Verschwörung X

Kondensstreifen und anderer Zauber

Die folgenden Fotos habe ich im September 2019 in Südtirol gemacht, in diesem Jahr habe ich vergeblich Ausschau gehalten, – Corona hat den Flugbetrieb minimiert.

Ich hatte damals noch nicht davon gehört, dass sich auch Verschwörungstheoreriker dieses Phänomens annehmen, heute gab es mal wieder allerhand Aufklärung bei Lesch & Steffens, allerdings findet man im Fall der Kondensstreifen in einer anderen Quelle ein etwas anderes Ergebnis: HIER.

Ich will kein Misstrauen säen, aber etwas hat sich in den Sendungen der beiden Autoren verändert. Sie versuchen die Inhalte anders zu „verkaufen“, vermutlich im Bemühen um noch größere Volksnähe, sie inszenieren sich, bemühen sich in kurzen Dialogen als Selbstdarsteller. Unnötig. Schon glaubt man ihnen nicht mehr aufs Wort und schaut zur Kontrolle – ins Internet. (Nein, Quatsch!) Die Forscherin Giulia Silberberger (ab 17:30) blieb natürlich, Pluspunkt, dass sie beiläufig ihre private Erfahrung mit Zeugen Jehovas einbrachte. (Unter Verschwörern werden Neulinge mit Liebe überschüttet, Zweifler mit „hate bombing“. Ich denke zurück an unsere Begegnung am Völser Weiher hier . Die eigene Anfälligkeit für wirre Fakten, wenn die Übermittlerinnen „nett“ sind, aus Ostberlin kommen und Anngst haben. Gestern sah ich ein Buch ihres Vordenkers Sucharit Bhakdi als Nr.1 Sachbuch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste). Ansonsten sehr aufschlussreich die Reaktionen der Zuschauer im Anhang des Youtube-Videos. Viele „überlegene“, leicht gönnerhafte Konsumenten. (Extern hier)

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Heute Lektüre beendet: Charles Taylor. „Multikulturalismus und die Kultur der Anerkennung“. Hervorragend! Problematik der Rechtslage von Minderheiten auch in vernünftigen Demokratien. Einleuchtendes Beispiel Kanada (Quebec). Man ist begierig die anschließenden, im Buch abgedruckten Kommentare zu lesen. Und am Ende Jürgen Habermas. Siehe hier „Mensch und Menge“. Und nochmals – eingedenk der Anregung – Süddeutsche Zeitung / Thomas Steinfeld vom 23. September.

Vormerken (Weihnachten)

Warum nicht?

Etwas zu hören, zu genießen – und zu denken.

Die Choräle gehören zu den schönsten, die es gibt. Und sie sind schöner gesungen denn je!

Aber glauben Sie nicht, dass ich Ihnen „in dieser schweren Zeit“ ein eher jenseitsgerichtetes Denken empfehle. Denn diese Form der harmonischen Disziplinierung macht uns keineswegs unempfänglich für das andere Ende der Skala, z.B. die ungehobelten, wilden Klänge des Balkans, und wenn es sein muss, verweise ich auf einen Blogbeitrag, der nach wie vor gilt und dazu anregt, das scheinbar Unvereinbare zusammenzudenken. Hier ! Es gibt auch ein Lied dort, das ich nicht ohne Tränen hören kann, was mir aber genauso bei einigen Chorälen passieren kann, die mich in das Umfeld des Weihnachtsoratoriums oder der Passionen von Bach versetzen. So ähnlich denke ich auch an die Außenbezirke von Skopje zurück. Die Welt ist keineswegs in Ordnung, so wie sie ist und wie sie war.

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Es ist nicht ganz leicht, diese CD zu entdecken. Und wenn Sie hier ⇑ das Impressum anklicken, wissen Sie, warum ich früher darauf komme als mancher andere inhaltlich interessierte Mensch. Ich bin also befangen. Und ich denke bei der Empfehlung nicht unbedingt an die potentiellen Kirchgänger, die jetzt ihren einzigen Gottesdienstbesuch im Jahr durch Corona gefährdet sehen. Sondern eher an säkular gesonnene, bedachtsame Menschen, die sich in einer nie so erlebten, bedrängten Zeit vorfinden und bereit sind, sich durch wundersame Klänge über das Nächstliegende erheben, mit dem Unbegreifbaren verbinden zu lassen.

Auf jpc kann man schon reinhören, zu kaufen gibt es die Aufnahme erst ab 6. November. HIER

Solissimo

Reflexion über eine Bach-Wendung

Ich beziehe mich auf den vorigen Artikel zum gleichen Thema, nämlich zum Adagio der Sonata C-dur BWV 1005 hier , und ich werde mich dabei für immer an den Anblick des Bergmassivs erinnern, das ich beim Blick aus dem Fenster oft in seltsamer Verfärbung oder im Nebeldunst wahrnahm, voller Zuversicht, dass ich dort auch noch das Geheimnis der Takte erfassen würde, die mir unablässig durch den Kopf gingen. Fehlanzeige. Ich habe sie in Ermangelung meines Scanners mit dem Handy herausgepickt, das crescendo-Zeichen habe ich übrigens nicht etwa eingezeichnet, weil ich es notwendig finde, sondern nur weil ich mich daran erinnern wollte, dass Hilary Hahn es realisiert und zwar – wie ich meinte – aus genau dem Grund, der mich in den Tönen ein Rätsel sehen lässt:

Und hier folgt der etwas erweitert wiedergegebene Zusammenhang: es handelt sich also um die Takte 37/38. Sie scheinen mir etwas zu sagen, was ich nicht verstehe, nicht deuten kann, wobei ich mich nicht zu der Ausrede bewegen lassen will: darin zeigt sich eben wieder einmal das Wesen der Musik, dass sie etwas sagt, was man in Worten nicht bezeichnen kann. Ich gebe ja zu, es ist eher eine Geste, ein Augenaufschlag. Oder etwas, was ich aus der Musik kenne, aber hier nicht explizit höre, sondern als Anspielung. Sie schaut mich an, als müsse ich es verstehen. Und das greift mir ans Herz.

