Donaueschingen 2019

Eröffnungskonzert zum Abrufen 
Hier (im externen Fenster)
Moderation: Lydia Jeschke (ab 5:38)
(die folgenden Links einzeln abrufen, bei Abbruch hierher zurückklicken)
00:09:20 – Matthew Schlomowitz: Glücklich, Glücklich, Freude, Freude
00:43:53 – Michel Pelzel: Mysterious Benares Bells
01:39:00 – Simon Steen-Andersen: TRIO
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SWR Programmtext:

Wer heute für Orchester komponiert, der denkt die Geschichte des Orchesters immer mit. Wie ist das Orchester entstanden? Welchen Symbolgehalt hat die Musikergemeinschaft? Wie sind die großen Orchesterwerke vergangener Jahrhunderte gemacht? Die Antworten auf diese Fragen fallen freilich immer wieder anders und überraschend aus. Es können ironische und entlarvende Werke sein wie in „Glücklich Glücklich Freude Freude“ des australischen Komponisten Matthew Shlomowitz. Michael Pelzel hingegen arbeitet mit dem SWR Experimentalstudio an Möglichkeiten, den Klang zu entgrenzen und aufzulösen. Simon Steen-Andersen schließlich konfrontiert das Orchester des Rundfunks, aber auch seinen Chor und seine Bigband mit ihren historischen Vorläufern mit Aufnahmen aus dem Fernseharchiv des SWR.

18. Oktober 2019

Uraufführungen live aus der Baarsporthalle in Donaueschingen

Matthew Shlomowitz Glücklich, Glücklich, Freude, Freude

für Tasteninstrument und Orchester (Uraufführung / Kompositionsauftrag des SWR)

Michael Pelzel Mysterious Benares Bells für Orchester mit Elektronik

(Uraufführung / Kompositionsauftrag des SWR mit freundlicher Unterstützung von Pro Helvetia)

Simon Steen-Andersen TRIO für Orchester, Bigband, Chor und Video

(Uraufführung / Kompositionsauftrag des Dänischen Rundfunks und des SWR)

Mark Knoop, Tasteninstrumente

SWR Big Band (Thorsten Wollmann, Dirigent)

SWR Vokalensemble (Michael Alber, Dirigent)

SWR Experimentalstudio

SWR Symphonieorchester Dirigent: Emilio Pomàrico

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EINERSEITS

entfalten Einzelszenen z.B. aus dem beeindruckenden Collagen-Werk TRIO eine Wirkung, die nicht unbedingt beabsichtigt ist. Ein Wahnsinnsaufwand, eine ungeheure, überwältigende Fleißarbeit (Genie ist Fleiß), Komponistenkollegen sagen etwa: ach, hätte ich nur dieses riesige Archiv zur Verfügung, die Welt würde staunen. Die Lustigkeit kurzatmiger Wiederholungen des scheinbar Beiläufigen liegt auf der Hand, die ironische Rhythmisierung, ja Musikalisierung kenne ich aus den 70er Jahren, z.B. des typischen Hörerurteils „Das ist doch keine Musik mehr!“ im Radio-Workshop Neue Musik. Auch heute gibt es Momente, die erst Stunden später selbsttätig wiederkehren. Für mich z.B. die Studio-Szenen ab 2:16:30 bis 2:19:11, die keineswegs eine wichtige Position innehatten. Da sitzen drei oder vier intellektuelle Herren in einem Studio und sprechen miteinander, man könnte sie beim Namen nennen, damals hieß man zum Beispiel noch Thilo und kannte Gottfried Benn persönlich, eine feierlich-bedrohliche Runde; jemand erhebt sich schwerfällig, um ein Tonbeispiel vom Gerät abzuspielen. Ist das Dr. Clytus Gottwald? Ist das lustig? Vielleicht. Oder die quälenden, endlosen Barockkoloraturen vorher? Oder die technischen Schleifen aus Wortfetzen der Dirigenten?

ANDERERSEITS

… nichts weiter als Musik (Klangkunst), aber es ergänzt meine Obsession von der Beklommenheit der 50er Jahre, die vielen als ein Aufbruch in Erinnerung war. Ich glaube mich auch daran zu erinnern: ich war damals jung, hörte Radio mit Blick auf Zukunft, und finde heute alles wieder in den zweifellos alten Filmen und Musiksendungen, die damals von älteren Herrschaften kamen.

Dann stoße ich außerhalb der Werke und ihrer großen Inszenierung auf eine einzige ganz andere Szene, die ebenfalls mit dem Orchester und mit Donaueschingen zu tun hat. Ich setze sie hierher, weil mir gerade gestern der Gedanke kam, ich hätte neuerdings an einer Feierstunde der Institutionen teilgehabt, die ein zufriedenes Lächeln auf vielen Gesichtern zurückließ. Vor derselben Bühne wie damals. Und manche hatten ein beklommenes Gefühl. Ohne allzuweit zurückzudenken.

https://www.youtube.com/watch?v=QRMrujtd8CM

Bücherbedarf

Warum gerade dies?

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Weil es die eigene Zeit verstehen (und verändern) hilft. Ich kam darauf durch die Präsenz der Autorin in der Lanz-Sendung 8. Oktober 2019 (mit N.Kampusch) HIER

Warum Peter Gülke? Man kann sicher sein, dass er diesen Gegenstand mit einem universalen (linken) Blick betrachtet, nicht als lebenslänglich eingeschränkter Archivar. Er schreibt (heute) eher etwas schwierig, aber was ich kenne (Brahms/Bruckner, Schubert, Schumann), möchte ich nicht missen. Dieses frühe Buch ist einfacher zu lesen, und wenn ich meine, man müsse zu diesem Thema unbedingt auch Salmen lesen („Der fahrende Musiker im europäischen Mittelalter“), oder Bachmann („Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels“) oder Hammerstein („Die Musik der Engel“), er kannte das alles schon!

  Köhler & Amelang Leipzig 1975

285 Seiten, mit einer unbezahlbar schönen Bildauswahl, antiquarisch für 6,50 €

Antiquarisch, aus dem Besitz eines Rauchers (man riecht es), leicht vergilbt, aber ohne Lesespuren. Ich werde es mir durch viele Unterstreichungen aneignen.

ZITAT

„Schritte zum mehrstimmigen Komponieren“ (Gülke a.a.O. Seite 79f)

Wo immer der erste Schritt getan wurde, ob er angeregt war durch Erinnerungen an die Heterophonie, das freie Umspielen einer gleichen Melodie durch verschiedene Instrumente in der Antike, oder dadurch, daß Sänger verschiedener Stimmlagen die gleiche Melodie in der jeweils bequemsten Lage sangen und so zu einer Parallelbewegung kamen – entscheidend war der Entschluß, die „wild“ improvisierte Mehrstimmigkeit theoretisch zu fassen und so als kompositorische Möglichkeit zu legitimieren. Im Rahmen improvisatorischen Musizierens hätte die Mehrstimmigkeit sich nicht so entwickeln können, wie es in Europa geschah. Eben hieran zeigt sich der Unterschied von Komposition und Improvisation in aller Deutlichkeit: Wohl ist der Improvisierende „frei“ insofern, als er nicht an die Vorgabe eines Notentextes gebunden ist, aber die Wahrnehmung seiner Freiheit, alle Ausflüge seiner Phantasie erscheinen sinnvoll nur in einem Rahmen, den ihm das Verständnis seiner Zuhörer und das Zusammenwirken mit seinen Mitspielern vorgeben, ganz abgesehen davon, daß er, befangen im Vollzug, von seinem musikalischen Gegenstande nur geringen Abstand hat; nur, wenn er ein den Zuhörern vertrautes musikalisches Material benutzt, werden sie ihn und seine Freiheiten verstehen, und nur, wenn er sich an vorgegebene melodische und harmonische Modelle hält, funktioniert das Zusammenspiel mit seinen Partnern. Anders der Komponierende, der bei der Auswahl der Mittel freiere: Er kann Auseinanderliegendes planvoll zusammendenken und so zu neuartigen Synthesen gelangen, kann ohne die Befangenheit und das unmittelbare Engagement eines Musizierenden die Einzelheit präziser kalkulieren und in ein Verhältnis zur Disposition des Ganzen setzen, er kann im Bereich des Unerwarteten, Neuen weiter ausschreiten, mit bislang unvereinbar erscheinenden Mitteln, bei den Anfängen des mehrstimmigen Komponierens.

