher dürftig. Meine eigenen Leitlinien für integrale Musiksendungen (1970 bis 2006) habe ich nie schriftlich dargelegt, aber strikt im Auge behalten. Sie sollten sich sinnlich direkt vermitteln.

 Das Inhaltsverzeichnis der Kladde.

Alles, was mir zu jener Zeit wichtig war. Ich las viel Dostojewski („Die Dämonen“, „Der Idiot“ „Die Brüder Karamasow“, „Schuld und Sühne“), das Sanskrit-Gedicht (?) „Schwarze Ringelblume“ stammte aus dem Buch „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck. Die Seiten 65 bis 91 enthielten noch Abschriften aus Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“, Jaspers „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“, einiges über die Mystik der Südseevölker, über afrikanische Philosophie („Muntu“ von Janheinz Jahn), ein Langgedicht von Aimé Cesaire und ein paar Sentenzen zur Musikgeschichte. Die Bielefelder Stadtbücherei (Musik!) war ein wichtiger Zufluchtsort. Die Welt stand offen.

   

Oben: Privates Vorspiel in Hannover und Klassenfahrt nach Berlin um 1958/59 / aus dem bürgerlichen Wohnzimmer (meiner Tante, die Hände am Klavier sind die meines älteren Bruders) zum Studium nach Berlin. Unten: ein Sprung nach Afrika – das Buch Muntu (Berlin 7.11.1960) und die Abschrift daraus in die bewährte Kladde. Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel) beim dritten WDR-Festival „West-östliche Violine“ 1989 in der Kölner Musikhochschule. – Jugendlicher Überschwang: Die Idee TOTALEN ZUSAMMENHANGS.

 Afrika im Blick: Aimé Césaire

 Janheinz Jahn: MUNTU (Diederichs 1958) Musica Antiqua Köln (1989)

Rückbesinnung

Lesen als lebensnotwendiges Mittel

Vorläufige Merkzettel

Das „Gewühl“

Die Wiederentdeckung des Anfangs

 neues Buch über Beethoven

Beethoven unbeschreiblich?

 neues Buch von E. Coccia „Sinnenleben“

Baum Gehirn Musik

 ISBN 978-446-26572-1

(Das Wort „schillernd“ im Umschlagtext finde ich ganz unangebracht. „Glänzend“ wäre angemessener.)

Nur ein Lied

Mozart hören

Ich wähle Mozart, weil keine Musik leichter zu verstehen ist, man hört hin und weg. Sie ist so leicht, dass man dem eigenen Vergnügen nicht traut. Um bei mir selbst anzufangen: ich misstraue von vornherein den flotten Dreiklangsthemen und behänden Skalen, wogenden Tonleiterausschnitten und Arpeggien, aber auch allen Melodien, die das Frage-Antwort-Spiel anstimmen, das Öffnen und Schließen. Von der Tonika zur Dominante und von der Dominante zur Tonika. Da es aber in Wirklichkeit ganz anders geht, – das Andere etabliert wird, die Erneuerung der Töne -, stimmt bis hierher kein Wort, und Mozart hören bedeutet für mich: Alarmstufe 1. Nichts ist so wie es scheint. Und wenn ich sage: ich war verzaubert, so hat es dafür einige Zeit gebraucht, viele Einzelstücke, die ich geübt habe, vor allem zu hören geübt habe, bis sie mir fremd wurden, Wirkungen, die ich nicht verstanden habe. Auf Anhieb – ja, waren sie alle nur schön.

(Achtung beim Beginn der Musiken: möglicherweise startet es mit Werbung!)

Obiges Video im externen Fenster HIER (Geoffrey Parsons, Klavier)

Zweimal Barbara Bonney. Zwischenfrage: waren die Aufnahmen identisch?

Elly Ameling 1969 mit Jörg Demus, Klavier

Warum die Concertante für Bläser KV 297b hier folgt, – obwohl sie vielleicht gar nicht von Mozart stammt? Wegen des in jedem Fall schönen Seitenthemas, zu hören ab 1:27. Mir fiel auf, dass es sonst kaum ein (echtes) Mozart-Thema gibt, in dem fünfmal derselbe Ton hintereinander kommt, wie eben in diesem Lied, wo es vom Text her erklärbar wäre: die schlichte Aufzählung der Eigenschaften, fortwirkend im absteigenden Dreiklang samt kleinen Denkpausen, die „blauen, hellen, offenen Augen“: der Blick der Liebe und die Lust, ihn zu erwidern, das sind die zwei Hälften des Themas. Und es ist einfach. „Natur“.

Es lohnt sich, im Concertante-Thema zu beobachten, wie die Tonwiederholung dazu führt, das Verharren etwas dringlicher zu begründen und auszubauen, indem eine Zwischenmodulation eingebaut wird. Also – ab 1:27 !

  

Ich gehe eigentlich der Frage nach, warum mich dieses Lied besonders bezaubert, obwohl ich es – auf dem Papier – niemals für bedeutend gehalten hätte, – es lebt wie kaum ein anderes von der Interpretation und vielleicht auch noch von dem, was man sich dabei denkt (ja, und sei es im leicht anzüglichen Sinne). Bemerkenswert, dass man sich kaum daran stört, wenn das Lied von einer Frau gesungen wird; vielleicht hat man es auch gerade deswegen goutiert, weil man die Sängerin sogar rollenmäßig distanzierter wahrnehmen kann: sie singt den aus der Sicht eines Mannes geschriebenen Text, lediglich als „lyrisches Ich“.

An Chloë

1) Wenn die Lieb’ aus deinen blauen,
Hellen, offnen Augen sieht,
Und vor Lust, hineinzuschauen,
Mir’s im Herzen klopft und glüht;
2) Und ich halte dich und küsse
Deine Rosenwangen warm,
Liebes Mädchen, und ich schließe
Zitternd dich in meinem Arm,
3) Mädchen, Mädchen, und ich drücke
Dich an meinen Busen fest,
Der im letzten Augenblicke
Sterbend nur dich von sich lässt;
4) Den berauschten Blick umschattet
Eine düst’re Wolke mir;
Und ich sitze dann ermattet,
Aber selig neben dir.

 

Ausgerechnet dieses Lied hat den Sprach-Entertainer Roger Willemsen  zu Gedanken über Mozart angeregt. Das Buch „Musik!: Über ein Lebensgefühl“ wurde nach seinem Tode zusammengestellt (S. Fischer, 2018):

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber dies ist ein Gedicht vom Beischlaf – und zwar vom reinen Anschauen – über das Halten, Küssen, Busendrücken bis in die Post-Coitum-Traurigkeit – „ermattet, aber selig“. Aber jetzt hören Sie was Mozart daraus macht. Seine Frühlingsgefühle sind behände, kommen so leicht daher wie der Text, aber dessen zweite Ebene ist nicht mitkomponiert, anders gesagt: Mozart hatte offenbar keine Ahnung, was er da komponiert und hat eher die Natur im Blick als die Triebentfaltung.