Erinnerung an Campra,1973, mit La Petite Bande unter Gustav Leonhardt (und Sigiswald Kuijken!), aufgenommen im Cedernsaal Schloss Kirchheim:

Es war die Anmut dieser Auftaktbewegung mit dem Sprung der kleinen Sexte abwärts. Die Vorstellung einer friedlichen Landschaft, das Wort amoen hätte ich beschworen (statt paisible). Die französische Spielweise, die wir damals entdeckten. Die „unpassende“ Assoziation des Galanten bei punktierten („inegalen“) Rhythmen…

Gewiss, es handelt sich um eine andere Tonart (e-moll) und um ein anderes Intervall im Sprung abwärts. Ich denke aber auch an die unterschiedlichen Möglichkeiten, ein Rezitativ abzuschließen – und offenzuhalten (in der Abschlusskadenz). Zum Beispiel stelle ich mir den Satz „sprachen die Hirten untereinander“ Im Weihnachtsoratorium (WO) eine Oktave höher vor und als Abschluss nicht a“-e“, sondern e“-e“ (auch das gibt es ja gelegentlich in Rezitativen), so dass eine gewisse Ähnlichkeit mit Bachs Adagio-Taktübergang von 37 auf 38 gegeben wäre; die dem Continuo-Abschluss entsprechende Kadenzwendung wäre in Takt 39 gegeben.

 WO Nr.25

Im folgenden Beispiel schaue man mit etwas Phantasie auf die Wendung des Solo-Bassgesangs: „nimm mich zu dir!“ (auch wegen des harmonischen Changierens zwischen Moll und Dur).

WO Nr.38

Dieses und anderes im Sinn, bitte ich um Vergebung für die folgende Variante der Adagio-Takte, – als hätte ich im Sinn, sie der Stringenz zuliebe kürzer zu fassen und auf die unnötige Dehnung der Sequenz nach dem gewichtigen G-dur-Akkord Takt 34 zu verzichten und weiteres mehr. Ich verstehe jedenfalls: Bach will auf eine Art Reprise in C-dur hinaus, um quasi wirklich abzuschließen… (Ich kann mich nicht völlig dumm stellen und sagen: warum ist er nicht zufrieden mit dem wieder erreichten G-dur? nur deswegen muss er doch am Ende des Satzes noch einmal nach G modulieren, um das Tor zur Fuge aufzuschieben, die mit dem Ton G beginnt.)

Ein Versuch (beginnt im letzten Takt der gedruckten ersten Zeile):

Ist das nicht ganz ordentlich – als eine Schülerarbeit? Die Aufgabe wäre gewesen:  komponieren Sie einen Schluss, der weniger sophisticated ist als die Version von Streber Johann Sebastian…

(Fortsetzung folgt)

Die Stimme des Iran ist verstummt

Mohammad Reza Shadjarian starb am 8. Oktober in Teheran 

Ein Gesang aus dem Album „Homayoun Maznawi“ / Musik: Mansour Saremi (Santur)

Vom Leben und Werk des Sängers Mohammad Reza Shadjarian  HIER

Auszüge aus einem Konzert (vor etwa 8 Jahren) mit dem Shanaz-Ensemble beim Royal Festival in London (BBC) (Vorsicht: beginnt leider mit Werbung) Hier 

Unvergessen die Auftritte 1987 in Köln und Bonn mit diesem Programm:  Hier

Aktuelles Oktober 2020

Notizblogzettel (Hier aufbewahren! Erinnern!)

LANZ 8.Oktober 2020 Sahra Wagenknecht / Middelhoff hier ab etwa 55′ Zur wirtschaftlichen Zukunft unserer Welt.

 ZDF Screenshot ZDF Screenshot

PRECHT & REZO

Gestern 10.10.20 nachts zwischen 23 und 24 h gehört. Würde ich auch noch mal ansehen (oder anderen empfehlen), man versteht die beiden akustisch ungleich gut. Interessante Prognosen („die Schallplatte bleibt“).

Immerhin, der im Urlaub etwas belächelte Bildband „Kunst in 30 Sekunden“ hat mich zum ersten Mal auf Artemisia Gentilleschi gebracht. (Danach kam erst der Artikel in der ZEIT). Und die Kurzbesprechung des Velasquez-Bildes „Las Meninas“ hat mich an den wunderbaren Essayband „Meisterwerke der Malerei“ herausgegeben von Reinhard Brandt erinnert, in dem genau jenes Bild von Seite 115 bis 140 tiefgehend behandelt ist (vgl. auch Wikipedia hier), und zugleich gibt es einen aktuellen oder vielmehr akuten Anlass, ein anderes Kapitel darin (über Roy Lichtenstein von Regina Prange) aufs neue zu studieren, weil es indirekt mich und andere Leuten täglich beim Einkaufen mit Kunst konfrontiert, ohne dass wir alle dieser Tatsache die fällige Beachtung schenken. Oder? Prüfen Sie sich selbst, und zwar ganz unten am Ende dieses Artikels!!! Nebenbei: Wie banal und wie brutal darf Kunst eigentlich sein? Im Alter scheint es schlimmer. Doch es ist alles eine Sache der Auslegung!