Nicht möglich wäre dies gewesen, wenn nicht die Entwicklung der Notenschrift die Übersicht erleichtert hätte. Die schriftliche Fixierung, zunächst nicht mehr als eine Gedächtnishilfe und also ohne Weitergabe der Melodien von Mund zu Mund kaum brauchbar, half nicht nur, die Einheitlichkeit des Repertoires in weit auseinanderliegenden Gebieten zu sichern, sie entlastete nicht nur die durch das Memorieren der Musikalischen Liturgie arg strapazierten Hirne, sie muß darüber hinaus die Einstellung zur Musik grundlegend verändert haben.

Wessen ich bedarf (privatissime)

oder: was braucht der Mensch? 

Ich habe mich gesträubt, das Wort „Bedürfnis“ anzuerkennen und begann, es in Varianten auszubreiten. Allmählich verfolgte es mich. Um die „Bedürfnisanstalt“ aus den Augen zu verlieren, kam ich auf das menschliche Grundbedürfnis, nein, das philosophische Grundbedürfnis des Menschen, getarnt als Neugier, die Neigung zum Warum, überhaupt zum Fragen, dieses Für-alles-eine-Erklärung, einen-Sinn-suchen-müssen, der tägliche Versuch, den Zufall zu unterwandern. „Das habe ich doch geahnt!“ Und dann das Lob der Tiefen-Entspanntheit, des In-sich selbst-Ruhens, des Cool-Seins, der Unaufgeregtheit. Ich vergesse nie, wie Adorno in seiner Glosse über Persönlichkeit am Ende Hölderlin zitiert (in den 60er Jahren habe ich einige Radio-Vorträge vom Tonband abgeschrieben, aus Sorge, sie würden nicht veröffentlicht). Ich zitiere ihn aus der Veröffentlichung (1969):

Wäre er ein richtiger Mensch, so wäre er nicht länger Persönlichkeit, aber auch nicht unter ihr, kein bloßes Reflexbündel sondern ein Drittes. Es blitzt auf in der Hölderlinschen Vision des Dichters: „Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts!“

Ja, aber wenn ich nun kein Dichter bin? Eben!

Damals haben wir keine neue Veröffentlichung von Adorno verpasst. Selbst als ich gerade von der Orienttournee zurückkam, die unser Leben änderte. Und so verpasste ich 1983 eine neue Ästhetik, deren ich nach der Musikästhetik von Dahlhaus nicht mehr bedurfte. Glaubte ich. (Ansonsten seit 1963: „Über Grund und Wesen der Kunst“ von Rudolf Krämer-Badoni.) Sie hätte aus der Musikethnologie kommen müssen (und kam auch: mit John Blacking, Mantle Hood, Alan P. Merriam, Bruno Nettl, aber letztlich – ins Unendliche aufgefächert).

   und die wichtigen Stellen…   Verlag Gerig Köln 1967

Als ich endlich auf das folgende Büchlein stieß (vor kurzem, dank Martin Hufner in Facebook), da war diese neue Ästhetik längst wieder aus der wissenschaftlichen Rezeption verschwunden:

Ein Glücksfall, – für mich das Missing Link zu Ernst Cassirer und Susanne Langer. Noch ein Glücksfall: diese Ästhetik ist wieder greifbar (nicht nur dank Internet s.o.).

Was mich fast entmutigt hätte, ist das eine Wort, das ich im Vorfeld gelesen hatte:

 Für die vorliegende Neuausgabe hat der Verfasser den Text erweitert und ergänzt: den theoriehistorischen ersten Teil durch eine Auseinandersetzung mit der Postmoderne, den systematischen zweiten Teil durch ein umfangreiches Postskript. Das ursprüngliche Konzept, das die Kunst als eine besondere Weise der Bedürfnisartikulation charakterisiert, erfährt so eine semiotische Präzisierung und – in einem Verständnis der Kunst als Ausdruck personaler Eigenart und Eigensicht – eine anthropologische Vertiefung.

„Bedürfnisartikulation“. Es ist kindisch, aber für mich stand fest, dass Kunst nicht aus der Not, sondern aus der Fülle kommt. Es ist ein Überschuss, der schöpferisch macht, nicht ein Mangel. „Not macht erfinderisch“? Man muss sich einmal klargemacht haben, dass solche punktuellen Einsichten – „Lebensweisheiten“ – nicht viel wert sind. Der kleinste Einwand entkräftet sie: wie ist es denn mit psychischer Not? Erinnert man sich nicht blitzartig an Fälle, wo sie einen lähmt, Notlagen, in denen man keinen Ausweg sieht und die Gedanken im Kreis laufen, statt neue Chancen freizulegen. Wenn ich krank bin, habe ich das Bedürfnis, wieder gesund zu werden. Aber wenn ich gesund bin, habe ich das Bedürfnis, an die frische Luft zu gehen, in die Berge zu fahren, an die See. Mich anzustrengen, zu rennen, zu schreien, zu jodeln. Oder sogar zu singen? oder ich freue mich, wenn ich jemanden singen höre. Und was für eine Art „Bedürfnis“ steht denn hinter dem Gefühl der Sehnsucht? Bei Goethe führte es zu Gedichten. Bei Dostojewski zu Romanen. Bei Munch zu Bildern. Bei Schubert  … usw.

Das Schreiben schützt mich vor Kurzschlüssen, das Umkreisen eines Themas und die allmähliche Kreiserweiterung hilft mir im Alltag aus der „Not“. Als ich die Überschrift für diesen Artikel suchte, bzw. den Untertitel, glaubte ich, das sei ein Titel von André Malraux, den ich einmal sehr verehrte wegen seines Buches über das „Imaginäre Museum“, das die Kunst der ganzen Welt umfasste. Sein Roman aber hieß „So lebt der Mensch“ im französischen Original „La Condition humaine“, nicht: „Was braucht der Mensch?“.

Gut, ich lege diesen Versuch, eine Arbeit ernsthaft zu beginnen, erst einmal ad acta. Nebst dem üblichen Zusatz: (Fortsetzung folgt).

