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Der Tod des Carlos Gardel

Leiden (?) auch beim Lesen: ein Blick ins Internet hilft

Ich nehme ihn ernst, weil die Philosophin Hélène Cixous ihn so ernst nimmt. (DIE ZEIT 7. August 2019).

Das erste Kapitel in dem Buch von António Lobo Antunes ist  mit dem Titel „Por una Cabreza“ überschrieben.

Zu „Por una Cabreza“ gibt es einen Wikipedia-Artikel hier. Danach vielleicht ein Youtube-Video?

Indiskrete Frage: Ist das eigentlich guter Tango-Tanz? Oder nur gutmütiges Comparsen-Kino?

Antwort: letzteres. So ist Tango nicht.

Aber auch daran kann man was lernen, z.B. betreffend der im Wikipedia-Artikel erwähnten Anlehnung an Mozart: es geht um die Phrase, die im obigen Video genau bei 0:38 anhebt.

In Mozarts Rondo befindet sie sich hier in der Mitte der Zeile:

 Youtube hier ab 3:32

Im Original mit Carlos Gardel beginnt das Orchester mit diesem Motiv, der Sänger präsentiert es ab 0:49. Und den Text dazu gibt es vorweg oder gleichzeitig hier.

Das Buch von António Lobo Antunes (Inhalt bei Luchterhand):

Álvaro ist ein besessener Bewunderer des Tangosängers Carlos Gardel. Er sammelt Andenken an sein längst verstorbenes Idol und hüllt sich mit Hilfe alter Tonbandaufnahmen von Gardels markanter, schmachtender Stimme in eine Klangwelt, in die ihm niemand folgen mag.
Claudia, Álvaros Frau, hat sich schon lange von ihm getrennt, nur der gemeinsame Sohn Nuno übernachtet noch manchmal beim Vater, wenn Claudia mit ihrem neuen Freund allein sein möchte. Nuno ist eifersüchtig auf ihn und mag auch den Vater nicht; Nunos Schmerz, Unglück und Hilflosigkeit kulminieren schließlich in seiner Heroinsucht.
Die Verwandten unternehmen zwar halbherzige Versuche, dem Jungen zu helfen, letztlich wären sie aber froh, von ihm und auch voneinander loszukommen. Doch als Nuno stirbt, ändert das wenig an den Verstrickungen, in denen sich die Familie verfangen hat:

Aus Schuldgefühlen resultieren neue Zweckbündnisse, immer irrealere Fluchtwelten schränken die tatsächliche Bewegungsfreiheit ein. Besonders Álvaro verteidigt seine Obsession gegen die Umwelt, bis ihm eines Tages Carlos Gardel sogar leibhaftig gegenüberzutreten scheint.

Das Drehen der Figuren um sich selbst, die komplexe und aus vielen Wechseln bestehende Bewegung des Tangos und dessen innere Spannung hat António Lobo Antunes meisterhaft in eine literarische Form übersetzt.

(Fortsetzung folgt)

Der Stil fasziniert mich. Ich spüre, dass die unendliche Folge der bilderreichen Sätze einer Tangobewegung gleichen soll, aber ich habe im Text inhaltlich noch nichts dergleichen gefunden, abgesehen von der ersten Kapitelüberschrift „Por una Cabeza“, die meine Blogtätigkeit ausgelöst hat. Unterbrechung Seite 55, weil ich mir diese beklemmende Szene einprägen wollte:

Man muss schnell lesen, aber mit großer Aufmerksamkeit, Wort für Wort, Satzteil für Satzteil. Auch wenn es um den Tod geht. Anhalten, pausieren nur, wenn es um Musik geht. Am Ende verstehe ich den Satz, Seite 64 unten:

(sterben ist wenn alle Getränke die Augen für den Verzehr werden zu Augenlidern im Lokal bestimmt sind)

Man löse nur den oft gelesenen Satz „die Augen werden zu Augenlidern“ (= Tod)  heraus. Siehe auch die erste Zeile der soeben wiedergegebenen Seite 55.

Unterbrechung für Musik „Milonga sentimental“ (Seite 79)

Wikipedia (mit Textübersetzung englisch) hier. Auf der gleichen Seite anklickbar die Youtube-Musik mit Carlos Gardels Stimme. Zum Mitlesen der Originaltext:

1 Milonga pa‘ recordarte.
Milonga sentimental.
Otros se quejan llorando
yo canto pa‘ no llorar.
2 Tu amor se seco de golpe
nunca dijiste por que.
Yo me consuelo pensando
que fue traición de mujer.

3 Varon, pa‘ quererte mucho,
varon, pa‘ desearte el bien,
varon, pa‘ olvidar agravios
porque ya te perdone.
4 Tal vez no lo sepas nunca,
tal vez no lo puedas creer,
tal vez te provoque risa
!verme tirao a tus pies!

5 Es facil pegar un tajo
pa‘ cobrar una traición
o jugar en una daga
la suerte de una pasión.
6 Pero no es facil cortarse
los tientos de un metejon
cuando estan bien amarrados
al palo del corazón.

7 Varon, pa‘ quererte mucho, etc.

8 Milonga que hizo tu ausencia.
Milonga de evocación.
Milonga para que nunca
la canten en tu balcon.
9 Pa‘ que vuelvas con la noche
y te vayas con el sol.
Pa‘ decirte que si, a veces,
o pa‘ gritarte que no.

10 Varon, pa‘ quererte mucho, etc.

Musica de Sebastian Piana / Letra de Homero Manzi

Ich frage mich, wo der Tango im Text des Romans erscheint, und lese bei „Perlentaucher“ von einer Rezension:  Unter der Überschrift „Tango und Tod“ bespricht Claus-Ulrich Bielefeld diesen zehnten Roman des portugiesischen Schriftstellers. Und genau darum geht es auch; den Tod des heroinsüchtigen Jungen Nono nämlich, und die Tango-Obsession seines Vaters, der sich zunächst am Sterbebett seines Sohnes an die Liebe zum Tango – die größer war als zur Mutter des Kindes – erinnert, dann, nach dem Tod des Jungen, auf eine surreale Reise zu seinem Idol, dem frühverstorbenen Tangosänger der dreißiger Jahre, Carlos Gardel, macht.

Ah, im Prinzip hatte ich das schon wissen können, aus der Inhaltsangabe (siehe oben), aber die Lektüre der ersten 80 Seiten des Romans hatte mich das vergessen lassen. Erst die von mir künstlich genährte Sehnsucht nach dem Tango-Thema ließ mich suchend herumblättern, mich störte auch, dass hier aus Nuno jetzt ein Nono geworden war, und in den nächsten Kapiteln ist wohl von ihm die Rede, aber sein Name kommt nicht vor, erst auf Seite 130 sagt jemand: Ich bin es Nuno, ich bin hier.

Neuansatz

Es ist endlich soweit: auf Seite 166 erscheint Carlos Gardel, und dessen Identifikation mit dem Sohn, „der sich in einen Sarg legt“, – Nino? -, scheint offenkundig. Beerdigung. Aber wer ist Ricardo? Das ganze Kapitel heißt Claudia. Offenbar ist sie die Ich-Erzählerin, die sich plötzlich an Deutschland zurückerinnert: es war im Krieg, sie ist (war) offenbar Alvaros Frau, jetzt aber gehört sie wohl zu Ricardo (zu alt für ihn, „sie könnte seine Mutter sein“), und der fragt: „Wer von denen war denn dein Mann?“ Dieser aber beginnt sich mit dem Grammophon zu beschäftigen. Aber wo nun  – in Köln beim Bombenangriff oder hier an Ninos Sarg? Und von nun an ist Carlos Gardel auch „der Herr mit der Brillantine und den angemalten Lippen“, was sich auf eine Fotografie, vielleicht ein Plattencover, bezieht, und der Alvaro von heute, wenn man Ricardo glauben darf, sieht aus wie ein Clown. Während ich dies schreibe, verstehe ich allmählich die Szenerie und auch den assoziativen Szenenwechsel. Wahrscheinlich gehört dazu die Musik, die auf der fast leeren Seite vor dem Kapitelbeginn mit der Überschrift „Claudia“ angegeben ist, – ein Film, um dessen Rückblenden wir uns selbst kümmern müssen: 3. LEJANA TIERRA MIA.

 S.166 Carlos Gardel erscheint

Carlos Gardel starb übrigens nicht bei einem Flugzeugabsturz, sondern beim Zusammenstoß auf der Landebahn. Siehe die Biographie bei Wikipedia hier.

22.08.2019 Ich habe meine Lesemethode verändert. Denn ich muss wissen, wo ich mich befinde, sonst erzeugt der Fortgang der Geschichte eine Art Schwindel. (Vielleicht gewollt: = „Tanzbewegung“). Also: lege ich einen Plan an, – die große Gliederung durch die 5 Tangolieder, – die Untergliederung durch Namen, die über den Kapiteln stehen, auch wenn es mehrmals dieselben sind, – die Einschübe in durchgängig kursiver Schrift und dazu die entsprechenden Seitenzahlen, damit man die Gewichtsverteilung sieht. Folgen vielleicht noch Hinweise, wo das Tango-Phänomen eine Rolle spielt. (Es muss eine besondere Rolle spielen, da es im Titel des Buches programmatisch herausgestellt wird). Also etwa folgendermaßen:

1. POR UNA CABEZA 

Álvaro 9

Kursiver Text (eingestreut) 21-36

Álvaro  37

Kursiver Text 48-64

Álvaro 65

2.  MILONGA SENTIMENTAL

Kursiver Text 81-96

Graça 97

Kursiver Text 114-128

Graça 129

Kursiver Text 145-161

3. LEJANA TIERRA MIA

Claudia 165

Kursiver Text 179-192

Claudia 193

Kursiver Text 210-223

Claudia 224

4. EL DIA QUE ME QIERAS

Nuno 245

Kursiver Text 265-282

Nuno 283

Kursiver Text 303-318

5. MELODIA DE ARABAL 

Raquel 337

Kursiver Text 352-370

Raquel 371

Kursiver Text 387-401

Raquel 402

ENDE 415

Meinungen, Gespräche

Über Musik? Über Geschmack?

Ich erinnere mich an Gespräche der frühen Schulzeit, wenn man den gleichen Weg hat, aber sich erst kennenlernt. Ein Thema, was immer ging, war Essen: was man mag und was man überhaupt nicht mag. Leicht vorstellbar. Aber: das bleibt ein Leben lang, lediglich die Begründungen werden länger, man will nicht nur Laber-Meinungen austauschen, sondern sich selbst als differenzierenden Menschen geben. Dachte ich jedenfalls.

Ich finde, es hat sich nach Jahrzehnten nur wenig geändert, auch wenn der eine 14 Jahre älter ist als die andere, das macht wenig: die Beliebigkeit der Inhalte ist grenzenlos. Mich interessiert es aber immer, wenn der Gegenstand des Gesprächs Musik ist, welcher Art auch immer. Neulich habe ich erlebt, dass sich erwachsene Männer mittleren Alters gegenseitig auf dem Smartphone Automodelle zeigten, sportliche Typen, Cabrios der S-Klasse und sowas, ich war sprachlos, ohne mich überlegen zu fühlen. Ich schwöre: man ist einfach isoliert. Interessant aber, dass dieses Gespräch 1:1 den Schulweggesprächen der Kindheit glich, nur dass wir damals keine Bilderbücher im Miniformat mit uns herumtrugen. Und jetzt lese ich etwas ganz Ähnliches in der Zeitung, man nennt es dort allerdings Podcast. Im folgenden kommen die beiden Gesprächspartner – A männlich, B weiblich – auf Musik. Ich werde versuchen, sie zuzuschalten (die Musikstücke, soweit auffindbar).

Unser Ziel ist nicht das Finden irgendeiner objektiven Wahrheit, die dann für alle Menschen gelten soll. Wir machen eher so eine Art Gummitwist in der Dialektik. Eine andere Meinung ist sehr schützenswert, ich finde sie oft spannender als meine eigene. Manchmal habe ich auch selbst zwei gegensätzliche Meinungen zu einem Thema. Heute, wo es meist nur um das Niederschreien geht und sich alle in eine Art Mini-Trump to go verwandeln, ist das Interesse an der Meinung des anderen total verloren gegangen.

B (Jasna) Voll.

A Das ist doch gerade das Schöne im Leben, der Austausch, die Unterschiede. Da geht das Denken erst los.

Bei welchen Themen sind Sie sich denn nun uneins?

Zum Beispiel bei Miley Cyrus!  Die hast du mir doch neulich nahegebracht an deinem Geburtstag, Jasna. Die war mir vorher egal. Was noch, Jasna?

(kaut auf ihrer Kette) Ich weiß nichts mehr.

Was machst du da?

Keine Ahnung.

Verstehe. Na ja, auf ihrem Geburtstag lief jedenfalls „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus. Da habe ich Miley Cyrus zum ersten Mal verstanden. Und später hat dort noch Sophie Hunger „Atemlos“ gesungen. Das war unerwartet toll. „Ok cool“ von Yung Hurn findet Jasna zum Beispiel wiederum total doof, da sind wir uns uneins. Sie hasst das.

Warum?

(B schweigt)

Keine Ahnung, als sie mir das gesagt hat, wurde ich tatsächlich richtig sauer. Aber offenbar ist ein intelligentes Leben möglich, auch wenn man Yung Hurn ablehnt. Das sitzt hier neben mir.

Was stört Sie an Yung Hurn, Frau B?

B Das ist dumme Scheißmusik. Ich finde das uninteressant und auch gar nicht lustig.

Und trotzdem sind wir Freunde.

Sind Podcast-Macher eigentlich alle Freunde? Es ist ja recht auffällig, dass sich sehr viele Podcast-Menschen gegenseitig in ihre Podcasts einladen.

A & B unisono Wir laden niemanden ein.

Sie reden hier mit der Champions League. Selbst Yung Hurn könnte an der Tür kratzen, unsere Antwort wäre immer: Nein. Das Kabuff ist verriegelt. Bis zur Raucherpause.

*    *    *

So, das war die Grundlage, jetzt sollte ich verstehen, was Sache ist… Mit Konzentration also:

Unmöglich? Natürlich. (Wie auch Joseph Beuys mit „Nä nä nä – ja ja ja“.) Eine Provokation also. Aber das, was hier folgt, ist doch einfach irgendsoein Lied?

Es könnte auch dieses sein: hier. (Im externen Fenster abgerufen. Möglicherweise ist Werbung vorgeschaltet. Wappnen Sie sich.) Man könnte die Musik analysieren. Mein Problem wäre nur die Langeweile, die sich beim intensiveren Zuhören steigert (bei sehr guter Musik ist das umgekehrt). Ich vermute, dass sich das ändert, wenn man das Hörvermögen auf physiologischem Wege „transformiert“: es halluziniert. Und dann muss man nicht mehr von der Musik (da draußen) reden, sondern vielleicht von dem Mädchen. (Allerdings nehme ich schon das externe Fenster, um nicht immer zuschauen zu müssen. Da gab es noch den Punkt: Einschlafen als Kritik.)

Nachzutragen wäre noch die Quelle des (natürlich unvollständig zitierten) Gesprächs oben. Folgt sofort…

Quelle Süddeutsche Zeitung 14./15. August 2019 Seite 26 (Medien) „Ich bin extrem dafür, dass alle ihre Hosen anbehalten!“ Benjamin von Stuckrad-Barre und Jasna Fritzi Bauer haben nun einen gemeinsamen Podcast. Ein Gespräch über spontane Themenfindung, gespielte Authentizität und Einschlafen als Kritik. (Interview: Quentin Lichtblau)

Kein Kommentar

Was die denkende Welt bewegt

Quelle Süddeutsche Zeitung 14.08.2014 Seite 4 Unter Nackten Von Karin Janker

Man versucht sich einen Reim zu machen, mit einfachsten Mitteln, so auch wenn das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern keine Wunder wirkt. Oder immer wieder Woodstock, das Traumtänzerfestival vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Oder (dieselbe Zeit) Leonard Bernstein und was er gesagt hat über Beethovens Neunte: mit dem Text auf die Freude sei eigentlich die Freiheit gemeint gewesen. Und sobald ich den aktuellen Kommentar gelesen habe und den Effekt spüre, gebe ich – der Autorin ähnlich, die über Greta Thunbergs Image reflektiert – bei Google den Namen der Autorin ein, um zu sehen, in welchem Maße ich ihr vertrauen kann.

