Don’t Dont? Au contraire!

Kavaliersdelikte auf der Geige

So zeigt man eine gewisse Weltgewandtheit, aber in Wahrheit geht es um sehr private Schlampereien, die ich nur an mir selber zeige, weil ich von Kritik an anderen in diesem Punkt nichts lernen kann. Je älter man wird (Achtung, so beginnen lästige Ratschläge!), desto mehr kann passieren, – auf dem Griffbrett wie auf dem Bürgersteig. Ich hörte einmal einen freundlichen Laienpianisten (der Streicher begleitete), er sagte hinterher: „Je älter ich werde, desto weniger Pedal benutze ich.“ Ich mochte ihm nicht widersprechen, denn genau so hatte es geklungen. Hölzern. Die Zeiten, da man das Pedal zum Vertuschen verwendet, sollten ja weit zurückliegen, genug Zeit also, irgendwo von einem der Großen den Satz gehört zu haben: „Das Pedal ist die Seele des Klaviers.“ Gemeint ist natürlich das rechte, möglicherweise in einer Mischung mit dem linken.

Ich liebe Dont, Jacob Dont, weniger seine großen Etüden, nein, seine „24 Vorübungen zu Kreutzers und Rodes Etüden“, sein op. 37, sie treiben weniger an die Grenzen, dort wo versuchsweise auch gern Gewalt angewendet wird (Fingerstrecken links, Bogen fixieren im Ricochet o.ä). Ich liebe aber ebenso die spezielle Notenausgabe, die mein neuer Lehrer verlangte, als ich 15 war, die Peters-Ausgabe (inzwischen gibt es Henle u.a.), zumal dort zuweilen ausführliche handschriftliche Anweisungen drinstehen, die mich heute mehr zum Nachdenken bringen als damals (Prof. Raderschatt sei Dank!). Zur Sache:

 

Ich spiele diese Etüde häufig, auch einige andere, eben, weil sie noch in den Fingern liegen und keine Sonderleistungen erzwingen. Oder doch? Plötzlich sagt eine innere Stimme: merkst du nicht, dass kein einziger Saitenwechsel wirklich reibungslos gelingt, immer nur mit Geräusch oder Ruck. Ich übertreibe natürlich, aber das sagte mein Lehrer damals auch. Und das saß. Die Neigung zum pauschalen Zurechthören der eigenen Leistung ist aktiver als die zur Geistesgegenwart und punktuellen Vertiefung. Die zweite Lage ist ohnehin etwas unbequem, in diesem Fall besonders, weil sie gleich den vierten Finger (cis“‘) herausfordert durch den Wechsel mit den Tönen his“ und h“ (wirklich sauber!) und dann durch das Übersetzen desselben Fingers auf die nächsttiefere Saite. Was soll der dilettantische Bruch, bevor du zu derselben Aktion wie eben mit dem vierten Finger übergehst, jetzt auf der A-Saite? Genau darauf bist du fixiert, wenn überhaupt, aber der Ruck rechts ist das Übel, du musst schon unterbrechen… (Wie immer: der Rechtsruck!) Es geht um die Legato-Verbindung zwischen der vorletzten Sechzehntel-Vierergruppe und der letzten: vom gis“ zum fis“. Wenn das nicht schön ist, kannst du die Geige gleich wieder einpacken! Die Legato-Verbindung übt man genau so wie auf dem Klavier: der Ton gis“ auf der E-Saite muss noch zu hören sein, wenn du den Ton fis“ auf der A-Saite anspielst. Die Streckung links ist auch nicht völlig angenehm, aber unentbehrlich, man muss sie nur einmal wahrgenommen haben, egal wie vorübergleitend sie geschieht und sich verflüchtigt. Und am Ende des nächsten Taktes – beim Übergang zur D-Saite – ganz genauso. Und so weiter. So einfach ist das.

(Fortsetzung folgt)

Klassik Hype

Fünf Jahre Solitär 

25. Oktober 2015

Kampf der Klaviergiganten: Chilly Gonzales meets Igor Levit

Wie hatte es angefangen? 9.8.2013

7. Februar 2020

Hier zur Aspekte-Sendung

abrufbar bis 4.2.2021

Weshalb man sich durchaus Gedanken machen sollte: Magazin VAN HIER

Über Andreas Reckwitz: Wikipedia HIER

Lesenswert des weiteren der Artikel über ein Hauptwerk des Soziologen: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne / Suhrkamp 2017 / Inhaltlicher Abriss bei Wikipedia HIER.

(Fortsetzung folgt)

Banales beim Frühstück

Wie ich einen Ohrwurm zähmte

Es fing damit an, dass ich ihn für einen eigenen Einfall hielt. Ohne Verwunderung. Sowas ist leicht, am Leitfaden einer Sequenz entsteht assoziativ eine Art Melodie. Da ich Zeitung las, wollte ich sie eigentlich wieder los werden, stattdessen (oder deswegen) notierte ich sie, und schon wurde ein Studienobjekt daraus:

Als die Sequenz fertig dastand, die an sich immer wieder von vorne losging, wusste ich, ein drittes Mal dürfte das so nicht weitergehen, es ist schon simpel genug. Warum wirkt es überhaupt auf mich, als habe es ein Existenzrecht? Die neue Linie ist die gleiche, aber die Intervalle verändern sich, das erhöht das Interesse; da der Grundton erreicht ist, müsste jedoch ein ganz neuer Impuls kommen, ja, die betonte Oktave, und noch mal eine Sequenzformel, das ginge, und damit könnte ich ich es erstmal bewenden lassen. Leichte Irritation, weil die neue Formel eine andere Assoziation weckt, eine Instrumentenfarbe.

Und während ich weiterlese, denke ich, da kommen auch Worte nach, einzelne Fetzen, vielleicht ist das gar nicht von mir? … Schubert womöglich…? Und dann geht es in die Kinderzeit, Schulzeit, Chor, schäbiges Orchester, Solo der Oboe, das der letzten Sequenzformel gleicht, ich weiß sogar noch den Komponisten, ich mochte ihn nicht, aber dass er es fertigbrachte, sich in einem Quintanerhirn festzuhaken. Unangenehm, aber unabweisbar. Melodie und Text: „Als Joseph von des Hügels Rand das Städtchen liegen sah, gab er Maria leis die Hand und sprach: das Ziel ist nah.“ Oder „da“. Aber warum „leis“? Die Oboe fand ich verehrungswürdig, edel, ich glaube, Ubenauf spielte sie, sein Vorname ist weg. Walter Rein fällt mir ein, diesem Komponisten wollte ich nie wieder begegnen. Mein älterer Bruder sang früher auch gelegentlich ein eigenes Motiv (behauptete er jedenfalls), nervend, und zwar  auf den Text „Im Stadion zu Delphi“, immer und immer wieder, aber Weiteres rückte er nicht heraus. Ich halte mich an Joseph:

Ubenauf. Der Vorname, der mir fehlte, ist Albrecht. Es lebe die Erinnerung. Ich denke an andere, jüngere Ohrwurm-Sequenzen: „Nessun dorma“, die Linien, die einem sofort einfalen, wenn das Wort „Kalaf“ gesagt wird, oder „Turandot“, außergewöhnlich, weil sie stufenweise ansteigen, statt abzusinken; ich schone sie, weil sie ihre Wirkung bewahren sollen, und immer wieder wundere ich mich, weil sie aus dem Nichts auftauchen, um einen Höhepunkt zu schaffen. Oder wie mich kürzlich unvermutet die Klavierfassung eines berühmten Liedes aus dem Handy ergriff: „Ja, du weißt es, teure Seele [usw.] Liebe macht die Herzen krank“, kamen nicht sofort die Tränen? mechanisch, ja automatisch, immerhin wusste ich plötzlich, warum. Das würde mir bei Kalaf nie passieren, da ist es der strahlende Andere, der Tenor. Bloß nicht heulen, meist ist Selbstmitleid im Spiel, also notiere ich eine Art Durchblick. (Wo ist das Blatt?)

Diesen Ohrwurm kann ich abmurksen mithilfe eines anderen, willkürlich erzeugten, „Clair de lune“ von Debussy, da muss ich mir nach den ersten beiden Terzen den großen Septakkord vorstellen, das erfordert mehr Imagination, dann sehr bald die hohe Stelle, die ihren Reiz aus derselben Dissonanz zieht, Impressionisten bringen jedes einprägsame Motiv zweimal, das darf ruhig ein Ohrwurm werden oder bleiben, mit einem doch etwas differenzierteren Klang dahinter. Ich muss das nicht aufschreiben, aber das Banale gehört nun mal zur „Wiederkehr des Gleichen“, es gehört zur Realität und kann jederzeit für „magisch“ erklärt werden. Da muss man gewappnet sein. Moment, geirrt habe ich mich offenbar mit dem großen Septakkord, im Bass steht kein Ges , sondern ein Es, im Grunde habe ich nur die Dissonanz im Ohr, die der Ton f in der Höhe und in der Mittellage mit dem ges bildet. Sind es eigentlich immer melodische Motive, nie Akkordfolgen, die einen Ohrwurm verursachen?

Eine schreckliche Ahnung steigt auf, das Motiv, das ich zu Anfang notierte, könnte doch auch von Mozart stammen. Und ich habe es nicht auf Anhieb identifiziert? Plötzlich scheint mir, das Wort „Liebe“ könnte hineingehören, woher kenne ich das? Und es wird noch peinlicher: womöglich ist es aus „Così fan tutte“ , die Oper die mich kürzlich wieder so beschäftigt hat ? Nein, unmöglich, aber vielleicht dies: Wenn der Freude Tränen fließen… Entführung aus dem Serail.

Nein, keinesfalls! (Die Chromatik und der direkte Gang zum Grundton.)