Doch ich lege die Musikästhetik von Carl Dahlhaus auch nicht ins Regal zurück, ohne den Text zu reflektieren, den ich damals schon mit Seitenzahl 109 (s.o. Umschlag-Notizen) abrufbar machen wollte: über „ästhetische Unmittelbarkeit“, die von manchen Leuten betont wird, um sich des Denkens bei Musik zu entheben. Es betraf mich direkt, weil es auch auf die gesamte nicht-westliche Musik bezogen werden konnte, die ohne Vorbereitung nun einmal nicht „verstanden“ wird. ZITAT Dahlhaus:

Daß unverkürzte ästhetische Erfahrung Geschichtliches impliziert, zeigt sich negativ an dem Unverständnis oder Mißverständnis, dem historisch entlegene Musik, etwa die des 14. Jahrhunderts, begegnet: einer Fremdheit, von der die ästhetische Kontemplation nicht so unabhängig ist, daß sie nicht beeinträchtigt oder sogar durchkreuzt würde. (Daß ein Hörer Unbegriffenes gerade darum genießt, weil es unbegriffen bleibt, mag zwar nicht ausgeschlossen sein, darf aber zu den peripheren, um nicht zu sagen belanglosen Phänomenen gezählt werden.) Was bei Vergangenem und Ferngerücktem drastisch hervortritt, gilt jedoch, obwohl es unauffälliger bleibt, in gleichem Maße auch von Werken, die uns näher liegen und zu deren Verständnis es keiner fühlbaren Anstrengung bedarf: Ein Kommentar – die Mühe historischer Reflexion – ist nur darum überflüssig, weil die intellektuellen und geschichtlichen Momente, die das Werk einschließt, uns selbstverständlich sind. Und daß sie es sind, verführt dazu, sie zu übersehen und der Täuschung zu verfallen, die ästhetische Betrachtung sei „voraussetzungslos unmittelbar“. Die geschichtlichen Vermittlungen, die dem Verständnis einer Symphonie von Brahms oder eines Musikdramas von Wagner „zur Grundlage und zur Bedingung“ dienen, bleiben verborgen, weil sie zu Traditionen, über die man nicht reflektiert, eingeschliffen sind; dennoch sind sie wirksam, und es würde die ästhetische Erfahrung reicher machen, wenn man sich ihrer bewußt wäre. Daß die „zweite Unmittelbarkeit“ das Ziel des ästhetischen Verhaltens darstellt, sollte nicht als Argument zur Rechtfertigung der „ersten“ mißbraucht werden, die bei denen, die sie für sich in Anspruch nehmen, in der Regel nichts als ein Alibi für Stumpfheit ist. Die Versenkung in ein Kunstwerk ist, so selbstvergessen sie sei, selten ein mystischer Zustand im unverwässerten Sinne, ein regungsloses und verzücktes Starren. Ist sie aber ein Hin und Her zwischen Kontemplation und Reflexion, so hängt die Stufe, die sie erreicht, von den ästhetischen und intellektuellen Erfahrungen ab, die ein Hörer mitbringt und in deren Kontext das Werk, das er gerade betrachtet, einfügt. Intellektuelle Momente sind keine überflüssige Zutat, sondern in der ästhetischen Wahrnehmung immer schon enthalten, und zwar entweder in rudimentärer oder in entwickelter Gestalt – und daß es ästhetisch ein Vorzug sei, wenn sie in primitivem Zustand gehalten werden, ist nicht einzusehen. Begriffsstutzigkeit ist schwerlich eine Gewähr oder ein Zeichen für ästhetische Sensibilität.

Quelle Carl Dahlhaus: Musikästhetik / Musikverlag Hans Gerig Köln TB 256 (1967) Seite 109f

Der Glocken bebendes Getön

Rachmaninow und Bach

Suzdal, Erloeser-Euthymios-Kloster: Russisch-orthodoxes Glocken-Schlagen

Das Kloster ist heute ein Museum. „Ein staatlich beauftragter Glockenspieler führt während der Museumsöffnungszeiten zu jeder vollen Stunde das traditionelle russisch-orthodoxe Glockenschlagen mit dem historischen Geläute der dortigen Glockenwand vor. Bei einem längeren Museumsbesuch kann man diese faszinierende musikalische Darbietung also mehrmals erleben. Nach vorheriger Absprache mit dem Glöckner können angemeldete Besucher das Geläute auch oben auf der Glockenwand verfolgen.“

Heute in FAZ online HIER interessantes Gespräch zwischen Jan Brachmann und dem russischen Pianisten Daniil Trifonow, der sich mit Rachmaninows Glocken-Faszination beschäftigt hat. ZITAT:

Meine Mutter kommt aus Susdal, einer der ältesten Städte in Russland. Meine Eltern waren gerade wieder da und schickten mir ein kleines Video mit dem Mittagsläuten vom Glockenturm. Das ist eine unglaubliche Polyphonie von zwanzig Glocken, die von einem einzigen Glöckner mit verschiedenen Teilen seines Körpers bedient werden.

Man muss dazu wissen, dass man beim Läuten in Russland nicht die Glocke, sondern den Klöppel bewegt. Das erlaubt das Schlagen ganz exakter rhythmischer und melodischer Muster. Die Klöppel sind durch Seile und Schnüre zu einem komplexen Spieltisch verbunden, der mit den Fingern, der Hüfte und durch Bretter als Pedale bedient wird.

Ja, Glöckner in Russland: Das ist ein schwerer Beruf. Als ich fünfzehn Jahre alt war – ich bin ja in dem Jahr geboren, als die Sowjetunion kollabierte–, fand in Moskau, wo ich studierte, eine Messe der Glockengießer statt. Dort konnte man, unter freiem Himmel, in der Mitte eines Parks, spielen und Dinge ausprobieren. Das war zwar kein Geläut von zwanzig Glocken, aber man konnte schnell verstehen, wie es funktioniert und wie es gestimmt war. Seitdem kann ich ahnen, was das für Rachmaninow bedeutet hat.

Rachmaninow war in Moskau Schüler von Stepan Smolenski, der Kurse für die alte Notenschrift des russisch-orthodoxen Kirchengesangs anbot und die erste wissenschaftliche Studie über die altrussische Glockenmusik der Kirche verfasste. Er hat verschiedene Geläut-Dispositionen in Kirchen beschrieben und die unterschiedlichen Schlagmuster des Läutens für die entsprechenden liturgischen Anlässe: das Blagowest-Läuten vor dem Gottesdienst, das Perebor-Läuten bei Beerdigungen, das Triswon-Läuten zu hohen Festtagen oder beim Abendmahl. Im ersten Satz von Rachmaninows zweitem Konzert hört man quasi die Überlagerung einer westlichen Sonatenform mit dem kondensierten Ablauf einer russisch-orthodoxen Liturgie.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ online  Trifonov über Rachmaninov: Das ist tiefreligiöse Musik eines Zweiflers/  Von Jan Brachmann / Aktualisiert am 15.10.2019 

Für den Hinweis auf den FAZ-Artikel danke ich Berthold Seliger.

Der Zufall will es, dass gerade heute auch in der Süddeutschen ein Artikel zu lesen ist, der die Glocken zum Thema zu haben scheint, sich aber als Buchbesprechung entpuppt: Bruno Preisendörfer: Als die Musik in Deutschland spielte. Reise in die Bachzeit, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019 / Von Kristina Maidt-Zinke. Der SZ-Autorin spart nicht mit Lob, aber etwas hat ihr wohl gefehlt (und mir würde es sicher genauso ergehen), wie sich zeigt:

Was man aber in seinem Buch vermisst, wird am Ende deutlich, wenn er über das Altus-Rezitativ „Der Glocken bebendes Getön“ in der Kantate 198, der Trauerode auf den Tod der Kurfürstin von Sachsen, schreibt: „In Bachs Vertonung… simulieren an dieser Stelle für fünfzig Sekunden die Streicher, Flöten, Oboen und Lauten das Totengeläut, dass es einem beim Hören noch heute tatsächlich durch ‚Mark und Adern‘ geht.“ Hier öffnet sich durch die Schilderung von wenigen Takten Musik, ganz kurz ein Fenster, das mehr über Bach und seine Zeit verrät, als es die detailreichste Darstellung von Lebensumständen vermag. Und der Hinweis auf „diese Stelle“ ist schon die ganze Lektüre wert.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15.Oktober 2019 Sachbuch V2  Seite 19: Der Glocken bebendes Getön / Kundig und detailverliebt führt Bruno Preisendörfer durch die Welt Johann Sebastian Bachs / Von Kristina Maidt-Zinke.