Die Bildquellen der Pop Art entstammen Zeitungen und Illustrierten mit ihren Cartoons, Werbeanzeigen und Schlagzeilen. Sie thematisieren den strahlenden Star und das Image der Jugend, die Welt des Stehimbisses und des Supermarkts, die unpersönliche Heraldik industrieller und patriotischer Insignien und nicht zuletzt der Modell-Wohnung des exemplarischen Konsumenten. Die Pop-Künstler konzentrierten sich also auf solche Motive, die das private Leben in standardisierten Formen, das Emotionale durch Konvention dirigiert, in der Warenform verdinglicht, zeigen. Die stereotype Artikulation des Gefühls oder des sinnlichen Genusses ist das Bindeglied der imitierten Trivialmythen. Lichtensteins Beitrag zur Massenkultur ist in dieser Hinsicht […] in seiner Kunst wie in seinen Selbstkommentaren, explizit. Anders als Warhol, der sich mit seinen Äußerungen in die Oberfläche der Popkultur einfühlte und sich selbst zur Kunstfigur schuf, behandelt er, der schon relativ bejahrt zur Pop Art kam, ein Magisterdiplom in der Tasche hatte und selbst lehrte, seine Arbeit fast wissenschaftlich. Die Gebrauchsgraphik und ihr schlechter Geschmack stehen ihm ein für die Gegenwart der industrialisierten Gesellschaft. Durch ihre schonungslose Bejahung in einer Art „brutaler“ und „antiseptischer“ Darstellung will er gegen die Kunst seit Cézanne opponieren, die „außerordentlich romantisch und unrealistisch geworden ist…“ Seine Sensibilität gegen das Antisensible stellt sich gegen eine „europäische Sensibilität“, welche sich „in dicken und dünnen Farbstrichen“ ausdrückt, also durch die Künstlerhand. Die Wahrheit des Cartoon liege darin, daß er „heftige Emotion und Leidenschaft in einer völlig mechanischen und distanzierten Weise ausdrückt.“ (folgende Quelle, Autorin Regina Prange Seite 249f)

Quelle Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / von Reinhard Brandt (Hg. und Einführung) / Reclam Leipzig 2001 (2013)

 Wikipedia hier

ZITAT (Hanno Rauterberg)

Artemisia war die Kunst, und die Kunst war sie – auch diese Botschaft spricht aus dem allegorischen Selbstporträt im grünen Seidenkleid, das sie vor leerer Leinwand zeigt. Es hatte natürlich auch praktische Gründe, das eigene Gesicht in die Gemälde hineinzumalen, damit ließen sich Kosten für teure Modelle sparen. Doch ebenso verlockend schien, das auf diese Weise die Bilder nicht nur für sich sprachen, sondern aus ihnen auch Artemisia zu sprechen schien und sich so der eigene Name gleich doppelt bewerben ließ. Erwarb ein Sammler eines ihrer Werke, konnte er glauben, so auch eines Teils der Künstlerin habhaft zu werden. Sie verkaufte, könnte man sagen, ihre Kunst und sich selbst.

Allerdings wäre das eine sehr verkürzte und sehr heutige Lesart. Denn nie gibt es bei Artemisia so etwas wie ein authentisches, ein wahres Selbst. Im 17. Jahrhundert war der Begriff des Projekts aufgekommen, die Vorstellung also, etwas entwerfen, in die Zukunft hineinplanen zu können. War man sich in den Jahrhunderten zuvor sicher, mit dem eigenen Leben nur Teil eines größeren, göttlichen Plans zu sein, war diese Idee einer göttlichen Ordnung im Barock nicht länger zu halten. In Artemisias Kunst ist das unübersehbar, sie brüskiert jedes innige Bedürfnis nach Demut. Sie verweltlich das Überweltliche und macht ihre Betrachter zu Komplizen einer Geschichte, die fast immer von einer körperlich einnehmenden, das Schicksal wendenden Tat handelt. Es sind Bilder, die von Veränderung erzählen, und sei es, dass diese Veränderung zum Tode führt.

Artemisia Gentilleschi  Wiki hier

Artikel in der ZEIT mit Rauterberg hier Britische Nationalgalerie hier

Unter dem zuletzt gegebenen Link kann man den folgenden Film finden & anschauen:

Ein Essay von Kai Köhler aus der Zeitung Junge Welt wurde mir freundlicherweise zugeschickt, enthält viele, soweit ich weiß, recht unbekannte Details zu Bartóks politischer Einstellung. Macht mich zugleich nachdrücklich aufmerksam auf die linke Tageszeitung, die mir ansonsten von Berthold Seligers lesenswerten Musikbeiträgen her bekannt war.