Es ist nicht zu fassen: nach einen erholsamen Mittagsschlaf erwache ich mit einer glorreichen Idee. Ich hatte am späten Vormittag noch eine Whatsapp-Rundfrage verschickt, samt obiger Notennotiz  und der Frage: „Wer kennt das?“  Die beste Antwort: „Klingt wie die Nachsatzphrase aus einem Schubertmenuett. Aber, tja, aus welchem. Schlimmer noch: es könnte einer der 700 Walzer sein.“ Vor dem Einschlafen las ich in der Süddeutschen über Hölderlin, von „Linien des Lebens“,  und beschloss, den Passus mit dem wunderbaren, mir unbekannten Gedicht abzuschreiben, – wachte nach 25 Minuten auf und beschloss, etwas anderes zu tun, nämlich: alle Titel der Trio-Roseau-CD noch einmal anzuspielen. (Die Erleuchtung war nahe…) Hier die Auslöser in umgekehrter Reihenfolge:

Quelle Süddeutsche Zeitung 15./16.Februar 2020 Seite 15 So dacht‘ er Dauerausstellung in Tübingen, Baustelle in Lauffen, Betreten verboten in Nürtingen: Eine Rundreise zum 250. Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin / Von Alex Rühle

 Ich klicke im CD-Spieler durch: Nr.6 !!!

Bei schwächeren Nerven müsste ich in Ohnmacht fallen: aber im Gedächtnis war mir nur „etwas mit Liebe“. Nicht „Un‘ aura amorosa“…

Nie wieder wird mich dieser alte Ohrwurm von heute Morgen verfolgen. In Wahrheit handelt es sich – wie so oft – um eines der schönsten Stücke, die ich kenne.

  

Eine bedrückende Frage bleibt: wie konnte ich das für banal halten???  Sie gilt allerdings nur zum Schein, denn auf das Motiv an sich, vage erinnert, könnte jeder kommen, der mit klassischer Musik umgeht. Es war ja auch kein Einfall, sondern nur eine Art Déjà-vue, das ungerufen auftauchte, ein fremdes Ding, das sich wichtig tat. Und niemand legte seine Seele hinein, es hatte keinerlei Tendenz, sich in die Realität hinauszuspannen. Usw. usw. – jetzt könnte ich eigentlich Hölderlin abschreiben. Ja, die Verse sollen hier folgen und meinetwegen wiederkehren, so oft sie wollen, wie die, die ich seit der Darmstadt-Zeit 1963 kenne und aufsage: „April und Mai und Junius sind ferne.“ Besser kein weiteres Wort davon…

Man kann ohnehin alles nachlesen, wenn man will, zum Beispiel hier . Aber ob es einen wirklich erreicht, ist eine andere Frage. Man verweist aufs Herz, auf Herz oder Seele. Oder Gänsehaut. Das hat mit Ohrwurm nichts mehr zu tun. Als nächstes muss ich die Notiz zu „Ja, du weißt es“ (Zueignung!) wiederfinden, irgendetwas war brauchbar daran, betr. Rousseau. Vielleicht so brauchbar wie der rote Melodiefetzen da oben, der sich plötzlich in Mozart verwandelte…

An Afghanistan denken

Aus dem Archiv von Uli Preuss (Solingen)

Handwerker in der Chickenstreet, Kabul, Afghanistan, Februar 2012

Handwerker bauen nach dem Sieg gegen die Taliban erste Satellitenschüsseln, Kabul, Afghanistan 2004

Um diese Bilderreihe mit einem Hoffnungsschimmer zu beschließen, wähle ich ein anderes aus der Sammlung: allerdings aus einem anderen Land, einer anderen Zeit: Kambodscha, Basisgesundheitsstation Friedensdorf 2010, siehe auch hier.

Alle Fotos wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis, Dank an ©Uli Preuss Solingen

Experiment mit Così

Zwiespältige Hörerlebnisse

Es hat einen dreifach autobiographischen Hintergrund, aber eigentlich tut der nichts zur Sache. Mozarts Oper „Così fan tutte“ beunruhigt jeden, der sie zu ergründen sucht, vielleicht auch nur, wenn er dieses gesunde Misstrauen in die Illusionen des Theaters zu pflegen geübt hat. Ich erinnere mich an meinen Versuch im Jahre 2002, da hatte ich die neue Gesamtaufnahme der Oper unter René Jacobs gerade bekommen, nahm sie mit in den Urlaub an der Algarve und spielte sie fortwährend auf unseren Fahrten entlang der Küste, zum wachsenden Vergnügen der Mitfahrerinnen. Im Hotel saß ich und studierte das Textheft. Und ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren, als hätte ich nicht genug zu tun, kamen all die Erinnerungen zurück: und zwar mit einer neuen CD, wiederum während der gleichzeitigen Lektüre des schönen neuen Booklets, das eigentlich die Formation des Bläsertrios ins rechte Licht rücken wollte. Und ich erschrak, weil ich manche Stücke, die ich glaubte, seit 18 Jahren „im Blut“ zu haben, jetzt bei der Neubegegnung überhaupt nicht wiedererkannte. Eine böse Stimme in mir flüsterte: habe ich etwa zuviel indische Musik parallel gehört? Oder habe ich nur eine doppelte Psychologie und eine zwiespältige Emotionslage beobachtet und die Musik, den Mantel dieser seltsamen Gefühle, als weniger wesentlich verkannt? Nie und nimmer! Hier der entsprechende Abschnitt des Booklettextes von Andreas N. Tarkmann:

 CD Dabringhaus und Grimm (s.u.)

Nach dem Urlaub 2002 erhielt ich ein schönes Geschenk, einen Klavierauszug, und da mich das Thema weiter beschäftigte, – zumal es sich zwanglos mit der indischen Musik verbinden ließ, die ich jederzeit im WDR3-Programm präsent halten wollte -, habe ich alles in einer Radiosendung zusammengefügt. Ich hoffe, das psychologische Risiko, die Sendung heute noch einmal anzuhören, dürfte ich nach dieser langen Zeit kühnen Auges (coolen Ohres) meistern. HIER ist der Text. (Die CDs stehen im Regal hinter mir.)

 

Über die Youtube-Aufnahmen, die gleich folgen, ließe sich streiten, ABER: nicht über die Reihenfolge. Da habe ich mich nämlich strikt an eine Vorgabe gehalten, die ich gleich ablichte, und das hat rein hör-taktische Gründe. Genau dazu muss ich auch noch eine Geschichte erzählen. Wie man dann zur neuen CD übergeht, ist mir im Prinzip ganz egal, nur: man denke sich etwas dabei! Nehmen Sie wahr, was auf der Bühne geschieht. Nicht das Jahr und die Aufnahmetechnik, sondern vielleicht: Was erzählt die Musik? Was bewirkt die Szene, das Bühnenbild, die Mimik und Gestik der Ausführenden? Was ist musikalische Substanz? Was geht davon in das später folgende Hör-Erlebnis über?

Dieselben (die gleichen?) 11 Titel sind nämlich im folgenden als Opernbestandteile abzurufen (nicht die Bilder anklicken, sondern die jeweils darunter oder daneben  stehende Zahl):

 1) „Una bella serenata“

 2) „Ah guarda sorella“

 3) „Sento, o Dio“

 4) „In uomini“

 5) „Come scoglio“

 6) „Un‘ aura amorosa“

 7) ab 2:02 „Prenderó“

 8) „Secondate“

 9) ab 1:43 „Tradito, schernito“

 10) „Ah lo veggio“

 11) ab 5:21 „Fortunato l’uom“

Jetzt kommen wir zum geheimen Sinn des Experimentes. Wenn Sie nun die soeben gegebene Liste der Stücke aus „Così fan tutte“ in einer Bearbeitung für die – sagen wir – kleinstmögliche Besetzung hören: wie hören Sie das? Als neu oder als vertraut? Vielleicht fragen Sie auch jemanden, der nicht weiß, dass alle Titel aus einer einzigen Mozart-Oper stammen (damit gäbe man dem Gehör sofort eine bestimmte Ausrichtung).

Klicken Sie mit dem folgenden Link zu jpc, wo sie jeden Track der CD zumindest anspielen können, und wechseln Sie hin und her zwischen jpc dort und Youtube hier. Das ist der ganze Sinn der Übung. Das Spiel beginnt also: HIER bei ipc!

Erkennen Sie alles wieder? Sie werden vielleicht auch die Fragestellung im oben abgedruckten Booklet bemerkt haben: „wie viel an besetzungstechnischer Minimalisierung in so einer Mozart-Harmoniemusik überhaupt möglich ist“: d.h. die Überlegung, ob der Arrangeur einer solchen Musik überhaupt den ganzen Reichtum des Originals „zu einer konsequenten Dreistimmigkeit“ reduzieren kann; er „muss ja in der Lage sein zu entscheiden, was von dem Mozartschen Originalsatz weggelassen werden kann, ohne dass dies vom Hörer als Verlust bemerkt oder als solcher empfunden wird“.

Aber wie war es möglich, dass ich einige der Stücke überhaupt nicht wiedererkannt habe? Es macht mich ja wohl noch nicht zu einem Versager. Zum Beispiel hat Adorno ganz glaubwürdig ein Genie wie Schönberg verteidigt, dem nachgesagt wird, er habe einmal nicht bemerkt, dass ein Klarinettist versehentlich das falsche Instrument benutzte und die ganze Partie in einem Kammermusikstück des Komponisten – sagen wir –  um einen Ton versetzt spielte.

Ich habe einmal folgendes erlebt: eine ausgezeichnete Musikerin wurde zu einem runden Geburtstag geehrt, und jemand sang für sie am Klavier einen selbstgebastelten Text zu einer Melodie, die dazu passte. Nicht nur das: die Künstlerin selbst hat diese Melodie oft genug als großes Solo in einem Kammermusikwerk vorgetragen – und hat sie jetzt nicht wiedererkannt; die anwesenden Kollegen aber durchaus, es lag also nicht an der unzulänglichen Wiedergabe. Es handelte sich zweifellos  um dasselbe Phänomen wie bei mir: die Melodie hat sich durch die Veränderung mehrerer Parameter subjektiv vollkommen verwandelt, jedenfalls aus einer nicht-analytischen Perspektive, wenn etwa der Text, der Interpret und die gesamte Szenerie sich so in der Vordergrund schieben, dass die abstraktere Wahrnehmung der melodischen Linie samt charakteristischen Harmoniefolgen nicht mehr automatisch funktioniert. Im übrigen fehlten ja meine absoluten Lieblingsstücke, die ich vielleicht sogar erkennen würde, wenn sie rückwärts gespielt würden: „Di scrivermi ogni giorno“ (Quintett) oder das darauffolgende „Soave sia il vento“ (Terzettino).