Und vom Bericht der Journalistin entflammt suche ich den Youtube-Zugang zu diesem kleinen Rezitativ und verweile so lange wie möglich beim Gesamtwerk, ehe ich empfehle, direkt auf den Zeitpunkt 11:07 zu springen, um dieses – für den Aufwand an Malerei – vielleicht doch allzukurze Rezitativ herauszuheben und natürlich: mehrmals zu hören. (Oder lieber im externen Fenster? Hier. Den Text zum gleichzeitigen Mitlesen hier unter dem entsprechenden Kantatentitel.)

[Mitwirkende: ab 33:24]

Wenn aber Ihre Neugier noch weiter geht, – und Sie wollen mehr übers Bachs Glockenvorstellungen, seine Klangwelt in Leipzig und sogar noch eine weitere Kantate kennenlernen, dann haben Sie die Gelegenheit in diesem Blog HIER.

Einbaumstraße

Ein politischer Dichter?

Ein Handke-Kenner bin ich nicht. Es gibt drei Bücher, die ich gelesen habe, beeindruckt, mit besten Vorsätzen, es auch weiter zu betreiben, aber das war lange vor den 90er Jahren. Dann die positive Rolle, die er in Martin Seels „Ästhetik der Natur“ spielte, die ich 2011 zum zweiten Mal las. Aber das war sozusagen auch wieder jenseits des Krieges. Und jetzt – nach dem Nobelpreis-Schock – habe ich mal einen Augenblick auf  Elfriede Jelinek gehört, die ich nach Lektüre der „Klavierspielerin“ auch nicht mehr lesen mochte, – es sei doch dank der „Fahrt im Einbaum“ alles geklärt gewesen, wozu also die Aufregung -, aber beim Lesen kann ich die Klärung nicht finden.

Ich kürze ab: die Besprechung von Thomas Assheuer damals (1999) hätte mir genügen können. HIER.

Was auch heute noch und, angesichts des neuen Krieges, aufs neue zutrifft, ist in der FAZ beschrieben, online 13.10.19 hier, mit dem Fazit:

Angesichts der jüngsten Stockholmer Entscheidung kann man jungen Dichtern, die Wert auf äußerlichen Erfolg legen, eigentlich nur raten: Fangt am besten gleich morgen an, öffentlichkeitswirksam Kriegsverbrechen in Syrien zu leugnen oder zu verharmlosen, besucht Assad und porträtiert ihn als großen Unverstandenen, der von einer unverständig-bösen Journalistenmeute gehetzt wird, kontrastiert solche Beobachtungen mit einer lyrischen Beschreibung der Farbe syrischer Äpfel, dem anderssüßen Geschmack syrischer Trauben auf dem Markt von Damaskus oder den sich in einer Benzinlache spiegelnden Wolken über Homs. Ein Vierteljahrhundert später winkt dann vielleicht der Nobelpreis.

Quelle FAZ 13.10.2019  Barde des Balkankrieges: Wider den Literaturnobelpreis für Peter Handke  / Von Michael Martens

Berceuse für Pianisten

Stefan Askenase unterrichtet Chopin

ZITAT aus Youtube:

Piano Masterclass with Stefan Askenase (1966) Chopin: Berceuse op. 57 in D-flat major

Stefan Askenase was born in Lemberg (Poland) on 10th of July 1896. At the age of five he began playing the piano with his mother, a pianist and pupil of Karol Mikuli (a pupil of Chopin). He later studied with Theodor Pollak and with Emil von Sauer, a pupil of Liszt. He recorded extensively the works of Chopin for Deutsche Grammophon label in the 1950s and 1960s.

HIER ! dieselbe Aufnahme im externen Fenster, damit man – hierher zurückkehrend, nach Vergrößerung des Bildes und von einem Blatt zum andern weitergehend –  ungestört die Noten, die Töne und den gesprochenen Text zugleich verfolgen kann:

Am Schluss sagt der Meister: „Und nun wollen wir alles vergessen, was ich Ihnen eine Stunde lang gesagt hab, und ich spiele Ihnen die Berceuse vor“. Diese folgt aber nicht automatisch, sondern irgendeine andere Aufnahme, um die es uns nicht geht. Man muss sie event. extra abschalten. Die Aufnahme mit Stefan Askenase findet man mit folgendem Link (oder im externen Fenster hier):

Ich kann übrigens die Quelle meines Notentextes nicht angeben; das nicht weiter gekennzeichnete Heftchen stammt aus dem Nachlass meines Vaters, vielleicht war es die Beilage eines Lehrbuches (der Pedalkunst?). Aber ich fand, es ist eine einmalige Chance, die genau passende Berceuse-Ausgabe von Askenase bei seinem Unterricht vor Augen zu haben.

Biographisches über Stefan Askenase siehe Wikipedia HIER .

Nachtrag 14.10.19

Heute kam von einem Freund interessante Post u.a. zum Thema Fingersatz:

Was mir auffällt, sind die merkwürdigen Fingersätze bei Askenase. Zum Beispiel vierter Takt: da nehme ich 3-4-3-2-1 statt seiner 3-4-2-1-2, also den Daumen untersetzend, um ihn nicht auf der schwarzen Taste zu haben. Ähnlich Takt 6: Ich verwende 4-3-1-3-2, und im darauf folgenden Takt nehme ich die Terz mit 4/1, spiele die untere Stimme dann aber mit 1-2 weiter und erreiche dadurch ein Fingerlegato.
Nun, in diesem Takt mag es an Askenases kleinen Händen liegen, die er ja auch erwähnt (teilt er mit meiner Klavierlehrerin übrigens), aber in den Takten vorher finde ich meinen Fingersatz viel logischer. Whatsoever.

Ich hätte aber sehr gerne damals – so sehr ich meine Klavierlehrerin geschätzt habe, die mich sehr gefördert hat – einen analytischeren Unterricht gehabt. Es wurde da ja sehr wenig analysiert. Klar, bei Bach-Fugen der Stimmenverlauf etc., in Sonaten die Sonatenform und die Themen, aber es ging nie ins Detail. Daß die Berceuse aus lauter Variationen besteht, habe ich gestern bei Askenase das erste Mal gehört und gleich begriffen.
Dafür hatte meine Lehrerin den sehr schönen Begriff der „Terzenseligkeit“ für die 5. Variation, was ja auch eine klare Spielanweisung beinhaltet – und an diese quasi schwelgerische Terzenseligkeit habe ich mich beim Spielen immer gehalten. Wobei ich auch das Auftauchen der zweiten Stimme in der rechten Hand (Variation 1) bis heute sehr liebe. Das ist so raffiniert gemacht in seiner Doppelbödigkeit, wie da die zusätzliche Stimme eingeführt wird, man merkt, daß Chopin viel Bach studiert hat.
Allerdings muß ich sagen, daß mir Rubinstein mit seiner Berceuse näher ist als Askenase, der an manchen Stellen doch sehr trocken ist. Man kann (und darf) da aus den Melodien schon mehr rausholen, me thinks. Geschmäcklerische Kritik auf hohem Niveau (ganz furchtbar übrigens die Wolfsfrau mit der Berceuse [hier], am Rande).

JR: Die „Wolfsfrau“ habe ich eingefügt, sie wird in Takt 31 abrupt ausgeblendet, aber die Zeit reicht um festzustellen, dass der Klavierklang zwar moderner ist als in der Aufnahme von 1966, der Pedalgebrauch jedoch ganz inakzeptabel ist, – ganze Takte, die ineinanderschwimmen! Schauen Sie nur, wieviele Pedalwechsel Askenase in seine Noten eingezeichnet hat, um ein solches Verschwimmen auszuschließen (man hört auch, dass er es wirklich so umsetzt) und wie sparsam auch Paderewski (siehe Notenbeispiel weiter unten) damit umgeht! Ein detaillierter Vergleich wäre tatsächlich instruktiv, – psychologisch interessant wäre allerdings auch das Studium der nachfolgenden Hörer-Kommentare: ich will nicht behaupten, dass die visuellen Eindrücke doch vielleicht eine allzu große Rolle spielen, allerdings freue ich mich, anschließend wieder dem Pianisten Askenase ins strenge Antlitz zu schauen, das sagt: Bleib bei der Musik!