Etwas Neckisches trägt sein Lied, es braucht viel Atem, auch Vibrato in der Stimme. Zwar gelingt ihm die Vermählung des Dramatischen mit dem Lyrischen auf engem Raum, aber die Textvorlage ist ihm so wichtig nicht, er komponiert munter über sie hinweg und sucht den eigenen Ausdruck der Musik. So gibt es keine textgebundene wirkliche Variation zwischen der ersten und der letzte – post coitum – Strophe. Hören Sie, was ihm zu den Wörtern „umschattet“ und „düster“ einfällt – Flutlicht. Wie er das „neben dir“ sinnlos wiederholt, wie die ganze letzte Strophe eben nicht das „omne animal post coitum triste“ enthält, sondern eine leichtherzige A-tempo-Stimmung, die über das Lied hinaushetzt, und auch die letzte Seligkeit ist nicht ermattet, sondern Fanfare. Was hätte Hugo Wolf, was hätte Schubert aus dieser Vorlage usw. usf.

Hat er recht? Natürlich nicht, er zeigt eine geschmäcklerische Feinsinnigkeit am unpassenden Objekt. Weiß er etwa, wie man das hätte komponieren sollen, – möglichst mit einem schwermütigeren Ausklang, „den eigenen Ausdruck der Musik“ brauchen wir hier nicht, die Lage ist zu ernst. Wie? und das hat Mozart nicht begriffen? Immerhin hat er auf 9 weitere Strophen von Jacobis Original verzichtet. Und in den hier verbliebenen 4 Strophen soll er noch über Wesentliches hinwegkomponiert haben? Enthält denn das wiederholte „neben dir“ nach dem „selig“ zu wenig Aussage? Lasst uns doch bitte vom Liebestod ein andermal reden…

 

  

Wikipedia (leider nur in englisch) ist wieder einmal lesenswert:

Zum Text

Jacobi’s poem consists of 13 four-line stanzas with an A–B–A–B rhyme scheme. Mozart, who found it in the Göttinger Musenalmanach from 1785, used only the first four. The stanzas not used tell how the lovers‘ happiness was cut short by betrayal and death. The „death“ in the third stanza refers to the height of passion after which the lovers release their embrace – la petite mort. From the ancient Greek novel Daphnis and Chloe, Chloe is the name of a shepherdess often used in poetic pastoral settings.

Anm.: Ungeklärt, ob es im Original (Mozart oder Jacobi?) „zitternd dich in meinen Arm“ heißt oder „… in meinem Arm“.

Zur Musik (die hier erwähnten Takte sind im obigen Notentext rot markiert)

The form of the composition is not strophic, but a rondo (A–B–A–C–A′) with a coda. The vocal line is independent from the keyboard accompaniment. Upward leaps in the melody in bars 8, 9, 13 indicate the lovers‘ delight, piano staccato in bars 21 and 23 depicts heartbeats, there are shivers (piano bars 24, 25, voice melisma 35, 36), breathlessness (mid-word rests in bars 41, 43), and fatigue (longer rests in bars 49 and 50, leading to a general pause in bar 51). The coda invokes operatic style in bars 65 to 70, and bars 62 to 65 employ sudden dynamic changes from the Mannheim school. The piano reuses its prelude below the voice in bar 67 and extends it to form a postlude. The first three verses are covered in 39 bars, while the fourth alone takes 30.

Wenn man einen solchen Artikel anfängt und in vielen kleinen Schritten fortführt, erwartet der Leser, die Leserin gewiss ein Ranking: zwei Sängerinnen, deren Leistung gegeneinander abgewogen wird, für diese, gegen jene, und draußen, in der Gesellschaft, wo man selbst in einem Ranking steht, wird daraus ein radikales Urteil, das differenziertere Meinungen unter den Tisch fegt. Man muss das nicht mitmachen, aber bei mir ist es nicht anders, ich könnte mich allerdings schon bei Willemsen länger aufhalten: er entschuldigt sich („bitte nehmen Sie es mir nicht übel“), denn er will das Wort „Beischlaf“ benutzen, und das ist ja nicht falsch; aber der Autor ist darum nicht ehrlicher als der Dichter Jacobi im 18. Jahrhundert. In Krimis sagt man unverblümt „er vögelt meine Frau“; vom „Fremdgehen“ zu sprechen, wird als zu schwach empfunden. Was ich gestern geschrieben habe über eine rollenmäßig distanzierte Sängerin und eine etwas anzügliche Ausdrucksweise, kann man als unzeitgemäß kritisieren. (Ich lese immerhin das 2019 nachgelieferte philosophische Enthüllungsbuch „Die nackte Wahrheit“ von Hans Blumenberg, und es steht in einer langen Reihe seit 1969 Ludwig Marcuses „obszön / Geschichte einer Entrüstung“.) Und heute morgen fiel mir auf, dass ich, über das eine Mozart-Lied sprechend, immer alle andern mitdenke, weil ich nicht zehnmal dieses eine höre, sondern gleich danach die ganze Serie und mir dabei sage: Mozarts Gestaltenreichtum ist es, den ich liebe, und wenn ich seine Lieder rühme, beginne ich vielleicht mit „Sei du mein Trost“ , weil es so ungewöhnlich anfängt und auf „Das Veilchen“ folgt…

Sei du mein Trost
KV 391 (Wien, 1781/82)

Johann Timotheus Hermes (1738-1821)

Sei du mein Trost, verschwieg’ne Traurigkeit!
Ich flieh‘ zu dir mit so viel Wunden,
Nie klag‘ ich Glücklichen mein Leid:
So schweigt ein Kranker bei Gesunden.

O Einsamkeit! Wie sanft erquickst du mich,
Wenn meine Kräfte früh ermatten!
Mit heißer Sehnsucht such‘ ich dich:
So sucht ein Wand’rer, matt, den Schatten.

O daß dein Reiz, geliebte Einsamkeit,
Mir oft das Bild des Grabes brächte!
So lockt des Abends Dunkelheit
Zur tiefen Ruhe schöner Nächte.

(Fortsetzung folgt)

Verschwörungstheorien

Möglichkeiten der Analyse

Man staunt immer wieder: es ist ja nicht so schwer zu analysieren, man sträubt sich nur, angesichts der massenhaften und lautstarken Proteste, diese allzuleicht abzutun:, – irgendwas muss doch dran sein. Gehört es zur Demokratie, auch Schwachsinn zu tolerieren, selbst wenn er für alle gefährlich werden kann? Äußern diese Leute ihre Überzeugungen so aggressiv, weil es allerhöchste Zeit ist und sie anders nicht gehört werden? Wollen sie die scheinbar rettungslos ambivalenten Verhältnisse kraft ihrer großen gemeinsamen Vision einfach nur klären? Ja, sie wollen es einfach, und mancher notorisch tolerante Intellektuelle denkt vielleicht einen Moment lang an Nietzsche, ja, der Wille an sich kann doch gewaltige Kräfte freisetzen. Und dem dekadenten Rom geschah es ganz recht, dass Barbaren einfielen und Platz schufen für ein neues, geradliniges Denken… Und was der Phrasen mehr sind, die nichts mit Nietzsches Ambivalenzen zu tun haben.

Ich will diese Gesprächsrunde deutlich in Erinnerung behalten, weil sie typisch ist für die vernünftige Seite, die auch immer wieder zu vernehmen ist, für jeden greifbar, auch in der Tageszeitung. Ist es wirklich so kompliziert, dass Schwachköpfe sich nur radikal verweigern können? Und was nicht einfach ist, wird dann einfach gemacht?!

 Solinger Tageblatt 18. Mai 2020

(Auf dem Foto zwei Ritter von der traurigen Gestalt, die das Schild halten: GIB GATES KEINE CHANCE, also mit Anspielung auf die sinnvolle und erfolgreiche Aids-Kampagne.)