Eine andere Frage wäre: muss man, um diese CD zu würdigen, überhaupt einen blassen Schimmer vom Inhalt der Oper haben? Was fehlt mir, wie auch immer ich es drehe? Nicht nur die beiden genannten Stücke, sondern die Devise der Oper, die „Kernaussage“:

 Die Devise am Anfang der Oper und dieselbe Formel gegen Ende . . .

Damit befinden wir uns am Rand einer Inhaltsästhetik, die uns in der Musik zu großen und interessanten Problemen führt. Das ist auch ein Grund für mich, diese CD einmal in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen. Zudem lohnt es sich sehr, es sind ja exzellente Künstler/innen, die hier spielen. Und es klingt so durchsichtig, dass man mit Freude die Chance wahrnimmt, drei Stimmen gleichzeitig als glückliche Einheit und als individuelles Linienspiel zu verfolgen. – Ich habe an dieser Stelle die beiden Divertimenti derselben Mozart-CD vernachlässigt: sie sind aus einer Reihe von Einzelstücken zusammengestellt, die Mozart für die (Bassett-) Klarinetten der Gebrüder Stadler komponiert hatte; der ältere war bekanntlich auch Adressat des Konzertes, das Mozart als letztes Werk einen Monat vor seinem Tod vollendete. Hier haben wir nun also noch eine bezaubernde Musik, die für die meisten Musikfreunde in dieser Form ein absolutes  Novum bedeuten wird… abgesehen von bestimmten „Kernaussagen“ Mozarts, von denen zwei noch folgen sollen.

Zum Thema „Harmoniemusik“ lese man bei Wikipedia hier.

Mehr zur Entstehungsgeschichte der Divertimenti KV 439b aus 25 Einzelsätzen gibt es im Booklet, aus dem ich noch ein Fragment zitiere:

  Dabringhaus und Grimm

Zum Ausklang (oder: Was fällt Ihnen zu diesen beiden Musikstücken ein?)

Das eine kenne ich: nein, es erinnert nur an die „Kleine Nachtmusik“. Das andere hat ebenfalls einen Aha-Effekt: nach vier Takten erklingt Mozarts „Kernformel“, die man vor allem aus dem Finale der Jupiter-Sinfonie kennt.

Und sonst? Zuviel C-dur, zuviel Kadenzen? (Fortsetzung des Exkurses von hier). Genauer gesagt: instrumentengerecht bearbeitet und gespielt in B-dur. Hören Sie  Tr. 17 und Tr. 12 der eben abgebildeten CD. Es gibt viel daran zu lernen. Zum Beispiel: der Dreiklang am Anfang ist niemals banal, er dient einer verbindlichen Aussage, einem Statement. Die Differenzierung geschieht mit neuen Elementen und deren Kombination. Meine Frage ist immer: an welchem Punkt genau weiß man wohl, dass es nicht einfach Zeitstil ist, sondern eben – Mozart?

Zumindest vom zweiten Beispiel sei hier noch der weitere Notentext gegeben, um eine besondere Lösung hinsichtlich der Form hervorzuheben. Ich habe keine gründlichen Quellenstudien betrieben, sondern nur die Ausgabe von 1905 ausgedruckt. Im Vorwort schreibt ein gewisser E.Lewicki:

Er bezieht sich auf den Sprung, der durch das vi-de angezeigt ist. Das Trio Roseau triff an dieser Stelle eine gute Entscheidung und macht den Sprung beim ersten Durchgang dieses Teils, spielt aber bei der Wiederholung den vollen Notentext, so dass die Reprise an dieser Stelle mit dem Anfang des ganzen Stücks identisch ist.

Weitere Überlegungen zu diesen Stücken könnten ausgehen von dem schönen Text, den man bei Villa Musica Rheinlad-Pfalz findet, nämlich hier.

Welche Visionen brauchen wir?

Angenommen: einzig Untergangsszenarien sind realistisch

Dann kommt man gern mit Luthers Apfelbäumchen daher, – ein Spruch dieser Art ist aber bei dem großen Reformator gar nicht nachweisbar. Wir müssen eigene formulieren. Angenommen im Herbst des Jahres 79 n. Chr. hätte ein wohlhabender Bürger Pompejis die Weissagung bekommen: in Kürze wird diese Stadt untergehen, es grummelt schon bedrohlich aus der Tiefe des Vesuvs. Würden wir ihn bewundern, wenn er furchtlos seinen Garten bestellt hätte statt sich außer Reichweite zu begeben?

Einerseits ist Optimismus hoch im Kurs, weil zukunftsorientiert. Andererseits wissen wir, dass nur die Wahrnehmung maximaler Gefahr eine echte Kehrtwendung veranlassen kann. Und nicht die Formel: es wird schon wieder werden…

Wir können uns nicht mehr außer Reichweite begeben, abgesehen davon, dass wir nicht einmal wohlhabend sind. Bei Markus Lanz habe ich kürzlich erfahren, dass man in San Francisco, „der reichsten Stadt dieses Planeten“, laut Statistik als arm gilt, wenn man weniger als 115.000 Dollar pro Jahr verdient. Und noch nie konnte man dort soviel Obdachlose sehen wie heute. Also: es sind hochinteressante Zusammenhänge, mit denen wir konfrontiert werden, und man sollte sich unbedingt um die Zukunft kümmern, – quia absurdum est, sagte man im alten Italien. Nein, auch dieser Satz ist nie so formuliert worden, wie man ihn zitiert. Dabei ist das Fazit, wie man lesen kann, ziemlich genau so, wie es gleich im Gespräch mit einem unverbesserlichen Optimisten zutage tritt.

ZITAT

Aber das ist nicht der Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende von allem. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es jetzt Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, zum Beispiel auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es geht aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen.

Ich weiß nicht, ob dieser Autor zu den Untergangspropheten gehört, die in der Markus-Lanz-Sendung vom 4. Februar 2020 apostrophiert wurden. In diesem Blog wurde er schon als bedenkenswert zitiert, als es die kleine Schrift noch gar nicht ohne weiteres zu kaufen gab. HIER.

Hier ist ein Protokoll dessen, was Harald Welzer in der Sendung gesagt hat. Vielleicht kann man alles in seinem Buch systematischer nachlesen, aber manches wirkt gerade in den locker (und engagiert) hingesprochenen Beiträgen inspirierender.

ZDF Sendung Markus Lanz 5.2.2020, nachzuhören bis 5.3.2020 HIER.

Zum Text (noch nicht vollständig lektoriert)

Lanz (ML)bei der Vorstellung der Gäste:

Wir müssen, schreibt er, endlich den Untergangspropheten ihre Uhr wegnehmen, die seit 40 Jahren auf 5 vor 12 steht, für diese – Achtung! – Lamentierökos richten wir eigene Nöhlreservate ein, und da gehen wir dann alle hin, wenn wir mal versehentlich gute Laune kriegen. Herzlich willkommen, Harald Welzer!

20 Minuten später…

Harald Welzer (im folgenden als HW)

20:35 Mich erschüttert, dass bei solchen Aussagen geklatscht wird. Also es ist wirklich irre, wir haben – ML stopp stopp, geklatscht wurde grade, weil Frau Wöhrl sagte, da sind Lobbyisten dahinter, die puschen (ja, aber) (alle durcheinander)

HW – wir haben nun eine ausgebaute Klimawissenschaft aus sehr sehr vielen verschiedenen Disziplinen zusammengesetzt, die seit vielen Jahrzehnten an diesem Thema arbeiten, es gibt eine weit, weit über 90prozentige Übereinstimmung der Befunde, die aus diesen unterschiedlichen Disziplinen kommen, dass wir es mit einem menschengemachten Klimawandel zu tun haben, und wir wissen auch mit einer hinreichenden Sicherheit, wie die Sache sich weiter entwickelt, und wir wissen auch, dass es an Treibhausgasen liegt.Das gibt es in keinem andern wissenschaftlichen Bereich – ich bin selber Wissenschaftler -, dass es einen solchen Konsens gibt. Und wenn es bezahlte[r] Institute usw. gibt, die insbesondere in den USA seit vielen vielen Jahren gegenteilige Dinge behaupten, dann sind es nicht – die Wissenschaftler sind sich nicht einig, sondern die WissenschaftlerInnen, die von dem Thema was verstehen und da arbeiten, sind sich einig. Deshalb gibt es die Berichte vom IPCC (ML: Weltklimarat usw.) usw. usw., und man kann auch nicht sagen, – und deshalb finde ich es hier auch nicht berechtigt an der Stelle zu klatschen – beide werden bezahlt. Ich glaube, es gibt ne ganze Reihe von WissenschaftlerInnen, gerade in dem Umweltbereich, im Klimabereich, die haben eine echte Besorgnis über ihre Forschungsergebnisse, die kommunizieren die nicht deswegen, weil sie dafür bezahlt werden, sondern weil sie als Wissenschaftler sehen, wir haben ein riesiges Problem. Dieses Problem haben wir seit mindestens 1972 erkannt, als „Die Grenzen des Wachstums“ erschienen sind, seitdem wissen wir das (ML: Club of Rome!) ja, ja, und nennen uns selber eine Wissensgesellschaft, aus diesen Wissensbeständen werden kaum Konsequenzen gezogen, das ist der Punkt! (22:50 Einspruch von Heiner Lauterbach über Situation „auf beiden Lagern“, Dagmar Wöhrl über politische Interessen, ML „es geht immer um die Schuldzuweisungen, es geht doch vielmehr um die Frage: wie gehen wir mit dem Klimawandel um in der Zukunft“ ML: „wie gelingt es, diese Polarisierung aufzuheben?“)