Bartók – Volkslied und Moderne – jw 2020 09 25

Enkel-Musik

Damit meine ich Pop-Musik, die in der Enkel-Generation im Schwang ist. Ich will wissen, was diese Jugendlichen daran fasziniert, und wenn ich mit ihnen rede, muss ich die Sachen gut kennen, um „sachgerechte“ Fragen zu stellen

Reine (extern hier ) von Dadju (über den Sänger siehe Wiki hier)

Oh oh ah, Seysey

Aujourd’hui je suis fatigué, je t’ai regardé dormir
Et si ma voix peut t’apaiser
Je chanterai pour toi toute la nuit
Je t’entends dire à tes pines-co
„Dadju, j’peux plus m’passer de lui“
Hey, tout va glisser sur ta peau
C’est comme si je te passais de l’huile
Et s’ils ne sont pas nous, c’est tant pis pour eux
Et s’ils sont jaloux, c’est tant pis pour eux
Fais-le moi savoir quand c’est douloureux
Je suis là s’il faut encaisser pour nous deux

Et je le sais, je te fais confiance
Quand tu me souris, tu fais pas semblant
J’ai pas besoin d’attendre plus longtemps
Je sais qu’il est temps d’partager mon sang
Et t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
J’vais t’élever au rang de reine
Au rang de reine, au rang de reine
Oh oh ah

Je…

Oder zum Beispiel (jetzt gleich im externen Fenster) der Titel Django von Dadju

Oh, oh, ah (It’s E-Kelly)

Je veux que tu portes mon nom de famille
Mais ça prend du temps
J’ai même parlé de notre avenir à tes parents mais ils m’ont dit d’attendre
J’ai fait tout ce que ton père m’a dit mais
Il est jamais content
Et s’il décide d’être l’ennemi de notre amour il sera forcé d’entendre

Quand j’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django
J’briserai les chaînes comme Django, Djan-Djan-Django

Il veut nous éloigner
Donc il sort toutes sortes de foutaises
Et quand j’lui demande quel genre d’homme il te faut il me dit „comme toi mais pas toi“
Laisse-moi le calmer, il faut que son cœur s’apaise
Laisse-moi lui montrer qu’il a tort de…

Des weiteren wurde genannt:  Vossi Bop von Stormzy

Was soll ich davon halten? (Songtext Vossi Bop siehe hier)

(folgt)

Jahrelang habe ich immer wieder gern den Scherz gemacht: „Dein Geburtstag fällt dieses Jahr aus“ oder wahlweise „Heute steht es in der Zeitung: Weihnachten ist offiziell abgesagt!“  Aber dieses Jahr ja wirklich, ich habe es in der Hand, Corona-Schutz für alle verbindlich! Ich las es zwischen den Zeilen in der Zeitschrift FOLKER:

 Danke im voraus für alle guten Wünsche! Aber ich bin das nicht, ich kann das nicht sein, mein Geburtstag fällt aus! Wie das Oktoberfest, wie Halloween, – nein, kein Geburtstag und schon gar nicht dieser.

Ich (79) verbleibe erinnerungstechnisch das relativ junge Tragetaschengesamtkunstwerk im Eingangsbereich des Moarhofs in Völs Südtirol September 2020

Ausgang & Eingang (Fotos E.Reichow)

Still: Saunders Sounds

Vom Zuhören

Im Ozean der Klänge: brauche ich ein Boot? einen Kompass? einen Sternenhimmel? Orientierungslosigkeit ist ein schwer erträglicher Zustand.

Aber was erwarte ich denn: sitze ich doch bequem, stehe nicht auf schwankendem Grunde, stelle mir vielleicht vor, dass die Geigerin an einem bestimmten Ort bleibt, inmitten des Orchesters oder davor, den Dirigenten zumindest per Augenwinkel im Blick, sie beide kennen das Werk vielleicht am genauesten nach der Komponistin, die vielleicht  genau so auf die Akteure schaut, wie sie von der Titelseite des CD-Booklets hinausschaut. Aufmerksam, höflich, anders muss ich ihren Blick nicht deuten. Und genügt es nicht einfach zu hören? Aber darauf hat sie selbst sich ja auch nicht beschränkt. Wir sind in der glücklichen Lage, etwas darüber zu erfahren. Die Autorin Martina Seeber erzählt es uns im Booklet:

Das zu erfahren und zwar aus absolut authentischer Quelle, ist (für mich) unerhört wichtig. Aus Wikipedia weiß ich, dass die Komponistin in Edinburgh auch Violine studiert hat, ich habe das neue Werk für Violine gehört, war beeindruckt und weiß zumindest, dass es aus zwei Hälften besteht, die sich stark unterscheiden. Bis 9:36 und von dort zum Ende 17:39. Es interessierte mich auch, dass ein Stück von Beckett mit dem Titel „Still“ Pate gestanden hat. Die Komponistin selbst hat sich darüber geäußert, man kann es ebenfalls im Booklet nachlesen:

Damit weiß ich letztlich schon immens viel über den Hintergrund des Werkes, jetzt kann ich allein bleiben und mich meinen Ohren überlassen. Vielleicht traue ich ihnen noch nicht genug, denn ich höre die erste Minute mindestens 10 Mal, genau gesagt zuerst nur bis 0:30 dann bis 1:07, im Schönklang der Terz breche ich ab. e’/g‘. Ich möchte die seltsame Faszination der Keimzelle durchleuchten. Ohne zu versuchen, dem irgendwie mit ärmlichen Worten gerecht zu werden. Nicht einmal auf das Wort „Mobile“ wäre ich gekommen, und es gefällt mir auch nicht besonders (weil es mich an die Blütezeit des Mobiles in den Wohnzimmern der 50er Jahre erinnert). Ich sollte es eher technisch nehmen… sobald ich etwas weiter bin… ich versuche natürlich zuerst: Gesten wahrzunehmen und bin dabei ganz auf die klangliche Gestalt angewiesen, deren gestischer Sinn sich mir aber nicht ohne weiteres erschließt. Ich bin mit den Gesten der Klassik vertraut. Martina Seeber entnimmt manche Charakteristika der Partitur – „der erste Teil ist ein entfesseltes Furioso, die Spielanweisung des zweiten lautet ‚dark, fragile, warm‘.“  Ansonsten spricht sie auch von Gesten – mir scheint, dass selbst das Bild des Mobiles derartiges vermittelt: „es wippt, wackelt, schaukelt und zittert auf der Suche nach dem labilen Gleichgewicht.“  Aber später auch hier – handgreifliche Gesten:

Die erste Reaktion des Orchesters auf das Solo der Violine ist ein dumpfer Trommelschlag, der sich ins Brummen der Kontrabässe verlängert. Das Orchester setzt ein, als hätte die Energie der Violingeste die Bewegung des Kollektivs erst in Gang gebracht. Rebecca Saunders entwirft Klangräume und –gestendie auf das Solo reagieren. Vor allem die Geräusche der Schlagzeuger, die in zwei Gruppen rechts und links auf der Bühne positioniert sind, erinnern an elementare Naturereignisse. An Stürme, Donner und Erdbeben, aber auch an die impulsiven Akzente und die elastische Zeitgestaltung des asiatischen Musiktheaters.

Aber man sieht, dass es mir leichter fällt, den Worten nachzuspüren, als der differenzierten klanglichen Realität, und ich werde sehr beschäftigt sein, in dieser das zuvor Gesagte wiederzuerkennen. Ebenso alles, was das Mobile betrifft. Und dann  – im zweiten Teil – die Melodie, denn – so heißt es : „Das Grundgerüst dieses langsamen Teils bildet sich in Gestalt einer Melodie, die in ihrer extremen Dehnung kaum zu erkennen ist.“ Wird es mir gelingen? Zum Beispiel auch zu erkennen, dass wie „in mittelalterlichen Büchern die rote Spur des Stifts durch den Text fließt“. Diese Erfahrung fehlt mir, ich erinnere mich nur an die rote Tinte, die Bach in der Matthäus-Passion – ja, wofür verwendet hat? für den Evangelisten, also das Evangelium oder für die Christus-Worte? Martina Seeber zitiert an dieser Stelle Rebecca Saunders, die an die Kalligraphen des Mittelalters erinnert, -„eine schöne Parallele zu der Art, wie sich eine melodische Linie im Orchestergewebe verstecken kann. Durch die zweite Hälfte von Still zieht sich das Material wie ein melodischer Faden. Er verschwindet immer wieder in der Stille und in den Resonanzen des Orchesters.“

Ich glaube nicht, dass ich ihn beim Hören mit bloßen Ohren erfasse (ohne Noten) – würde aber annehmen, das die Bemühung darum bereits eine Ahnung vermittelt. Der Weg jedenfalls ist verlockend.

Ausschlaggebend, gerade diese Aufnahme zu wählen, war die phantastische Geigerin (siehe u.a. auch hier). Und die mit ihr verbundene Genese dieses Stückes.

Und dann kommt noch die Rolle der Kurzgeschichte von Samuel Beckett. „Still ist das siebte der so genannten ‚Fizzles‘. Becketts Text hat Rebecca Saunders bei der Komposition begleitet. In der Stimmung und der Grundhaltung des Violinkonzerts hat er seinen Niederschlag gefunden.“

Sollte ich auch diesen Text kennen, wenn ich das Violinkonzert auf mich einwirken lasse? Es könnte doch auch die Beschreibung der Wirkung auf die Komponistin genügen, die es selbst formuliert hat, siehe unten.

Und vermutlich würde sie uns angesichts solcher Bemühungen noch einen nützlichen Rat: Vergessen Sie alles, und hören Sie einfach zu!

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Nach „Still“ habe ich weitergelesen und -gehört: zwei Bassklarinetten, faszinierende Bewegungslosigkeit. Oder nicht? Ich dachte, Gesten seien ohnehin eher dem Violinspiel zugeordnet, wegen des Gebrauchs der Arme und Finger, nicht dem des Mundes und des vom Atemholen bewegten Leibes.

Eine ganze, aber fast unwirklich zeitlose Minute dauert die erste Geste dieses Duos. in dieser Minute geschieht viel und zugleich fast nichts. Ein schlichter Ton steigt auf und ab, beginnt zu vibrieren, glättet sich wieder wie zu einem elektrisch erzeugten Sinuston, der sich dann aber plötztlich aufraut und an den Rändern Schärfen entwickelt. Beim Hören lässt sich kaum sagen, ob es eine oder schon zwei Bassklarinetten sind, die den sich unablässig verändernden Klang modellieren. Man hält unweigerlich den Atem an, obwohl man lebendigen, vom menschlichen Atem erzeugten Tönen lauscht.

Wunder wirkende Worte. „Spiel, damit ich dich sehe“, möchte man in Abwandlung eines Hörspielspruches anmahnen.

Vielleicht werde ich dann später doch noch von meinen Erfahrungen beim Hören berichten. Oder aber mich einfach in Schweigen hüllen, darauf zählend, dass es beredter ist als alle Worte.