Die Lanz-Sendung sei hier vorgemerkt, besonders wegen der präzisen Beiträge von Michael Butter und natürlich – wie meist – von Dirk Steffens. Womit nicht gesagt sein soll, dass die anderen Gäste weniger Erwähnenswertes beigetragen haben. Wieder einmal ein hervorragendes Beispiel zeitgemäßer Aufklärung.

ZDF Markus Lanz 13. Mai Zu Gast: Moderator (Wissenschaftsjournalist) Dirk Steffens, Politikerin Simone Lange, Amerikanistik-Professor Michael Butter und Psychiater Prof. Michael Schulte-Markwort

Beitragslänge: 74 min Datum: Video verfügbar bis 12.06.2020

  Hier ⇐ ⇐ ⇐ ⇐

 Amerikanistik-Professor Michael Butter

LANZ (ab 18:54) … wann wird aus der kritischen, berechtigten Frage eine Verschwörungstheorie?

MICHAEL BUTTER: „… wenn man annimmt, es gibt eine Gruppe im Hintergrund, die alles geplant hat. Nichts geschieht durch Zufall, alles wurde geplant, nichts ist wie es scheint, und alles ist miteinander verbunden. Das sind im Grunde die drei Charakteristika in der Verschwörungstheorie, also es ist eine Sache darüber zu diskutieren, wie gefährlich ist dieses Virus, und waren diese Maßnahmen angemessen und wie kommen wir da wieder raus, es ist ne völlig andere Sache zu sagen: dieses Virus gibt es überhaupt nicht, bzw. ich weiß, dass das völlig ungefährlich ist, und das ist alles nur ein Komplott von denen und denen um dieses und jenes Ziel zu erreichen, wenn man so argumentiert, dann ist man bei der Verschwörungstheorie, und um an das anzuschließen, was da grade gesagt wurde: das ist die Attraktion der Verschwörungstheorie, weil Verschwörungstheorien antworten auf Angst und niederschwellig auch auf  Unsicherheit. Wir wissen aus vielen psychologischen Studien, dass Unsicherheit ein Faktor ist, der Verschwörungstheorien antreibt. Menschen neigen zu Verschw wenn sie Probleme haben mit Unsicherheit und Ambivalenz umzugehen, weil Verschw Sicherheit bieten, Corona-Verschw sogar in zweifacher Hinsicht, – einmal die Sicherheit, dass man weiß was geschieht, man weiß, dass es da einen Plan gibt, eine Gruppe, die das alles orchestriert hat, und offensichtlich ist das für viele Menschen leichter zu akzeptieren als hinzunehmen, dass man nicht weiß, was grade passiert oder dass man nicht weiß, wer da verantwortlich ist. Und bei Corona kommt jetzt noch hinzu, dass diese Verschwörungstheorien ja alle behaupten, das Virus gibt es gar nicht oder es ist völlig ungefährlich, es ist nur eine Hysterie, die beschworen wird, um andere Ziele zu erreichen, und das bedeutet dann ja, ich muss mir keine Sorge machen um meine Gesundheit, ich muss mir keine Sorgen machen um die Gesundheit meiner Angehörigen und Freunde, sondern ich kann mich so verhalten, wie ich mich immer verhalten hab und begreife es dann auch als einen Akt des zivilen Ungehorsams, wenn ich da die Regel nicht einhalte. 20:39 (LANZ: Männer sind wirklich anfälliger als Frauen?)

Das ist ganz spannend, es ist so, dass die meisten Studien mittlerweile zu dem Ergebnis kommen: Männer sind wirklich anfälliger als Frauen für Verschwörungstheorien. Das mag damit zu tun haben, dass die meisten Verschwörungstheorien ja irgendwo auch ne Antwort auf so ne Krise traditioneller Männlichkeit ist, Männlichkeit, die sich in so ner Versorgerrolle begreift, Beschützerrolle begreift, und … ich verliere meine Arbeit, ich bring nicht mehr soviel Geld nach Hause (LANZ: ich hab die Kontrolle…) ja genau, ich habe die Kontrolle nicht mehr, gleichzeitig Verschwörungstheorien auch so ein Alleinstellungsmerkmal, ich gehöre nicht zu diesen blöden Schlafschafen da draußen, die keine Ahnung haben, was vor sich geht, sondern ich bin einer von denjenigen, die verstanden haben, was da passiert, der im Hintergrund die Strippen zieht. ( LANZ: Können Sie mal erklären, à propos „im Hintergrund Strippen ziehen“ – warum Bill Gates da so in den Fokus geraten ist? Bill Gates und seine Frau. 21:24)

Also ich glaube, es gibt zwei Gründe dafür: darrrrrrrrs eine ist, dass es ganz viele Verschwörungstheorien gibt seit vielen Jahren, dass so internationale Eliten, mächtige menschen, die reich geworden sind, in den Blick nehmen und das Gefühl haben, die wollen eine Neuordnung der Wirtschaft herbeiführen oder sonst irgendwas, bei Gates kommt dann noch hinzu, dass er mit seiner Stiftung sich seit Jahren fürs Impfen einsetzt, und ganz viel Verschwörungstheorien antreibt, und diese Verschwörungstheorien brauchten jetzt grad n Gesicht, in der Flüchtlingskrise war das George Soros, der zum Gesicht dieses angeblichen großen Austausches wurde und jetzt w ein anderer alter mächtiger (ungarisch-stämmiger Milliardär) genau, der dann vor allem aus Ungarn beschuldigt wurde, antisemitische Verschwörungstheorien, und jetzt ist es dann eben Bill Gates, weil er eben diese Stiftung betreibt, die zu einem gewissen Teil die Weltgesundheitsorganisation finanziert und jemand deshalb unterstellt, er wolle eine globale Impfpflicht durchsetzen und wolle sich an diesen Impfungen persönlich bereichern, er wolle eventuell, das ist so ne amerikanische Variante, die Weltbevölkerung reduzieren, und dazu kommt dann noch was, was ganz wichtig ist für die verschwörungstheoretische Argumentation, das ist das sogenannte Vorwissen. Verschwörungstheoretiker zielen immer darauf ab, dass irgendjemand schon vorher davon Bescheid wusste, und das muss dann auch mit der Schuldige sein. Und die Stiftung von Bill Gates hat ja im vergangenen Jahr eine globale Pandemie simuliert, die in China ihren Ausgang nimmt, und entsprechend kommt da der Verschwörungstheoretiker und sagt: Ah, cui bono, wem nützt es? Bill Gates, wer hats vorher gewusst, Bill Gates, ergo: wer steckt dahinter? Bill Gates! 22:53

LANZ: Ich bin trotzdem … verrückt, ich hab neulich ein Interview mit einem New Yorker Medizinhistoriker gelesen, der sagte: wenn Donald Trump hingeht und sagt: wer hätte das wissen können, das sowas kommt? Dann muss die Antwort lauten: Jeder! Hm Einfach jeder konnte das wissen. (An Dirk Steffens:) War dir das auch klar? DIRK STEFFENS: Wir haben in dieser Sendung mal gesprochen, vor n paar Wochen, wie die Wahrscheinlichkeit und auch die Häufigkeit von Pandemien in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist, vor allem mit Umweltzerstörung, Überbevölkerung und globaler (ML: Kannst du das so mal kurz erklären, also: wo ist da der Zusammenhang? Mir war das am Anfang der Geschichte… mir war das am Anfang noch nicht klar…) 23:33