22:50 Na ja, ich würde eigentlich – und dann können wir auch harmonischer werden in der Runde – ich glaube, da gäbe es ja eine Übereinstimmung, woran es uns da elementar fehlt, sind tatsächlich Zukunftsbilder, und Gesellschaften, dieses Typs, also der westlich-liberalen Demokratien, sind ja immer erfolgreich gewesen, weil sie immer ne Vorstellung hatten: wer wollen wir sein? Wo soll diese Gesellschaft (ML sie sagen: immer neuer, immer besser, immer mehr, das ist sozusagen unser Mantra) ja, darauf ist es zusammengeschrumpft, ja, aber dass es mal ne Gesellschaft gewesen ist, die gesagt hat, jetzt kommen diese Klischee-Zitate „mehr Demokratie wagen“, aber „Öffnung des Bildungssystems“, großes Programm der 1960er Jahre, ich hab da extrem von profitiert, als Ziel: wir müssen eine andere Gesellschaft sein, mehr sozialen Ausgleich, mehr Partizipation etc. etc. oder auf der symbolischen Ebene solche Dinge wie Apollo-Projekt, Eroberung des Weltraums usw.usw., also Dinge, wo Gesellschaft nicht einfach nur um ihre eigene Gegenwart kreist, sondern wo sie eine Vorstellung hat: da sind Ziele, da wollen wir hin, da wollen wir auch alle mitnehmen. (ML: Heute, also, Apollo ist abgehakt, für mich zumindest, aber – E-Mobilität wär doch so’n Ziel…)

22:50 Aber das ist doch kein identifikationsstiftendes Ziel, das ist doch dasselbe wie jetzt, nur Sie haben n Antrieb ausgetauscht, ist doch nichts, wo man sagt: au, cool!!! 2050 haben wir nur noch E-Autos (ML: also 50 sagen Sie jetzt…ganz cool, ehrlich gesagt, in ner Innenstadt zu leben, die nicht mehr stinkt morgens, nach Abgasen) ich fänd’s ja viel cooler in ner Innenstadt zu leben, wo es keine Autos mehr gibt (auch gut! Beifall können wir uns sofort drauf einigen), aber vielleicht verbirgt sich genau dort der Witz, dass es dort auch so etwas wie Utopien geben, Visionen geben muss, wir könnten uns vorstellen, – dieses Thema, das wir zu Anfang hatten, wir haben keine soziale Ungleichheit in diesem Ausmaß mehr, meine ich keine sozialistische … ja? aber keine soziale Ungleichheit in dem Sinne, dass Menschen zur Tafel gehen müssen, wenn sie was zu essen haben wollen. Wir könnten doch ein Zukunftsbild haben, dass wir eine Gesellschaft haben, in der alle anständig essen können, ich meine, dass man im Jahr 2020 sowas überhaupt sagen muss. Oder das als Ziel ist ja schon bizarr. (ML Oder in die andere Richtung jetzt wenn Sie nach San Francisco gehen, also noch nie konnten Sie in der reichsten Stadt dieses Planeten, wo Sie glaube ich mit 114 000 Dollar mittlerweise offiziell arm sind, wenn Sie ein Jahreseinkommen von 115.000 Dollar haben, sind Sie statistisch arm, nie konnten Sie soviel Obdachlose dort sehen wie im Moment.)

Ja, selbstverständlich, und das ist in allen Metropolen, ehm, aber jetzt wollen wir nicht das Negative sagen, man könnte ja sagen: wir haben die Power, wir haben auch das Bildungssystem, wir haben auch sozusagen theoretische Motivation genug, uns diese Gesellschaft anders vorzustellen, nämlich eine, die viel weniger Ressourcen verbraucht, siehe Frage Mobilität, was ist die Mobilität der Zukunft? Ist das der Ersatz eines Energiegebers gegen einen andern, oder ist es intelligenter Bewegung, also sprich: nicht mit Autos, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die super funktionieren 29:21 weil sie digital orchestriert sind. Ist die Stadt der Zukunft, sieht die aus wie jetzt aussieht? Oder hat die ganz andere Nahversorgungskonzepte? Wird viel mehr Nahrung in der Städten angebaut? Usw. ML Nahrung? Nehmen Sie uns doch mal mit, lassen Sie uns frei denken , auch mal verrückt denken. Welche Ideen gibt’s da? Wie sieht sozusagen der Nahrungsmittelanbau der Zukunft aus?

HW Naja, da gibt es n ganzes Spektrum von Ideen, da geht von den Verical Gardening – das kennen die meisten: dass man Hochhäuser auch dafür verwendet, dass man in bestimmten Etagen die Nutzung der Fassaden, um Nahrungsmittel anzubauen, das gibt es als ganz konkrete Utopie, umgesetzt in Andernach, wo der Grünraumplaner der Stadt vor 10 Jahren auf die famose Idee gekommen ist, dass Stadtgrün auch verwendet werden kann, um Nahrungsmittel anzubauen. Seitdem nennen die sich die essbare Stadt, zeigen stolz vor, dass in ihrer Stadt Flächen usw. anders genutzt werden, die Bürger finden das zum Teil toll (glaub ich) nich? weil die jetzt sagen können, wir sind die mit der essbaren Stadt, ja, die haben viele Preise bekommen, und sowas, das sind so Ansätze, und das geht bis hin, dass man natürlich eh eh im Untergrund bestimmte Formen von Nahrungsmitteln anbauen kann usw. (ML Beispiel? Im Untergrund? Ohne Licht, ohne…) Ja, kann man machen, ich bin kein Biologe, aber da laufen solche Experimente oder in Rotterdam, da machen sie auf Poldern im Fluss sozusagen Kühe, ja, da machen sie Weidewirtschaft, es gibt total verrückte Geschichten, ehm, ich finde an solchen Dingen nur interessant, wir habe eigentlich keine – wie soll man sagen – keine Medienformate, wo solche Zukunftsbilder, die z.T. ja sehr konkret sind, wo die richtig sexy vermittelt werden (ML doch Sie heute grade hier, das ist doch cool / Wöhrl: aber man kann das doch auch immer nur ergänzend sehen, es sind ganz tolle Geschichten, man kann es sich ganz super vorstellen, aber es wird nichts das ersetzen, was notwendig ist, um alle zu ernähren) ML was machen wir mit der mit der mit dem Bevölkerungswachstum, das ja enorm ist, wenn man sich das mal anschaut, (HL das ist das Problem, das wir haben, das mit Abstand größte Problem, das wir habe, ist die Überbevölkerung. Sie sagen ja in einem Artikel, den ich gesehen habe von Ihnen, den ich unterschreiben würde, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, 9 Milliarden Menschen zu ernähren, das ist nicht das Problem. Als ich auf die Welt kam, da hatten wir 3,5 Milliarden Menschen, jetzt haben wir mehr als doppelt so viel, man muss ja kein Mathematiker sein, was lässt Sie denn daran glauben, dass es bei 9 Milliarden bleibt?

HW Oh, das wiederum, sagen die Leute, die sich damit beschäftigen, Demographen, die können das relativ gut berechnen, weil sie sehen können, wie die Kinderzahlen sinken, (ML mit steigender Bildung…) mit steigender Bildung und bestimmten anderen sozialen Faktoren sinken die Kinderzahlen, auch heute schon, und dann können Sie hochrechen: wenn Sie weniger Kinder haben, haben Sie entsprechend in der nächsten Generation so und so viel Bevölkerungszuwachs oder -abnahme, und (HL dann muss man aber die Bildung heben, in Afrika zum Beispiel) ja, das kann man ja auch machen bzw. sollte man machen (ML es geht ja um Frauenbildung vor allem) ja, es gibt bei Bevölkerungswachstum keinen unendlichen Anstieg, es wird sich bei 9 – 9 ½ Milliarden irgendwie einpegeln. Da gibt’s sozusagen Übereinstimmung. Das macht das Problem nicht besonders klein, denn das sind immer noch sehr viele, wir haben durch Klimawandel und anderen Umweltstress natürlich immer mehr Probleme, diese Leute zu ernähren, nur über einen Faktor müsste man in dem Zusammenhang auch sprechen: dass natürlich die Menschen in den USA oder wir hier in der Bundesrepublik und so das Zehn- bis Zwanzigfache von dem verbrauchen, was Menschen in andern Teilen der Welt verbrauchen. Das heißt, wir müssen das Bevölkerungsproblem auch mit solchen teilen, und da kann die Lösung nicht sein: alle müssen so viel zuviel verbrauchen wie wir, das ist die Aufgabe…

Markus Lanz: Aber Ihr Buch gefällt mir deswegen so gut, Herr Welzer, ich hab das schon vorm Jahr gesagt, weil das ein optimistisches Buch ist, weil Sie sagen, wir müssen da für diese Öko-Lamentierer müssen wir eigentlich so Nöhlparks einrichten, da sperren wir die alle ein, da können die alle rummaulen von morgens bis abends, und diese Weltuntergangspropheten, bei denen die Uhren seit 40 Jahren auf 5 vor 12 stehen, äh, das kann man ja alles nicht mehr hören. Deswegen: wo ist sozusagen der positive Blick ins Morgen, wie lösen wir das? Wenn Sie sagen, zu recht ja sagen, wie kann das sein, dass wir weiterhin auf dem Niveau Spaß haben und Halligalli machen und CO2 in die Luft pusten, und die andern, die jetzt also grade erst dazukommen, die Schwellenländer, Indien und China usw., die jetzt aber auch partizipieren wollen, – dann können wir nicht einfach so weiter machen, was bedeutet das? Kommen dann tatsächlich die Verbote? Müssen wir runter von unserem Lebensstil? Oder gibt es ein gutes Leben, das nur anders gestaltet wird?