Oder ich lese prüfend, was ich selber (ab)geschrieben habe. Nicht weil ich so klug bin, sondern so unsicher (nackt). Hier und hier und hier. Seltsam, wieviel Frauen eine Rolle spielen. Plötzlich fällt mir ein altes Bilderbuch ein, ein Märchen aus der Nazi-Zeit: „Wie Engelchen seine Mutter suchte“. Ich muss es suchen. Meine Mutter hatte es mir geschenkt, und ich habe mich fremdgeschämt wegen eines bestimmten Bildes. Bezeichnenderweise: als das Kind nicht mehr unter Tieren war. Es ging nicht um Arme und Beine, verstehen Sie? Erst ein paar Jahre später habe ich auch Andersens Märchen kennengelernt. (Als erstes jedoch – mit heißen Ohren – das vom Kaiser und der Nachtigall, vorgelesen im Radio, wir gingen hinüber zu den Nachbarn – auf der Lohe, wo wir uns kürzlich wiedertrafen. Aber es war ein anderes Märchen, das mich am Radio zu Tränen rührte: Der glückliche Prinz von Oscar Wilde. Meine ersten großen Filme waren Hörspiele). Warum bleibe ich nicht strikt bei der Musik? Weil ich das nie getan habe. Der auch von mir favorisierte Wahlspruch eines guten Freundes stammte von Hanns Eisler: „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts.“

A propos: Die Autorin Kerstin Janker gehört zur nächsten Generation, und der transkript-Verlag inseriert ihr Buch: „Der Traum vom totalen Kino“. Es gibt auch einige Seiten im pdf zu lesen. Hier. Dies ist keine Werbe-Blog, und das Buch spricht für sich; ich kann für heute beruhigt abbrechen.

Vielleicht noch ein starkes Bild? Gestern habe ich Monets Bild von den treibenden Eisschollen in der Seine betrachtet, in verschiedenen Versionen. Es würde passen. Oder lieber das andere (ich habe das erwähnte Bilderbuch wiedergefunden).

Wie Engelchen seine Mutter suchte. Ein Märchen in Versen von Magdalene Wannske [sie schrieb 1933 „Jungvolk: Erlebnisse und Gedanken eines Hitlerbuben“] Hamburg-Leipzig 1927. Bilder von Ernst Kutzer. (Das Buch ist natürlich in Farbe, hier aus drucktechnischen Gründen in Grautönen). Als ich es kennenlernte, wurde Europa gerade in Schutt und Asche gelegt.

Heute Abend noch einmal das Thema Greta Thunberg im Fernsehen (Auslandsjournal). Folgender Link abrufbar bis 14.08.2020. Bei 2:08 die Frage: „Was ist Inszenierung, was ist echt?“ Von meiner Seite kein Kommentar.

https://www.zdf.de/politik/auslandsjournal/hoffnung-heldin-hassfigur-100.html HIER

Vögel beobachten (Birding)

The Cornell Lab of Ornithology

Was ist das ? Siehe Hier !

Ein vogelkundliche Wanderung in der Nähe von New York:

Online bird guide, bird ID help, life history, bird sounds from Cornell

Eine Liste der entdeckten Vögel: hier. Zu jeder Art können Sie eine Informationstafel wie die folgende (verkleinerte) zum Zaunkönig House Wren aufrufen, die Gebiete seines Vorkommens und verschiedene Fotos, sowie eine Reihe von Aufnahmen seines Gesangs.

 Beispiel

Zusatzfrage zum Video oben: Was ist „pishing“ (steht nicht im Lexikon) siehe hier.

Zitat: Because pishing or squeaking disrupts the natural behaviour of a bird, birding organisations consider it unethical to make excessive use of this method of attracting birds. Such organisations recommend that, once the bird has been viewed, the birder cease pishing and allow the bird to return to its natural behaviour.

(Siehe auch die Kommentare dazu unter dem Youtube-Video.)

Für alle Fälle, – das Englischlexikon: hier

Erinnerung

Der Tag beginnt mit einem Leitartikel

Die Süddeutsche beziehe ich rein zufällig für zwei drei Wochen (jemand ist im Urlaub und hat die Zeitung freundlicherweise umgeleitet). Also, ich lese, – die Gedenkminuten und -stunden im Fernsehen waren unübersehbar – , also: wie war das mit Woodstock? Habe ich damals überhaupt was mitgekriegt? Da steht es (anders als online): Vom Ich zum Wir und drüber: 50 Jahre Woodstock.

Seltsamerweise denke ich als erstes an meine Tante, die mir bei der Feier zu ihrem 104. Geburtstag als Begrüßung ein Wort von Martin Buber ins Ohr flüsterte („das ist das wichtigste, was ich verstanden hab: Vom Ich zum Du“, siehe hier), und tatsächlich sehe ich heute (!), was es für Buber bedeutete (siehe hier), – ist es nicht das gleiche, was mir als „Subjekt-Objekt-Spaltung“ oft in der philosophischen Lektüre begegnet ist, zuletzt auch wieder in der erweiterten Form des Herr-und-Knecht-Bildes bei Hegel? Oder verwechsele ich was? Wie die Wechselseitigkeit zwischen Freiheit und Freude, Woodstock & Freedom. Vielleicht nur eine dumme Assoziation.

Und dann dieser Leitartikel, der so beginnt:

Richie Havens wäre an jenem Freitag im August 1969 eigentlich noch gar nicht dran gewesen. Da aber niemand außer ihm da war, der sich imstande sah, das Festival zu eröffnen, ging er auf die Bühne. „3 Days of Peace & Music“ waren angekündigt, Ungeduld vor, Ungeduld hinter der Bühne. Also eröffnete Havens kurzerhand Woodstock, eröffnete das koordinierte Chaos, in dem eine halbe Million Ichs zu einem Wir werden sollten.

Ob Havens nun drei Stunden durchspielte, da Sweetwater wegen des Staus eingeflogen werden mussten, oder es doch 45 Minuten waren, darüber existieren einige Mythen. Wie ja ganz Woodstock ein Metamythos ist. 50 Jahre später sind diese wilden Tage im August 1969 noch immer Teil des kollektiven Rebellions- und Musikgedächtnisses. Woodstock und die Hippiebewegung, die Studentenproteste und die Kämpfe der 68er erscheinen umso aktueller, je entschiedener die Klimakinder von 2019 ihre Gegenwelt einfordern. Havens gingen damals jedenfalls langsam die Songs aus. So entstand aus Not und Improvisation „Freedom“ – und der Untertitel für diese Flower-Power-Weltflucht-Veranstaltung.

Und zeichenhaft sehe ich den Vornamen Zoe zwischen Friederike und Grasshoff stehen, eine bestimmte Gegenwart zwischen Vergangenheit und ich weiß nicht was, sagen wir: einer Unausweichlichkeit. Welcher Generation mag die Autorin angehören? Irgendwo stoße ich auf den Satz:

Ein halbes Jahrhundert später hat nun eine neue Jugendbewegung die Weltbühne betreten. Faktisch ist sie im Frieden aufgewachsen, nicht minder faktisch glaubt sie nicht, dass dieser halten wird, wenn demnächst die ersten Staaten untergehen. „Fridays for Future“ hat gute Chancen, als Protestgruppen wie „Occupy“ oder „March for Our Lives“ mediale Aufmerksamkeit zu erhalten und Bilder zu kreieren, die es in ihrer Vehemenz mit dem Woodstock-Schlamm aufnehmen können.

Die Gegenwart wird aufgeladen durch Erinnerung und diese durch eine gewaltige Akkumulation. Es ist der ständige Blick in die krasse Realität. Da ist nichts Nostalgisches beigemischt, die Blumen(enkel)kinder sind nicht mehr das, was sie in früheren Zeiten waren. Zum erstenmal höre ich von der Generation Y, habe ich das verschlafen? nein, die Geburtsjahre 1998, 2002, 2004 und 2008 sind mir vielleicht fester ins Bewusstsein eingegraben als die Daten der größten Komponisten. Sagen wir 1685, 1756, 1770, 1797. Aber das geht schon zu weit:

In diesem Punkt unterscheiden sich die Klimakinder von 2019 auch sehr von der Generation Y, deren Ruf so schlecht ist wie ihr Name. Zwischen den frühen Achtziger- und den späten Neunzigerjahren geboren, schauen sie nun den Jüngeren dabei zu, wie die die Arbeit machen. Nach dem Schock von 9/11 und unter dem Eindruck von Angst und Unsicherheit wurde Freiheit für diese Generation eher zum Imperativ des biografischen Funktionierens. Der vermeintliche Ausbau von Individualität wurde zum einzig logischen Lebensentwurf einer auch lähmenden Leistungsgesellschaft.

Quelle Süddeutsche Zeitung 10./11. August 2019 Seite 4 Vom Ich zum Wir Von Friederike Zoe Grasshoff / online hier.

Sehr lesenswert. Was ist mit den Generationen der letzten Buchstaben X, Y, Z ? Wikipedia weiß wie immer Rat: HIER. Gehöre ich zur Generation der Boomers? Das wäre großartig!

Durch die zeitliche Einordnung gilt sie [die Generation Y] als Nachfolgegeneration der Boomers (bis 1965) und der Generation X (bis 1980). Der Buchstabe Y wird englisch why („warum“) ausgesprochen, was auf die teils als charakteristisch für die Generation Y beschriebene Neigung zum Hinterfragen verweisen soll. Die nachfolgende Generation wird von denen Generation Z genannt, die keine Probleme damit haben, in den 1980er oder 1990er Jahren Geborene als Generation Y zu bezeichnen. Sie umfasst nach Auffassung einiger Wissenschaftler die Geburtsjahre 1995 bis 2010; andere lassen die „Generation“ erst mit jüngeren Geburtsjahrgängen beginnen (vor allem diejenigen, denen zufolge Menschen des Jahrgangs 1999 noch zur Generation Y gehören).

Eigentlich wollte ich mir über etwas ganz anderes Gedanken machen. Es ist die Neigung zur Erinnerung, die meiner Generation, nein, meiner Altersklasse nachgesagt wird; gemeint ist ein fruchtloses Aufwärmen der Vergangenheit, als sei damals alles schöner gewesen. („Opa, erzähl nochmal vom Krieg!“ In der Tat, mein Opa, der auf dem Lande lebte, hatte die erzählbarste Zeit seines Lebens in Frankreich um 1916 verlebt. Seine kleine Tochter daheim war drei Jahre alt (meine spätere Mutter). Und zu meiner Zeit um 1955 hob er gern hervor, er könne leicht 100 Jahre alt werden. Er schaffte leider nur 83). Ich wollte anfangen mit der Erinnerung, wie es war, wenn ich sein Haus betrat. Von der Rückseite, dort war immer offen, durch den Kuhstall. Das Rasseln der Ketten, das heftige Schnaufen, gewiss, aber es ist vor allem dieser Geruch, der heute noch schlagartig jene Zeit heraufruft, ob ich in Westfalen aufs Land komme oder auch in Südtirol auf einen Bergbauernhof. Aber nun habe ich ein neues Buch, das mich ergreift, und da kann ich genauso gut mit dem Bildersehen beginnen wie mit dem Geruch, der eine andere Erinnerung evoziert (oder ein anderes Buch, nämlich:) „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?

 2019

 1971

Das eine Buch erinnert an das andere und beide an die täglich wiederkehrenden Erinnerungen, die manches mit (der Wirkung von) Kunstwerken gemeinsam haben. Hier ist noch das Inhaltsverzeichnis des Buches „Anderswohin“ und der Link zu den Seiten der Künstlerin, die ab Seite 89 eine Rolle spielt.

 Randa Mdah hier

Ich finde es so bewahrenswert, wie John Berger in diesem Brief an die palästinensische Bildhauerin – über die Zeit, deren es bedarf, eine Skulptur zu betrachten, – zu dem schönen Begriff „Zeit eines Liedes“ kommt.

Kunstwerke bewohnen und bieten uns eine Erfahrung der Zeit, die sich von dem Erleben der meisten Tagesereignisse unterscheidet. Vor und in einem Kunstwerk betreten wir eine andere Gestalt der Zeit. In nenne sie die „Zeit eines Liedes“, obwohl sie sich genauso auf visuelle, stille Kunstwerke beziehen lässt.

Die Dauer eines Liedes schiebt sich als Zwischenraum in die fortlaufende tägliche Zeit, und beide, Sänger und Zuhörer, betreten dieses Dazwischen, wo nichts erwartet wird und nichts mehr nötig ist, als dass man sich dieses Lied teilt. Und dieses Lied ist gleichzeitig Vorschlag wie Ergebnis, Bitte wie Antwort, Schmerz wie Trost. Deine Skulpturen existieren in dieser Dauer, der Zeit eines Liedes.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Randa Mdah Die Zeit eines Liedes (Seite 91) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Ich habe die Beiträge in folgender Reihenfolge zu lesen begonnen, aus welchem Grunde so und nicht anders, weiß ich nicht: Die vertikale Linie Seite 106, Stillleben. Ein offener Brief an Marisa Seite 9, Claude Monet. Woandershin Seite 64.

 Monet „La pie“ (1860)

Aber dass die Elster auf dem Gatter, der Fluchtpunkt des Bildes, einer Note gleicht, darauf hat mich erst der Prospekt des Musée d’Orsay gebracht (hier); es fasziniert mich nicht dank der „Notenlinien“, sondern weil ich es mir als Einzelton vorstelle, der nicht unbedingt dem Warnruf des realen Vogels gleicht.

Ziemlich am Anfang des Buches geht John Berger auf seine typische Art ins Grundsätzliche:

Warum besuchen Menschen Museen und betrachten Bilder? Vermutlich gibt es auf diese Frage so viele Antworten wie Menschen. Eine weitere naive Frage könnte lauten: Wenn sie ein Bild wirklich gesehen haben, wo behalten sie es im Gedächtnis? Sitzt diese Erinnerung gleich neben denen an andere Orte? Gleich bei den spektakulären Sehenswürdigkeiten? Oder irgendwo ganz woanders? Du würdest das wissen, Marisa, aber du bleibst stumm.

Und dann folgt der Passus, der auf dem rückseitigen Cover des Buches (siehe oben) wiedergegeben ist. Und aus dem „woanders“ wird später der Titel des Monet-Essays: „Woandershin“. Was soll das bedeuten?

Zehn Jahre vor Camilles [Claude Monets Frau] frühem Tod hatte Monet die Ecke eines von Schnee bedeckten Feldes gemalt. In der Ferne sieht man ein kleines Gatter, auf dem eine Elster sitzt. Nach ihr benannte er das Bild La Pie. Unsere Augen werden von dem kleinen schwarz-weißen Vogel angezogen, zum einen, weil er den Fluchtpunkt der ganzen Komposition bildet, zum anderen, weil wir wissen, dass er jeden Moment auffliegen könnte. Er ist kurz davor, zu verschwinden. Er ist dabei, woandershin zu fliegen.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau arbeitete Monet an einer Serie von Leinwänden über den starken Eisgang auf der Seine. Einige Jahre zuvor hatte er sich dem Sujet schon einmal gestellt, damals nannte er das Bild La Débacle. Er war fasziniert von dem Auseinanderbrechen, dem sich Übereinanderschieben der Eisschollen, die vor dem Tauwetter noch fest und massiv eine einzige Fläche gebildet haben. Und nun werden sie von der Strömung flussab getragen.

Manche der zerbrochenen weißlichen Rechtecke der Eisschollen lassen mich an unbemalte, treibende Leinwände denken. Hatte er vielleicht das gleiche gedacht? Wir werden es nie wissen.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Claude Monet Woandershin (Seite 66) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Monet hat einmal erklärt, dass er nicht die Dinge an sich malen möchte, sondern die Luft, die die Dinge berührt. Die Luft, die sie umhüllt. Die alles umhüllende Luft besitzt Kontinuität und unendliche Ausdehnung. Und wenn Monet die Luft malen kann, kann er ihr folgen, als ob sie ein Gedanke wäre. Natürlich mit der Ausnahme, dass die Luft ohne Worte auskommt, und, falls sie gemalt wird, nur als Farbe, Berührung, Schicht, Palimpsest, Schattierung, Zärtlichkeit, Kratzer sichtbar gegenwärtig wird. In dem Moment, da er sich der Luft weiter und weiter nähert, führt sie ihn zusammen mit dem ursprünglichen Sujet woandershin. Das Fließen ist nicht mehr das der Zeit, sondern das der Substanz und der Ausdehnung.

Quelle a.a.O. (Seite 67)

Man erkennt schnell, dass dies keine kunstwissenschaftlich, sondern poetisch motivierte Arbeit ist, und ich darf vielleicht erwähnen, dass ich beim Lesen fortwährend Musik im Sinn habe, genauer: an das denke, was Susanne K. Langer als Inhalt der Musik zu erfassen suchte; das eben nicht mit Worten gesagt werden kann und doch nicht weniger real ist. Und so verstehe ich gern, weshalb hier im Zusammenhang mit der Luft, die ein Bild umhüllt, auch von Substanz und Ausdehnung die Rede ist. Es handelt sich nicht nur um die Luft, die das Bild um die Elster erfüllt oder mit den Eisschollen, es kann sich wohl auch um die Luft des Kuhstalls handeln oder das Klirren der Ketten.

In dem Moment, da ich dieses schreibe (13. August 2019 16:15 h), meldet sich Facebook mit einem Signal, das mich auffordert, eine bestimmte Seite mit einem Like zu versehen. Ich liebe es weder daran erinnert zu werden noch der Ermunterung Folge zu leisten. Dass ich die Störung nicht ausgeschaltet habe, ist ärgerlich genug. Ich gebe den Namen bei Google ein und stoße auf folgende Musik, die mich fasziniert, noch mehr aber die Tatsache: dass ich dazu einen detaillierten Text lesen kann oder soll. Steht dieses In-Worte-fassen einer Musik, beziehungsweise: dass sie einem wortreichen Sujet folgt, nicht in einem vollkommenen Widerspruch zu dem, was ich die ganze Zeit gedacht habe? Aber – warum nicht. Ich bin gegen solche Einbrüche nicht versichert.