Zumal ich auch die Besprechung eines Buches über Rebecca Saunders neben mir liegen habe, die einer psychologischen Deutung bedarf. Ich will nicht sagen, dass uns das weiterbringt. Es sei denn, in einem Punkt: klarer zu sehen, welche Sprache über Neue Musik hilfreich ist und welche den gutwilligsten Leser ein für alle Mal das Fürchten lehrt. (Ich halte den Text zur Saunders-CD jedenfalls für vorbildlich.)

 Quelle: das Orchester Schott Oktober 2020 Seite 63

Es ist schwer begreifbar, dass ein Rezensent einen solchen Band der Musik-Konzepte und die Komponistin, um die es geht, mit einer solchen, von ihr ungeschützt geäußerten Formel zu fassen kriegen möchte:

Es gibt einfach Klänge, die mich begeistern…Aber eigentlich gibt es nichts zu sagen.

Aha, sie formuliert es definitiv: da ist also nichts als „diese Spannung von Affektivität und Aussagelosigkeit“! Daraus kann ich doch im Nu eine Theorie aufs Papier zaubern, mit einem kleinen Aufwand an weiterer Abstraktion wird mir das jeder abnehmen. Und schon haben wir aus  einer sozusagen alltagssprachlich dahingesagten Kommunikation ein Vademecum der Moderne an die Wand genagelt: bloß weg vom lebendigen Klang der Worte. Das ist doch ein geläufiger Topos in der Neuen Musik, und das bleibt chic: es gibt nichts zu sagen, der Rest ist Stille. Warum nur trotzdem dieses ganze Gerede, und warum über Werke, die aus realen Klängen bestehen, jedenfalls nur mit deren Realität in Erscheinung treten?

Das Wort Klang mit all seinen adjektivischen und adverbialen Kombinationen taucht massenhaft auf und wirkt wie ein texturales Mantra. Ein Terminus, der kaum weiter differenziert werden kann, zumal seine agglomerative Qualität bei Saunders durch die Berücksichtigung des jeweiligen Raumes und der klangbildenden Akteure weiter gesteigert ist.

Warum soll da nichts weiter zu differenzieren sein? Oder nur agglomerativ, auf dass ein Konglomerat entstehe, in dem Subjekt und Verb numerativ nicht mehr übereinstimmen, wie z.B. gleich im nächsten Satz: „wo Gestaltung ja oft als Ausdrucksdrama vermittel werden“.

Jaja, und „eingestreute Philosopheme jüngerer Provenienz haben ornamentale Funktion“, schlimm! Nur Martin Kaltenecker hat das Glück gelobt zu werden, denn er „hat das Problem einer Wissenschaft erkannt, die vor dem Phänomen Saunders zum Schweigen oder zum Raunen verdammt ist. Mit seinem Text zeichnet sich die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Passung ab.“

Gut, der Band Musik-Konzepte ist bestellt, obwohl nicht ganz billig, aber eine echte wissenschaftliche Passung möchte ich wirklich nicht versäumen…

Nachtrag 16.10.2020

   

Vorwort von Ulrich Tadday / zu Gunnar Hindrichs siehe im Blog hier , hier und hier

Kunst beschreiben

Oder lieber Wirklichkeit / Wie man besser sieht

Ich packe mir für die Reise manchmal ein Kunstbuch ein, ein Bilderbuch also, nebst Beschreibungen, die ich auch gerne lese. Mich interessiert aber nicht unbedingt das Kunststudium an sich, sondern z.B. das Faktum, inwieweit ich nach dem Lesen des Textes das Bild anders sehe als vorher. Oder ob zum Beispiel in das Bild etwas hineingelegt wird, das ich beim besten Willen nicht erkennen kann. Und das habe ich bei diesem Bilderbuch mehrfach erlebt. Von vornherein hat mich abgestoßen, dass im Titel jeder Bildbeschreibung steht: 30-Sekunden-Kunst. Das Ganze Buch heißt so: „Kunst in 30 Sekunden. Von Giotto bis Warhol: 50 Kunstwerke, die unsere Art des Sehens verändert haben“. So etwas findet man im Internet ja des öfteren, unter oder über Zeitungstexten etwa, die Angabe, wieviel Zeit die Lektüre in Anspruch nehmen wird. Das ist kapitalistisches Denken (Zeit ist Geld). Ich verliere normalerweise viel Zeit beim Lesen. Und in diesem Fall liegt der Fehler zunächst ganz klar auf meiner Seite: da ist von dem violett gekleideten Jünger die Rede, und ich habe mir die Farbe violett mal wieder ganz anders vorgestellt. Das ergibt bei uns immer Diskussionen, weil ich mir gerade diese Farbe viel bläulicher denke, während andere behaupten, sie tendiere mehr ins Rot, worauf ich entgegne, man dürfe sie nicht mit Lila vermischen. Und dann redet man über Lila noch einmal so lange. Farben sind also ein Sache für sich, der ich später vielleicht – wieder einmal – nachgehe. Aber ich stolpere sogleich aus anderem Grund:

Maria Magdalena mit ihren langen roten Haaren (rot??? ihr Gewand ist tatsächlich eher rot, oder sagen wir: altrosa, aber gehen die Haare nicht ins Gelbliche, genannt dunkelblond?) und rotem Gewand sitzt zu seinen Füßen. Damit erinnert sie an den Moment als sie seine Göttlichkeit erkannte, während er ihr die Füße wusch.