HW Ja, also ich hab ja für den Optimismus dieses Buches erstens subjektiv den Grund gehabt, dass ich dieses Gejammer nicht mehr hören kann, und diese pausenlosen Untergangsphantasien, die sind ja insofern eitel, diese Untergangsphantasien, weil wir heute auf dem allerhöchsten Niveau leben, das es in der Menschheitsgeschichte jemals gegeben hat. Das ist auch nicht pathetisch, das ist einfach so. Alle hier in diesem Saal leben besser als Ludwig der XIV., he? und das ist ja nicht nichts! Und die Lebenserwartung hat sich verdoppelt in den letzten hundert Jahren, alle diese Faktoren, und dann interessiert mich, wow, wenn das möglich gewesen ist, was waren denn die Bedingungen dafür, dass das möglich war? warum geht es heute so gut im Vergleich? Da haben wir n paar Faktoren: wir haben auf der einen Seite wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, wir haben enorme soziale Fortschritte, die haben sehr viel mit Gleichheit zu tun, die haben auch etwas mit der äh äh äh Emanzipation der Frauen zu tun, die haben was mit dem Bildungssystem zu tun, viele solcher Faktoren, und medizinischer Fortschritt natürlich auch, führen dann dazu, dass diese Lebensverhältnisse besser werden, aber – was immer nicht gesehen wird – es gehört auch n Gesellschaftssystem dazu, und wir leben in einem offenen Gesellschaftssystem, in einer Demokratie, die die Eigenschaft hat, sich permanent modernisieren zu können, weil sie Kritik zulässt, weil sie Bewegungen zulässt wie jetzt diese „Fridays for Future“, genau so wie die Grünen, die Öko-Bewegung war eine Modernisierungsbewegung, die brauchte diese Gesellschaft, ha, genau so brauchen wir jetzt die Kids ganz dringend, weil die Modernisierung geht nicht von den Altmaiers dieser Gesellschaft aus. Das muss man einfach mal so ganz schlicht sagen, das ist n Altersphänomen usw., auch das was wir als Realpolitik betrachten, hat ja in dem Sinne keinen Horizont, deshalb verstehen ja viele auch nicht, was wollen die eigentlich damit? Was bedeutet das jetzt, wie sieht denn unser Bildungssystem im Jahre 2030 aus, wie sehen unsere Städte, wie sieht unsere Mobilität 2030 aus? Das ist sozusagen pragmatisch, kurzfristig orientiert, macht aber keinen Horizont auf. Oder wir sehen mal das Beispiel der Autoindustrie: die Autoindustrie wird einen Strukturwandel durchmachen von der Dimension durchmachen, wie es vorher der Bergbau insbesondere im Ruhrgebiet vorexerziert hat. HÖREN WIR ETWAS DAVON? Wie sieht dieses Land nach der Autoindustrie aus? Das muss ja nicht negativ sein, das muss man abfedern, das nennt man Strukturwandelspolitik. Aber wir brauchen doch JETZT Visionen für die Zeit nach dem Auto. Wir brauchen Visionen für eine Zeit, wo diese Form von Emissionen – und übrigens auch Rohstoffverbrauch im ganzen, das ist eine verengte Diskussion, wenn wir nur über Emissionen sprechen. (Klar!) Wir haben – jetzt nach dem Davos-Gipfel wurde verkündet – wir haben jetzt globales Wachstum 2020 3,3 Prozent Wachstum: 3,3 Prozent Wachstum bedeutet 3,3 Prozent mehr Verbrauch – wie soll das auf einem Planeten, der jetzt unter Stress steht, funktionieren? Was haben wir für eine Vision für eine Wirtschaft jenseits des Wachstums? Und das meine ich mit Zukunftsbildern, die muss man nicht immer negativ bestimmen, es ist doch eine Herausforderung zu sagen: wir können’s doch viel besser. Ist doch viel interessanter als immer nur so weitermachen und hier und da herumzubasteln. Oder? 37:52 (Beifall)

*    *    *

Das Buch von Welzer – und zwei Rezensionen: hier.

Quellen und Rezensionen zu Jonathan Franzen in DIE ZEIT 30. Jan. 2020

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 37 Was, wenn es so kommt? Der Kampf gegen den Klimawandeöl ist verloren, sagt der Schriftsteller Jonathan Franzen. Manche Forscher behaupten gar, schon diesem Jahrzehnt breche die Zivilisation zusammen. Es ist Zeit, sich mit der „Kollapsologie“ zu befassen. Von Ulrich Schnabel. S.a. hier (leider mit Zahlschranke).

Kritik zum Begriff „Collapsologie“ siehe hier (Wikipedia Pablo Servigne)

DIE ZEIT 30.01.2020 Seite 53 Werden wir untergehen Jonathan Franzens jüngster klimapolitischer Essay hat spektakuläre Shitstorms ausgelöst. Jetzt kann man ihn auf Deutsch lesen. Von Elisabeth Thadden. S.a. hier (ohne Zahlschranke)

Zur Quellenseite der ZEIT hier = Zugang zu der folgenden Übersicht; dort kann kann man die einzelnen unterstrichenen Texte oder Infos anklicken.

 Screenshot

Der Aufsatz „Deep Adaptation“ („Tiefenanpassung“) von Jem Bendell auf deutsch als pdf. abrufbar hier.

Solingen – Kunst und Leben

Zwei Spaziergänge

Ich liebe das Solinger Industrie-Museum, nicht nur die Maschinen und die didaktische Aufbereitung der ganzen Gesenkschmiede, sondern besonders den Geruch und das Mauerwerk. Und eine neue Dimension öffnet sich, wenn darauf die Bilder eines Meisterfotografen und Menschenfreundes zu sehen sind, wie hier am 2. Februar 2020 (und auch jetzt noch!).

 

Alle auf diesen Amateur-Fotos abgelichteten echten Fotos stammen von Uli Preuss. Ich danke für die Erlaubnis, sie hier wiederzugeben! Zwei Links zu seiner Person – hier und hier.

Natürlich ist es nicht adäquat, solche Bilder quasi im Vorübergehen mit dem Smartphone einzufangen. Ich brenne darauf, einige „Originale“ in der wahren Qualität wiedergeben zu können. Und auch den Meister selbst bei der Arbeit zeigen zu können. Andererseits geht es mir auch darum, quasi nebenbei eine Ahnung von der Weltoffenheit dieser Stadt im Bergischen Land zu vermitteln. Als mein Sohn ganz klein war, hat er mich bei einem Spaziergang mal mit der Frage überrascht: „Wo is einklich die Welt?“ Und ich habe ihn vielleicht nicht auf die Natur da draußen verwiesen, sondern auf all die Bilderbücher. Eins meiner Lieblingsbücher bis heute heißt übrigens „SEHEN. Das Bild der Welt in der Bilderwelt“. Der Autor ist John Berger. Ich weiß nicht, ob es auch schon eine Reisebuch von Uli Preuss gibt. Als ich ihn jetzt anschrieb, kam die Antwort aus Abu Dhabi, Zwischenstopp auf dem Rückflug von Kambodscha… Während ich aus der Ohligser Heide heimkehrte. Und heute in Düsseldorf verabredet war. Immerhin.

In der Ohligser Heide 7. Februar 2010

Alle Fotos JR Smartphone Huawei (Keine Kunst)

Sonntag 9. Februar 2020

Heute sind Originalfotos von Uli Preuss eingetroffen, unfassbar schön und erschütternd. An dieser Stelle nur zwei aus Kabul (bitte anklicken und vergrößern!), die mir unvermittelt eine Welt und eine Zeit vor Augen stellt, die ich vor 45 Jahren selbst intensiv erlebt habe: als habe sich nichts verändert (abgesehen von den Autos) – aber was hat sich dort in der Zwischenzeit alles abgespielt. Großer Dank an den Fotografen!

Fotos ©Uli Preuss Solingen (siehe auch hier)

Ich zitiere aus dem oben – „vor 45 Jahren“ – verlinkten Artikel von Sven Hansen:

 „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“, lautet der bekannteste Spruch der Taliban. Als hätte es dafür noch einen weiteren Beleg gebraucht, ist Ende 2014 auch der Nato, die Afghanistan mit ihrem „Krieg gegen den Terror“ unter Kontrolle bekommen wollte, die Zeit davon gelaufen.

Nietzsche und seine Schwester

Notiz anlässlich eines Filmes

Foto JR Düsseldorf: Edvard Munch malte die Schwester (zu dem nach einem Foto gemalten Nietzsche-Bild siehe hier)

Wikipedia über E. Förster-Nietzsche Hier

Wikipedia über Nietzsche (als erste Orientierung) Hier

https://www.arte.tv/de/videos/062255-000-A/wahnsinn-nietzsche/

Hier  Nietzsche-Film bis 5.3.2020 52 Min.

ZITAT Pressetext

Verfügbar vom 29/01/2020 bis 05/03/2020

Aufklärer, Visionär, Vordenker totalitärer Systeme – ist Nietzsche wirklich der, für den wir ihn halten? Was waren seine Ideen, und was wird dafür gehalten? Und welchen Einfluss hatte seine Schwester auf ihren Bruder? „Wahnsinn! Nietzsche!“ bringt einen Fälschungsskandal ans Licht, der in der deutschen Geistesgeschichte beispiellos ist. Nach einem Zusammenbruch verbringt der bis dahin nahezu unbekannte Philosoph sein Dasein in vollkommener geistiger Umnachtung. Seltsam ist: Nietzsche wird nach seinem Zusammenbruch plötzlich über Nacht berühmt. Seine Bücher finden reißenden Absatz, Millionen erklären Gott endgültig für tot und Nietzsche zum Propheten ihrer schöpferischen Befreiung. Nicht nur das linke, auch das rechte Spektrum beruft sich auf Nietzsche. Der aufstrebende Adolf Hitler beruft sich auf den Philosophen als seinen ideologischen Vordenker. Das prägt das Bild Nietzsches: Bis heute gilt er als der große Blut- und Bodenphilosoph, als Autor des Werks „Der Wille zur Macht“. Doch gerade hier gibt es Zweifel: Wann soll Nietzsche das Buch verfasst haben, das unmittelbar nach seinem Tod auf den Markt kam? Nach seinem Zusammenbruch? Vorher? Oder ist das einflussreiche Werk eine Fälschung? Und ist Nietzsches eigene Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche dafür verantwortlich? „Wahnsinn! Nietzsche!“ ermittelt die Hintergründe und Folgen einer kriminellen Werkfälschung im Stil eines modernen Untersuchungsverfahrens. Die Geschichte führt aber auch in die Abgründe einer ungewöhnlich engen Geschwisterbeziehung und macht den Philosophen Friedrich Nietzsche als Menschen spürbar.