Ob sich die Musik nun hier verlinken lässt oder ob das facebookbedingt nicht gelingt, – ich mache den Versuch: HIER. Deutlicher kann ja wohl der Finger der Vorsehung mir nicht den Weg weisen… (so entstehen Legenden!) ich zitiere den Text, der vielleicht alles klärt, und dieselbe Musikaufführung mit einem zweiten Zugang:

L’Ange du morbide (2015) by Antonio Covello gathers the suggestions of the text of the same name written in 1922 by Jean Paul Sartre. In the story the main character, Louis Gaillard, a well-read provincial professor, but also a mediocre man attracted to morbidity and to the idea of illness, goes on a holiday in the Vosgi region. Here, after having imagined loving an ill woman, in reality he meets Jeanne, who suffers from tuberculosis and whom he is never able to posses, because during his advances she is stricken with a bout of cough. At this very moment, Louis abandons her. It seems he has finally become aware of the tangibility and reality of illness, from which he now understands he wants to escape due to his fear of being infected; so much so that “he forgot all about this woman’s real sweetness, her true character; it seemed to him that another being, mysterious and terrifying, had slipped into her, something like the Angel of Morbidity, that morbidity he had looked so hard for”. The man’s negativity and bad faith collide with reality, in which illness is the angel of morbidity, which is firstly latent in his thought and later clear to his eyes, and is also a threat for the reassuringly bourgeois way of life. This same reassurance appears in the clarinet’s opening melody, which is interrupted and then overcome by the impact with the shrill and jarring reality of the other high-pitched instruments, which is every bit as violent as the way Sartre “portrays” things. Indeed, the piece’s texture continually changes colour through the use of timbre and register and, although it develops over a tripartite scheme, does not allow us while listening to recognize figures that have already appeared, where and if these figures are re-proposed: we can only perceive their perpetual changing, which is similar to that of the body assaulted by an illness. In the same way, both the “blocked” sounds of the piano and the extended techniques of the flute are references to the manifestation of “something” acting in that body from the inside, such as a cough and labored breath. Roughly halfway through the piece, an attempt to recover the middle register – by re-proposing part of the opening solo’s material, using however augmented rhythms – and achieve the deep register, mainly with the bass clarinet, is again rejected by the high sound of the other instruments. Just as the body is worn out by the illness, and on a psychological level by a life-pervading nostalgia, the piece’s unity is worn out by variation, which ultimately leads it to crumble apart: like Louis, we too forget everything that could reassure us at the beginning, albeit with a melancholic acceptance. Much like the text, in which the prose itself clashes with reality by representing a rejection of anything in literature that represents a compromise with the truth – such poetic or other attitudes which merely aim at creating an effect – in this music nothing is left to rhetoric: the changing colours of the sonic texture make the piece a sort of single gesture and the writing leaves no more than an echo of the Sartre’s text, refusing to offer us the possibility of recognizing the story’s characters in the musical figures, and centering on the sound, which is presented in an extremely strong and direct way, not in the least toned down, but brought to life by the angel within, that is, variation. – Mariachiara Grilli

Der Tag begann mit einem Leitartikel und endet mit einem verbalen Geleit. Damit es auch zum Ziel führt, folgt hier noch einmal dieselbe Aufnahme auf Youtube:

Nachtrag 16.08.2019

Der Anlass, noch einen John-Berger -Text nachzutragen, liegt in einem SZ-Artikel den ich heute in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe („Augen auf“ von Edgar Reitz); ich erinnerte mich, dass ich mich erinnert hatte, bei bestimmten Fotos über die Verschönerungen von Dingen in ihrer visuellen Isolierung nachgedacht hatte:

Auf einem Stillleben lassen sich sämtliche Objekte mit der Hand greifen und halten. Sie besitzen den gleichen Maßstab wie die Hand, man kann sie alle berühren. Das ist vielleicht der Grund, warum sich der Maler mit ihnen auf eine unmittelbar gestische Art identifizieren kann. Sie werden zu Gliedern seines eigenen Körpers. Auf den Stillleben Frida Kahlos oder den Blumenbildern Georgia O’Keefes ist das deutlich zu erkennen. In einer zutiefst körperlichen Bedeutung des Wortes gehen eine Flasche, eine Frucht oder eine Blume mit der Malerin oder dem Maler eine intime Beziehung ein.

Marisa, du zeichnest oder beobachtest aus einer solchen Nähe, dass du denkst, die von dir auf das Papier gesetzten Spuren würden von einer traumwandlerischen Erinnerung gespeist. Es ist, als ob jedes Ding und seine Teile, jedes Blütenblatt, jede Falte, jeder Griff einen Geruch besäße, durch den du in deinem Körper eine vergangene Erfahrung wiedererkennst. Nur ist es weniger eine Frage des Geruchs als der Form, der Textur, des Gewichts, der Temperatur, der Dichte, der Farbe. Jede dieser Eigenschaften stößt etwas im Gedächtnis deines Körpers wach, gewinnt die Kraft der Erinnerung.

Quelle John Berger „Woandershin“ darin: Stillleben Ein offener Brief an Marisa (Seite 9) Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hans Jürgen Balmes / Wallstein Verlag 2. Auflage 2019

Das nächste Bild war mir 1963 in Köln das liebste, – die Spiegelung auf dem Glas -, weniger das darauf folgende. Ob ich wusste, dass ein Stillleben in Frankreich „nature morte“ genannt wurde? Haben mich die beiden menschlichen Gestalten im Hintergrund interessiert? Was ist mit Hahn und Henne (ganz unten rechts), leben sie, sind sie davongekommen? Und der Schwan mit seinem seltsam verbogenen Hals, schaut er die beiden an? Was soll mir der Eberkopf auf dem Pfauenfederkissen sagen? Vergrößere das Bild, es schreit nach Farbe. Soll es vom Tod sprechen? Ich lese noch einmal John Berger…

 vgl. heute hier

 Frans Snyders hier

Quelle Beide Fotos aus: Wallraf-Richartz-Museum der Stadt Köln / Verzeichnis der Gemälde Köln 1959

Versuch, einen Ausschnitt realistischer zu sehen. Zahlreiche Bilder von Frans Snyders in einer Übersicht hier. Bergmann Galerie Kunsthandel. Man kann sogar Kopien anfertigen lassen und erwerben. Das Kölner Bild auf Seite 3, Reihe 6 Bild 3.

Humor und Tragik

Die Tageszeitung als Katalysator

Ein Beispiel: man wacht am Morgen auf und ist gut gelaunt, – ohne zu wissen warum. Man ist halt lebendiger als in der Nacht um eins, als man einschlief. Und noch beim Lesen der Zeitung sucht man nach Stoff, der zum Lebendigerfühlen passt, man bleibt hängen bei bestimmten Punkten der Synapsenbildung. In der SZ beginnend bei dem Namen (und dem Gesicht) „Glucksmann“, wie war der Vorname? André, das war der, dessen Buch ich damals nicht gelesen habe, es steht im Keller, am Klavier muss ich mich nur um 180 Grad drehen, um es aus dem Regal zu greifen. Über die Dummheit. Ich las es nicht, es war mir zu rechts (? – ein Geigenschüler hatte es mir geschenkt, um mich von Adorno zu lösen). Und nun der Sohn namens Raphaël (den ich bis dato nicht kannte).

Mit einer Ästhetisierung der Politik suche Macron den realen Machtverlust des Staatslenkers, der zusehends den Spielregeln der Märkte ausgesetzt ist, mehr zu überspielen als zu bekämpfen. Hinter seinem „enthusiastischen Konformismus“ werde paradoxerweise ein Mangel an politischer Ambition erkennbar.

Aus dieser kritischen Position heraus strebt Glucksmann ein linkes Gegenprogramm ökologischer Ausrichtung an. Das vorliegende Buch steckt dafür das Ideenfeld ab. Mit seinem Plädoyer für eine „tragische Ökologie“ beispielsweise will der Autor die Klima- und Umweltfrage aus der Perspektive abstrakter Hypothesen in den Horizont des „Tragischen“ überführen, in dem das Ende unserer Welt die höchstwahrscheinlich auf uns zukommende Lebensrealität ist.

Hat das mit der seltsamen Ästhetisierung des Katastrophischen zu tun, die ich vor einigen Tagen verwundert zur Kenntnis nahm, siehe Rauterberg hier? Mein Missverständnis wahrscheinlich, ich brauche mehr Text; es erinnerte mich eben noch an die Parade in Paris, auch YoYo Ma spielte, und zwar die tragische Sarabande aus der Bach-Suite C-moll:

Macron wollte die in Frankreich blockierten Energien freisetzen, sein Land aus dem rebellischen Abseits holen und den Gegebenheiten der Welt anpassen, ist nach Ansicht Gluckmanns aber unfähig, die von der Globalisierung verunsicherten Bevölkerungsschichten anzusprechen.

„Ihr seid  Zehntausende und ich sehe nur ein paar Gesichter“ – dieser vom jungen Präsidenten in der Wahlnacht vor zwei Jahren im Louvre an sein Publikum gerichtete Satz machte für Glucksmann Macrons Volksblindheit offensichtlich. Er spreche zu einer Vielzahl von „Ichs“, sei als Sprössling der individualistischen Revolution aber zu keiner anderen Vorstellung des „Wir“ fähig als jener, die spiegelbildlich aus der Eigeninszenierung  seiner Macht und aus der Beschwörung historischer Mythen hervorgehe.

Quelle Süddeutsche Zeitung 6. August 2019 Seite 11 Die leere Menge Jenseits von intellektueller Überheblichkeit und moralischer Rechthaberei: Raphaël Glucksmann versucht, den Gesellschaftsvertrag neu zu begründen / Von Joseph Haniman

Der andere „Stoff“ stand im Tageblatt und erinnerte mich merkwürdigerweise an das vor einigen Tage gesehene Youtube-Video, das Henryk M. Broder bei einer Rede vor der AfD zeigt und mir als eine von prekärem Witz gezeichnete Veranstaltung in Erinnerung blieb. Wie er, im peinlichsten Einvernehmen badend, die Klimakatastrophe ironisierte. Diese unkenntliche Vermischung von intellektueller Arroganz und André-Glucksmannscher Dummheit. Man möchte es vergessen, aber es bildet ein Schleife des Erinnerns. (Damals vor 40 Jahren im WDR, als eine Kollegin den offenbar undankbaren Broder als ihre „Entdeckung“ reklamierte.) Schließlich ein fast therapeutisches Thema – als Frucht der Sommerlocherntezeit – „Der Witz als Forschungsobjekt“.

Worüber gelacht wird, hängt sehr stark mit dem kulturellen Repertoire, dem kollektiven Gedächtnis und dem Selbstbild einer Gesellschaft zusammen. Deshalb könne der Humor auch ganz schnell kippen und etwas Beleidigendes und Verletzendes bekommen, wenn Beteiligte einen anderen kulturellen Hintergrund besäßen. Als Beispiel nennt der 45-Jährige den Karikaturenstreit. „Im Westen gehört es mittlerweile meist zum Standard, selbst religiöse Autoritäten zu verlachen. In muslimischen Ländern ist das aber ganz und gar nicht so.“ Da die Menschheit in einer globalisierten Welt lebe, würden die unterschiedlichen Humorkulturen heute sehr viel schneller aufeinanderprallen als noch vor 100 Jahren: „Dann wird aus Humor ganz schnell Verletzung, weil man selbst andere Tabutoleranzen hat.“

Doch in vielen Fällen lache die Welt gemeinsam über dieselben Sachen, meint Koch. [Beispiele Charlie Chaplin oder Mr. Bean].

Quelle Solinger Tageblatt 6. August 2019 Seite 23 Der Witz als Foschungsobjekt Humor kann durchaus eine ernste Sache sein. An der TU Dresden widmet sich ein Forscher Witzen mit viel Ernst. Für ihn [Lars Koch] gehören Humor und Lachen zum Menschen wie das Herz oder der Verstand. / Von Jörg Schurig.

Auf die Unterschiede kommt es letztlich an. Ob man eher über Mario Barth lacht oder über Olaf Schubert. Slavoj Žižek ist für mich erledigt, seit ich seine Witze kenne bzw. das ganze enthemmte Interview im SZ-Magazin vom 2. August; dabei nehme ich ein paar heikle Stellen aus, z.B. über die Korrektheit in der Sexualität, wo er verständlicherweise dem Mainstream vor den Kopf stoßen will. Ich meine auch nicht seinen leicht pöbelhaften Ton; dergleichen hat seltsamerweise Nietzsche salonfähig gemacht. Unerträglich eher, dass er die Kategorie „geschmackloser Witze“ bedient, selbst zu der Frage „Wo war Gott in Auschwitz“. Andererseits habe ich sein „Parallaxe“-Buch wieder vorgenommen (das einzige von Žižek, das ich besitze, aber nur kursorisch gelesen habe), – ich bin nicht sicher, ob er wirklich was von Musik versteht, oder nur das, was sich in zugeordneten Texten als „Narrativ“ anbietet. Seine Assoziationsketten und Gedankensprünge, scheint mir, suggerieren neben souveräner Themenbeherrschung die Neigung zu bloßer Selbstinszenierung.

Ende der 80er Jahre las man an manchen PKWs ein Spruchband, das witzig sein sollte: „Mein Auto fährt auch ohne Wald“. Wer weiß, ob sich das heute noch jemand trauen würde. Ich studiere als Korrektiv zu widersprüchlichen Zeitungsberichten parallel die beiden Büchlein von Paech (und Eppler), die später zum Thema werden sollen, aber angesichts des Hitzerekordes und des vertrocknenden Waldes macht man keine Witze mehr (außer vielleicht Henrik M. Broder), man greift wieder einmal nach dem Strohhalm, oder ich darf sogar sagen: Strohbaum. Zitat aus der NZZ:

In der langen Lebensdauer eines Baumes von 150 Jahren wechselten sich immer wieder schlechte mit guten Jahren ab. So war zum Beispiel 2017 ein sehr gutes Jahr für das Wachstum. Und auch 2018 konnten viele Bäume nach einer «Sommerpause» noch Holz bilden. Sanders [Tanja Sanders, Leiterin des Arbeitsbereichs Waldökologie und Biodiversität am Thünen-Institut in Eberswalde]   mag jedenfalls nicht von einem Waldsterben sprechen, sondern nennt es ein Baumsterben.

Baumsterben statt Waldsterben

Der Wald wird in Mitteleuropa nicht grossflächig verschwinden. Trotzdem sei die Lage vieler Waldeigentümer angespannt, gibt Peter Elsasser vom Thünen-Institut für internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie in Hamburg zu bedenken. Er erklärt das an einem Beispiel: Wenn in einem Wald Bäume im Mittel hundert Jahre alt werden, kann jedes Jahr 1 Prozent geerntet werden, damit er im Gleichgewicht bleibt. Wenn nun wie letztes Jahr rund 0,5 Prozent der Bäume absterben oder geschädigt werden, ist das für den Wald selbst noch verkraftbar. Für die Waldbesitzer heisse dies aber, dass sie auf die Hälfte des kompletten Jahresumsatzes verzichten müssten.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung 6.8.2019 Deutschland beklagt das «Waldsterben 2.0», aber wie schlecht geht es dem Wald wirklich? In Mitteleuropa nehmen die Waldschäden zu. Deutsche Waldbesitzer sprechen bereits von einer «Jahrhundertkatastrophe», ihre Schweizer Kollegen sind nervös. Experten sprechen jedoch lieber von einem Baum- statt einem Waldsterben. / Von Christoph Eisenring, Berlin.

Nachtrag: siehe dazu auch: DIE ZEIT 8. August 2019 (online hierSelbst ist der Wald Die aktuelle Forstpolitik droht alte Fehler zu wiederholen / Von Fritz Habekuss

Sie erraten es, inzwischen habe ich im Keller Klavier geübt (Brahms op.117 Nr.2) und bin mit dem Buch von André Glucksmann zurückgekehrt. Es war damals (1985) eine Dummheit, es nicht zu lesen, oder jedenfalls nur in Stichproben. Seite 167 sehe ich einen wunderbaren Vorspruch, der von Immanuel Kant stammen soll:

Voltaire sagt, der Himmel habe uns zum Gegengewicht gegen die vielen Mühseligkeiten des Lebens zwei Dinge gegeben: die Hoffnung und den Schlaf. Er hätte noch das Lachen dazu rechnen können; wenn die Mittel es bei Vernünftigen zu erregen nur so leicht bei der Hand  wären, und der Witz oder die Originalität der Laune, die dazu erforderlich sind, nicht eben so selten wären, als häufig das Talent ist, kopfbrechend wie mystische Grübler, halsbrechend wie Genies, oder herzbrechend wie empfindsame Romanschreiber (auch wohl dergleichen Moralisten) zu dichten.

Glucksmann hat das Zitat aus der Kritik der Urteilskraft, dank Google leicht zu finden: hier.