DIRK STEFFENS Von den drei Punkten also Überbevölkerung, also mehr Menschen, schnellere Ansteckung, logisch, Globalisierung, Flugverkehr, Warenverkehr, schnellere Ausbreitung auch logisch, bisschen komplexer der dritte Punkt: wie entstehen Zoonosen (Zoonosen sind Krankheiten, die von Wildtieren auf ) von Tieren auf Menschen überspringen, davon ist der überwiegende Teil von Wildtieren, auch wahrscheinlich Corona, aber dazu gehört auch Sars und Ebola und Mers und (viel Lungen, ne?) Zika, wo springen Krankheiten von Tieren auf Menschen über, das ist zum Beispiel da, wo man Wildräume vernichtet, also wenn jetzt Wilderer jetzt irgendwo in den Urwald gehen, wo vorher nie ein Mensch war, kommen die in Kontakt mit Erregern, die vorher halt noch nie in Kontakt waren mit Menschen. Und wenn wir uns die Kette von Coron zum Beispiel ankucken, – es ist ja noch nicht bewiesen, aber wenn es so ist, dass es Fledermäuse, dann die Panguline waren und dann Menschen, dann muss man sich mal fragen (Panguline: Schuppentiere), wo kommen also diese drei Lebewesen normalerweise zusammen? Und die Antwort ist: in einer intakten Natur: nirgends! Also kann der Erreger gar nicht überspringen, der kann nur überspringen, wenn der Mensch so eingreift, dass zum Beispiel Fledermäuse und Panguline gefangen werden, dass man bestimmte Populationen ausrottet in der Wildnis und dass Erreger versuchen, auf andere Arten rüberzukommen, also Naturzerstörung, man kann das runterbrechen auf den Satz: Naturzerstörung produziert Seuchen. 24:54 Wie beim Klimawandel: es hat vorher auch schon Stürme gegeben, aber durch den Klimawandel werden sie häufiger und schwerer.

Und so ist das auch bei Pandemien, es hat natürlich auch früher schon Seuchen gegeben und Pandemien, aber sie werden jetzt häufiger, und sie treffen uns härter. Das ist nur eine der Bedrohungen aus der Ökologie. 25:12

LANZ: Aber dieses Bill-Gates-Thema lässt mich nicht los. Ich habe vor ein paar Tagen einen alten Vortrag von Bill Gates angesehen, 5 Jahre alt, da beschreibt er das, da wirft er sogar so nen Corona-Virus an die Wand und sagt: wahrscheinlich wird es das sein! Aber genährt eben durch Sars, 2003, die Chinesen sind seit langem vorbereitet auf das, was da möglicherweise kommt, und jetzt haben wir genau dieses Super-Virus. STEFFENS: Na ja, weil natürlich jede Frau, jeder Mensch in der Forschung der Pandemien mit solchen Szenarien gearbeitet hat. Und dann im Nachhinein zu sagen, die habens ja gewusst, ist natürlich hochdämlich, natürlich ist n Virologe vorbereitet auf n virologisches Event, sonst wäre er ja im falschen Job.

LANZ Trotzdem nochmal die Frage: cui bono, – wem nützt es? ich frag mich immer:  mit m bisschen Nachdenken kommt man ja auf das eine oder andere: was sollten die Chinesen davon haben, dass sie solch Super-Virus züchten? Deren Wirtschaft schadet es doch am meisten. Also – neben anderen auch. Die ökonomische Dimension ist doch bei den Chinesen etc. oder Bill Gates, welches Interesse soll Bill Gates daran haben etc. 26:34

*    *    *

 Ist alles längst aufgeklärt? Titel der ZEIT am 14. Mai 2020 (von Javier Jaèn).

SEHENSWERT auch: Allianz des Schwachsinns / Spiegel TV 18. Mai 2020  HIER.

(Fortsetzung folgt)

Die Schätze Indiens

Die Dokumentation ist abrufbar bis 2030

  HIER

Ein Film aus der sechsteiligen Dokureihe mit Christopher Clark (Autor: Gero von Boehm)

Ein Vorbehalt: der Film, insbesondere der weiter unten eingefügte Ausschnitt, will auch ein Beispiel des „immateriellen Erbes“ geben, das naturgemäß schwieriger darzustellen ist als alles andere. Erst recht in den (vielleicht) vorgegebenen 3 Minuten. Letztlich bleibt die Aussage, Yoga sei Musik, in der Erinnerung haften, von der indischen Musik jedoch gibt der Soundtrack des ganzen Films kaum eine Vorstellung, wohl mit Rücksicht auf das unkundige westliche Publikum, das eher visuell zu beeindrucken ist. Eine gewisse Vorahnung dessen, was auch einer heutigen Auseinandersetzung mit dem „spirituellen Reichtum“  Indiens im Wege steht, erhält man, wenn man den im Beitrag genannten Namen nachgeht: also Vivekananda (Wikipedia hier) oder dem Yogi, der als modernes Exempel befragt wird (Yogiraj Rakey Pandey). Dessen im Internet auffindbare, weiterführende Links wirken auf mich eher befremdend, und diesem Effekt würde ich heute sorgfältiger nachgehen. In der westlichen Welt ist man empfindlich gegenüber bestimmten Marktmechanismen (die man zumindest als solche deuten kann): z.B. von vornherein jeglichen Widerspruch auszuhebeln, indem man einfach ALLES integriert. Das gilt auch für „integrale“ Weltbilder (Aurobindo), ganz besonders solche im Drei-Minuten-Format. Sie sind grundsätzlich zu hinterfragen. (JR) 

Der Pressetext des Senders:

Indien beheimatet eine Vielfalt von Völkern, Sprachen und Religionen. Anhand legendärer Bauten, Landschaften und Bräuche geht Clark der Frage nach, was die 1,4 Milliarden Menschen Indiens zusammenhält.

Einblick in die spirituelle Welt der Hindus

In Varanasi, der berühmten Pilgerstadt am Ganges, beginnt diese „Welten-Saga“ mit einem Einblick in die spirituelle Welt der Hindus: Seit rund 2500 Jahren kommen gläubige Hindus her, um im Fluss zu baden; Varanasi ist der Ort, an dem sie einmal sterben und verbrannt werden möchten. Von hier aus reist Christopher Clark weiter zur Insel Elephanta vor der Megacity Mumbai. In den Höhlen von Elephanta wird noch heute Shiva verehrt, sie sind ein spirituelles Zentrum des Hinduismus.

Rund 1000 Kilometer weiter nördlich trifft man auf eine ganz andere Märchenwelt: Rajasthan, das Land der sagenhaft reichen Maharadschas. Das Weltkulturerbe Fort Amber ist ihr perfektes Machtsymbol: monumentale Burg und prunkvoller Palast in einem. In der nahen Hauptstadt Jaipur besucht Christopher Clark den märchenhaften „Palast der Winde„, das goldene Gefängnis für die zahlreichen Damen des Hofes.