Was die Fingersätze angeht: da kann man gewiss diskutieren, – hier folgen die angesprochenen Takte in meiner Paderewski-Ausgabe. 10 Bände habe ich mir 1961 im Polnischen Pavillon in Ost-Berlin gekauft, wissend, dass ich kaum 5% davon je spielen würde. Ich möchte mir heute noch die eigenen Hände küssen, dass ich die Noten besitze, ohne sie alle üben zu müssen.

Höchst aufschlussreich ist ein Skizzenblatt, das zeigt, wie Chopin seine „Variants“ entwirft oder ausarbeitet (vermutlich ist es nicht die erste und auch nicht die letzte Stufe der Ideenbildung), nämlich strikt in Vier-Takt-Gruppen untereinander, wobei er auf der rechten Blatthälfte (ab Nr.7), auch wegen der langen 32stel-Notenketten, etwas ins Gedränge kommt. Da Chopin seine Zählung mit dem Thema selbst beginnt (nicht mit der ersten Variante, sondern mit Variante „null“), entspricht seine Zeile 7 unserer „6. Variation“, seine letzte Zeile 10 unserer „9. Variation“, aber an dieser Stelle wird die Zuordnung ohnehin etwas schwierig. Reizvoll wäre es, jetzt sein Prinzip (?) der Variantenerfindung im Detail zu untersuchen: bei engster Bindung an das rhythmisch-harmonische Schema die größte Freiheit der Fiorituren zu entfalten und gerade das „Schema“ vergessen zu lassen. (Ich denke an die Praxis polnischer Volksmusik … oder auch an die melodische Variantenfolge der südindischen Krti.)

Noch etwas: 

Heute Nacht habe ich die unsägliche Sendung der Echo-Klassik-Preisverleihung gesehen. Liebe Leute, glaubt mir: soooo geht Klassik nicht!!! Da hilft kein Gottschalk, und nicht einmal der nette Spaßmacher aus der Heute-Show. Und sogar die Künstler sind angeschmiert. Wie traurig die Wirkung des unvergleichlichen Christian Gerhaher mit seinem eiligen Schumann gegen Ende der Veranstaltung.

Und noch eins, dann ist wirklich Schluss: Chilly Gonzales, der Lobredner für Igor Levit, ohnehin ein unangenehmes Missverständnis. Siehe auch hier. Es ist keine neue Aufregung wert. Wenn er behauptet, er habe Igor Levit gefragt, welchen Komponisten er nie im Leben spielen würde. (Eine Frage, die er wohl originell fand, weil die meisten Fans wissen wollen, wer für ihn wohl der Größte ist…) Und was hat Igor Levit angeblich geantwortet (statt die Frage zurückzuweisen)?

Chopin! Und nichts weiter. Diese Dummheit schreit zum Himmel, sie kann nicht von Levit stammen. Jedenfalls nicht so, ohne weiteren Kommentar. Es gab zwar auch andere bedeutende Pianisten, die wirklich keinen Chopin gespielt haben, zum Beispiel Alfred Brendel. Aber das hat ganz andere Gründe, und keinen, den man der Menge so nebenbei zum Fraß vorwerfen könnte.

Gräfrath in Solingen

Schöne Tristesse

 

8. Oktober 2019 13:00 Uhr Fotos JR Huawei

Ich liebe nasse, graue Tage (nach einem über Wochen aufgeheizten Sommer) und ganz besonders, wenn es in greifbarer Nähe ein Kaffeehaus gibt.

Im übrigen unterscheide man bitte diesen Ortsteil von Solingen ein für allemal von Grafrath im Landkreis Fürstenfeldbruck und Grefrath im Kreis Viersen, eben, wie der Name schon sagt: Gräfrath!

Von antiken Facebook-Menschen

Nachrichten aus Platos „Staat“

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass mich ein Zeitungsbericht über die Wirkung des Internets einmal dazu bringen würde, Platons „Staat“ hervorzuholen, in dem ich Ende der 50er Jahre gestrandet bin. Es war mit schlicht zu langweilig. Dabei trägt der vorangehende Dialog „Phaidon“ allerhand Gebrauchsspuren. Ich kannte ihn, wie andere Dialoge, auch aus anderen Ausgaben seit Dezember 1955. (Ich bitte um Nachsicht: mir liegen diese autobiographischen Abrundungen am Herzen.)

Dies war der aktuelle Auslöser – Justus Bender in FAZ online (5.10.2019) -, ich zitiere mitten aus dem Text:

Das Internet birgt eine besondere Ironie. Es ist die größte informationstechnische Revolution in der Geschichte der Menschheit. Ausgerechnet auf Demokratien hat es aber einen rückschrittlichen Einfluss, mit dem Mob, der destruktiven Debatte und dem Trommelfeuer von Falschnachrichten. Es hat die mäßigend wirkende Parteiendemokratie, den Pluralismus und die auf Versachlichung angelegten Parlamente geschwächt.

Das Ende der Vormundschaft

In der Antike galt der Mob als unlösbares Grundproblem der Demokratie. Platon lehnte die Demokratie ab, weil er sie für den sicheren Weg in die Tyrannei hielt. Grob folgt er in „Der Staat“ der These, dass Menschen in Demokratien eine Sucht nach Freiheiten entwickeln, die ihnen auch gewährt werden. Sie beginnen, ihren Selbstwert zu empfinden und Autoritäten zu hinterfragen, die Eltern, die Lehrer, die Regierung. Alle Bürger werden mit der Zeit gleich, der Sklave wie der Großgrundbesitzer, die Frau wie der Mann, ganz so, wie es in einer Demokratie sein soll.

Doch diese Haltung steigert sich immer mehr. Platon beschreibt antike Shitstorms, „gegenseitige Anklagen“ und „Kämpfe“. Er beschreibt Bürger, deren Seelen im Freiheitsrausch so „zart“ werden, dass sie keine Autoritäten mehr ertragen. So entstehen Vorwürfe gegen alle Bessergestellten, Teil eines Establishments zu sein. Die Bessergestellten wehren sich und machen so den Vorwurf wahr: Sie treten als ein Block auf. Schnell kommt ein Politiker empor, der den Menschen verspricht, sie von dieser Herrschaft der „Volksfeinde“ zu befreien.

Es ist der spätere Tyrann, der zu dieser Zeit noch von Freiheit redet. Die antiken Facebook-Menschen wählen ihn. Ist er aber erst einmal an der Macht, wird er seinen Kampf gegen die „Volksfeinde“ fortsetzen. Er wird die Opposition unterdrücken, weil sie dem wahren Volkswillen entgegensteht, den er verkörpert. Und dann werde „das Volk, beim Zeus, wohl sehen, was für ein Früchtchen es sich erst erzeugt und dann gehegt und gepflegt hat“, schreibt Platon.