Vorgestern, am Sonntagmorgen habe ich mein Elternhaus (seit 1954) in Bielefeld wieder aufgesucht, stark verändert durch den metallenen Zugang, aber praktischer als damals (wir betraten das Haus von der Giebelseite her durch den Keller). Mein Zimmer ganz oben links, das Fenster ist durch Blätter verdeckt. Gern hätte ich die junge Dame dort gefragt, ob im Mai die Nachtigall noch oben im Garten singt, aber die Antwort hätte wohl nicht in ihr Handy-Gespräch gepasst.

 Foto: E.Reichow

Es ist nicht die Veränderung, die mich schlagartig traurig stimmt, es ist die Erinnerung an das Glück der 50er Jahre, das auf letztlich ganz unbegründeten Hoffnungen beruhte. Mein Vater starb, aber die Zukunft schien glänzend.

Lieber will ich – näher an der Realität – weiterlesen:

Wer je das Wort „Tragik der Allmende“ richtig begriffen hat (siehe auch hier), wird erschrecken, wenn er allenthalben einer ähnlichen Aporie bei scheinbar aussichtsreichen Neuerungen begegnet. Gleich folgt eine Beispielseite aus dem danach abgebildeten Buch. Es geht um Nebenwirkungen innovativer, durchaus intelligenter Entwürfe, nach deren Umsetzung es plötzlich für Korrekturen zu spät ist: [ZITAT] erstens weil die bereits eingetretenen ökologischen und gesundheitlichen Schäden nicht mehr rückgängig zu machen sind, zweitens [und nun lesen Sie bitte im Scan weiter: insbesondere den Satz von den Verwertungsinteressen, die sich herausgebildet haben und sich bestens zu verteidigen wissen, sowie von der unverzichtbaren Symbolik für individuelle Selbstdarstellung! Es ist völlig klar, dass sich auch hier das Wort TRAGIK einstellen wird:]

Ich hatte in einem früheren Blogbeitrag bereits einen erhellenden Vortrag von Niko Paech verlinkt und tue es hier noch einmal, um an einem allzu selbstgefälligen Kulturbewusstsein zu rütteln, das auch mir – so fürchte ich – nicht fremd ist; und neuerdings bedient es sich argumentativ bei Niko Paech, wenn ich mich nicht irre. Ich lese bei dem hochgeschätzten Hanno Rauterberg:

Kann eine Kunst, die das Gute und Richtige propagiert, mehr sein als ästhetischer Ablasshandel?

Niemand der die Biennale in Venedig besucht, die gerade ganz im Zeichen des Klimawandels steht, muss erst davon überzeugt werden, dass Plastik im Meer nichts zu suchen hat. […]

Wenn sich aber Künstler und Publikum so wunderbar einig sind, entwickelt die Kunst weniger eine aufklärende als eine besänftigende Wirkung. Der Besucher investiert Geld und Zeit, um die Werke zu betrachten, und bekommt im Gegenzug das gute Gefühl vermittelt, selbst keiner der geschmähten Touristen zu sein, sondern etwas ganz anderes, etwas Besseres: ein Reisender in Sachen Kultur, der garantiert auf der richtigen Seite steht. Gerade dieses Wohlgefühl ist natürlich die beste Voraussetzung dafür, dass alles schön beim Alten bleibt.

Wie wirkungslos eine sozial und politisch gepolte Kunst in der Regel ist, zeigt sich bereits daran, dass Künstler-Appelle grundsätzlich nur die anderen meinen. Diese anderen sind es, nicht die Künstler selbst, auch nicht die Museen, Theater oder Filmstudios, die sich ganz dringend ändern sollen. Es gilt die alte Regel: Je moralisierender das Pathos der Kunst, desto schwächer die Bereitschaft zur Selbstkritik.

(Bemerken Sie, wie schlau ich vor diesem Zitat Selbstkritik habe aufleuchten lassen, um ja nicht selbst in die Schusslinie zu geraten!? Und nun folgt die Quelle des Zitates, danach aber gleich die Fundstelle im Paech-Vortrag, an der der Mechanismus mit der Selbstreinigung durch Ablasshandel studiert werden kann.)

Quelle DIE ZEIT 1. August 2019 Seite 33 Die Kunst der Scheinheiligkeit Natürlich ist die Kulturwelt ganz entschieden für den Klimaschutz – und produziert doch Treibhausgase in gigantischem Ausmaß. Ist das der Preis der Weltläufigkeit? Von Hanno Rauterberg.

Und nun noch einmal – Stichwort Ablasshandel – der Link in den Paech-Vortrag HIER , gehen Sie dort aber gleich auf den Punkt 24:12, Textbeginn „Vor 500 Jahren hat Martin Luther den Anschlag zu Wittenberg verübt“.

Nachtrag zum Rebound-Effekt 

Der wurde schon 1865 von einem britischen Wirtschaftswissenschaftler entdeckt. Die Wirkungsweise ist simpel: Alles, was eingespart wird, wird woanders investoiert. Unternehmen steigern ihren Umsatz, die Profite stecken sie in die Entwicklung neuer Produkte oder in die internationale Ausdehnung, was wiederum mehr Nachfrage zur Folge hat. Und Konsumenten sparen durch Effizienzsteigerung Kosten: Wer ein Elektroauto fährt, spart Benzin. Und was macht er oder sie mit dem Gesparten? Es wird höchstwahrscheinlich in ein anderes Konsumgut gesteckt. Effizienzsteigerung führt zu noch mehr Konsum. (…)

Niemand weiß, wie Wohlstand ohne Wachstum aussähe. Allerdings weiß auch niemand, wie eine durch Erhitzung der Atmosphäre veränderte Natur sich auf die Wirtschaft auswirken wird. Tatsache ist, dass Effizienzsteigerung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum allein nicht zur Reduktion von CO²-Emissionen geführt hat, und wenn es in der Vergangenheit nie funktioniert hat, taugt es vermutlich auch nicht ohne Weiteres als Zukunftsmodell.

Quelle DIE ZEIT 8. August 2019 Seite 3 Der Schein trügt Die Grünen nennen ihre Politik gern radikal. Wer das glaubt, sollte mal ihr Programm lesen. Wenn es verwirklicht wird, ändert sich: Nicht viel / Von Elisabeth Raether

Anschließend wäre noch zu empfehlen: das Gespräch zwischen Cem Özdemir und VW-Chef Herbert Diess, – der in einzigartiger Logik darlegt, weshalb er möglichst viele SUVs verkaufen muss, um sich die Entwicklung des extrem klimafreundlichen Elektroautos leisten zu können.

Quelle DIE ZEIT 1. August 2019 Seite 20 Ist das Auto schuld am Klimawandel ? Der Grünen-Politiker Cem Özdemir und VW-Chef Herbert Diess über SUVs, das Ende des Verbrenners und die dreckige Seite der E-Mobilität. [Online abzurufen hier.]

Heute, am 7. August 2019, lese ich noch etwas anderes, an die Stelle des oben erwähnten Vitalprotzes Žižek tritt eine Frau, deren Namen ich bisher nicht kannte, 1937 als Tochter jüdischer Eltern im algerischen Oran geboren, seit 1955 in Paris lebend.

Natürlich ist es wichtig, dass Frauen schreiben. Aber, und das ist etwas, das ich schon im Lachen der Medusa schrieb, jede große Literatur hat Merkmale dieser Weiblichkeit, egal ob sie von einer Frau oder einem Mann unterschrieben ist. Das ist das Geheimnis des Schreibens. Meine persönliche Bibliothek ist voller lebender Toter, sie schreiben alle, sie erschaffen alle Figuren, die so kraftvoll menschlich sind. Sehen Sie zum Beispiel Dostojewski an: Im echten Leben war er ein Mann mit allen Schwächen des Mannes, der vollkommen von seiner Frau abhängig war, die sein Überleben gesichert hat. In seinem Schreiben wird dieser Mann Nastassja Filippowna – eine Frau unter Frauen, mit all dem Begehren und der Verzweiflung echter Frauen. Das ist das Wunder des Schreibens. Aber es gibt nur wenige Schreibende, die dieses Menschliche schaffen können, die diese vollständige Öffnung vollziehen können, der immer eine Weiblichkeit zugrunde liegt.

Quelle DIE ZEIT 8.August 2019 Seite 37 Ist die Frage nach der Frau noch wichtig? Ein Gespräch mit der Pariser Philosophin und Schriftstellerin Hélène Cixous. Von Anna Gien. [Über Das Lachen der Medusa siehe hier]

In derselben Viertelstunde lese ich in der Süddeutschen den Text einer Schriftstellerin, die 1981 in Petersburg geboren ist und als Kind nach Deutschland kam.

 Eine schwäbische Kleinstadt, die vierte Klasse, Mai 1992: Ich verstehe Mathe – die Zahlen – und Musik – die Noten. Sonst verstehe ich nichts. Deutsch, Heimat- und Sachkunde, und was man sonst in der Grundschule so lernt, sind keine Fächer, weil sie Farben sind. Das sehe ich, erst verwundert, dann bewundernd. Jedes Fach scheint einen andersfarbigen Heftumschlag zu haben. (…)

In Mathe schreibe ich geliebte Zahlen, sie ergeben einen Sinn. Ich schreibe die Lösungen so schnell herunter, dass es dem Lehrer auffällt, der mich an die Tafel ruft. Dorthin schreibt er eine Aufgabe, die schwieriger ist, als was wir bis eben gerechnet haben. Das Ergebnis weiß ich, ich grabe in meinen Deutschkenntnissen nach den deutschen Zahlen. „Fünfunddreissig“, sage ich, ich flüstere es. Die Sprache muss ich noch lernen, und die Lautstärke muss ich noch lernen. Und erst recht „ich“ in dieser Sprache sagen. Der Lehrer sagt nichts. Ich sage auch nichts, ich rechne noch einmal im Kopf. Und noch einmal, obwohl das Ergebnis stimmt. Da drückt er mir die Kreide in die Hand, ich soll die Zahl an die Tafel schreiben.

Es ist klar, wie die Geschichte endet. ich schreibe das richtige Ergebnis, die Dreiundfünfzig an die Tafel, das soll mal einer verstehen, warum die Deutschen die Zahlen richtig herum schreiben, aber falsch herum aussprechen. Da klatscht der Lehrer, dann klatschen sie alle, die Deutschen klatschen, für mich. Die Deutschen, unter denen mehrere türkisch-, polnisch-, kroatisch- und so weiter-stämmige Schüler und Schülerinnen sitzen, aber auch das verstehe ich noch nicht. Der Lehrer schickt mich von Tisch zu Tisch, ich soll den anderen beim Rechnen helfen. Er nennt mich Matheexpertin. Er fragt herum, ob jemand dem Schriftstellerklub beitreten will, den er heute mit mir begründet habe.

Quelle Süddeutsche Zeitung 8. August 2019 Seite 9 Vierte Klasse, keine Deutschkenntnisse Wie ich eine schwäbische Grundschule überstand und Schriftstellerin wurde. Von Lena Gorelik.

 SZ 6. August 2019 Seite 12 (Sofia Glasl)

Gestern fragte ich C.A. per Mail, was sie von diesem neuen Buch über Tango halte, heute antwortet Hélène Cissoux in der ZEIT (Quelle s.o.):

In den letzten Jahren, wenn mich eine Arbeit – und es ist immer die ganze Arbeit, nicht ein einzelnes Buch – aufgewühlt hat, waren es leider immer Werke von Männern. Der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes war eine Offenbarung für mich. Er ist mir nicht so nahe wie Clarice. Antunes ist ein Psychiater, und seine Welt ist nicht meine Welt. Es ist eine Welt voller Gewalt und Sex, aber sein Schreiben ist absolut herausragend.

Das heißt: wenn gleich geöffnet sein wird, rufe ich meine Buchhandlung an: bitte gleich zweimal für mich (und meine Tochter XX). Siehe hier.

 das Bielefelder Elternhaus am 4. August 2019

Die Holzwand müsste tiefbraun sein, nicht schmutzig-weiß. Da oben, hinter den Rosen, am Hang der Promenade, die bis zur Sparrenburg führt, sang im Frühling die Nachtigall. Im Verandazimmer starb 1965 meine Loher Großmutter in den Armen meiner Mutter.

 Handy-Fotos: JR

Der Garten, der weiter oben schon in Wildnis überging, am vergangenen Sonntag noch wie vor 60 Jahren, gehörte zu den prägenden Erinnerungen. Was ich heute hier bei uns sehen will, ist nichts anderes als eine erweiterte Reminiszenz der Verhältnisse damals. Entscheidendes Kriterium, – was ich höre: wieviel Vögel singen. (Die Nachtigall fehlt in Solingen.)

 die Loher Großeltern 1964

An der Wand der Sohn, seit 1944 in Russland vermisst. Sie warteten immer noch auf ihn. Eines Tages in den 50ern hatten sie jemand bestellt, der einen Ring über dem Foto pendeln ließ, das Ergebnis war positiv… (die Realität nicht).

Der jüdische Muslim

Ein Essay von Hans Mauritz

„Ägypten ist ein Wunder“

Ägypten war seit eh und je ein Einwanderungsland. Schon in der Antike lebten hier Griechen und Römer. Im Jahre 1940 umfasste die griechische Kolonie in Kairo und vor allem in Alexandria 250.000 Einwohner (1), die Zahl der Italiener wird für dasselbe Jahr auf 60.000 geschätzt. (2) Zahlreich waren auch die in Ägypten ansässigen Juden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert waren es zwischen 75.000 und 100.000 (3). Die meisten von ihnen, Geschäftsleute und Fabrikanten, bildeten mit den Einwanderern und mit der ägyptischen Oberschicht ein kosmopolitisch geprägtes Milieu, das wenig Interesse hatte an arabischer Sprache und Kultur und für die Kommunikation untereinander die französische Sprache benutzte. Vor allem die Stadt Alexandria beeindruckte durch ihren westlich geprägten Lebensstil und ihre kosmopolitische Ambiance: „We went through the town and found it a city of huge commercial buildings and broad, handsome streets brilliant with gaslight. By night it was a sort of reminiscence of Paris. Alexandria was too much like a European city to be novel, and we soon tired of it”, schreibt Mark Twain im Jahre 1867 (4). Schriftsteller auf der Suche nach dem Zauber des Orients mochten enttäuscht sein – Juden und Ausländer freuten sich an ihrem bequemen Leben und ihrem wirtschaftlichen Erfolg. Leute aus zahlreichen Ländern und verschiedenen Religionen seien gekommen, sagt Yakoub, eine Person aus einem Roman von Kamal Ruhayyim, und „sie alle kamen nach Ägypten ohne jeden Penny und erwarben Land, Fabriken und Wohnhäuser. Ägypten ist ein Wunder.“ („Days in the Diaspora“, p.198)

Jude und Muslim beim Schachspiel, aus dem Libro de los Juegos, 13. Jahrhundert (Madrid, Bibliothek des Escorial) (Foto: Wikipedia)

Aber es gab, vor allem in Kairo, auch Juden aus der Mittel- und Unterschicht, die seit Generationen im Lande lebten, als Muttersprache den ägyptischen Dialekt sprachen, mit ihren muslimischen Nachbarn solidarisch zusammenlebten und sich als Ägypter, wenn nicht gar als ägyptische Patrioten und Nationalisten fühlten. حارة اليهود , das jüdische Quartier von Kairo, zeugt von der Präsenz der Juden seit Jahrhunderten. Der berühmteste Bewohner dieses Viertels war Maimonides (=Rabbi Moshe Ben Maimon), Universalgelehrter, Philosoph und Arzt, der, aus seiner Heimat Cordoba vertrieben, in Marokko Asyl fand und schliesslich nach Ägypten kam, wo er 1204 starb. Mit seinem philosophischen Hauptwerk, „Der Führer der Unschlüssigen“ دلارة الحائرين, in Judäo-Arabisch verfasst und unter dem Titel „Dux neutrorum“ ins Lateinische übersetzt, setzten sich Thomas von Aquin, Albertus Magnus und Spinoza kritisch auseinander (5). Ein anderer berühmter Jude, der in Ägypten Spuren hinterliess, war Rabbi Yaakov Abuhatzeira (1806-1880), Abu Hasira ابو حصيرة , „der Mann mit der Matte“, so genannt, weil er sich an eine Matte klammerte, um im Mittelmeer nicht zu ertrinken. Am Ende seines Lebens erkrankte dieser marokkanische Rabbi auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land und starb in einem Dorf bei der ägyptischen Stadt Damanhour (6). Sein Grab wurde Ziel einer Wallfahrt, an der Jahr für Jahr zahlreiche Juden aus Ägypten und Israel teilnahmen. Diese Zeremonie wurde 2014 von der ägyptischen Regierung verboten, unter dem Vorwand, das unmoralische Verhalten der Pilger – Alkoholgenuss und Promiskuität der Geschlechter – verletze das Empfinden der muslimischen Bevölkerung.