Im Namen der Bach-Familie

Neue Aufnahmen, alte Inhalte

 outhere RIC

 Foto: ©Björn Kadenbach

Zum Ensemble Vox luminis, oben bei der Arbeit abgebildet, während das Booklet ansonsten dazu schweigt, deshalb: hier.

Warum gerade diese CD?

Ich möchte die Geschichte der Musik vor Bach nicht aus dem Auge verlieren. Daher die Hinwendung zu den Orgeln und Orgelwerken Buxtehudes und Scheidemanns. Und dann: gerade diese CD wurde von den Kollegen im „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ letztes Jahr ausgezeichnet, man konnte leicht reinhören, Grund genug sie zu kaufen.

„Kantaten“ – Heinrich Bach: Ich danke Dir Gott; Johann Michael Bach: Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ; Herr, der König freuet sich; Johann Christoph Bach: Die Furcht des Herren; Herr, wende Dich und sei mir gnädig; Es erhub sich ein Streit; Johann Sebastian Bach: Christ lag in Todesbanden BWV 4. Vox Luminis, Lionel Meunier. Ricercar RIC 401 (Note 1)

Nach den Motetten die Kantaten: Lionel Meunier und Vox Luminis haben sich dem einschlägigen Schaffen der Bach-Verwandten Heinrich, Johann Christoph und Johann Michael Bach gewidmet. Herausgekommen ist eine Einspielung mit starker Sogwirkung: akribisch und trotzdem warm timbriert, in bester Übereinstimmung von Wort und Musik und mit einer starken Präsenz der großen Emporenorgel. Sie ist aber auch interessant, weil drei Vorfahren aus dem übermächtigen Schatten des Thomaskantors geholt werden. Sebastians frühe Kantate „Christ lag in Todesbanden“ BWV 4 im Anhang zeigt, wie stark er von den Verwandten geprägt war und, wie er sich später originalisiert hat. (Für die Jury: Thomas Ahnert)

Natürlich hatte ich gehofft, noch etwas so Umwerfendes von Johann Ludwig Bach (1667-1731) zu finden, was seiner Trauermusik gliche. Die Silhouette von Arnstadt ist auf dem Cover der CD zu sehen, und in Arnstadt war es ja, wo ich Feuer gefangen hatte, das Buch von Hagedorn war entscheidend, dann der Besuch des Örtchens Wechmar, überhaupt die physische Nähe der Bach-Regionen.

Der Ablauf der Musiken

Also nur zwei Komponisten, dazu deren Vater Heinrich und – der entferntere jüngere Verwandte Johann Sebastian. (Auf der Ahnentafel – siehe hier – sind es die Nummern 6, 13, 14 und 24. Nebenbei: die Tochter von Nr. 14 wurde die erste Frau von Nr. 24)  Zur letzten Komposition „Es erhub sich ein Streit“ suche ich die entsprechende Kantate von Johann Sebastian Bach BWV 19 heraus: Hier ist sie (mit Gardiner).

Auffällig in der Version von Johann Christoph Bach: nach einer Instrumentaleinleitung bis 1:19 erklingt eine Siegesmusik, – obwohl es heißt „und siegeten nicht“. Nur die Seite der wahren Sieger gilt! „Michael und seine Engel“ in Kanonbewegung! Bei JSB steht am Anfang der Kampf. Es erinnert an „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“ in der Matthäuspassion, aber hier eben mit Siegestrompeten. Alles C-dur, die Beschwörung des Namens Michael, der erste Subdominant-Akkord auffällig bei 4:00. Ist es zu voreilig zu konstatieren, dass bei JSB eine Dialektik entscheidend wird, die nun auch den satanischen Widerspruch würdigt? Nicht unbedingt: die Kantate des anderen war halt für den Festtag des Erzengels Michael bestimmt… die logisch-rhetorische Abfolge der Satzteile ist ganz unterschiedlich gewichtet, wie man schon am Gebrauch der Worte „und“ im ersten und „Aber“ im zweiten Fall sieht, ebenso der Subjekte im ersten („Michael und seine Engel“) und im zweiten ( „Die rasende Schlange, der höllische Drachen“).

  2 von 4 Strophen bei Joh. Christoph Bach

J.S.Bachs Kantatenbeginn: Es erhub sich ein Streit. / Die rasende Schlange, der höllische Drache / Stürmt wider den Himmel mit wütender Rache. / Aber Michael bezwingt, / Und die Schar, die ihn umringt / Stürzt des Satans Grausamkeit.

ZITAT aus dem Booklettext von Jérôme Lejeune:

Eindeutig ist Johann Christoph unter Johann Sebastian Bachs Vorfahren sowohl im Hinblick auf die Qualität als auch auf die Originalität seiner Werke der eindrucksvollste Komponist. Muss nochmals daran erinnert werden, dass er der einzige der Vorfahren ist, über den Sebastian seine „Meinung“ sagt, indem er ihn als einen „profonden Componisten“ bezeichnete? Wahrscheinlich ist er der Vorfahre, zu dem der junge Johann Sebastian die tiefste Beziehung hatte, da Johann Christoph seinen Organistenberuf in Eisenach ausübte und seinem Cousin Johann Ambrosius, dem Vater von Johann Sebastian, sehr nahe stand. Doch handelt es sich für diesen nur um Kindheitserinnerungen, da er 1694 beim Tod seiner beiden Eltern von seinem älteren Bruder aufgenommen wurde, dessen Vornamen ebenfalls Johann Christoph war[en] und der in Ohrdruf als Organist arbeitete. Und als Johann Sebastian von seinem ersten Aufenthalt in Nordeutschland (1700-1703) zurückkam und ab August 1703 die Organistenstelle in Arnstadt innehatte, war der „profonde Componist“ eben im Monat März gestorben.

ABER: was ich dennoch kaum glauben kann, dass es derselbe Komponist ist, der auch das erschütternde Lamento geschrieben hat, das Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel) mit Magdalena Kožená aufgenommen hat: „Ach, daß ich Wassers genug hätte“ (2005).

Es kann nur um Liebe, Tod und Trauer gehen, denkt man unwillkürlich. Tatsächlich ist es nur die eigene Sünde, deretwegen die Tränen fließen. Man muss schon sehr in sich gehen, um zu begreifen, was in jener Zeit ein solches Gefühl bedeutete, ein Bewusstsein von Neigungen und Verhaltensweisen, die nicht wiedergutzumachen sind. Da hilft kein selbstbewusstes Aufbegehren, man hat sich gewissermaßen selbst demontiert, zerstört, die Musik ist es, die daran keinen Zweifel lässt. Ich weiß nicht, ob uns dieses Gefühl heute wirklich so fremd ist, wie der allgemeine Optimierungswahn uns glauben machen will, während ein ungeheures Artensterben stattfindet, für das wir alle verantwortlich sind.

Und die Probe aufs Exempel: es ist nicht nur die Sängerin (und die eigentliche Wiederentdeckung dieses Werkes durch Goebel), die eine solche Wirkung gezeitigt hat, sonst würden uns andere Aufnahmen desselben Stückes nicht auf so andere Weise – und doch vergleichbar – ergreifen. Trotz erheblicher Zurückhaltung in Pathos und Jammerton. Vielleicht ist es der Kirchenraum, die fahle Beleuchtung, die reduzierte erotische Ausstrahlung der Situation, die bürogerechte Kleidung des Solisten, die Statik der Mitwirkenden? Jedenfalls kommt nicht die Sichtbarkeit als wesentliches Moment der Aufführung hinzu: die Musik selbst tritt allein und gebieterisch hervor. Sie sagt: Es gibt keine Hoffnung mehr; mit Rilke zu reden: die Schönheit ist nur des Schrecklichen Anfang.

Eine Vorbemerkung zum Hören

Ich kann nicht erwarten, dass mir jede dieser Kompositionen auf Anhieb gefällt, sie werden (eventuell) erst beim wiederholten Hören schön oder außergewöhnlich; am Anfang kann durchaus der vage Eindruck stehen: das klingt von ferne so ähnlich wie Schütz oder Monteverdi, und frühestens bei der Kantate von J.S.Bach sagt man: jawohl, so ist Musik, so muss sie sein, je nach Erfahrungsstand. Ein Verächter alter Musik, den ich einmal mit Monteverdi-Madrigalen zu bekehren versuchte, stellte sich nach wenigen Versuchen quer mit den Worten: „Ich höre nur Kadenzen“. Man hätte ihn beleidigen können, etwa mit den Worten: Du verharrst in den Vorhöfen dieser Musik, Du würdest möglicherweise erst nach einem mehrfachen und vor allem gutwilligen Hörerlebnis  durch das Hauptportal eingelassen. So hätte man sich ganz schnell den Vorwurf der Arroganz eingehandelt, während man selbst vielleicht dieses Wort für den anderen mühsam ausgeklammert hat. Bei Beethovens Fünfter würde niemand sagen: „Ich höre immer nur das eine Motiv“. Oder auf der Autobahn: „Ich will mich nicht immer nur vorwärts bewegen, ich habe einfach mehr Phantasie!“

Man könnte konventionell „halb“ hinhören, sagen wir bis Tr. 5 „Herr, wende dich und sei mir gnädig“, und dann erst wirklich beginnen. Natürlich mit dem Text vor Augen, damit eine gewisse Gliederung und Übersicht nahegelegt ist, nicht: um Einzelheiten des Textes lächerlich zu finden („meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe“). Demut ist angebracht, wenn die Ohren aufnahmefähiger werden sollen: das aber ist ihre einzig mögliche Aktivität, nicht Widerborstigkeit und Absperrung. Dafür bleibt später genügend Zeit.