Quelle Frankfurter Allgemeine online (aktualisiert 5. Oktober 2019, abgerufen hierDie Wiederkehr des Populismus : Im Namen des Volkes / Von Justus Bender

Diese Lesart war mir neu, der Sache musste ich nachgehen. Zunächst bot sich Wikipedia an – natürlich trotz des großen Negativartikels über das bewährte Online-Lexikon, letztens in der Süddeutschen (hier) -, die virulente Skepsis genügt:

Das Hauptmerkmal der demokratischen Gesinnung, der unbeschränkte Freiheitswille, wird den Demokraten letztlich zum Verhängnis, da sich die Freiheit zur Anarchie steigert. Der demokratische Bürger ist nicht gewillt, eine Autorität über sich anzuerkennen. Die Regierenden schmeicheln dem Volk. Niemand ist bereit sich unterzuordnen. Ausländer sind den Stadtbürgern gleichberechtigt, Kinder gehorchen nicht, sie respektieren weder Eltern noch Lehrer, und sogar Pferde und Esel schreiten frei und stolz einher und erwarten, dass man ihnen aus dem Weg geht.

Dieser Zustand der höchsten Freiheit schlägt schließlich in die härteste Knechtschaft um. Den Ausgangspunkt der Wende bildet der Gegensatz zwischen Armen und Reichen, der weiterhin besteht, aber nun nicht mehr wie in der Oligarchie von der herrschenden Doktrin legitimiert wird. Die Vermögensunterschiede stehen im Gegensatz zum demokratischen Gleichheitsdenken. Die Masse der relativ Armen ist sich ihrer Macht im demokratischen Staat bewusst. Gern folgt sie einem Agitator, der eine Umverteilung des Reichtums fordert, die Reichen einer oligarchischen Gesinnung beschuldigt und entschlossene Anhänger um sich schart. Dadurch sehen sich die Besitzenden bedroht, sie beginnen tatsächlich oligarchische Neigungen zu entwickeln und trachten dem Agitator nach dem Leben. Dieser lässt sich nun zu seinem Schutz vom Volk eine Leibwache bewilligen, womit er sich eine Machtbasis verschafft. Die Reichen fliehen oder werden umgebracht. Der Weg zur Alleinherrschaft des Agitators, der nun zum Tyrannen wird, ist frei.

In der Anfangsphase seiner Herrschaft tritt der neue Tyrann volksfreundlich auf. Er verhält sich milde, erlässt Schulden, verteilt konfisziertes Land und belohnt seine Anhänger. Nachdem er seine Herrschaft stabilisiert und einige Gegner beseitigt hat, ist sein nächster Schritt, einen Krieg zu beginnen. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit auf einen äußeren Feind, demonstriert seine Unentbehrlichkeit als Befehlshaber und verhindert, dass sich eine Opposition gegen ihn formiert. Mögliche Gegner räumt er aus dem Weg, indem er sie an die Front schickt. Jeder Tüchtige, ob Freund oder Feind, erscheint ihm als Gefahr, die beseitigt werden muss. Da sich in der Bürgerschaft zunehmend Hass auf den Tyrannen ansammelt, verstärkt er seine Leibgarde mit Söldnern und ehemaligen Sklaven, die ihm persönlich ergeben sind. Der Unterhalt dieser Truppe verursacht hohe Kosten. Zu deren Deckung werden zunächst die Tempel geplündert, dann Steuern erhoben. Das Volk ist aus der maßlosen Freiheit in die übelste und bitterste Sklaverei geraten.

Quelle (wie immer habe ich Anmerkungszahlen, Klickmarkierungen und eine Zwischenüberschrift eliminiert)  Artikel „Politeia“ HIER

Danach hatte ich Lust, den Bücherschrank hinter mir zu konsultieren, die Anmerkungen verwiesen mich auf die Kennziffer 565 ff in der Ausgabe „Rowohlts Klassiker“ (Schleiermacher-Übersetzung), hier das Ergebnis. Mithilfe der Maustaste lässt sich das schwer leserliche Textformat in einen angenehmen Bereich transportieren, so, als seien meine Augen, die doch so vieles gesehen, noch jung wie ohne Brille vor 60 Jahren.

Wie schön! Wie gemächlich der Gedankengang dahinschreitet, angesichts der laufenden Bestätigungen durch den Gesprächspartner. Eine andere Übersetzung findet man übrigens online hier , ebenfalls unter der blauen Kennziffer 565, die dann auch zum griechischen (und lateinischen) Originaltext durchzuklicken erlaubt.

Oder versuchen Sie doch einfach, den journalistischen Text mit Platos sinnlichem Verstand zu ergreifen:

Soziale Netzwerke werden ihr Angebot so gestalten, dass weder der Algorithmus noch die anderen Nutzer Trolle belohnen. Mit Nacktfotos funktioniert das schon, sie werden auf Facebook mit großem Aufwand blockiert. Die Trolle [über den Troll in der Netzkultur siehe hierwiederum, die Provokateure des Internets, werden ihre Wirkung verlieren. Man wird sich an sie gewöhnen, wie an den Verrückten in der Fußgängerzone, der ein Schild mit der Ankündigung des Weltuntergangs hochhält.

Auf der Straße beachtet ihn niemand. Im Internet hingegen bilden sich Trauben um solche Leute: Die Verrückten sind dort die Debattenführer, weil ihre Inhalte spektakulär sind. So wie der Irre sich im Gemeindesaal blamiert, wenn er Irres von sich gibt, so wird sich in einer unbestimmbaren Zukunft auch der Troll blamiert sehen, wenn er das im Internet tut. Die Sonderstellung des Netzes wird sich nicht halten. Es wird eine Gewöhnung geben. Gefährlich sind immer nur die Umbruchzeiten wie die zehner Jahre – auch die zwanziger Jahre werden es vorerst bleiben.

Quelle siehe oben FAZ, im Anschluss an den roten Text, abzurufen also als vollständiger Text  hier.

  Eine Geschichte für sich…

Zu den Ursachen des Hasses (aus der ZDF-Sendung Markus Lanz am 8. Oktober 2019 mit u.a. Natascha Kampusch – bis November noch abrufbar – HIER):

ZITAT (Abschrift JR)

ab 11:26 (Lanz: Ist das richtig, was Frau Milborn da schildert? Also Opfer müssen sich wie Opfer benehmen, sonst gefällt uns dieses Bild nicht…)

Der Jugendpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort antwortet: (…) Wenn solche unerhörten Grenzüberschreitungen stattfinden, so löst das immer Projektionen aus, und zwar in allen möglichen Richtungen. Das Unerhörte darf es eigentlich nicht geben, das kann es nicht geben, aber wir wissen dann am Ende doch , dass es in der Normalität verborgen ist. Die Normalität heißt: wir sind es alle selbst. Und das wollen wir nicht hören, und deswegen projizieren wir all diese ganze unangenehme Gefühle auf die Opfer, auf die Täter, das ist sehr unterschiedlich je nach Konstellation und bringen da drin unter, was wir eigentlich mit uns selber nicht verarbeiten können. Dass wir nämlich selber potentiell zu dieser Grenzüberschreitung in der Lage wären. (Und dann kommt so eine massive Ablehnung, dieser Hass, ist das für Sie plausibel?) Das ist für mich absolut plausibel (Warum?) das zeigt ja nur, dass offensichtlich bestimmte Menschen in der Gesellschaft – und das ist nicht nur eine kleine Minderheit – so ein Ventil braucht, um mit dem eigenen Druck umzugehen. Und man kann – wir nennen das einen projektiven Mechanismus, nur weil ich mir jetzt vorstelle: sie kucken mich jetzt besonders wütend an, und ich fange an, Sie zu beschimpfen, dann ist das eine Projektion. Ja, dann bringe ich in Ihnen was unter, was mit Ihnen in dem Moment gar nichts zu tun hat, ich bringe etwas unter, was eigentlich zu mir gehört. Nämlich meine eigene Aggression Ihnen gegenüber. So funktioniert so eine Mechanismus, der ist ubiquitär, das können wir alle, das machen wir auch alle in bestimmten Situationen, (das verstehe ich, aber warum mit einer jungen Frau wie ihr, mit jemand, der das durchlitten hat) Weil es eine so unerhörte Grenzüberschreitung ist, die nicht sein darf, die sich natürlich nicht gehört, die aber trotzdem stattfindet, und die Tatsache, dass sie trotzdem stattfindet, in der Normalität nicht nur der österreichischen Gesellschaft, das muss man eben dazusagen, dann darf das nicht sein. Und dann bring ich, weil ich das nicht aushalte, dass das nicht sein darf, weil das ja stattfindet, bringe ich es im Opfer unter. 13:27 (Lanz an C. Milborn: Wie haben Sie das erlebt, wann begann das, wann kippte das?)