 Maimonides, Statue in Cordoba (Foto: Wikipedia)

Das luxuriöse Leben der Reichen und die friedliche Koexistenz der Ärmeren mit ihren muslimischen Landsleuten, charakteristisch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, sollte nicht andauern. Der ägyptische Nationalismus, aufgekommen im Kampf gegen die britischen Besatzer, die Sympathie mancher junger Ägypter für Nazismus und Faschismus, das Erstarken der Moslembruderschaft, die Bildung des Staates Israel und die Konflikte mit den Palästinensern bedrohten das Leben der Juden in Ägypten. Sie emigrierten in mehreren Wellen, bevor die Machtübernahme Abdel Nassers und schliesslich die Suez-Krise zu einem dramatischen Ende der jüdischen Präsenz in Ägypten führten. Als Nasser an die Macht kam, lebten hier noch ca. 50.000 Juden, nach dem Ende der Suez-Krise noch 21.000, zehn Jahre später, als der Sechstage-Krieg ausbricht, noch etwa 7000, und heutzutage sind weniger als ein Dutzend – meist ältere Frauen – verblieben.

Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass das Thema „arabische Juden“ jahrelang nicht diskutiert wurde. Erst seit dem Jahre 2006 kommt es zu einem neuen Trend. Es werden mehrere Dokumentarfilme über die Geschichte dieser Juden gedreht, und im Ramadan 2015 zeigt das ägyptische Fernsehen unter dem Titel „Die Judengasse“ eine Soap Opera, in der das Leben einer jüdischen Familie im Kairo der späten 40er Jahre in überraschend positiver Weise dargestellt wird. Die Heldin des Films verliebt sich in einen muslimischen Soldaten, der während des arabisch-israelischen Krieges im Sinai kämpft (7).

 „Haret al-Jahud“ Soap Opera (PR-Foto)

Auch in der Literatur erlebt das Thema einen regelrechten Boom. Es erscheinen mehr als zwanzig Romane über arabische Juden, die in Syrien und im Irak, in Ägypten und im Jemen sowie in Nordafrika zu Hause waren (8). Die Gründe für dieses neu erwachte Interesse sind vielfältig: die triste Gegenwart weckt Nostalgie nach einer kosmopolitischen Vergangenheit, in welcher das Miteinander von Völkern und Religionen kulturellen Reichtum brachte. Der verlorenen jüdischen Gemeinschaft gilt es ein Denkmal zu setzen. Kamal Ruhayyim, der Autor, den wir hier vorstellen, hat dem Thema eine Trilogie gewidmet. Als einziger dieser Autoren hat er einen Helden gewählt hat, der als Muslim in eine jüdische Familie hineingeboren wurde (9).

 Kamal Ruhayyim (Foto: privat)

Ablehnung und Solidarität, Feindseligkeit und Toleranz

Galal, der „jüdische Moslem“, المسلم اليهودي , kommt in der Mitte der 1950er Jahre in al-Daher, einem Kleine Leute-Viertel von Kairo, zur Welt. Sein muslimischer Vater war von seiner Familie – Grossgrundbesitzer, die in einem Dorf nahe bei Giza lebten – zum Studium nach Kairo geschickt worden. Er verfällt dort dem Zauber der jungen Jüdin Camellia und heiratet sie. Aber noch vor der Geburt seines Sohnes bricht er auf, um seine Familie zu besuchen, kommt jedoch nicht zurück und lässt nichts von sich hören. Erst viel später erfährt Camellia, dass ihr Mann im Dorf eine zweite Frau, eine Muslimin, geheiratet hat und wenig später ums Leben gekommen ist: er hat sich den Widerstandskämpfern im Kampf gegen Grossbritannien, Frankreich und Israel angeschlossen, die Ägypten überfielen, um Abdel Nasser an der Nationalisierung des Suezkanals zu hindern. Jahre später wird Galal das Grab seines Vaters besuchen und die Inschrift lesen: „Hier ruht Abd al-Hamid al-Minshawi, zum Märtyrer geworden im Angriff der drei Mächte am 3. November 1956“.

Obwohl die meisten jüdischen Verwandten bereits das Land verlassen haben, wird die Familie der Mutter noch einige Jahre in Kairo durchhalten. Galal wächst vaterlos auf, denn alle jüdischen Freier ziehen sich zurück, sobald sie erfahren, dass seine Mutter einen muslimischen Jungen mit in die Ehe bringen würde. Die Nachbarn kümmern sich liebevoll um Mutter und Kind. Weil Camellia den Säugling nicht stillen kann, übernimmt es die muslimische Nachbarin Umm Hassan, ihn zusammen mit ihrem eigenen Sohn aufzuziehen. Diese Juden sind so gut integriert, dass sie selbst zu religiösen Festen wie dem Fasten-Brechen eingeladen werden. Freilich, eine Aura der Fremdheit umgibt sie trotzdem. Keines der Nachbarkinder betritt ihre Wohnung, „erschreckt vor einer rätselhaften Welt voll jüdischer Geheimnisse“. („Diary“,p.23) Als Galal seine Freunde einladen will, realisiert er, dass dies unmöglich ist, weil niemand die von der Hand einer Jüdin zubereiteten Speisen anrühren würde.
Obwohl im Judentum die Religion matrilinear vererbt wird, hält sich die Familie, aus Angst vor den Nachbarn und den väterlichen Verwandten, an die islamische Vorschrift, dass ein Kind die Religion seines Vaters erbt. Galal wird nicht jüdisch erzogen, erhält aber auch keine muslimische Erziehung, mit Ausnahme der wenigen Informationen, die er im Religionsunterricht aufschnappt. Er betet und fastet nicht und besitzt nicht einmal einen Koran. Wenn er am Freitag seine Kameraden auf dem Weg zur Moschee sieht, möchte er mit ihnen gehen, aber getraut sich nicht. Was ihn dagegen fasziniert und so stark berührt, dass er in Tränen ausbricht, sind der Gebetsruf und die Rezitation des Korans bei Begräbnissen. „Ehrfurcht überkam mich dann und etwas Unsichtbares übermannte mich, als klammere ich mich daran, während es mich mitnahm auf eine Reise in eine andere Welt.“ („Days in the Diaspora, p.13) Galal wird Muslim über sein Gefühl und sein ästhetisches Empfinden. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Islam oder mit dem Judentum wird nie stattfinden. Später sorgen seine Spielkameraden dafür, dass er sich seiner Religionszugehörigkeit bewusst wird. Die Kinder auf der Strasse flössen ihm Furcht ein, als sie ihm erklären, welche Höllenqualen seine Mutter und seine Grosseltern beim Jüngsten Gericht erwarten. Er, Galal, dagegen sei Muslim und komme in den Himmel. In der Schule spürt er, wie die Augen der Mitschüler auf ihm ruhen. Zu Hause beginnt er, seinerseits seine Mutter zu beobachten. Später muss er sich auseinandersetzen mit einem Kameraden, der verkündet, „dass jüdische Frauen keine Religion besitzen, die sie daran hindert, sich mit Männern einzulassen, und dass sie im Grunde Huren sind, jeden Tag in den Armen eines neuen Liebhabers“. („Days in the Diaspora“, p.244) So brutal diese Situationen sein mögen, sie helfen dem Jungen, sich zu wehren und ein Bewusstsein für seinen Status als Muslim und als Ägypter zu gewinnen: „Ich bin genau so Ägypter wie du, wie jeder andere Kerl auf der Strasse, vielleicht sogar mehr.“ (ibd., p.196)
Was ihm zugute kommt, ist die Tatsache, dass es in seiner Umgebung Menschen gibt, welche die religiöse Toleranz hochhalten. Die Muslims unter ihnen stützen sich dabei auf die Überzeugung, dass die drei Religionen – Islam, Christentum und Judentum – das „Volk des Buches“ أهل الكتاب bilden, die Gemeinschaft jener, denen Gott sich durch ein heiliges Buch offenbart hat. Sein Religionslehrer ist ein Muslim, „der sich an den Geist, nicht an den Buchstaben der Religion hält und weiss, dass Menschen nach ihrem Herzen und ihren Taten beurteilt werden, nicht nach dem äusseren Anschein“. Er verkündet einen toleranten Islam und betont, „dass der Glaube nicht vollkommen ist, wenn man nicht an vorausgegangene Propheten glaubt: Abraham, Ishmael, Jacob, Isaac, Moses, Jesus und die übrigen gesegneten Propheten und Gesandten“. (ibd., p. 247)

Moses und Mohammed sind Brüder

 Synagoge in Kairo

Das leuchtendste Beispiel für gelebte Toleranz ist Zaki, Galals jüdischer Grossvater. Als er nach Paris emigriert und französischer Staatsbürger wird, beginnt für ihn das triste Leben in der Fremde. Er verzehrt sich vor Heimweh nach Ägypten und nach seinen muslimischen Nachbarn und Freunden. „Das waren gute Tage, Galal. Du konntest nicht sagen, ob einer Muslim oder Jude war. Kein Groll, kein böser Wille, keine Beurteilung nach meinem Credo oder Deinem Credo. Jede Nachbarschaft hielt zusammen und (…) Gott war für alle da.“ (ibd. p.260) Der Grossvater ist überzeugt von der Gleichwertigkeit der Religionen. Für ihn steht fest, dass auch Mohammed ein Prophet war und dass Moses und Mohammed Brüder sind. Er versucht nie, seinen Enkel zu bekehren, ermuntert ihn im Gegenteil, seiner Religion treu zu bleiben. Der Grossvater ist ein frommer Jude und gleichzeitig ein wahrer Ägypter. Im Unterschied zu seinen Verwandten, die als Touristen und Geschäftsleute nach Israel reisen, hat er sich sein Leben lang geweigert, in das „verheissene Land“ zu reisen. Er kann das Unrecht, das den Palästinensern angetan wird, nicht akzeptieren. Er geht in seinem Patriotismus so weit, dass, käme es zu einem Krieg mit Israel, er auf der Seite Ägyptens kämpfen würde: „Ich bin Zaki, Sohn des Isaac, Sohn des Yusuf, Sohn des Haroun (…) , und sie alle wurden in Ägypten geboren und aufgezogen (…), dieses Land ist mein Land“. (ibd., p.169) Wenn es auf der einen Seite Juden gab, die sich vom israelischen Geheimdienst als Agenten anwerben ließen und in Ägypten Sabotage-Akte begingen (die sog. Lavon-Affaire) (10), hatten andere grosse Vorbehalte gegenüber dem Zionismus, weil sie spürten, dass ein Staat Israel und ein Konflikt mit den arabischen Nachbarn ihnen ihre Heimat nehmen würden. Schon im Jahre 1935 hatte René Qattawi die „Vereinigung der ägyptisch-jüdischen Jugend“ gegründet, deren Slogan lautete: „Ägypten ist unsere Heimat, Arabisch unsere Sprache“ (11).

Wie schwer es ist, religiöse Toleranz zu praktizieren, erlebt Galal bei seinen wenigen Besuchen auf dem Dorf bei der Familie seines Vaters. Ihr Empfang ist alles andere als herzlich. Seine Mutter und er werden drei Tage lang in einer Art Vorratsraum einquartiert, bevor sie das Mahl mit den Verwandten einnehmen dürfen. Vor allem die Frauen zeigen sich feindselig und behaupten, die Idee vom „Volk des Buches“ sei ein Hirngespinst und ein Besuch am Grab des Vaters sei für eine Jüdin verboten. Besonders intolerant ist Onkel Ibrahim, der Bruder von Galals Vater. Als Mutter und Sohn aufbrechen, versucht er, den Jungen zurückzuhalten: „Oder willst du ihn zurückgehen lassen mit dieser Hexe, Vater? Eine dubiose Frau, über die wir gar nichts wissen?“ („Diary of a Jewish Muslim“, p.94) Allein der Grossvater hebt sich aus diesem düsteren Tableau heraus. Er akzeptiert den Enkel vom ersten Augenblick an und lässt ihn seine Liebe spüren. Er sichert Galals Mutter zu, dass er sich verantwortlich fühlt und für den Jungen sorgen wird. Nach seinem frühen Tod wird ihm der Grossvater in seinen Träumen erscheinen, ein Trost und Beistand für ihn, der von der väterlichen Linie abgeschnitten ist. Nicht ohne tiefere Bedeutung, so scheint es uns, macht Kamal Ruhayyim die beiden Grossväter zu den sympathischsten Figuren seiner Trilogie: als Vertreter einer Generation, für welche die Welt noch in Ordnung war und Werte wie Toleranz, Respekt und Menschlichkeit gelebt wurden.

Verlorenes Paradies

In Paris, in der Diaspora, trifft die jüdische Familie wieder zusammen. Galas Grosseltern sind Ende der 60er Jahre emigriert, Galal und seine Mutter folgen im Sommer 1974. Galal reist nur widerstrebend ab und nur, weil ihm die baldige Rückkehr versprochen wird: „Warum sollte ich all dies verlassen und in ein Land ziehen, wo ich ein Fremder bin? (…) Ich kann dies alles hier nicht verlassen. Ich kann dort nicht leben. Ich würde sterben. Ersticken.“ („Diary of a Jewish Muslim“, p.209 und 226)

In der Tat präsentiert sich die Stadt des Lichtes für manche dieser Juden nicht so, wie man es erwarten könnte. Galals Grosseltern leben in einer ärmlichen Wohnung im Stadtteil Barbès, wo vor allem Einwanderer aus Afrika leben. Galals Onkel Shamoun ist noch schlimmer dran: trotz seiner akademischen Ausbildung hat er beruflich nie Fuss fassen können und muss sich mit einer Arbeit als Strassenfeger begnügen. Galals Verwandte sind nicht die einzigen, für welche sich die Diaspora als Fehlschlag erweist. Ein berührendes Beispiel ist die Schar der älteren Juden, die bei Galals Stiefvater Yakoub am ersten Samstag jeden Monats eingeladen werden. Der Salon ist wie ein Refugium, in dem sie sich an die guten alten Tage erinnern: „Für sie war Ägypten eine Art verlorenes Paradies. Sie waren vollkommen abgeschnitten von der Welt, in der sie heute lebten.“ („Days in the Diaspora“, p.102) Ihre Kinder sind in verschiedene Länder emigriert. Die Zeit ist an ihnen vorbei gegangen, und was ihnen bleibt, ist die Sehnsucht. Um sie zu trösten, taucht dann ein Lautenspieler auf und singt für sie Lieder von Abdel Wahab und Umm Kalthoum.

Business

Andere Juden dagegen haben Karriere gemacht. Galals Cousine Rachel verdient gutes Geld, indem sie reiche Araber vom Golf in der französischen Hauptstadt herumführt. Freilich muss sie ihr Jüdischsein verstecken und lässt aus ihrer Bluse eine Halskette mit einem Kreuz herausschauen. Und beim Flirt mit ihren Kunden darf sie, wie Galal feststellt, nicht allzu kleinlich sein. Galals Onkel Isaac ist nach Israel emigriert, hat in Haifa einen Supermarkt eröffnet, ist später ins Import-Export-Geschäft umgestiegen und beteiligt sich am Bau einer Siedlung – auf Land, das den Palästinensern gehört: „All das ist Business, Geschäft ist Geschäft, und er wird schönes Geld machen“ („Days in the Diaspora“, p.194).
Als Sadat 1977 Frieden mit Israel schliesst, ergreifen seine Onkel Isaac und Haroun, Galals Stiefvater Yakoub und seine Mutter Camellia die unverhoffte Chance: sie kaufen Land in Sharm el-Sheikh und bauen ein Spielcasino „der Weltklasse“. Galals Einwand, Geldspiel sei Sünde in beiden Religionen, lässt seine Mutter nicht gelten: „Das ist Geschäft. Handel. Geld, das auf dem Markt neues Geld macht. Geld kennt kein Glaubensbekenntnis und keine Religion.“ („Menorahs and Minarets“, p.71)

Muslims und Juden, gute und böse

Wie sehr die Diaspora einen Menschen verändern kann, zeigt sich an Galals Mutter. Seitdem sie einen reichen Juden geheiratet hat, frisiert sie sich wie ein junges Mädchen und, wie Galal sagt, „schminkt sie sich die Lippen blutrot wie eine Hure.“ („Days in the Diaspora“, p.109) Später lässt sie sich Gesicht und Busen mit Silikon auffüllen. Diese Schilderung hat etwas Karikaturhaftes, und die Häufigkeit, mit der die Geschäftspraktiken der Juden angesprochen werden, ist vielleicht nicht ganz frei von Antisemitismus. Als die Grossmutter seinen ägyptischen Nationalstolz verletzt hat, erlaubt sich selbst Galal eine Äusserung, die aufhorchen lässt: „Ich verfluchte Israel, sogar Sadat selbst, zu diesen Leuten gegangen zu sein! Und die Juden überall! Die Juden hier und in Amerika, Grossbritannien oder Argentinien, welche die Ritzen und Winkel der Welt füllen wie Kakerlaken.“ („Days in the Diaspora“, p.90) Galal selbst erschrickt über diese Worte, welche die Emotion aus seinem tiefsten Inneren heraufgetrieben hat.