Wie schön nach der harmonieseligen Einleitung, über der sich eine Solovioline gegen den Himmel abhebt, die gesungenen Einzelstimmen flexibel aufeinander reagieren, das „wende dich“ umsetzend und gemeinsam agierend, – es handelt sich durchgehend um Prosa, nicht um rythmisierte Verse, auch wenn die Musik kleinere Sinneinheiten schafft -,  der unvergessliche Einwurf des Altus: „Meine Tage sind dahin wie ein Schatten und ich verdorre wie Gras“, und wie schön läuft es immer wieder auf die verführerisch intonierte Sentenz hinaus: „Das Grab ist da“ und schließlich im Verhauchen auf die Worte „wie eine Scherbe“. Haben Sie nur Geduld, bis die Kräfte wieder wachsen, und nehmen Sie die Stelle vor 5:30 mit heimlicher Lust wahr: „Neige deine Ohren und erhöre mich“. Es folgt die lyrische Strecke des vollzogenen „Erhörens“, die dem Solobass obliegt. Die Besonderheit des Chorals am Ende wird im Booklet erwähnt: „Hier wird die Freude der Gläubigen auch durch die sehr virtuosen Stimmen der beiden Violinen ausgedrückt, die sich in brillante Verzierungen stürzen und so im Kontrast zum Tanzcharakter des ternären Chorals stehen.“ Wobei auf eine ähnliche Choralbehandlung in der Hochzeitskantate Meine Freundin du bist schön desselben Komponisten Johann Christoph Bach verwiesen wird. Ja! das trifft mich wie ein Blitz der Erleuchtung, und wie gerne versetze ich mich in die Zeit, die nur wenige Jahre zurückliegt: als ich diesen Komponisten entdeckte und mich zu einem gewaltigen Sprung in das Jahr 1679 verleiten ließ, nicht ohne intensive Nachhilfe durch das Buch von Volker Hagedorn: Hier.

Weitere Abschweifung vom Thema

George Steiner ist gestorben, und schon steht sein Todesdatum in der Wikipedia-Biographie. Und erst der Nachruf von Ulrich Greiner hat mich darauf gebracht, wieviel er mir bedeutet hat, seit ich am 1. März 1991 sein großes Buch zu lesen begonnen hatte. Was ich nicht richtig verstanden hatte: mir schien es gegen „Sekundärliteratur“ gerichtet, aber er meinte eher die journalistische Zubereitung der Kunst. Er sagte: „Der Schriftsteller, der Künstler, der Musiker sind für mich die Realität. Der Briefträger, der ihre Botschaften austrägt, das bin ich. Nie sollte man die beiden vermischen.“ (Und ich finde, auch im Journalismus gibt es solche Briefträger, ich könnte sofort Namen nennen und zitiere oft genug aus solchen „Briefen“, siehe unten, – schon wieder.)

Dann kam 2006 Bertholds Erinnerung gerade recht: die Musikalität des Denkers hat die am meisten überredende Kraft, trotz oder wegen der fortwährend mitklingenden Melancholie.

Merkwürdig: ich würde mich wahrscheinlich notgedrungen als Agnostiker bezeichnen, wenn ich eine Meinung äußern müsste, und würde doch sofort wankelmütig, wenn ich längere Zeit George Steiner läse. Anderen geht es ähnlich, der Nachruf in der ZEIT ist beeindruckend:

Warum Denken traurig macht hieß eines seiner späten Bücher (2006). Es macht traurig, weil es nie an ein Ende kommen kann, weil jedes scheinbare Ergebnis neue Fragen aufwirft. In seiner Erzählung Aschensage (ja, er hat auch Erzählungen geschrieben, leider nur wenige) streiten sich einige Juden – wie viele es sind, ist nicht leicht herauszufinden – über die alte Frage, weshalb Gott Abraham befphlen hat, den Sohn Isaak zu töten. Weil er darauf gehofft habe, Abraham würde Nein sagen, spricht der eine. Wie denn? sagt ein anderer, zu Gott Nein zu sagen, ist unmöglich. Doch, sagt nun ein Dritter, weil nämlich der Tötungsbefehl gar nicht von Gott kam, sondern vom Satan, dem Gott kurz das Wort erteilt hatte. „Das Denken ist der Tanz des Geistes“, heißt es am Ende, „der Geist tanzt, wenn er nach dem Sinn sucht, und nach dem Sinn des Sinnes.“

Quelle DIE ZEIT 6. Februar 2020 Seite 53 Nachruf Weltbürgerlicher Tänzer des Denkens George Steiner war ein freier Geist und Verteidiger der Literatur. Von Ulrich Greiner.

In the Key of Genius

Klavier und Tastsinn

Auf meinem Flügel liegt ein Klavierstück, das ich zu üben versprach: es ist schön, – 99 Takte, nicht unspielbar, aber auch leicht zu verderben, weil es mit überaus feinen Schattierungen arbeitet. Es stammt von dem Stuttgarter Komponisten Jan Kopp und heißt:

Dann fiel mir Strawinsky ein, für den das Klavier eine besondere Rolle gespielt hat, ich suchte nach entsprechenden Quellen in meinem Bücherschrank und im Internet. Ich blätterte in einer frühen Strawinsky-Monographie, die mich um 1960 beeindruckt hat, Robert Craft war daran beteiligt. Als ich in Berlin zu studieren begann, war er mir deshalb ein Begriff: ein paar helle Köpfe unter meinen Kommilitonen kauften damals seine Gesamtaufnahme der Werke Anton Weberns. Andere helle Köpfe gingen bereits dazu über, diese Gesamtaufnahme massiv zu kritisieren. Und jetzt – nach bald 50 Jahren entdeckte ich einen Youtube-Film, der etwa zur gleichen Zeit entstanden ist, wie hätte mich das damals aufgeregt. In der Oetkerhalle in Bielefeld hatte ich Apollon Musagète (oder „Cantata“?) gehört, ein bestimmtes Motiv wurde mein Klingelton, wenn ich nach Hause zurückkehrte. (Nicht im Handy… an der Wohnungstür.)

 Strawinsky JR

Wiedergefunden nach 22 Minuten (durchaus verständlich, dass mir von damals nur 1 Motiv in Erinnerung blieb, nicht wahr? und die Tatsache, dass im Text eine Nonne von Jesus „in ihrem Bettelein“ sprach, ein Missverständnis zweifellos):

 Cantata 1951

Und heute: Robert Craft im Gespräch mit Strawinsky, über „Agon“, über Webern, am Anfang der Meister allein am Flügel, wie er Einzeltöne anschlägt, Intervalle, es rührte mich: alles, die Situation der Einsamkeit, – wie er die Notenlinien mit einer Schablone zieht, wie er Intervalle anschlägt. Etwas roh, nicht schön, nicht einstudiert. Wie er Robert Craft aus dem Hintergrund herbeiruft, und wie er auf die Taubheit Beethovens kommt.

Als ich mir die Noten für „Tasten Hören“ wieder aufs Notenpult legte, stellte ich mir unwillkürlich Beethoven mit Strawinskys Gesicht vor, wie er – einen Bleistift im Mund – die Vibration einer Taste einfängt. „They have to touch the music, not only to hear it!“ (siehe zweites Video weiter unten bei 2:43!) –  Aber wie kam ich auf das erste Video? Vielleicht über das Wort „key“ ? Das englische Wort heißt Schlüssel, aber auch Taste und Tonart. Und mir fiel ein, dass in einem Bericht über „Inselbegabungen“, wenn es um Musik geht, immer das Klavier auftaucht und die Wirkung einzelner Töne rings umher. Das Gedächtnis der Kinder, die Häufigkeit des absoluten Gehörs. Das Wort „Savants“ fiel mir ein, man sehe fürs erste, was im Wikipedia-Artikel zur Inselbegabung steht,  hier -, und ich erinnerte mich dunkel an die Behandlung des Phänomens bei Douwe Draaisma, da ist schon die Stelle:

Savants spielen Klavier – keine Gitarre, keine Violine, keine Oboe: Klavier. Fast alle Savants haben eine visuelle Behinderung. (…) Alle Savants haben einschneidende Sprachstörungen. Wenn überhaupt eine Sprachentwicklung in Gang kommt, ist diese verzögert. Der Wortschatz bleibt sehr begrenzt. Selbst wenn Savants lange Textstücke oder Unterhaltungen wörtlich wiederholen können (….), verstehen sie ihre Bedeutung nicht.

Damit waren für mich genügend Rätsel angedeutet, und ich saß nun etwas ratlos mit meinem Strawinsky-Buch, in dem ich mir damals schon die jetzt irgendwie passenden Äußerungen unterstrichen hatte. Im Hintergrund immer noch die Frage nach den prinzipiellen Unterschieden musikalischer Begabung und einer Dialektik, die ich seit 13.V.1960 durch erste gründliche Adorno-Lektüre kennenlernte: sie irritierte mich, da es mir nicht passte, Strawinsky als Antipoden Schönbergs aufzufassen (wie „Die Philosophie der Neuen Musik“ nahelegte). Für heute gilt: diese beiden Videos müssen natürlich überhaupt nicht aufeinander bezogen werden, aber der Zufall will, dass das eine im anderen nachwirkt, und mir genügt es, dass das eine Video die Erinnerung an jenes Strawinsky-Buch von 1960 plus Adorno wiederbelebt, das andere aber jenes von Draaisma auf den Tisch zaubert, das im Untertitel „Von den Rätseln unserer Erinnerung“ zu erzählen verspricht. Und dort nun, unter den Namen der musikalischen Savants, die nichts vergessen, was sie einmal gelernt haben, befindet sich eben auch der, der auf dem Video „In the Key of Genius“ mit seinem Mentor zu sehen ist: Derek Paravicini.