Corinna Milborn: Ganz ganz schnell, nach einer Welle der Hilfsbereitschaft – das hat aber nur wenige Wochen gehalten, wenn nicht nur Tage, nach ein paar Wochen ist das ins Gegenteil gekippt. Und ich hab sehr viel darüber nachgedacht, was da in den Leuten ausgelöst wurde, es hat viel mit dem Internet zu tun, aber vielleicht sprechen wir ja noch drüber, weil das neue Buch ja auch davon handelt. Es hat auch damit zu tun, dass das vielleicht auch in den Menschen drinnensitzt. Wenn man sich so ein bisschen zurückerinnert, wie das vor 100 oder 150 Jahren war, dann hatten junge Frauen überhaupt keinen Platz an der Öffentlichkeit, das war nicht vorgesehen, dass sie sich hinstellen und über ihre Geschichte sprechen und zu sich selbst stehen, und schon gar nicht, wenn sie betroffen waren von sexueller Gewalt. Da gibt’s diesen Begriff, diesen hässlichen Begriff „Schändung“, wo die Schande am Opfer, nicht am Täter klebt, und wo Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt werden zu sowas wie Nutzgegenständen geworden sind im klassischen patriarchalischen Zusammenhang. Und ich glaub, dass das vielleicht noch tief sitzt. Und wenn man eine junge Frau sieht, die sich Raum nimmt, dann ist es an sich schon eine Provokation für viele, – das merkt man schon, wenn Frauen sich Raum nehmen und nicht nur dekorativ sind, sondern mehr als das, und wenns dann noch jemand ist, der sich nicht an die Opferrolle hält, dann löst das tatsächlich Aggression aus, so das Gesellschaftsgefüge, das ganz tief drinnen sitzt, ein bisschen ins Wanken bringt, und deshalb feiere ich Natascha Kampusch jeden Tag, weil sie es ins Wanken gebracht hat. 15:02

Vormerken die Bücher „Cyberneider. Diskriminierung im Internet“ (Dachbuch Verlag, Wien, 192 Seiten, 19,99 Euro) und das frühere im Brandstätter-Verlag hier.

Sehr wichtig ist auch – aus meiner Sicht – die ZDF Lanz Sendung gestern, mit den folgenden Gästen: Journalist Olaf Sundermeyer, Politiker Gerhart Baum, Autorin Deborah Feldman, Extremismus-Forscherin Julia Ebner und Schauspieler Christian Berkel, bis 9. November 2019 abrufbar HIER.

Neue Musik – ein phantastischer Kosmos

Geigerinnen bei Peter Eötvos

Freund Berthold hat eine begeisterte Kritik geschrieben, und es wundert mich nicht: er hat offensichtlich recht; lesbar wohl nur hinter einer Bezahlschranke, aber für alle Fälle hier verlinkt. Zitat:

(…) eine Art klingender Spaziergang durch die Alhambra, jedoch auch mit ungarischen Rhythmen, es ist ja ein ungarischer Kosmopolit, der das Bauwerk durchschreitet – eine Reflexion über das Fremde also. Die Geige bleibt dabei immer tonangebend, ohne sich eitel in den Mittelpunkt zu stellen – ganz im Stil der Violinkonzerte von Schönberg, Bartok oder Ligeti (und letztlich auch Beethoven) ist die Solovioline hier nicht mehr eine virtuos konzertierende Solistin mit Begleitung eines Orchesters, vielmehr wird gemeinsam und vielstimmig Musik gemacht – mit der Violine als Impuls-, Ideen- und Taktgeberin, bei Eötvös ergänzt von einer begleitenden, umgestimmten Mandoline. Die unterstreicht einerseits das spanische Flair, um dann andererseits immer wieder zu irritieren – sie ist eine Art Sancho Panza zur solierenden Don-Quijote-Violine. Deren Solopart ist irrsinnig virtuos, und es ist atemberaubend, mit welcher Selbstverständlichkeit Isabelle Faust auch allergrößte Schwierigkeiten und all die höchsten Töne bewältigt und ihre Virtuosität doch jederzeit in den Dienst der Musik stellt. Da ist kein Protzen und kein eitles Zurschaustellen des Könnens, Isabelle Faust macht deutlich, dass sie nicht nur zu den größten Geigerinnen unserer Zeit zählt, sondern auch eine bedeutende Musikerin ist.

Quelle Neues Deutschland 10.09.2019 Höhere Wesen befehlen: Mehr Xenakis! Ein toller, aufregender Abend beim Berliner Musikfest mit den Philharmonikern und Peter Eötvös / Von Berthold Seliger

Ich habe mich auf Peter Eötvös konzentriert, nicht zum erstenmal, aber es war der Titel des Violinkonzertes Nr. 3, der mich magisch anzog, „Alhambra“, ebenso das Soloinstrument, leider im Fall Isabelle Faust nicht als Live-Video abrufbar. Oder doch, vielleicht in Ausschnitten, versuchen Sie es doch hier, drücken Sie auf den Button „Trailer ansehen“. Ich hoffe, dass der Zugang erhalten bleibt, auch wenn das Konzert schon etwas zurückliegt. Hier ein paar Bilder aus dem Interview der sympathischen Künstlerin, das nicht hier, sondern weiter unter verlinkt ist.

 

An dieser Stelle möchte ich zunächst das 2. Violinkonzert direkt zugänglich machen, das ebenfalls unter der Leitung des Komponisten, jedoch  mit der Geigerin Patricia Kopatschinskaja festgehalten ist: ein ganz anderer Typus in der Darbietungsform, wie immer eher etwas exaltiert, aber daher um so instruktiver im violinistischen Bewegungsablauf.

Violinkonzert Nr. 2 mit Patricia Kopatschinskaja

Violinkonzert Nr. 3 mit Isabelle Faust (im externen Fenster hier):

Die Aufnahme stammt von der UK-Uraufführung, nicht aus Berlin, hier also mit dem BBC Symphony Orchestra am 24. Juli 2019 in der Londoner Royal Albert Hall unter der Leitung von Peter Eötvös.

Im folgenden spricht Isabelle Faust über dieses 3. Violinkonzert von Peter Eötvös, das ihr gewidmet ist, u.a. über die leicht verunglückte Aufführung in der realen Alhambra hier. Aufführungen am 7. und 8. September in der Berliner Philharmonie. .

Auf derselben Seite findet man den folgenden Programmtext über das Werk:

Die »japanische, französische, deutsche, englische und amerikanische Kultur« haben den 1944 geborenen ungarischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös nach eigener Aussage in der Vergangenheit zu musikalischen Werken inspiriert. In den letzten Jahren geriet dann noch ein weiterer Kulturkreis in den Blickpunkt des kompositorischen Weltenbürgers: die Musiktraditionen des Baskenlands und Spaniens. Das als Auftragswerk des Internationalen Tanz- und Musikfestivals in Granada, der Stiftung Berliner Philharmoniker, der BBC Proms und des Orchestre de Paris entstandene Dritte Violinkonzert ist von der Architektur und Geschichte der Alhambra als inspiriert.