Im allgemeinen aber versucht Kamal Ruhayyim, Gut und Böse, Schuld und Unschuld auf beide Seiten zu verteilen. Den fragwürdigen Geschäftspraktiken von Galals jüdischen Verwandten stellt er seinen Onkel Ibrahim gegenüber, der „mit einem Fuss im Grab“ verhindern will, dass Galal zu seinem rechtmässigen Erbe kommt. „Er war nur noch Haut und Knochen, in Gefahr, jeden Augenblick den Geist aufzugeben, und dennoch: ‚das Land, das Land‘ bis zu seinem letzten Atemzug.“ („Menorahs and Minarets“, p.132) „Dein Onkel ist ein alter Schwindler!“ sagt einer seiner Untergebenen, „Er kennt keine Religion ausser sein eigenes Interesse! Lass dich durch den äusseren Anschein nicht täuschen noch durch seine drei Pilgerreisen nach Mekka“ (ibd., p.141) Ein anderes Beispiel für solch unkonsequentes, verlogenes Verhalten ist Scheich Munji, der tunesische Metzger und Galals Nachbar in Paris: er hängt unerschütterlich an den äusseren Attributen der Religion, wie Bart, Rosenkranz, der weissen Gallabiya und den Gebeten, die er auswendig hersagen kann. Aber den algerischen Kunden, der das teure Fleisch nicht zahlen kann, jagt er unbarmherzig davon.

Wer ist schuld an der Emigration?

Bei der wichtigen Frage, wie die Emigration der Juden aus Ägypten verlaufen ist und wer dafür die Verantwortung trägt, lässt Kamal Ruhayyim verschiedene Stimmen zu Wort kommen. Die Emigranten, die sich einmal im Monat treffen, um sich ihre Enttäuschung und ihr Heimweh mitzuteilen, streiten über dieses Thema. „Einer verfluchte Abdel Nasser, welcher der Urheber ihrer jetzigen Misere sei, und ein anderer fuchelte ihm mit seinen Händen ums Gesicht herum und sagte, nicht Abdel Nasser, sondern das lausige Israel sei der Grund, und sie hätten mit ihren ägyptischen Landsleuten in Frieden gelebt und ohne Israel sei dies alles nicht passiert.“ („Days in the Diaspora“, p.100f) Yakoub, der Hausherr, erwidert auf Galals Argument, die Juden seien genau so sehr Ägypter gewesen, wie sie Juden waren: „Wenn sie wirklich Ägypter waren, warum hat sie dann die Regierung ständig schikaniert? Die Regierung, nicht die Leute. Die Ägypter sind freundliche Menschen (…) Es war jene verdammte Regierung, die an ihnen dran geblieben ist, bis man sie aus dem Land gejagt hat.“ (ibd., p. 199) Amm Hazzan, der letzte jüdische Händler, der im Judenviertel durchgehalten hat, hält die Emigration für einen Fehler: „Was unterscheidet uns denn von ihnen? Wir gehen auf denselben Strassen, besteigen denselben Bus, unsere Kinder kriegen denselben Schulabschluss, wir lesen dieselben Zeitungen und teilen, was uns glücklich und was uns traurig macht.“ (…) „Ich hab‘ mich abgefunden mit der schlechten Behandlung durch die Männer der Revolution und durch den Haufen derer, die zu Zionisten wurden und anfingen zu sagen: Israel dies und Israel das. Die Funktionäre der Regierung wollten es uns so hart machen, dass wir abhauen sollten, aber sie wollten, dass es aussähe wie unsere eigene Wahl. Und die Zionisten waren schlimmer, indem sie versuchten, Israel attraktiv erscheinen zu lassen, und sagten, es sei das verheissene Land“. („Menorahs and Minarets“, p.218)

Ein palästinensischer Scheich beurteilt die Emigration der Juden aus seiner Sicht: „Sie wurden von Gott geschaffen wie du und ich, und sie haben Anrecht auf Mitleid und Mitgefühl. Aber schließlich verließen sie ihr Zuhause freiwillig. (…) niemand hat sie zur Emigration gezwungen.“ Ganz anders sei es den Palästinensern im Jahre 1948 ergangen: „Einige starben auf dem Weg, ohne auch nur die Zeit für ein Gebet zu haben; wer starb, wurde in eine Grube geworfen mit den Kleidern auf dem Leib, den Schuhen an den Füssen und den Hüten auf dem Kopf. Sie wurden mit Dreck zugedeckt“. („Days in the Diaspora“, p.134f)

Die Träume von der Rückkehr (12)

Galal wollte eigentlich nach mehreren Wochen nach Kairo zurückkehren. Die Sommerferien waren vorbei, und auf ihn wartete ein Platz an der medizinischen Fakultät. Er besitzt ein Flugticket, begibt sich zum Flughafen, setzt sich in den Wartesaal – und erhebt sich nicht von seinem Sitz, als das Flugzeug startbereit ist und sein Name wiederholt aufgerufen wird. Er ist innerlich zerrissen zwischen einem, der abreisen, und einem, der bleiben will. Diese Unentschlossenheit und Inkonsequenz zeichnen den „jüdischen Muslim“ aus. In Paris verheiratet er sich zweimal, obwohl er weiss, dass es beide Male nicht um die grosse Liebe geht. Galal verdient ein schönes Geld, indem er reichen Arabern vom Golf für teures Geld Klamotten andreht, die in Paris aus der Mode gekommen sind. Das ist Business, kein Beruf in des Wortes wahrer Bedeutung. Was auffällt, ist, dass Galal und mit ihm alle Juden und Muslims seiner Umgebung es stets mit Fremden und Eingewanderten zu tun haben, kaum je mit „echten“ Franzosen. Die Diaspora bedeutet nicht Integration, sondern Leben am Rand, unter Seinesgleichen. Sein Grossvater verlässt nicht einmal das Haus: „Was sollte ich denn tun auf den Strassen dieser Stadt? Die Beatle Boys anschauen oder die nackten Frauen?“ („Diary“, p.256) Als sein Grossvater stirbt, hat „die Welt in meinen Augen ihren Glanz verloren“ („Days in the Diaspora“, p.288). Seine jüdischen Verwandten, die ganz aufgehen in ihrem „Business“, sind ihm fremd geworden. So fasst er im Jahre 1985, nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit, den Entschluss, nach Ägypten zurückzukehren.

Ein verändertes Ägypten

Galals Eindrücke von der alten Heimat sind durchmischt. Die Nachbarn empfangen ihn herzlich und stehen ihm zur Seite. Aber die Zeit ist an Kairo nicht spurlos vorbeigegangen. Häuser und Strassen sind heruntergekommen, die gemütlichen Läden und Cafés sind Elekronikshops und trendigen Bars gewichen. Manchmal taucht ein Gefangenentransporter auf und verfrachtet junge Männer, die sich der extremistischen „al-Gamaa al-Islamiya“ angeschlossen haben. Die grösste Veränderung der Mentalitäten hat الانفتاح herbeigeführt, die „Öffnung“ der Wirtschaft für Privatunternehmen, die Anwar as-Sadat ab 1975 durchführen liess, und die Möglichkeit zu importieren, was immer der Markt verlangt. Selbst die alte Metzgerei in seiner Strasse sieht Galal „geschändet durch einen neuen Kühlschrank mit dunklem, tiefgefrorenem Fleisch , in Containern hergeschifft aus Australien und Brasilien.“ („Menorahs“, p.31) Als Umm Hassan sich aufmacht zur Pilgerfahrt nach Mekka, rennen ihr die Nachbarinnen die Bude ein und bringen ihre Wünsche vor nach Kostbarkeiten, die sie aus Saudiarabien mitzubringen hat. Die Freihandelszone, die Sadat in der Stadt Port Saïd errichten liess, wirkt auf geschäftstüchtige junge Leute wie ein Magnet, denn dort können sie weit mehr verdienen als ihnen ein Posten im Staatsdienst bieten würde. Galals alter Geschichtslehrer ärgert sich über seine ehemaligen Schüler, die Schwindler und Schmuggler geworden sind: „Das sind nicht mehr dieselben Jungen, die in meiner Klasse an ihren Tischen sassen und zu denen ich sprach über die altägyptischen Pharaonen Thutmose III oder Ramses oder über Präsident Nasser und Saad Zaghloul.“ („Menorahs“, p.26).

Als Galal das Dorf seiner väterlichen Verwandten aufsucht, findet er kaum noch Spuren von den Dingen, an die er sich erinnert. Kairos Vorstädte haben sich in die Landschaft hineingefressen. Die Zuzügler, die vor der Wohnungsnot und den hohen Mietpreisen geflohen sind, bringen einen fremden Lebensstil, und ihre Frauen zeigen sich ohne Scheu und Scham auf den Balkonen. Die alte Mühle, die auch den Ärmsten zu Brot verhalf, ist verschwunden. Der Onkel beklagt, dass Söhne armer Bauern heute Richter, Ärzte und Architekten werden und die Privilegien der Alteingesessenen nicht mehr respektieren. Immerhin wohnt er selbst in einem vierstöckigen Gebäude und hat seinen Dünkel nicht verloren.
Grosse Veränderungen vollziehen sich in den Gebieten, in denen der Tourismus boomt. In Neama Bay bei Sharm el-Sheikh „entsteht mitten im unberührten Märchenland eine andere Welt: Strassen werden gepflastert und Fundamente gelegt für Pensionen, Hotels, Motels und Casinos. Bulldozer tummeln sich hier und da umher: es gab da Sand, Zement und Eisenträger und Männer in Arbeitsanzügen, so weit das Auge reicht.“ („Menhoras“, p.246) Galal überlässt seine Verwandten ihrem Spielcasino-Projekt und macht sich davon, in Gedanken bei seinem Vater, der vor dreissig Jahren nicht weit von hier sein Leben liess.

Wohin gehöre ich?

Die jüdische Familie beendet ihren Besuch in Ägypten. Ob Galal bleibt, ist ungewiss. Sein Traum wäre, biologisches Obst und Gemüse anzubauen, um es in Frankreich zu verkaufen. Dieses Projekt, so sagt er, würde eine Verbindung herstellen zwischen seinen beiden Welten. Auch eine Braut wartet nur auf seinen Antrag, dazu noch eine, die als Agrar-Ingenieurin die allerbesten Voraussetzungen mitbrächte. Trotzdem bleibt Galal unentschlossen bis ans Ende der Romantrilogie. „Zum tausendsten Mal fragte ich mich: ‚Wer bin ich denn? Zu wem gehöre ich? Warum bin ich als einziger von allen dem Schoss einer Jüdin entsprungen und den Lenden eines Soldaten, der im Kampf gefallen ist? (…) ich war nur ein Gast in Ägypten, nur auf der Durchreise; weder mein Heim noch mein Business noch mein Land liegen hier.“ („Menorahs“, p.157f). Aber auch Paris ist keine Heimat. Die Strassen dort haben ihn nicht als Kind gekannt, und die Strassen in Kairo kennen ihn nicht mehr.
Sein Grossvater ist in Paris gestorben. Da die Ägyptische Botschaft es abgelehnt hat, seinen Leichnam nach Kairo zu überführen, wird er auf einem französischen Friedhof begraben. Bei seinem Begräbnis sagen ein jüdischer Rabbi und ein muslimischer Scheich ihre Gebete auf. Das Grab des Grossvaters und jenes von Khadija, Galals zweiter Frau, die kurz nach der Hochzeit verstorben ist, liegen so nah beieinander, dass man von einem Grab aus das andere sehen kann. So darf Galal am einen Grab Suren aus dem Koran rezitieren, während sein Onkel Shamoun am andern Grab aus der Bibel liest.

 Jüdischer Friedhof

Dieser Onkel wird kurz danach in Ägypten sterben und auf dem Friedhof al-Bassatine, dem zweitältesten jüdischen Friedhof der Welt, begraben werden. Galal lädt all seine Nachbarn ein und lässt zwei Koranrezitatoren kommen. Die Anwesenden „vermögen fast nicht zu glauben, was sie sehen: ein toter Jude und ein muslimisches Begräbnis.“ („Menorahs“, p.249) In all seiner Zerrissenheit findet Galal den Trost, dass zumindest der Tod Versöhnung bedeuten kann.

 Foto: The Jerusalem Post

Im Februar 2019 veröffentlichte „The Jerusalem Post“ einen Bericht über ein Treffen des ägyptischen Präsidenten mit einer Delegation amerikanischer Juden, angeführt vom ultra-konservativen Lobbyisten Ezra Friedländer. „Präsident Sisi sprach liebevoll nicht nur über Ägyptens ehemalige lebendige jüdische Gemeinschaft, sondern sagte auch: sollte es ein Wiederaufleben der jüdischen Gemeinschaft in Ägypten geben, würde die Regierung alles bereitstellen, was die Religion verlangen könnte.“ So würden der Friedhof al-Bassatine in Stand gesetzt und die Stätten des jüdischen Erbes restauriert. (13)

Was würde unser Freund Galal, der heute 65 Jahre alt wäre, wohl über eine solche Rückkehr sagen?

Internet-Quellen und Bücher

(1) https://de.qwerty.wiki/wiki/Greeks_in_Egypt

(2) https:// it.wikipedia.org/wiki/Italo-egiziani

(3) Jacques Hassoun, “Juifs du Nil”, Paris 1981

(4) https://www.romeartlover.it/Alessandria.html

(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Maimonides

(6) https://en.wikipedia.org/wiki/Yaakov_Abuhatzeira

(7) https://arablit.org/2015/07/09/contested-memories-narrations-of-egyptian-jewish-life
(8) https://www.the guardian.com/boks/booksblog/2014/oct/29/renaissance-arab-jews

(9) Kamal Ruhayyim, geb. 1947, Studium in Kairo, Karriere bei der ägyptischen Polizei und bei Interpol. Seine Trilogie ist auf englisch bei AUC Press erschienen, in der Übersetzung von Sarah Enany.

1. „Diary of a Jewish Muslim“ (2014) auf arabisch 2004 erschienen, unter dem Titel „Erschöpfte Herzen: der jüdische Musliim“ قلوب منهكة : المسلم اليهودي . Unter dem Titel „Der muslimische Jude: Erschöpfte Herzen“ erschien im Verlag Welten eine deutsche Übersetzung dieses Romans.
2. „Days in the Diaspora“ (2012). Das arabische Original erschien 2008 unter demselben Titel : أيام الشتات .
3. „Menorahs and Minarets“ (2017) Das arabische Original erschien 2012 unter dem Titel „Die Träume von der Rückkehr“, أحلام العودة .

(10) und (11) https://en.wikipedia.org/History_of_the_Jews_in_Egypt

(12) Diesen Titel trägt der dritte Band von Kamal Ruhayyims Trilogie. Den Titel der englischen Übersetzung, „Menorahs and Minarets“, halten wir für keine gute Wahl.

(13) „The Jerusalem Post“, 25.2.2019. https://www.jepost.com/Middle-East/ Sisi-If-Jews-return-to-Egypt-we’ll-build-synagogues

(Text Dr. Hans Mauritz ©2019 Abdruck in diesem Blog mit freundlicher Erlaubnis)

Bayreuther Dilemma

Nur ganz kurz

Nach einer lang nachwirkenden, frühen Begeisterung für Wagner (50er/60er Jahre, beginnend mit Vorspiel und  Einzelszenen Lohengrin, Tannhäuser nach Klavierauszug, dann Ring und vor allem Tristan, auch Parsifal), blieb später immer noch der musikalische Sog, der einsetzte, sobald auch nur ein Fetzen Nibelungen-Sound aus dem Lautsprecher tönte: Heute drängen sich starke Antipathien hinein, live auch – dank der Text-Anzeigetafeln – der störende Eindruck, wie schlecht er dichtete…

Niemals hätte ich eine Tannhäuser-Aufführung in Bayreuth besucht. Die ersichtlich gewordenen Taten der Musik (?) haben keine rechte Anziehungskraft mehr. Meine Schuld, zweifellos, denn sie klingen nicht anders als früher. Die Rezension in der Süddeutschen habe ich sorgfältig gelesen, das Foto fesselte mich. Aber ist nicht sowieso klar, dass es wieder auf einen Lobpreis fürs Regietheater hinausläuft? Ich wäre vielleicht auch begeistert, wenn es sich um ausgedehnte Filmsequenzen (ohne Wagners Musik, oder mit ihr als konterkarierendem Soundtrack) gehandelt hätte… Aber was mich auf die Palme bringt, ist der winzige, dann doch musikbezogene Schlussteil der Kritik, der mit ein paar Sätzen eigentlich nur den Dirigenten erledigen soll, und dies gleichsam von allerhöchster Warte. Mein Gott, das große Leidenschaftsdrama und der hölzerne, analytische Klang, – wo soll das denn gewesen sein?!

 einen hölzernen Klang?

Quelle: Süddeutsche Zeitung 27./28. Juli 2019 Seite 17 Song Contest Ein Kampf zwischen Hoch- und Subkultur: Zur Bayreuth-Premiere wird Wagners „Tannhäuser“ mit höchster Lust ins Heute gespielt.

Nie und nimmer hat da jemand mit wachem Ohr auf den realen Orchesterklang reagiert. Möglicherweise hatte er schlimme Gerüchte im Hinterkopf, die er nicht benennen mochte, und begnügte sich damit, eine rein musikalische Begründung zu konstruieren.