Vor 1000 Jahren eroberten islamische Heerführer aus Afghanistan Indien und beherrschten es jahrhundertelang als Moguln. Ihnen verdankt die Nation einzigartige Kulturstätten: Das Grabmal des Großmoguls Humayun in Delhi symbolisiert die Harmonie des Paradieses, und das Taj Mahal in Agra ist gar eines der berühmtesten Bauwerke der Welt. Unweit des Taj Mahal erkundet Christopher Clark einen weiteren weltberühmten indischen Schatz: das Yoga. Ein Experte und Lehrer dieser uralten indischen Errungenschaft erklärt ihm, warum der Mensch ein Reisender ist.

 Screenshot

Immaterielles Weltkulturerbe Yoga 

Die Geschichte der Menschheit spiegelt sich im Welterbe – Stätten mit universellem Wert. Von den Elephanta Höhlen über die imposanten Festungsburgen Rajasthans bis zum immateriellen Weltkulturerbe Yoga. Fünf Schätze Indiens, die besonders herausragen.

HIER  Extrabeitrag von 14 min 1. Elephanta 2. Humayun Mausoleum 3. die Bergfestungen von Rajasthan  4. die Kalka-Shimla Gebirgseisenbahn 5.Yoga ab 11:30 (bis 14:32)

Als sich die Engländer vor 300 Jahren in Indien festsetzten, brachten sie die europäische Kultur mit, später Handel, Industrie, Bahnhöfe und Züge. Der Victoria-Terminus, ein im viktorianisch-gotischen Stil erbauter riesiger Bahnhof in Mumbai, ist ein lebendiges Beispiel für diese Epoche. Clark fährt von hier aus in den Nordosten des Landes, an den Fuß des Himalaya. In der zwischen Kalka und Shimla verkehrenden Schmalspurbahn, die auf einer von den Engländern gebauten Bahnstrecke in die Berge führt, erlebt er spektakuläre Aussichten über Schluchten und Wasserfälle und auf das Vorgebirge des Himalaya.

 Die Urheber im Nachspann Musik: Paul Rabiger

Fehlerteufelsuchgerät

Was uns fehlt

Kürzlich ist mir folgendes passiert: ich hatte das neue Beethoven-Buch von Hinrichsen in der Buchhandlung Jahn bestellt und öffnete, bevor ich es abholte, nochmal den Computer, um den Namen „Hinrichsen“ einzugeben. Und zwar hier oben rechts in dem Blogfensterchen und fand tatsächlich auf Anhieb den Artikel, der sich auf diesen Musikwissenschaftler bezog. Aber als ich den Text überflog, fuhr mir ein Schrecken ins Gebein – „was ist das??? – – – das kann doch nicht wahr sein!!!“ – da stand das Wort Ebergetik – was soll das denn heißen? Hat mein Gedächtnis derart nachgelassen? Das lädt doch zu Wortspielen aller Art ein, und das soll ich selbst geschrieben haben?! Ich gab den Satzteil bei Google ein, eine Art Gegenprobe, ob das etwa auch öffentlich…. – und im Handumdrehen steht da mein Name im Fensterchen und auch unverkennbar das Wort Ebergetik, ich möchte im Boden versinken… Bitte versuchen Sie’s , das funktioniert womöglich heute noch. Ich aber habe es garantiert eben zum allerletzten Mal verschriftlicht. Es muss natürlich sooooo heißen:

Unter dem Streit um die angemessene Beschreibungssprache verbirgt sich allerdings einer um die Methodenhoheit. Die Richtungen, für die Bekker und Halm stehen, lassen sich weit ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen: Bekkers Ansatz ist der einer Hermeneutik, die jeder Musik nur insofern Substanz zuerkennt, als sie „Ausdruck“ ist und einer „poetischen Idee“ folgt; Halm hingegen ist Teil einer Strömung, die Rudolf Schäfke und, ihm folgend, auch Carl Dahlhaus später als „Energetik“ bezeichnet haben und die alle Motive und Themen in einem musikalischen Funktionszusammenhang von „tönenden Formen“ zu verstehen versucht.

Sehen Sie, würde ich sagen, das war doch im Jahre 2015, kurz vor Weihnachten, da hatte ich einfach keine Zeit, nochmal alles gründlich durchzuschauen. Aber mein riesiger Freundeskreis, die 10.000 Follower, keiner liest es! Oder liest es und lacht sich ins Fäustchen. Oder jemand denkt nur, was ist das denn für ein Wort, na, bei dem weiß man nie, ob er nicht einen Scherz eingebaut hat. Nein, hatte ich nicht, es ist einfach nur zum Schämen! Themawechsel:

Wie man sieht, habe ich schon eine gewisse Empfindlichkeit, gerade wenn mir ein Text wichtig ist. Eigentlich. Und so vermerke ich jedenfalls,  auf welcher Seite in meinem neuen Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ der erste Druckfehler steht, der erste Schreibfehler sogar, möchte ich behaupten. Entweder „deren sterblichen Rest“ oder „deren sterbliche Reste“, nur eins von beiden kann gelten, aber keine Kombination. Sowas kann passieren, inzwischen habe ich einen zweiten Fehler, erst wenn ich fünf bemerke, sage ich, das ist unzureichend lektoriert. Aber eine Folge, wenn auch keinen Erfolg, gab es immerhin: ein leiser Argwohn, der mich beim ersten Missverständnis meinerseits die Schuld auf die andere Seite schieben ließ. ZITAT:

Was geschah? Es sollte eine Doppelhochzeit werden, auch Rebeca Bundía sollte ihren Pietro Crespi heiraten, da kam der Brief mit der Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liege. Der Sohn fährt sofort los, genauer: er „fuhr (…) in die Provinzhauptstadt und unterwegs an seiner Mutter vorbei“, was ich als saloppe Ausdrucksweise dafür empfand, dass er sie auch noch sah, so wie wenn ich zuhaus sage: ich fahre zum Bäcker, aber auch noch bei Jahn vorbei. Es ist möglich, dass ich dort vorbeifahre, aber doch wahrscheinlicher, dass ich unterwegs wirklich Station mache und nachfrage, ob – sagen wir – das Grundgesetz eingetroffen ist. Also: für mich war klar, dass er die Mutter angetroffen hat, Unsinn also, dass sie zugleich am Ort der Hochzeit eine traurige Arie gesungen haben konnte. Als ob ich beim Bäcker neben dem Brot auch noch das bei Jahn bestellte Buch ausgehändigt bekomme. Und alldas nagte in mir weiter, bis mir auffiel, dass es zu Amaranta durchaus passte, einen Lügenbrief zu verfassen. Ich hätte es ahnen können, war aber durch die Fehldeutung des Wortes „vorbeifahren“ (was ja durchaus wörtlich, aber erst recht in entgegengesetzter Richtung geschehen kann)  dermaßen auf dem falschen Trip – obwohl ich an manche Hürde im Gewirr der Geschichte gewöhnt war -, dass ich fast die Geduld verloren hätte.