Quelle Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Die Hervorhebungen in roter Farbe stammen natürlich von mir. Und ich bleibe bei diesem einen Beispiel, weil es auch allgemein Licht auf das Phänomen der musikalischen Begabung wirft:

Ein paar Anregungen für „normal musikalische“ Menschen: bei 4:52 gibt es das Fragment einer Aufnahme des Vierjährigen, er hat das Stück durch Zuhören gelernt. Ab 8:03 wird sein absolutes Gehör demonstriert: er kann jeden beliebigen Ton, den er hört (aber nicht auf der Tastatur sieht), augenblicklich anschlagen. Genau so geht es mit Tonleitern, interessant, mit welchem Fingersatz er die C-dur-Tonleiter nachspielt, nämlich so, wie er ihn wohl einmal „ertastet“ hat: er schlägt den ersten Ton mit dem 2. Finger an und schiebt sofort den Daumen nach, abwärts arbeitet dann der Daumen allein, ab 8:20 –  21 21 21 21 21 21 21 21 1 1 1 1 1 1 1 1 . Wie erfasst er einen „disharmonischen“ Cluster von Tönen? Er identifiziert alle Einzeltöne in einem Moment, ab 8:50, und schlägt sie ohne Zögern als Cluster an. Ab 9:41 noch einmal die ausgedehntere C-dur-Skala wegen des Fingersatzes (genau wie vorher) und ab 10:08 der „Hummelflug“, ab 11:00 kann man die rechte Hand von oben auf den Tasten beobachten.

http://www.derekparavicini.net/index.html bzw. hier

ZITATE Draaisma

Als er [Derek Paravicini] ungefähr zwei Jahre alt war, fiel seine Empfänglichkeit für Klänge auf: was er auch an Geräuschen hörte, im Radio, aber auch das Zwitschern von Vögeln oder das Ticken und Klingen von Gläsern und Besteck, versuchte er mit der Stimme nachzuahmen. Auf einer elektrischen Kinderorgel spielte er nach, was er an Liedern hörte. Ein Jahr später kaufen ihm seine Eltern ein Klavier. Adam Ockelford, Musikdozent an einem Institut für mehrfach behinderte Kinder und Dereks Mentor, hat sein Talent zur weiteren Entwicklung gebracht. Als er neun war, gab Derek Konzerte mit Jazzensembles. Alle Hölzernheit seiner Motorik, schreibt Ockelford, verschwindet in dem Moment, wo er die Tasten spürt. Mit denselben Händen, die noch keinen Knopf oder Gürtel schließen können, spielt er die kompliziertesten Musikstücke.

Das Einstudieren von Stücken kostet Zeit, Derek muß ein neues Stück jeden Tag ein paarmal hören, bevor es in seinem Gedächtnis gespeichert wird. Aber wenn es dort erst einmal ist, wird es nie mehr verloren gehen. (Seite 117)

Derek spricht nicht, er äußert nur Klänge, kann außer Musik kaum etwas lernen. Aber dieses eine Talent ist nicht rein reproduktiv. Derek improvisiert gern. Wenn er jemanden begleitet, der nicht mit der richtigen Note anfängt, kann er sofort die passende Transposition finden, egal wie kompliziert die Begleitung ist. Alle Stücke, die er im Repertoire hat, kann er in jeder gewünschten Tonart spielen. Sein Talent, macht Ockelford deutlich, beruht nicht auf ‚instant recall‘, sondern auf einer gut entwickelten Fähigkeit, musikalische Strukturen zu manipulieren. (Seite 118)

Auch musikalische Savants sind meist männlichen Geschlechts, zeigen Verhaltensmuster, die mit Autismus assoziiert werden, und entwickeln kaum Sprache. Gerade letzteres wird bei musikalischen Savants als entscheidender Hinweis für den Ursprung ihres Könnens gesehen; (….). (Seite 119)

In den Fertigkeiten von Savants liegt eine seltsame, paradoxe Spannung. Auf der einen Seite sind es oft die einzelnen, trivialen Fakten, die so beharrlich memoriert werden. In dieser Hinsicht ist ihr Gedächtnis außerordentlich selektiv. Savants behalten (…) die oberflächlichen Fakten, nicht die Zusammenhänge und Kategorien. Auf der anderen Seite scheinen Savants Zugang zu Regelmäßigkeiten zu haben, die unter der Oberfläche liegen, seien es nun die Einteilung eines Kalenders, die harmonischen Strukturen in einem Musikstück oder die Gesetze der Perspektive. Dieser Zugang scheint eine Fähigkeit zu erfordern, die beim Auswendiglernen gerade so sehr fehlt: Abstraktion. Wie kommt es, daß ein musikalischer Savant Gefühl für die komplexe Ordnung von Akkorden und Tonarten hat, während ihm Sprachstrukturen verschlossen bleiben? (….) (Seite 123)

Nahezu alle musikalischen Savants haben schwere Sprachstörungen. Damit verfällt eine psychische Funktion, die unter normalen Umständen gerade der wichtigste Kommunikationskanal ist. Das bedeutet auch, daß eine mögliche Blockade für die Entwicklung anderer Funktionen entfällt. Sprache und Musik haben in mancherlei Hinsicht rivalisierende Funktionen, wobei sich Sprache auf einer leicht vorherrschenden Position befindet: wir können sehr wohl lesen und sprechen, während im Hintergrund Musik erklingt, Musik dagegen wirklich zu hören, wenn dazwischen geredet wird, ist viel schwieriger. Savants entwickeln ihre Empfindsamkeit für Musik in einem Alter, das für die Entwicklung von Sprache ein kritischer Zeitraum ist. Die Energie, die normale Kinder in der Erwerb von Wortschatz stecken, das Gefühl für Klang und Intonation, das sie dafür entwickeln müssen, die Entdeckung der impliziten Regeln für Wortbildung und Satzbau, die Steuerung der subtilen Motorik für Lesen, Sprechen und Schreiben, die sie lernen müssen, das Erkennen von Buchstaben und Wortbildern – das alles hält der Savant für die Entwicklung und Verfeinerung seiner eigenen speziellen Begabung zur Verfügung. Wenn er dabei, so wie das fast immer der Fall ist, auch noch ein visuelles Handicap hat, kann das seine akustische Empfindsamkeit noch verstärken. Das Ergebnis ist das musikalische Äquivalent eines Wortschatzes, einer Grammatik und einer akzentlosen Beherrschung der Muttersprache. (Seite 125 f)

Diese kompensative Beziehung zur Sprache ist der Aspekt, der im Fall des musikalischen Savant so interessant ist. Andere Komponenten, die für das Musikverständnis des normal ausgestatteten Geistes wesentlich sind, spielen demnach keine oder nur eine geringe Rolle. Die Relation zwischen linker und rechter Gehirnhälfte hat aufgrund frühkindlicher Fehlentwicklungen eine andere Form angenommen (Forschungen von Galaburda und Geschwind ). Draaisma fasst zusammen:

Das menschliche Gehirn hat die Fähigkeit, selbst nach schwersten Verletzungen ein gewisses Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Verwüstung kann noch so groß sein – es entsteht eine neue Ordnung. Blockaden und Beschädigungen führen zu einem Netz aus Schleichwegen, Umleitungen und Notbrücken. Auf den Malus eines Handicaps folgt oft der Bonus der Kompensation, auf einen Defekt ein heimlicher Profit. Bei Savants kann dieses eine Talent einen Kanal für Kommunikation öffnen. (…) Savanttalente, sobald sie entdeckt und entwickelt sind, werden zu Kontaktstätten, um so wertvoller, wo Kommunikation in Sprache oft unmöglich ist. (…) Ockelford hat in seinem Institut für mehrfach Behinderte manchmal mit Menschen zu tun, die unter derselben Behinderung leiden wie Derek Paravicini, aber ihnen steht keine Musik zur Verfügung. Wenn so jemand aber ein gewisses Maß an Verstand hat und seine Gefühle mit anderen teilen will, führt dieser abgeschnittene Weg zu Enttäuschung, Frustration und Aggression. Für Derek dient Musik „ausschließlich dazu, mit seinen Freunden zu kommunizieren. Er würde sich  nie hinsetzen und sein Herz und seine Seele in einem Stück von Chopin ausschütten oder so. Musik ist für ihn kein Ziel an sich, sie ist ein Mittel, um etwas zu erreichen.“  (Seite 126)

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Fernsehsendung QUARKS WDR 11.02.2020 – noch abrufbar bis 11.02.2015

 HIER 

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Video ab 2:17 …hier sind die Intervalle, man muss die Musik berühren, nicht nur hören, denn Berühren ist – – – zu fühlen – die Vibrationen der Musik. Es ist eine wichtige Sache – Sie erinnern sich: als Beethoven schon vollständig taub war, nahm er den Stift in den Mund (Str. macht es mit einem Bleistift vor), und er spielte die Musik, während er so den Notenständer berührte (schlägt einen tiefen Ton an), um die Vibrationen zu spüren, weil er die brauchte — er musste die Vibrationen genießen – andernfalls wäre die Musik eine abstrakte Sache für ihn gewesen – und dies war es, was er nicht wünschte. Meistens am Klavier, meistens wenn er das Instrument berührte (klopft mit den Fingern auf die Flügelkante) zum Beispiel, wenn ich auf einen bestimmten Abstand zwischen den Fingern schaue, entspricht das Intervallen, und diese Intervalle sind wirklich musikalische Ideen. Manchmal zufällig. Und manchmal mit Absicht (engl. „will“). Und wir haben den Willen nicht geringzuschätzen, der Wille ist eine sehr wichtige Sache, ich denke wieder an Beethoven und seine Skizzenbücher, wie jeder heute weiß: was er mit Willen tat, das ist auch … ein Element des kreativen Prozesses.

Das sagt er in dem Beitrag „Antworten auf 35 Fragen“ (1975). In seinen „Erinnerungen“ (1936) war Strawinsky den Anfängen dieser Neigung nachgegangen:

Als ich neun Jahre alt war, nahmen meine Eltern eine Klavierlehrerin für mich. Ich lernte sehr schnell, Noten zu lesen, und betrieb das so ernsthaft, daß ich bald Lust bekam zu improvisieren. Dieser Tätigkeit widmete ich mich mit Hingabe, und für lange Zeit war sie meine Lieblingsbeschäftigung. Meine Improvisationen waren bestimmt nicht sehr interessant, denn man warf mir häufig vor, ich vertändele meine Zeit, statt regelmäßig zu üben. Ich allerdings war nicht dieser Ansicht, und sie verdroß mich sehr. Heute verstehe ich, daß man sich bei einem Bürschchen von neun Jahren um die Disziplin kümmert, aber dennoch muß ich sagen, daß diese dauernde Arbeit …

Quelle Igor Strawinsky: leben und werk von ihm selbst / Atlantis-Verlag Zürich u B.Schott’s Söhne Mainz 1957

13. Februar 2020 Das Buch ist eingetroffen:

Adam Ockelford: In the Key of Genius

The Extraordinary Life of Derek Paravicini

 Hutchinson London 2007