Ich hatte die Kritik schon gestern früh gelesen und spät nachts nur noch die letzte Stunde der Bayreuther Aufführung erwischt. Was ich hörte, war doch ziemlich schöne Musik, das Zerreißen der Tannhäuser-Partitur fand ich übertrieben, die Ausdruckweise „mit höchster Lust“ hätte ich allerdings eher einem Tristan vorbehalten. Aber war das denn ansonsten wirklich ins HEUTE gespielt? Klar, alle reden vom Wetter und von einer Temperatur bis 50 Grad im Festspielhaus-Auditorium. Ich ahnte schon, dass ich kein Wort der vernichtenden Minimusikkritik nachvollziehen können würde. „Nächstes Jahr soll Gergiev angeblich nicht mehr dabei sein.“ … angeblich … soll … können… würde…  Er muss außerhalb der Bayreuther Szene etwas verbrochen haben. (Vielleicht sogar Schlimmeres als Wagner?) Wer die Wahrheit wissen will, muss danach in einer anderen Zeitung suchen.

Das habe ich heute morgen am Computer erledigt. Und mein Wissensdurst ist gestillt. Diesen Namen merk ich mir, nicht den anderen. Dank an die ZEIT. HIER lesen Sie, was wirklich los war…

Nachlese 1. August 2019

Der Musik wegen in die Oper?

 Hölzernes auch hier…

Quelle Süddeutsche Zeitung 1. August 2019 Seite 9 Statt Seelenschau nur Fernsehrealismus In Salzburg inszeniert Simon Stone Luigi Cherubinis Oper „Médée“ am Kern der Tragödie vorbei

Leiden für die Oper?

Zitat aus DIE ZEIT:

(…) starre ich auf die Wetter-App in meinem Handy. Bayreuth, 33 Grad im Schatten und 45 Grad in der Sonne, die Festspiele finden trotzdem statt. Auf meinem kurzen Fußmarsch zum Grünen Hügel versuche ich, die Wärmestrahlung von 1974 Wagnerianern auszurechen, so viele Besucher fasst der Zuschauerraum. Oben angekommen, habe ich das Gefühl, mir haute jemand mit einem Hammer auf den Kopf. (…)

Es wird gelacht an diesem Abend in der Bayreuther Gluthitze, auch unter Niveau, etwa wenn zu Tannhäusers gefürchteten „Erbarm dich mein!“-Rufen Ende des zweiten Akts (drei hohe As hintereinander!) die Festspielleiterin persönlich im Bild erscheint und 110 wählt. (…)

(…) Beim Duschen entdecke ich zwei blaue Flecken auf meiner Wirbelsäule. Die habe ich immer, wenn ich in Bayreuth war, das Gestühl ist für weniger Beleibte einfach zu hart. Und die Leihkissen wärmen.

Quelle DIE ZEIT 1. August 2019 So viel draußen war nie Die Oper mischt sich ein in die Klimawandelwelt: Eine Sommerfestspielreise nach Bayreuth zu Wagners „Tannhäuser“, nach München zu Händels „Agrippina“ und nach Salzburg zu Mozarts „Idomeneo“ und zu Cherubinis „Médée“ / Von Christine Lemke-Matwey

Noch ein Zitat aus demselben Text (Schluss):

Dass diese Passagen ohne Gesang und Musik, also ohne „Oper“, bewegender sind als der ganze Cherubini mit seiner strengen, etwas hölzernen Dramatik, zielt sicher mehr auf Öffnung und Erklärung als auf eine Kritik am Stück.

Der Grat ist hier definitiv schmaler als bei Mozart oder Wagner. Und sie steht ja auch immer mit auf dem Spiel, die Frage, wie lange wir von den Ressourcen unserer alten Partituren noch werden zehren können, ohne Raubbau zu treiben.

Der Sommer 2019 hat darauf nachhaltige Antworten gegeben.

ENDE 

Doch noch eine Fortsetzung… nagelneue Argumente… à propos Salzburger „Idomeneo“. Da schreibt Egbert Tholl u.a.:

Darf man das, in die Werkgestalt eingreifen, Arien, deren Inhalt man nicht erträgt, durch andere ersetzen, die meisten der ohnehin enervierend trögen [???] Secco-Rezitative streichen? Die Salzburger Festspiele sind ein Branchentreffen in vielerlei Hinsicht, so lernt man hier Kollegen kennen, bewundernswürdige Koryphäen der musikalischen Analyse beispielsweise, die die derzeitigen Aufführungen von „Idomeneo“ als persönlichen Anschlag auf ihre Ehre und ihr Seelenheil betrachten. Hört man dem Publikum zu, so ist dieses in Teilen eher davon genervt, auf einem 400-Euro-Sitzplatz in der Felsenreitschule mit Klimawandel und Umweltzerstörung konfrontiert zu werden und sich nicht einfach genüsslich zurücklehnen zu dürfen.

Darf man also machen, was Sellars und Currentzis taten? Man darf, ja man muss sogar. Man muss hier gar nicht noch einmal die Diskussion führen, dass Oper als Kunstform nur überlebt, nur ein neues, jüngeres Publikum anzieht, wenn diese Kunstform in irgendeinem Bezug zur Gegenwart steht – deshalb ist die Inszenierung als mahnende Installation zur Umweltzerstörung wichtig

Quelle Süddeutsche Zeitung 10./11. August Seite 15 Momente für die Zukunft Salzburger Festspiele Von Egbert Tholl

Wo aber bleibt nur das neue junge Publikum mit den 450-Euro-Sitzplatz-Karten? Es hat keine Zeit!

 12. August 2019

17.08.2019 Noch einmal: das Ende – das Ende…

ZITAT

Es gibt wenige Dirigenten, die sich derart in ein Werk hineingraben

Valery Gergiev gehört einerseits zu jenen viel beschäftigten Dirigenten, die gefühltermaßen an drei Orten gleichzeitig präsent sind; es gab Jahre, da flog er nachts von Salzburg zum Weiße-Nächte-Festival nach Petersburg und am nächsten Tag wieder zurück zu Proben im Festspielhaus. Andererseits gibt es wenige Dirigenten, die sich derart in ein Werk hineingraben und dabei die ausführenden Musiker ebenso genau studieren wie die Partitur. Da wird die Probenarbeit zu einer echten Entwicklungsphase, die in der Aufführung ihren Höhepunkt findet. Menschlich stressfrei, warmherzig, fachlich hoch konzentriert.

Gergiev genügen dann kleinste Signale in die Instrumentengruppen, um das gewünschte Klangergebnis zu erzielen. Das war an diesem Abend wirklich herausragend. Die Wiener Philharmoniker schienen sich mit dem Dirigenten und dem Werk geradezu verschworen zu haben, leuchteten in jeden versteckten Klangwinkel, spielten ihre ganze Souveränität und Opernerfahrung aus. Und das, obgleich sie keineswegs im Vordergrund standen und auch nie versuchten, sich dorthin zu spielen, sondern weitestgehend den Sängerdarstellern dienten, dazwischen ebenso dezent wie intensiv Stimmungen zauberten. Keine Tonangeberei. Kein vorlautes Blech. Keine gewitternden Streicher. Stattdessen Klanghochkultur und Klangverständnis, Musikdrama und eine differenzierte Basis für den Gesang.

Quelle Süddeutsche Zeitung 17.08.2019 Maria hilft Verdis Politoper „Simon Boccanegra“, dirigiert von Valery Gergiev bei den Salzburger Festspielen, ist musikalisch ein Ereignis / Von Helmut Mauró

Warum Wirtschaftswachstum?

Ende der Fahnenstange

  Es geht doch wieder?

Zufällig fragt man gerade danach nicht, mehr nach dem Wachstum der Temperatur.

Was also soll das mit dem Wirtschaftswachstum? Ich habe keine Ahnung warum, aber ich will wissen, warum wir daran nicht rühren sollen. Es ist doch das Lebensprinzip, sagen alle. Ich müsste also zunächst erklären, warum ich so schwarz sehe. Für mich selbst vielleicht nicht, – das wäre albern -, aber für meine Enkel. Andererseits weiß ich, dass mir niemand zuhört, wenn ausgerechnet ich die Kassandra spielte. Mein Wissen beziehe ich ja von anderen und vermag es auch nur mit Hilfe anderer zu überprüfen. Kurz und gut, ich beschränke mich auf Hinweise und lasse Menschen reden, denen ich vertraue. Nehmen Sie es hin. Und einer heißt eben Niko Paech. Mich interessiert, warum er ganz anderer Ansicht ist als die erfolgreichsten Ökonomen unserer Zeit. Heute Morgen wurde mir das Interview zugespielt, und es hat mich beeindruckt. Schauen Sie HIER .
Soll ich Zeit investieren, darüber nachzudenken? Oder reicht’s schon?! Es geht aber um viel mehr als meine Zeit heute, siehe oben: es geht um die ganze Lebenszeit meiner Enkel.

Also erkundige ich mich, ob der fremde Onkel eine vertrauenswürdige Biographie vorweisen kann. Wikipedia würdigt ihn mit überraschender Ausführlichkeit: HIER.

Und jetzt hätte ich es gern live von ihm selbst erklärt. Das folgende Video gefällt mir, weil der Vortrag durch zahlreiche Schautafeln ergänzt wird. Man braucht allerdings 50 Minuten dafür. Aber was ist das schon angesichts der nächsten 50 Jahre unsrer Enkel!?

Zugleich muss ich auf einen Zeitungsartikel eingehen, den ich inhaltlich letztlich so erschütternd fand, dass der Strohhalm einer „Postwachstumsökonomie“ sich gerade noch im rechten Moment bot. Wobei der Artikel aber auch so gut gemacht ist, dass ich mir vornahm, die narrative Technik, die mich sonst oft stört, geduldig zu betrachten; diesen journalistischen Eifer, die Trägheit des Lesers zu überlisten, – als dürfe sie einfach vorausgesetzt werden. Man glaubt, man habe sich über die Herrschaft von Menschen über Menschen schon oft genug aufgeregt, die Älteren unter uns haben zumindest dies in der 68er-Zeit gelernt. Ganz zu schweigen von der Geschichte Sklaverei, die einer ganz und gar vorrevolutionären Epoche anzugehören scheint. Trotzdem ist es gut, von einer tüchtigen Frau zu hören, die 2 Jahre jünger war als Mozart, sie lebte nicht weit von Birmingham, malte zeitlebens Bilder von Raupen und Schmetterlingen, trank täglich ihren Tee mit Zucker und wurde 71 Jahre alt. Ihr Name war Katherine Plymley, und das Schönste: es gab sie wirklich, man kann es mit ihrem Wikipedia-Artikel beweisen (hier), auch ihre Bilder findet man leicht im Netz. Natürlich wird keine Idylle daraus. Das entscheidende Signal ist das harmlose Wörtchen Zucker:

Es gab im 18. Jahrhundert noch keine Cola und keine Schokoriegel, trotzdem verzehrten die Engländer damals im Schnitt bereits fast zehn Kilo Zucker im Jahr, das Geld dafür verdienten sie zum Beispiel mit der Menschenjagd. Die Engländer waren die größten Sklavenhändler der Welt. In den Schaufenstern der Schiffsausrüster in Liverpool lagen Fußeisen, Daumenschrauben und spezielle Zangen, um Sklaven, die sich durch Nahrungsverweigerung das Leben nehmen wollten, den Mund aufzusperren.

Die Schockwirkung dieser Zeilen liegt auf der Hand, es ging um den Zuckeranbau auf Kuba, in großem Stil war das offenbar nur mit Sklavenarbeit durchzuziehen; man liest mit großer Wachsamkeit weiter, Gottseidank, unsere Heldin in spe war auf der Seite des Guten:

Katherine Plymley hörte auf, Zucker in ihren Tee zu rühren. Sie saß nicht im Parlament. Sie führte kein Sklavenschiff. Sie durfte nicht einmal wählen.

Undsoweiter, der Erfolg war bald abzusehen:

Katherine Plymley war nicht allein. Mehr und mehr Engländer fingen an, den Zucker aus der Karibik zu boykottieren. Tausende Menschen ohne Macht und Einfluss, die kein Gebäck mehr aßen und ihren Tee ungesüßt tranken.

Der Zuckerabsatz brach ein. Und was niemand erwartet hatte, geschah: Der Sklavenhandel kam tatsächlich zum Erliegen.

Ist das eine gute Geschichte? Man traut der Sache natürlich nicht. Die kurzgefasste Geschichte der Sklaverei sollte man wenigstens einmal überfliegen, es ist nicht zu fassen: HIER.

Und nun kommt die Volte des Journalisten, unglaublich, aber auch unglaublich wirkungsvoll. ZITAT:

Es gibt Zahlen aus der Gegenwart, die in einem interessanten Gegensatz stehen zu dieser Geschichte aus der Vergangenheit.

71 Prozent aller Deutschen halten die Sklaverei für das größte Problem der modernen Welt.

55 Prozent finden es in Ordnung, wenn Schulkinder den Unterricht schwänzen, um gegen die Sklaverei zu protestieren.

20 Prozent der Wähler haben bei der Europawahl für die Grünen gestimmt, eine Partei, die ihr Hauptziel in der Bekämpfung der Sklaverei sieht.

Aber fast 100 Prozent essen weiterhin Zucker. Das gilt auch für mich. Ich bin Teil eines Volkes von Scheinheiligen.

Ja, eine herrliche Wendung zum eigenen Ich und zum eigenen Volk… Finden Sie nicht? Lassen Sie diese Provokation auf sich wirken. Aber machen Sie mich ja nicht zum Schuldigen, ich bin nicht der Autor des Artikels, ich lobe ihn nur. Und er ist ein preisgekrönter Journalist. Da muss man auf alles gefasst sein. Er fährt fort:

Natürlich beziehen sich die genannten Zahlen nicht auf die Sklaverei, sondern auf die Erderwärmung. Das große Thema der Gegenwart ist nicht die Versklavung der Menschen, sondern die Zerstörung der Natur. Aber ich glaube, dass es da eine Parallele gibt. In beiden Fällen geht es darum, die Dinge billiger zu machen.

Ich vergaß, die Geschichte von der Sklaverei wirklich prägnant abzuschließen. Also die Geschichte der modernen Sklaverei in Zahlen, hier als Zitat aus dem oben angegebenen Wikipedia-Artikel:

 Von der Entdeckung Amerikas 1492 bis ins Jahr 1870 wurden mehr als 11 Millionen afrikanischer Sklaven nach Amerika verkauft. Die meisten davon (4,1 Mio.) gelangten über den transatlantischen Dreieckshandel in die britischen, französischen, holländischen und dänischen Kolonien in der Karibik. Fast ähnlich viele Afrikaner (4 Mio.) wurden von portugiesischen Händlern nach Brasilien gebracht. 2,5 Mio. wurden in die spanischen Kolonien in Südamerika verkauft. Die kleinste Gruppe bilden die ca. 500.000 afrikanischen Sklaven, die in die dreizehn britischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Festland und in die 1776 gegründeten Vereinigten Staaten gelangten.

Aus dem Werk MUNTU von Janheinz Jahn („Umrisse der neoafrikanischen Kultur“ Verlag Diederichs Düsseldorf 1958) habe ich eine eindrucksvolle „Migrations“-Karte in Erinnerung:

Fortsetzung der Geschichte, – also: die Zahlen vorhin bezogen sich nicht auf die Sklaverei. Es ging darum, die Dinge billiger zu machen.

Zucker zum Beispiel war in Europa jahrhundertelang eine teure Rarität, verzehrt von Kaisern und Königen, bis Christoph Kolumbus im Jahr 1493, ein Jahr nach seiner ersten Fahrt, zum zweiten Mal die Neue Welt erreichte. Diesmal hatte er Zuckerrohr dabei, das damals auf kleinen Feldern auf den Kanaren wuchs. Innerhalb weniger Jahre entstanden in der Karibik große Plantagen. Was fehlte, waren Arbeiter.

1503 überquerte das erste Sklavenschiff den Atlantik. Es gibt Historiker, die in der Zuckerproduktion einen der Anfänge der Industrialisierung sehen: (….)

Zu Lebzeiten von Katherine Plymley ist Zucker das, was heute Erdöl ist: die meistgehandelte Ware der Welt. Er wird so billig, dass selbst Tagelöhner und Hilfsarbeiter ihren Getreidebrei süßen.

Den wahren Preis bezahlen die Sklaven.

Heute ist die Sklaverei abgeschafft. Stattdessen gibt es Überstundenzuschläge, bezahlten Urlaub und Kündigungsschutz. Das gilt vor allem für die Industrieländer, aber nicht nur. Auch in den meisten Entwicklungs- und Schwellenländern steigen die Löhne von Jahr zu Jahr. Noch immer gibt es Zwangsarbeit auf der Welt, noch immer schuften Arbeiter mancherorts für ein paar Münzen am Tag. Die Ausbeutung des Menschen ist noch existent, aber sie hat stark abgenommen.

Was zugenommen hat, ist die Ausbeutung der Erde. So wie damals die Sklaven als billige Arbeitskräfte dienten, dienen heute die Erde und ihre Atmosphäre als billige Rohstoffquelle, als Mülldeponie, als Auffanglager für Treibhausgase.

Seit den Lebzeiten von Katherine Plymley ist die globale Durchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen.