*    *    *

Und nun lese ich heute den SPIEGEL, eine Ausnahme (wegen der Wuhan-Titelgeschichte), und was entdecke ich nach 10 Minuten? Auch hier hat der Druckfehlerteufel gewütet. Der typische Teufel des Computerzeitalters, da bleibt einfach ein Text stehen, der eliminiert werden sollte, und er bleibt stehen, weil er genau so perfekt aussieht wie der neu eingefügte, das gute alte Durchstreichen des Misslungenen gibt es ja nicht mehr. Und die Löschtaste betätigen kann man ja immer noch. Oder auch nicht…

Ansonsten habe ich in der Frühe, weil ich das adäqat fand, Mozart gehört, wie so oft in letzter Zeit mit Elly Ameling, und gedacht: Mozart singt sie fast am schönsten, aber den Text verstehe ich nicht unbedingt, ich will „Abendempfindung“ (ich weiß, es ist Morgen) im Smartphone nachschauen, fand stattdessen ein anderes Lied, – aber kam das überhaupt bei ihr vor? Das Traumbild – es ist noch unwirklicher geworden…

Sonst fand ich die Adresse „oxford lieder“ immer ganz zuverlässig. Aber dieses Gedicht kann nicht stimmen, „Glatze in der Stadt“ usw., auch noch Schlimmeres, sobald man selbst die Reime zu verbessern beginnt. Nicht wahr? (Andere Quelle im Angebot hier.)

Und während ich mich von meinem Bildschirm verabschiede, sehe ich die Mail des Kölner Stadtanzeigers, da geht es um Corona-Ängste und um Erleuchtete, alles brandgefährlich, ich muss nochmal zurück, vielleicht gehört meine Fehlerteufelsuchgerätobsession auch in diesen Syndrom-Bereich. Ich dachte schon, es hat mit den Zaubermaschinen des legendären Zigeuner Melquíades zu tun, stand da nicht etwas von Kopfschütteltuch? Steckt in dem Wort Kopftschütteln ein geheimes Zeichen? Kopftschütteln? Geheimzeichen T. Auf jeden Fall, – ein paar Schlagzeilen zum Schluss können nicht schaden, jeder von Fehlern aufgewreckte Leser ist ein Gewinn für das geistige Klima unseres Landes.

Die Welt ist verrückt. Oder wir reagieren wir einfach zu verkopft – früher ein beliebter Vorwurf, wenn man nicht dem Mainstream folgte -, für mich ist es vielleicht gefährlich, einen Roman zu lesen wie „Hundert Jahre Einsamkeit“, der Erzählmodus steckt an. Infiziert zu werden, das fehlte noch. Wie komme ich sonst auf das Wort „Kopftuchschüttelmaschine“? Ein Foto des immer noch mit den Augen lächelnden, blau maskierten Ministerpräsidenten brachte mich auf den Gedanken, wie glücklich man doch sein kann, Ohren zu besitzen. Zeitungslektüre am Morgen, ZITAT  :

Die Demonstrationen der vergangenen Tage gegen die Einschränkungen der persönlichen Freiheit im Kampf gegen das Coronavirus wirken verstörend. Da ist von Verschwörungen die Rede, da bilden sich beängstigende Allianzen zwischen Rechten und Leuten, die Aluminiumhütchen tragen, um sich vor Strahlen zu schützen. Und als wollte er den Abwieglern, Ignoranten und Märchenerzählern den Rücken stärken, fällt der mächtigste Politiker der Welt wieder einmal aus der Rolle. (…) Aber die Verschwörungstheoretiker freut es. Sie sehen in Trump eine mächtige Galionsfigur für ihr unseliges Wirken. Dabei reicht deren Verfolgungswahn inzwischen so weit, dass Microsoft-Gründer und Großspender Bill Gates als leibhaftiger Fürst der Finsternis herhalten muss, dem die unfreien Zweifler ihr vermeintliches [Corona-]Gefängnis zu verdanken haben.

Soweit der Kommentar. Ich zitiere Gabriel García Márquez:

Er drückte mit den Fingern in seine Leber und fügte hinzu: „Hier sitzt der Schmerz, der mich nicht schlafen lässt.“ Daraufhin schloss Doktor Noguera unter dem Vorwand, es käme zu viel Sonne herein, das Fenster und erklärte ihm in einfachen Worten, warum es eine patriotische Pflicht sei, Konservative umzubringen. Mehrere Tage lang trug Aureliano ein Fläschchen in der Hemdtasche. Alle zwei Stunden holte er es hervor, legte drei Globuli auf die Handfläche, warf sie mit Schwung ein und ließ sie dann langsam auf der Zunge zergehen. Don Apolinar Moscote machte sich über seinen Glauben an die Homöopathie lustig, aber diejenigen, die am Komplott beteiligt waren, erkannten ihn als einen der Ihrigen. Fast alle Söhne der Gründungsväter gehörten dazu, keiner wusste jedoch konkret, was für eine Aktion sie da ausheckten. An dem Tag jedoch, als der Arzt Aureliano das Geheimnis offenbarte, setzte der sich von der Verschwörung ab. Obwohl er davon überzeugt war, dass das konservative Regime schleunigst abgeschafft gehörte, löste der Plan Grauen in ihm aus. Sein System beschränkte sich auf die Koordinaten einer Reihe von Einzelaktionen, bei denen in einem Meisterschlag von nationaler Reichweite die Funktionäre des Regimes mit ihren jeweiligen Familien liquidiert werden sollten, vor allem auch Kinder, um den Konservatismus im Keim zu vernichten. Don Apolinar Moscote, seine Frau und seine sechs Töchter standen natürlich auch auf der Liste. „Sie sind weder ein Liberaler noch sonst irgendwas“, sagte Aureliano in aller Ruhe. „Sie sind nichts als ein Schlächter.“ – „Wenn dem so ist“, erwiderte der Doktor ebenso ruhig, „dann gib mit das Fläschchen zurück. Du brauchst es nicht mehr.“

Quellen 

Gabriel García Márquez: „Hundert Jahre Einsamkeit“. Roman / Neu übersetzt von Dagmar Ploetz / Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main, November 2019. (Seite 128f)

Leitartikel Solinger Tageblatt 13. Mai 2020 Seite 2:  „Trump und die Corona-Leugner / Mächtige Galionsfigur“ Von Lothar Leuschen.

Nachtarg 30.06.2020

Wenn man selbst einmal ein Gymansium besucht hat, schmerzt es einen, dass man nach ein paar Wochen oft nicht mehr sagen kann, warum man dies oder das geschrieben hat. Was hat mich da getrieben? Jetzt habe ich es überdeutlich eilgesehen, ich suchte Beispeile für die Allgemeingültigkeit der altamerikanischen Lebensweisheit: „Shit happens.“ Jeden kann es treffen! Jederzeit. Aber man muss es auch wirklich verduetlichen, weil  die Autokorrektur im Kopf oft allzu verlässlich arbeitet.

Verduetlichung:

1 Insekt, maskiert und gepanzert

Wie kann ein und dasselbe Tier so unterschiedlich aussehen?

Es liegt am Apparat: oben Huawei (JR), unten Lumix (ER)

Aber reicht es zur Bestimmung?

Hier war er noch in Schreckstarre. Oberes Foto: er hat schon die Geduld verloren, ist imstande, in Sekundenschnelle zu starten, verschwindet in Richtung hoher Bäume.

Das misslungene Foto der allerersten Begegnung im Waschbecken sagt etwas über das Größenverhältnis. Erste Assoziation: kein Maikäfer, klein wie ein Juni-Käfer, glänzend wie ein Mistkäfer. Eine Kostbarkeit.

 

Die Suche beginnt. Die Formenfülle ist ungeheuer.

Sie schwirren mir im Kopf herum wie vorher die exotischen Oboen meines Freundes.

Aber ehe wir ihren Klang ästhetisch einschätzen, sollten wir wissen, was er in seinem Umfeld bedeutet. Er meint etwas anderes als eine Cantilene in Beethovens Pastorale.