»In der Festung Alhambra zeigt sich mustergültig die Verschränkung von spanischer und arabischer Kultur, die dank Komponisten wie Manuel de Falla, Claude Debussy, Maurice Ravel und vielen anderen Eingang in die westliche Kunstmusik gefunden hat. Die zahlreichen Brunnen, die sich in der Burganlage finden, die umgebenden Berge, der unglaubliche andalusische Sonnenuntergang – all das wurde Teil meines Stückes«, meint Peter Eötvös. Die weltweit gefeierte Geigerin Isabelle Faust, regelmäßiger Gast der Berliner Philharmoniker und des Musikfest Berlin, die das ihr gewidmete Werk im Juli 2019 in Granada uraufführte, stellt Eötvösʼ Drittes Violinkonzert Alhambra unter der Leitung des Komponisten als deutsche Erstaufführung nun auch in Berlin vor.

 Tuxyso / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 

Auf den Seiten des Schott-Verlages hier ist noch das folgende, erweiterte Statement des Komponisten zu finden:

Die zahlreichen Brunnen, die sich in der Burganlage finden, die umgebenden Berge, der unglaubliche andalusische Sonnenuntergang – all das wurde Teil meines Stückes. Angelehnt an das Wort Granada ist die wichtigste Note des Stückes der Ton g, eine Art Gravitationszentrum, das im Verlauf des Stückes immer wieder erreicht wird. Da ich eine Vorliebe für musikalische Kryptogramme habe, habe ich die Buchstaben A-L-H-A-M-B-R-A in die Hauptmelodie eingebaut.

Die Violine ist die Protagonistin des Stückes, aber sie (oder er) hat einen konstanten Begleiter in Form einer Mandoline, die in Skordatur gestimmt ist. Da die Melodie von dem Wort Alhambra abgeleitet ist, sind die wichtigsten Intervalle des Violinkonzertes die Quinte und der Tritonus. Die übergreifende Form ist frei; zwar werden manche Teile wiederholt, aber es ist kein Rondo. Es ist mehr wie ein Spaziergang in der geheimnisvollen Alhambra. Peter Eötvös

Auf derselben Internetseite kann man auch die Partitur anklicken und in ganzer Länge beim Hören mitlesen!!! Das ermöglicht mir zu sagen: ganz am Ende wurde in der Aufführung offenbar das Violinsolo des Anfangs noch einmal angehängt. Ob das in Zukunft verbindlich ist? Jedenfalls ist es von wunderschöner Wirkung. Entrückung, schmerzliche Verklärung.

Oben: das Violinsolo am Anfang der vom Schott-Verlag gezeigten Partitur (Scan)

Ja, und … aber… da bleibt doch noch ein Stachel im Fleische des musikalischen Gewissens. (Oder wie weit soll ich die Bildersprache treiben?) Ist diese Musik nicht allzu gut gemacht, ideenreich und wahnwitzig, phantastisch instrumentiert, – soll ich das Wort „kulinarisch“ ins Spiel bringen? Es kommt mir nicht über die Lippen (nur in die Tastatur hämmern, das geht). Aber ich erinnere mich an ein vergleichbares Vergnügen, als es mir ähnlich mit einem Stück von Magnus Lindberg ging, der Klarinettist hieß Krikku, ich durfte die Einführung in der Kölner Philharmonie machen. Und das Stück begeisterte mich. Nein, Kari Kriikuu, so hieß der Solist; das „Concerto“ von 2002 war es wohl nicht, bestimmt gehört dazu einer dieser einsilbigen Titel wie „Kraft“ oder „Licht“, ich muss es suchen… Das Hauptmotiv könnte ich noch singen… Ist das nicht schon ein ästhetischer Einwand? Doch, jetzt hab ich es wieder, zuerst eine fallende Terz, dann erweitert zu einem Dreitonmotiv, das war es, ich hab’s auch bei Youtube: hier. Aber stilistisch hat das doch nichts mit Eötvös zu tun, eher mit impressionistischen Vorbildern. Und wenn es so farbig instrumentiert ist, wirft man gern den Namen Richard Strauss in die Debatte, mit dem übrigens auch der junge Bartók mehr zu tun hatte als mit Schönberg und den „Dodekaphonisten“. Ach, wenn ich das doch bloß in den frühen 60er Jahren, als man nur über serielle Methoden stritt, wenn ich das vorausgeahnt hätte, diese neue Toleranz der Zukunft… „tonale Toleranz“. Als es noch nicht einmal das Wort Akzeptanz gab. Die Totschlagargumente der Hörerforschung. Viel Arbeit wäre mir erspart geblieben…

Wetterberichte

Und aus den Wiesen steiget…

…die krasse Realität. Ich bin zum erstenmal vom Wetterbericht fasziniert worden, als er von Goethe kam. Damals hatte ich erst begonnen, mich etwas ernsthafter – auch theoretisch – mit Lyrik zu beschäftigen. Rilke, Trakl und Benn waren auschlaggebend gewesen. Ich las alles, was mir von Emil Staiger in die Finger kam und natürlich: Walther Killy.

Quelle Walther Killy: Wandlungen des lyrischen Bildes / Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1956

Goethes Gedicht bei Killy:

Siehe bei Projekt Gutenberg HIER

Und heute lese ich in „Grundbegriffe der Ästhetik“ von Franz Koppe (S.129) folgendes:

Zunächst noch verbreitet Morgennebel,

besonders in den Niederungen.

Später aufklarend und sonnig

bei warmen Herbsttemperaturen.

(Die Assoziationsmaschine springt an, Fortsetzung folgt)

Vor allem sei doch die ganze Seite des Textes bei Koppe zitiert, – die eben zitierten Zeilen gehören, gewissermaßen als Rohstoff, zu einem Gedicht von Eduard Mörike:

Quelle Franz Koppe: Grundbegriffe der Ästhetik / edition suhrkamp Frankfurt am Main 1983

An dieser Stelle wird leider ein Stilbruch fällig. Denn ausgerechnet meine liebe Oma hat zuweilen gern den Zeigefinger erhoben und uns Kinder mit dem Spruch verwarnt „Sitzet nicht da, wo die Spötter sitzen“. Wir aber haben es nicht beherzigt. Bis heute nicht.

Es liegt also auf der Hand, jetzt auch an das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius zu erinnern, das ebenfalls den aufsteigenden Nebel als Wunder des Naturempfindens preist, ja, überhaupt das inzwischen auch journalistisch beliebte Wort „wunderbar“ im emphatisch-lyrischen Sinn etabliert hat. Mir kam leider, soweit ich zurückdenken kann, mit der schönen ersten Strophe immer gleich das biedere, moralisierende Endziel in den Sinn: „so sind gar manche Sachen, die wir getrost belachen“, ganz schlimm: „und unsern kranken Nachbarn auch“. Die Naivität solcher Zeilen hat auch die erste Strophe dem Spott preisgegeben, so dass ein lustig aufgelegter Mensch, der den Mond sieht, sogleich bewusst ethnologisch inkorrekt reagiert („der weiße Neger Wumbaba“). Als Anregung zur Selbstkorrektur verweise ich auf Wikipedia hier. Ja, ich gebe aus diesem Anlass sogar  die private Erinnerung preis, dass mir, seit ich „Hänschen klein“ singen konnte, die abstrakteren Wendungen des Liedes verschlossen blieben; jahrelang habe ich ernsthaft gesungen: „Gabel sind sich das Kind“. Denn dass dieses Esswerkzeug auch einen bedrohlichen Aspekt hat, passte für mich perfekt in den Zusammenhang.

Ich kann mich nicht vom Thema trennen, ohne den letzten Karrieresprung des Abendliedes in die Politik heraufzubeschwören, den Dieter Hildebrandt verursacht hat. Fortwirkend in einer Ära, die den parodierten Redner gar nicht mehr als Gefahr einzustufen gelernt hat.