Jetzt sind wir bald am Ziel, nicht wahr? Wir brauchen nur noch die Schuldigen. Der Autor weiß es, und lässt uns nicht im Stich. er sagt uns, was mit den Bäumen los ist, beschreibt uns die neuesten Bilder des Klimawandels, dessen Beschleunigung durch das Auftauen der Permafrostböden. Und bricht ab:

Aber genug davon. das alles wurde tausendfach beschrieben, tausendfach erklärt, jetzt soll es um die Schuldigen gehen, die Täter. Die britische Umweltorganisation Carbon Disclosure Project (CDP) hat einen Report veröffentlicht, der ihre Namen nennt. Saudi Aramco aus Saudi-Arabien ist dabei, Gazprom aus Russland, BP aus Grossbritannien, RWE aus Deutschland. Es sind die Konzerne, die das Öl, das Gas und die Kohle dieser Welt aus der Erde holen. Rund um den Globus gibt es Millionen von Unternehmen, aber nur 100 von ihnen sind nach Kalkulation von CDP für 70 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Der Report ist eine beeindruckende Rechenarbeit. Und ein Dokument der Irreführung.

Wieder so eine journalistische Volte! Sollen wir ärgerlich werden? Wir brauchten doch ein glaubwürdiges Ziel unserer Wut, und zwar auf der Basis eines echten Beweisganges! Was soll das jetzt!? Moment, es geht noch ein paar Zeilen weiter, dann können wir eine Pause einlegen…

Denn so wie es damals im 18. Jahrhundert nicht die Sklavenhändler waren, die all den Zucker aßen, so verbrennt heute nicht Saudi-Aramco all das Benzin. Gazprom heizt nicht die Häuser. RWE verbraucht nicht den Strom. Wir tun das. Ich.

Es gibt noch andere Weltprobleme, aber der Klimawandel ist das einzige, für das nahezu jeder Weltbürger mitverantwortlich ist. Ich auch.

Wenn jeder Einzelne von uns sich so verhielte wie Katherine Plymley, brauchte es keine Klimakonferenzen mehr, keine Klimaabkommen, keine Klimaschutz-Gesetze, keine Demonstrationen. Wir müssten nur aufhören, Zucker zu essen.

Der Klimawandel mag ein politisches Problem sein, aber er ist vor allem auch ein privates. Das ist der Grund, weshalb ich in diesem Text von mir selbst schreibe.

Reden wir also über mich.

Ja, genau, wir müssen den Autor haftbar machen, vielmehr: namhaft. Ignorieren wir, dass er hintergründig uns alle in Haft nehmen will, lassen Sie es ihn persönlich ausbaden. Es muss doch einen solchen Artikel online zu lesen geben, und zwar unerbittlich, ohne Sprünge, irgendwo wird sich zeigen, dass er übers Ziel hinausschießt. Der Mann heißt Wolfgang Uchatius und sagt: „Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr / Warum es in Ordnung ist, in den Urlaub zu fliegen, Fleisch zu essen – und trotzdem für mehr Klimaschutz einzutreten.“ DIE ZEIT 11. Juli 2019 Dossier Seite 13.
Nehmen Sie doch hier diese Titel-Zeile und geben Sie sie bei Google ein. Oder gehen Sie gleich zu den Leser-Reaktionen, da rühren sich auch nicht nur Dummköpfe, nämlich Hier.

Leider kann ich, was die Lektüre des originalen Papiers angeht, nicht verschweigen, dass hier auf der zweiten Seite (Seite 14) die Gefahr wächst, dass ich aussteige; es wird mir zu „anekdotisch“, besonders wenn der Autor von sich selbst als Thema zu der Lichtgestalt Leonardo DiCaprio übergeht. Dabei ist ja alles richtig und treffend gesagt, aber es ermüdet und weckt niedere Instinkte (Prominentenneid), – zu unrecht, aber es ist so! Bis man urplötzlich wieder ganz anwesend ist, auch wenn man bemerkt, dass man auf ein uraltes, aber offenbar unlösbares Problem gestoßen wird: die Tragik der Allmende. Nehmen Sie sich Zeit dafür! Sie ahnen, dass die Kuhweide – so überschaubar sie für die frühe Agrargesellschaft war – sich inzwischen in ein gigantisches Bild verwandelt hat, das auf den amerikanischen Philosophen und Ökologen Garret Hardin zurückgeht. Er verglich „die zertrampelten Weiden der Vergangenheit unter anderem mit dem überfischten Meer. Er schrieb, der freie, uneingeschränkte Zugang zum Allgemeingut führe zum Ruin aller“. Jedoch:

Von der mit Treibhausgasen angereicherten Atmosphäre schrieb er nichts. Ende der Sechzigerjahre dachten viele noch, die Erdatmosphäre lasse sich nicht von Menschenhand beeinflussen.

In Wahrheit ist sie die größte denkbare Kuhweide.

Hätte man damals, als auf der Wiese noch Gras wuchs, die Bauern gefragt, welches Problem ihnen am meisten Sorge bereite, hätten sie vermutlich geantwortet: die Überweidung. So wie die Menschen in Deutschland heute sagen: der Klimawandel. Danach hätten sie wieder ihre Kühe auf die Weide getrieben.

In der Debatte um den Klimawandel heißt es oft, die Menschen seien eben nicht zum Verzicht bereit. Ich glaube, das stimmt nicht. Hätte die Kuhweide im England des frühen 19. Jahrhunderts einem einzigen Bauern gehört, hätte er mit Sicherheit darauf verzichtet, zu viele Kühe grasen zu lassen. Das Problem sind die anderen.

Soweit wiederum Wolfgang Uchatius, und ich sehe den ganzen Leserkreis wie mich selbst in ein fast fieberhaftes Nachdenken verfallen, wie man das Problem lösen kann. Es muss doch gehen. Aber man ist schnell bei den politischen Radikalmaßnahmen, denn: wir haben keine Zeit mehr für einen demokratischen Wandel des Verhaltens (der „anderen“). Der Klimawandel ist schneller!

Jetzt kommt bei Uchatius wieder der anekdotische Teil (Helmgebrauch beim Eishockey). Ich springe einige Blöcke weiter:

Immer wenn im Zusammenhang mit der Klimapolitik jemand vorschlägt, etwas zu verbieten oder zu verteuern, heißt es, dies sei ein Angriff auf die Freiheit. Ich glaube, das stimmt, es geht tatsächlich um die Freiheit. Karl Marx hat dazu eine Geschichte geschrieben, sie ist ganz kurz: „Nach England kommt ein Yankee, wird durch den Friedensrichter gehindert, seinen Sklaven auszupeitschen, und ruft entrüstet: Do you call this a land of liberty, where a man can’t larrup his nigger?“ („Nennen Sie das ein freies Land, in dem ein Mann seinen Neger nicht durchprügeln kann?“)

Die Befreiung der Sklaven verringerte die Freiheit ihrer Herren. Genau wie später die Arbeits- und Sozialgesetze die Freiheit der Unternehmer verringerten. Durch den Kündigungschutz sind sie nicht mehr frei, ihre Arbeiter und Angestellten grundlos zu entlassen. (…)

All diese Gesetze, diese Verbote und Verteuerungen haben die Freiheit des Menschen, andere Menschen auszubeuten, eingegrenzt. Nun geht es darum, die Ausbeutung der Erde zu reduzieren. Auch das wird kaum möglich sein, ohne die Freiheit des Menschen ein wenig zu mindern. Der Klimawandel mag auch ein privates Problem sein, aber er ist vor allem ein politisches. Auch die Natur braucht Sozialgesetze.

Ich rate, auch den Schluss des großen Artikels nachzulesen, obwohl er mich ein bisschen enttäuscht. Es geht um die Freitagsdemonstrationen der Kinder, was sie bewegt haben und was sich in Zukunft bewegen könnte. Aber liege ich falsch, wenn ich mich an dieser Stelle nicht auf die Kinder („die Kraft der Schwachen“) verlassen möchte, sondern gerade für sie alles von der Politik erwarte? Und zwar Handlungsstärke in allen wesentlichen Fragen. Kein Warten auf Freiwilligkeit von seiten der Verursacher.

Quelle DIE ZEIT 11. Juli 2019 Dossier Der Mythos vom Verzicht ab Seite 13 Ich habe kein schlechtes Gewissen mehr Warum es in Ordnung ist, Auto zu fahren, in den Urlaub zu fliegen, Fleisch zu essen – und trotzdem für mehr Klimaschutz einzutreten. Von Wolfgang Uchatius.

P.S. Übrigens wurde die „Tragik der Allmende“ schon von Rolf Dobelli in seinem Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ (München 2011) einleuchtend beschrieben, auch was die Freiwilligkeit der Gegenmaßnahmen betrifft. Er schließt mit den Worten:

Natürlich: Es gibt Leute, die sehr darauf bedacht sind, den Effekt ihres Handelns auf die Menschheit und das Ökosystem zu berücksichtigen. Doch jede Politik, die auf solche Eigenverantwortung setzt, ist blauäugig. Wir dürfen nicht mit der sittlichen Vernunft des Menschen rechnen. Wie sagt Upton Sinclairso schön: „Es ist schwierig, jemanden etwas verstehen zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.“

Kurzum, es gibt nur die beiden besagten Lösungen: Privatisierung oder Management. Was unmöglich zu privatisieren ist – die Ozonschicht, die Meere, die Satellitenumlaufbahnen -, das muss man managen. (Seite 79)

„Management“, so hatte er vorher erläutert, „kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Staat Regeln aufstellt: Vielleicht wird eine Nutzungsgebühr eingeführt, vielleicht gibt es zeitliche Beschränkungen, vielleicht wird nach Augenfarbe (der Bauern oder der Kühe) entschieden, wer den Vorzug erhält.“

Das ist nicht nur ein Scherz: es muss eben von außen geregelt werden  – und nicht nach der Einschätzung der Einzelnen.

*    *    *

Ich verabschiede mich von dem beeindruckenden Artikel über die Stärke der Schwachen, die für Wolfgang Uchatius am Ende ausschlaggebend erscheint: sie müssen nur die Straßen bevölkern und zeigen wo es langgeht. („Sie haben dafür gesorgt, dass plötzlich fast alle Parteien über neue, echte Klimagesetze reden.“)

Das Reden hilft nur bedingt, man sieht es am Pariser Abkommen. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich erst, so scheint mir, wenn die Politik sich auf das Wortungetüm Postwirtschaftswachstum eingelassen hat. Und damit bin ich wieder am Anfang dieses Artikels.

Auf der Suche nach arabischen Quellen

Das rettende Archiv

Eine Meldung in der NMZ (Neue Musikzeitung) brachte mich darauf, den Hintergrund eines arabischen Musikers zu eruieren, der in Lissabon mit einem Preis ausgezeichnet worden ist:

Jeder Kandidat und jede Kandidatin hat jeweils 25 bis maximal 30 Minuten Zeit, sich zu präsentieren. Das sind sieben Stunden Musik an einem Tag. Das Rennen macht am Ende ein Außenseiter: Der 1983 geborene Ägypter Mustafa Said, ein blinder Künstler, der zugleich Oud-Spieler, Sänger, Musikwissenschaftler und Komponist ist.

Mustafa Saids vielfältige Karriere ist nicht ungewöhnlich in diesem Wettbewerb, die meisten der Teilnehmer sind auch Forscher, Musikwissenschaftler und Komponisten. Die Wahl der Jury ist dennoch nicht ganz unumstritten, da Mustafa Said sehr eigenwillig musiziert und ihm einige in der Konkurrenz in Sachen Virtuosität überlegen schienen. Technische Fähigkeiten stehen beim Aga Khan Music Award aber erklärtermaßen nicht im Vordergrund.

Quelle: NMZ Newsletter 23. 7. 2019 Gipfeltreffen der muslimischen MusikkulturIn Lissabon wurden zum ersten Mals die Aga Khan Music Awards vergeben / Autorin: Regine Müller / online hier

Wer also ist Moustafa Said?

Der beigegebene Text („Maqam World“ ist eine Webadresse, siehe hier) :

Maqam World says Maqam Bayati „starts with a Bayati tetrachord on the first note, and a Nahawand tetrachord on the 4th note (the dominant). The secondary ajnas are the Ajam trichord on the 3rd note, and another Ajam trichord on the 6th note. These are often used in modulation.“ Pretty technical, but the best way to learn to hear this Arabic „scale“ is to listen to a master improvise upon it. That is what Mustafa does in this video. It’s a real joy to watch and hear him as he works his artistry.

Bei Rodolphe d’Erlanger (La Musique Arabe V, Paris 1949, Seite 232 f) sieht die allgemeine Form des Maqams folgendermaßen aus:

Gut ist der Hinweis, dass die Darstellung des Maqams nicht unbedingt mit dem Grundton beginnt (d), sondern mit der Quarte (g), die echte Kadenz zum Grundton spielt Mustafa Said erst bei 1:27. Ob die zweite Tongruppe, die behandelt wird, „Tchahargah“ heißt (d’Erlanger) oder „Nahawand“ (Maqam World), hängt davon ab, ob man die Terz (f) oder die Quart (g) als Basis betrachtet. Das könnten wir Mustafa Said ablauschen…

Man findet auf Youtube noch eine Reihe schöner Aufnahmen mit Mustafa Said, rein musikalisch bezaubernd, aber visuell – als Film – meist unzulänglich. Einer der nächsten Schritte ergibt einen Blick auf das riesige Arbeitsfeld des Musikers und seiner Mitarbeiter; es ist geeignet, auch fremde Besucher für Stunden und Tage zu fesseln:

Was ist AMAR?

AMAR is a Lebanese foundation committed to the preservation and dissemination of traditional Arab music. AMAR owns 7,000 records, principally from the “Nahda” era (1903 – 1930s), as well as around 6,000 hours of recordings on reel. To safeguard this rare collection, AMAR has acquired a state-of-the-art studio specifically dedicated to the digitization and conservation of this music. In early 2010, AMAR built a multi-purpose hall that hosts up to eighty people.

The launch of AMAR took place on August 17th – 19th, 2009 at its premises in the Qurnet el-Hamra Village, Metn District, Lebanon. Two days of workshops addressed the foundation’s objectives, strategies and technical workflows. Workshops’ participants included musicologists and ethnomusicologists from Canada (University of Alberta), France (Universities Paris IV & X), USA (Harvard University), Lebanon (Antonine University and the Holy Spirit University of Kaslik), Tunisia and Egypt; all of whom form the foundation’s Consulting and Planning Board.

AMAR’s Objectives

  1. Conservation of recorded and printed Arab musical tradition by utilizing state-of-the-art technologies;
  2.  Support of academic research and scientific documentation;
  3. Integration of these musical traditions and their practices in educational programs;
  4. Seeking multi-media dissemination and promotion of public awareness of the Arab music tradition.

(Fortsetzung folgt bzw. sie ist Ihnen ab sofort leicht gemacht, falls Sie es sich selbst erarbeiten wollen: beginnen Sie HIER.)

Ich werde dort fortfahren, wo ich mich zuletzt wohlgefühlt habe. Zurückversetzt in die Jahre nach 1967, als ich an meiner Dissertation schrieb und mir libanesisch-syrische Volksmusik-Formen wie Qaside, ‚Ataba oder Abou-z-zouluf anhand alter Schallplatten erarbeitete. Ich gehe also auf die folgende Seite: hier. Man sieht dort in etwa das gleiche Bild wie unten, aber anklickbar. Der grüne Balken bezeichnet den Vortrag, den man hören kann, allerdings in arabischer Sprache. Der gedruckte Text jedoch präsentiert die englische Version, darin sind die Musikbeispiele mit einer Note gekennzeichnet. Ich gebe nach den folgenden Textzitaten jeweils die genaue Zeit an, bei der man auf dem grünen Balken das Musikbeispiel abrufen kann. In diesem Fall haben wir 5 Musikbeispiele, in fabelhafter Ausführlichkeit! (Wenn alles gut gegangen ist, haben Sie den Link jetzt im externen Fenster.)

1: Furthermore some of the Syriac folk melodies chanted in church can be used to dance dabkaif accompanied by a percussion instrument. This will surely not happen because they are religious: I am not referring to the lyrics, but to the melody that is very close to the folkloric heritage melodies … MUSIK bei 10:49

2: The Lebanese Heritage Musical Forms can be separated into two main categories: those who reached us from the East, and those existing in the mountain. The heritage reached the coastal areas through the migration from the plain and the mountain. ‘Atābā (folk monadic song in colloquial Arabic), dabka or dal‘ōna only reached Beirut lately with the migration to the coast … MUSIK bei 11:58

3: Here is how the Lebanese Bekaa Bedouins we talked about sing it, accompanied by the rabāba (spike fiddle whose front is covered with sheepskin) … MUSIK bei 17:57

4: There are other styles that are also sung to the maqām bayyātī or rather the jins (set of notes forming the basic pattern in Arab music) bayyātī as there is no maqām because the scale is short … MUSIK bei 18:49

5: Here is a sample of the origin of the ‘atāba performed by the Ṭayy tribe so that our listeners can have an idea of how the ‘atāba was sung originally … MUSIK bei 25:58

(Fortsetzung folgt)