Es ist durchaus nicht das erste Mal, dass ich mich an der Schönheit der Insekten begeistere (siehe hier), und es gibt nicht wenige Leute, die das fotografisch auf wunderbare Weise bestätigen; da müsste ich mich also nicht weiter bemühen. Aber die gedankliche Arbeit ist noch längst nicht zufriedenstellend gelöst.

Der Schmetterling auf dem Cover ist gut und schön, – nur suchen Sie mal im Register dieses Buches einen einzigen Vertreter der niederen Ordnungen, einen Käfer, eine Libelle, überhaupt: ein Insekt, also Lebewesen, die dringend unserer Fürsprache bedürfen. Fehlanzeige.

Was tun? Über die engen Grenzen der Ästhetik meckern. Was ändern! Und solche Publikationen auch den Kindern und Enkeln zeigen und ans Herz legen: das Sonderheft. Und überhaupt:

 

Hier. Und nicht nur aus medizinischen Gründen…

13. Mai 2020 

Ich habe ihn, mit großer Wahrscheinlichkeit: zuerst in „Dausien’s Insekten“ hier:

und über den nächsten Schritt (Wikipedia hier) abgesichert: es ist der Goldglänzende Rosenkäfer Cetonia aurata und zwar ein zweifarbiges Individuum, so wie es bei Wikipedia abgebildet ist.

Wikimedia – Author: adrian.benko / Date: May 21, 2005 / Location: KVP, Kosice, Slovakia

Palmers Fauxpas und die Grundrechte

Jürgen Habermas im Gespräch mit Klaus Günther 

Oder zuerst mal Lanz mit und über Palmer: Im Sat.1-Frühstücksfernsehen hatte Palmer vorige Woche gesagt: „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Beim Großteil der an einer Corona-Infektion Gestorbenen handele es sich um Menschen mit Vorerkrankungen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt hätten.

 bis 29.5.2020 HIER ab 20:23

 Weiterlesen? eine kleine Hürde HIER

ZITAT Klaus Günther:

Das Recht auf Leben in Artikel 2 Absatz 2 GG war ursprünglich vor allem ein Abwehrrecht gegen einen Staat, der häufig mit Zwang und Gewalt willkürlich in das Leben seiner Untertanen eingegriffen hat. Infolge von Krankheiten sterben zu müssen gehörte in früheren Zeiten dagegen zum allgemeinen Lebensrisiko, das sich nur selten vermeiden oder reduzieren ließ. Erst seitdem wir über ein hochkomplexes und aufwendiges medizinisches Versorgungssystem verfügen, stellt sich überhaupt die Frage, was und wie viel Staat und Gesellschaft tun können und müssen, um vorhersehbar lebensgefährliche Krankheitsverläufe zu verhindern oder abzumildern.

Innerhalb des Rechts auf Leben tritt damit eine zweite Bedeutungskomponente hervor – die Verpflichtung des Staates, Leben und Gesundheit zu schützen, und zwar nicht nur, wie immer, vor rechtswidrigen Angriffen Dritter, sondern auch durch die Bereitstellung adäquater medizinischer Versorgung. Das steht jedoch unter dem Vorbehalt des Möglichen; keine Gesellschaft kann alle ihre Ressourcen in das Gesundheitssystem stecken. Je nachdem aber, wie gut eine Gesellschaft ihr Gesundheitssystem ausstattet und funktionsfähig hält, verschiebt sie die Grenze zwischen unvermeidbaren und vermeidbaren tödlichen Folgen der „allgemeinen Lebensrisiken“. Hier scheint mir der Kern des Abwägungsstreits zu liegen: Es herrscht Uneinigkeit darüber, wo die Grenze zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen angesichts des hohen und in seinen Folgen nicht absehbaren Aufwands an Freiheitsverzichten gezogen werden soll – zwischen Minimum und Maximum.

Jürgen Habermas:

Ihre Beschreibung der unübersichtlichen Folgen der rigorosen Eindämmungspolitik leuchtet mir ein. [wurde hier nicht wiedergegeben JR] Wir müssen den Spielraum für rechtlich unbedenkliche Lockerungen erst ausloten. Aber Ihre Beschreibung berührt den kontroversen Punkt erst, wenn Sie im Vorbeigehen sagen, dass die Abwägung „vorstrukturiert“ sein kann durch einen Vorrang des Rechts auf Leben: Soll das heißen, dass es „immer“ Vorrang behält? Worauf könnte sich dieser Vorrang stützen, wenn das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gegen alle übrigen Grundrechte abgewogen werden kann?

Schon Ronald Dworkin hat uns vor der Metapher der Waagschale gewarnt. Rechte beziehen sich nicht auf „Güter“, die man nach Gewicht abwiegen könnte. Rechte sind auch keine „Werte“, die man nach politisch-kulturell geteilten Vorlieben in eine transitive Ordnung bringen könnte. Die Entscheidung, ob ein recht auf einen Fall zutrifft, erlaubt nur entweder ein „Ja“ oder ein „Nein“. Im Laufe der richterlichen Abwägungsprozesse können Grundrechte miteinander konkurrieren. Aber im Ergebnis behält eines die Oberhand, das heißt, es sticht alle anderen aus, auch wenn es erforderlichenfalls im Hinblick auf die Beeinträchtigung der anderen „zurücktretenden“ Grundrechte eingeschränkt werden muss.

(Fortsetzung folgt)

Ich muss einfügen, dass etwas Problemfremdes mich motiviert hat, bei diesem umfangreichen ZEIT-Artikel nicht lockerzulassen. Die umständlich klingende, aber sehr präzise juristisch-philosophische Sprache reizt mich in mehrfacher Hinsicht, ich ärgere mich, wenn ich konzentrationsmäßig „aussteige“ und ebenso, wenn ich diesen Punkt überwinde, einzelne Fragen nachgeschlagen habe, z.B. was mit „transitiver Ordnung“ gemeint ist, und schließlich eine zweite Gesamtlektüre durchziehe und alles intelligent finde, – als sei ich selber intelligenter geworden. Was mir vorher abstrakt erschien, ist jetzt konkret geworden, seltsam, und hat unmittelbar mit dem Thema zu tun, von dem ich sozusagen im täglichen Leben (Corona!) ausgegangen bin. Wer sagte dies:

Diejenigen, die jetzt im Namen der Freiheitsgrundrechte für noch weiter gehende Lockerungen plädieren und sich dafür auf die Relativierung des Grundrechts auf Leben berufen, glauben dies vermutlich deswegen tun zu dürfen, weil die oben genannte Grenze zwischen noch vermeidbaren und nicht mehr vermeidbaren tödlichen Krankheitsverläufen so schwer zu ziehen ist. Aber sie müssten dann nicht nur sagen, wie hoch die Zahl der vorhersehbaren Todesfälle denn ansteigen dürfe, ohne das Recht auf Leben ad absurdum zu führen, sondern sie müssten eben auch dem ersten Patienten, der infolge der Lockerungen nicht mehr beatmet werden kann, erklären, dass er um der Freiheit anderer willen zu sterben habe.

Vor allem wird dabei übersehen, dass es das Bundesverfassungsgericht ist, das in seiner Rechtsprechung dem Recht auf Leben einen hohen Rang beimisst. In seiner ersten Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch von 1975, die unverkennbar die Handschrift des Richters Ernst-Wolfgang Böckenförde trägt, leitet es aus dem Grundrecht auf Leben für den Staat das Gebot ab, sich „schützend und fördernd“ vor das Leben zu stellen, und weist ihm „innerhalb der grundgesetzlichen Ordnung einen Höchstwert zu, nicht zuletzt mit Bezug auf die deutsche Vergangenheit. Dabei stellt es auch einen Zusammenhang mit Artikel 1 her, der nicht näher erläutert wird: Das Recht auf Leben sei „die vitale Basis der Menschenwürde und die Voraussetzung aller anderen Grundrechte“ – also auch des Rechts auf Freiheit.

Dies sagte der Richter Klaus Günther, und der Philosoph Jürgen Habermas antwortet:

Bei diesem Urteil sind natürlich ganz andere Fragen im Spiel. Aber die beiden Formulierungen, die Sie zitieren, sind doch aufschlussreich. Die Rede von „einem“ statt von „dem“ Höchstwert zeigt die Unangemessenheit der Sprache von Werten: in einer Rangordnung kann es immer nur einen einzigen obersten Wert geben. Andererseits soll mit der Formulierung wohl angedeutet werden, dass – anders als Schäuble und der Ethikrat meinen – „Leben“ einen ähnlich hohen Stellenwert hat wie „Menschenwürde“. Nehmen wir einmal an, wir hätten die von Ihnen beschriebene Grauzone verlassen und wüssten ziemlich unstrittig, was zum gegebenen Zeitpunkt  an Einschränkungen von Grundrechten in Kauf genommen werden müsste, um eine vermeidbare Steigerung der Todesraten voraussichtlich ausschließen zu können.  Bezeichnet dieses Kriterium (sagen wir: die „flache Kurve“) dann eine notwendige Bedingung für die Wahl gerechtfertigter Exit-Strategien?

Meine erste Konsequenz: endlich wieder nachlesen!

     

Kunstgesang Im Frühling

Vorläufig zum letzten Mal

Ich bin mehrfach darauf zurückgekommen und weiß, dass ich niemanden davon überzeugen kann, der/die nicht schon davon überzeugt war. Zum Genießen des Kunstgesangs (gerade im Lied) kann man niemanden überreden. In der Oper läuft es über das Szenische, die Phantasie hat fortwährend Nachhilfe. Aber im Lied? Das ist ja, wie wenn jemand geziert Hochdeutsch spricht. So scheint es den meisten Verächtern des Kunstgesangs.

Ich gebe ein Beispiel: hier (bitte nur hören, entspannen Sie die Augen, kommen Sie hierher zurück, aber: Achtung, es könnte im Hintergrund mit 4 sec Reklame beginnen, keine Empörung, nur Geduld!).

„Still sitz ich an des Hügels Rand, / Der Himmel ist so klar, / Das Lüftchen spielt im grünen Tal, / Wo ich beim ersten Frühlingsstrahl / Einst, ach so glücklich war.“

Wenn Sie schon öfter in diesen Blog geschaut haben: ich hoffe nicht, dass Sie auch nur einen Moment geglaubt haben, ich komme schon wieder mit Elly Ameling. Nein, es ist geradezu antipodisch anders, gestelzt, preziös, geziert, hochkulturell zelebriert, aber vielleicht technisch gut gesungen, – es interessiert mich nicht.

Versuchen Sie vielleicht diese Aufnahme, und glauben Sie mir: es geht mir nicht darum, einen Mann gegen eine Frau auszuspielen, das wäre lächerlich: hier .

Ich habe die Aversion gegen künstlichen Gesang nicht erst mühsam entwickelt. Es war schon vor 50 Jahren so: da waren mir die Volkslieder von Brahms in verteilten Rollen mit Elisabeth Schwartzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau unerträglich, weil sie tatsächlich Rollen spielten. Sie konnten nicht „einfach“ singen, die Schwartzkopf noch weniger als Fischer-Dieskau, der aber hat doch in späteren Jahren auch allerhand Manieriertes herausgearbeitet hat. Wie einzigartig war er in seiner frühen Zeit, als er die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ mit Furtwängler aufgenommen hat. Und auch das Lied „Im Frühling“ sang er zeitlos schön. Hier ist es.

Informationen: über den Dichter hier , weiteres im lesenswerten Blog eines Sängers hier .

Ich will meine früheren Beiträge nicht hervorheben, zumal mir wichtig war, sie in einen heterogenen Zusammenhang zu stellen, genauer gesagt: in den gegenwärtigen Alltag. Geben Sie einfach in das Suchfenster oben „Ameling“ ein. Das „Kunstlied“ bei Schubert gehört in die Nähe des bürgerlichen Alltags, obwohl beschönigend als „holde Kunst“ tituliert und auf andere Weise vom Opernsänger Vogl popularisiert, der dem schüchternen Komponisten gern auch mit Theater zu helfen versuchte. Die Crux für das heutige Publikum ist das Vibrato und die gut gestützte Bühnenstimme. (Wir erkannten die Sänger in der Mensa an ihrem Bühnen-Gelächter!)

Also, wie gesagt: nachschauen und hören, zum Beispiel hierhierhierhier, und hier .

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Heute ist Donnerstag, der Tag, der mit der ZEIT beginnt, und höhere Stimmen befahlen mir (das ist ein prominentes Zitat, hoffe ich), einen bestimmten Absatz abzuschreiben; gleich daneben stand eine dickgedruckte Sentenz, die ich kopiere, weil das besser aussieht:

ZITAT

Es ist die Andersartigkeit , der man in der Natur begegnet. Plötzlich Lebewesen gegenüberzustehen, die einst aus derselben Zelle hervorgingen wie wir, aber irgendwann in den vergangenen 3,8 Milliarden Jahren eigene evolutionäre Wege eingeschlagen haben. Die andere Überlebensstrategien verfolgen, die Flügel haben,  nachts leuchten, als Spore überleben, verrottendes Holz verdauen, im Boden wühlen. Solche Strategien sind nicht besser als unsere. Nur anders. Manchmal sind sie dabei auch: schön. „Oft tun wir eine ästhetische Erfahrung als oberflächlich ab – und erklären Schönheit als bedeutungslos“, sagt David Haskell. Doch gerade darin, dass wir Genuss empfinden, wenn wir einen Schmetterling oder einen Blühenden Fliederbusch betrachten, zeige sich die uralte Verbundenheit. Haskell geht noch weiter: „Schönheit kann dich aus deiner profanen Umwelt reißen. Der Gesang einer Amsel kann deine Vorstellungskraft anregen und dich an einen anderen Ort tragen.“ Auch das bietet Natur: eine Flucht in die Schönheit. Wo unser Sinn für sie entstanden ist? Draußen.

Quelle DIE ZEIT 7. Mai 2020 Was uns nach draußen zieht Die menschliche Sehnsucht nach der Natur ist ein mächtiges und uraltes Gefühl. Wer es entdeckt, kann große Kräfte freisetzen – gerade jetzt. Von Fritz Habekuss.

Einer meiner Lieblingsautoren. Der Artikel basiert auf Recherchen zu einem Buch, das er mit Dirk Steffens zusammen verfasst hat „Über Leben – Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden“ Ab 11. Mai – Penguin Verlag.

Wikipedia David Huskell siehe hier.

An dieser Stelle stand bis vorhin: „Forstsetzung folgt“…