Wissen Sie, was ich meine? (Nicht das fehlende Komma nach „Moment“, sondern Gravierenderes.) Ich frage: wer hat hier wem die Füße gewaschen? Er ihr oder sie ihm? Zweifellos ist es jetzt sie, die mit ihren Tränen seine Füße benetzt, – jedoch: zum frommen Ausgleich für die Fußwaschung damals oder vielmehr als Parallele?

Schauen Sie hier bei Wikipedia und dort den Absatz über die „fußwaschende Sünderin“ 3.2. oder etwas später unter „Christliche Ikonographie“. Die Frage bleibt vielleicht: kam der Beiname von der Fußwaschung bei der Beweinung, oder schon von der ersten im wirklichen Leben Jesu, wie wirklich es immer war, – es gilt, was dasteht. Man hat sie gleichgesetzt mit einer fußwaschenden Sünderin von der tatsächlich im Lukas-Evangelium Kapitel 7 die Rede ist:

36 Einer der Pharisäer hatte ihn zum Essen eingeladen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und begab sich zu Tisch. 37 Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er zu sich selbst: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist. 40 Da antwortete ihm Jesus und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!

Undsoweiter… Aber wer hat die Gleichsetzung dieser Frau mit Maria Magdalena betrieben?

Papst Gregor I. setzte im Jahr 591 (darin Hippolytus folgend) in einer Predigt Maria von Magdala mit der anonymen Sünderin gleich, die Jesus die Füße wusch. Diese Identifikation wurde Teil der katholischen Tradition um Maria Magdalena.

So steht es im Wikipedia-Artikel, dem ich durchaus Glauben schenke. (Glauben, – dies ist ja keine wissenschaftliche Arbeit, nur ein seriöser Ansatz, wie ich hoffe.)

Aber wo ist meine Kunstbetrachtung geblieben? Das Vertrauen in den (zugegeben: für wenig Geld erstandenen) Kunstband ist fast erloschen. Ich beginne aufs neue mit dem Wikipedia-Artikel von der Beweinung Christi. Damit komme ich auch nebenbei zu einem weiterführenden Farbenvergleich: was ist mit dem violett gekleideten Diener alias Johannes? Und mit den Engeln, die seine weit ausgebreiteten Arme nachahmen und damit dieser Haltung eine kosmische Bedeutung verleihen?

Zur Farbe violett: ich beginne hierOder hier. Also auch die Etymologie von Violett, Lila und Magenta…

Von „lila“ komme ich schnell auf „purpur“, – ganz unpassend? Oder: hier?

Auf der Suche nach einer Psychologie (oder Physiologie?) der Farbwirkungen bin ich auf eine schöne Schule für Anfänger gestoßen und habe zum erstenmal den Satz verstanden: Die Primärfarben sind Cyan, Gelb und Magenta.  Und kurz danach auch diesen: Rotorange, Grün und Violette sind die Sekundärfarben. Und dann ist noch von den unbunten Farben Weiß und Schwarz die Rede. Bin ich damit nicht auf dem rechten Weg, Ihr Maler?! Ich bin ein Glückspilz. Jetzt nur noch schnell die Mischungen… 

Ich breche ab (jemand meinte: mach es Dir nicht zu leicht!)… das folgende gilt auch in der Musik.

ZITAT

Meisterwerke enthalten eine hochgradig verdichtete Vielheit von Traditionslinien und neuen Einfälle, von raffinierten Schachzügen oder auch simplen Ausführungen der Anweisungen von Auftraggebern oder Markterwartungen. Sie sind von der ersten Stunde an zugleich evident und kommentarbedürftig, Vergils „Aeneis“ und Dantes „Göttliche Komödie“ ebenso wie Raffaels „Schule von Athen“.

Der Laie wiederum stellt die Dinge auf den Kopf, wenn er meint, die Zeitgenossen hätten einen unmittelbaren Zugang zu den großen Werken, erst im Laufe der Zeit würden diese unverständlich und würden aus dem Horizont der späteren Generationen immer neu interpretiert, jedoch niemals wirklich verstanden. Das Gegenteil ist richtig: Die großen Werke sind von einer derartigen Komplexität, daß nur die Forschungsleistung vieler Generationen langsam das höchst kunstvolle Mit- und Ineinander der vielen Motive zu sichten und zu erkennen vermag. Der unglaubliche Reichtum unserer Wirklichkeit, wird erst durch mühevolle gelehrte Analyse erkennbar.

Quelle Meisterwerke der Malerei / Von Rogier van der Weyden bis Andy Warhol / von Reinhard Brandt (Hg. und Einführung) / Reclam Leipzig 2001 (2013) Zitat Einführung Seite 8f

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Inzwischen hat sich unterderhand meine Einschätzung der Tonka-Erzählung von Musil völlig verändert, ich hatte sie oberflächlich auf das Geschlechterverhältnis reduziert, fand auch die Mystifizierung der Schwangerschaft unglaubwürdig. Ist es die Aufsplitterung der Welt in Einzelphänomene, die beziehungslos nebeneinanderstehen? Die Betrachtung des alten Bildes und der Farben kam mir in den Sinn, als ich die folgende Stelle wiederlas:

Das kann man begreifen; jedoch er vermochte in seinem Zimmer zu sitzen, von Eifersucht gequält zu sein und sich zu sagen, daß er gar nicht eifersüchtig war, sondern etwas anderes, Entlegenes, merkwürdig Erfundenes; er, dessen eigene Gefühle das waren. Wenn er aufsah, fehlte nichts. Die Tapete des Zimmers war grün und grau. Die Türen waren rötlich braum und voll spiegelnder Lichter. Die Angeln der Türen waren dunkel und aus Kupfer. Ein weinroter Samtstuhl stand im Zimmer und hatte eine braune Mahagonirahmung. Aber alle diese Dinge hatten etwas Schiefes, Vornübergeneigtes, fast Fallendes in ihrer Aufrechtheit, sie erschienen ihm unendlich und sinnlos. Er drückte seine Augen, sah umher, aber es waren nicht die Augen. Es waren die Dinge. Von ihnen galt, daß der Glaube an sie früher da sein mußte als sie selbst; wenn man diese Welt nicht mit den Augen der Welt ansieht; wenn man die Welt nicht mit den Augen der Welt ansieht und sie schon im Blick hat, so zerfällt sie in sinnlose Einzelheiten, die so traurig getrennt voneinander leben wie die Sterne in der Nacht.

Quelle Robert Musil: Drei Frauen, daraus: Tonka / Zitat Seite 100 / rororo Rowohlt Reinbeg bei Hamburg 1964 (1952)

Nachtrag 13. Oktober 2020 Ein guter Rat von Holger Noltze

Als Best Practice stellst Du die Digitale Sammlung des Frankfurter Städel Museums vor. Warum? Und was lässt sich davon eventuell auf die Musik übertragen?

Das tolle an dem Städel-Konzept ist die unendliche Verlinkung und die Bereitstellung mehrerer Zugangsweisen zum Inhalt. Da sehe ich zum Beispiel eine Winterlandschaft von Lucas van Valckenborch, und ein Klimaforscher erzählt mir parallel etwas über die Kleine Eiszeit. Beides wird so elegant miteinander verwoben, dass ich danach wirklich eine andere Assoziation habe als vorher. Für die Musik müssen wir uns fragen, wie wir das Feld über das Konzert hinaus erweitern können. Wir gehen in der klassischen Musik oft von diesem perfekten Bild aus: Der perfekt vorbereitete Musiker betritt eine perfekt mit zwei Blumensträußen garnierte Bühne, spielt perfekt seinen Chopin-Abend und geht wieder. Es gibt keine Fehler. Mich interessiert aber doch eigentlich nicht die Perfektion, sondern das, was schief geht, der Weg zum Außerordentlichen. Darum gibt es dieses Bedürfnis, auch mal zu wissen, was vorher, nachher und dahinter ist: Backstage-Einblicke, Gespräche mit Musiker:innen, da sehe ich ein riesiges Potential.

Quelle: VAN Magazin 7.10.2018 Alter Wein in neuer Leitung / „Wir haben das Internet noch nicht verstanden“ Holger Noltze über Möglichkeiten des Musikerlebens im Netz / Abrufbar hier

Nachhören im WDR (bis 29.10.)

Festival Alte Musik Knechtsteden: Beethovens Musikwelt – Ein Pasticcio

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Hier

Johann Sebastian Bach
Kyrie aus Messe A-Dur BWV 234
Crucifixus aus Messe h-Moll BWV 232
ab 11:45 Fuga 22 a 5 aus “Das Wohltemperierte Clavier I“ BWV 867
Fuga 22 a 5 für fünf Streichinstrumente, Bearbeiter: Ludwig van Beethoven

ab 17:22 Carl Philipp Emanuel Bach
Allegro moderato aus Sonate III/ Zweyte Fortsetzung von sechs Sonaten fürs Clavier

ab 21:45 Johann Philipp Kirnberger
Auszüge aus “Erbarm dich unser Gott“ für vier Stimmen und Basso continuo

Johann Ries
Agnus Dei und Dona nobis pacem aus “Missa Sancti Huberti“
“Alma Redemptoris mater“

Andrea Luchesi
“O Oriens“ aus “O-Antiphonen“

ab 42:00 Ferdinand Ries
“Lieder von Goethe mit Begleitung des Pianoforte“ op. 32
“An die Erwählte“
“Verschiedene Empfindungen an einem Orte“
ab 59:54 Rondo aus Klavierquintett op. 74

(ab 42:00) Christian Gottlob Neefe
Serenata
“Der Regen strömt, der Sturm ist erwacht“

Joseph Haydn
“Die Seejungfer“ und “Rückerinnerung“ aus “Englische Lieder und Kanzonetten“

Ludwig van Beethoven ab 1:10:18 (andere Reihenfolge)
Rondo C-Dur op. 51,1

ab 1:10:18 Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonie D-Dur KV 97

Antonio Salieri
“Salve Regina“

Johann Nepomuk Hummel
“Ich schwebe auf des Todes Fittich“ aus dem Oratorium “Der Durchzug durchs Rote Meer“

Ludwig van Beethoven
“Ars longa, vita brevis“ – Kanon für Nepomuk Hummel als Abschiedsgruß
Agnus Dei aus Messe C-Dur op. 86

Tobias Koch, Hammerflügel und Cembalo
Kerstin Dietl, Sopran
Magdalena Hinz, Mezzosopran
Andreas Post, Tenor
Carsten Krüger, Bassbariton
Rheinische Kantorei
Das Kleine Konzert
Leitung: Hermann Max

Aufnahme vom 22. September 2020 aus der Klosterbasilika Knechtsteden

Moderation: Claudia Belemann
Redaktion: Richard Lorber

 

Nach dem Waterloo der politischen Diskussion

Trump und 1 Ende der Geduld (eine Sternstunde)

hier kein Start, nur Scan-Foto !

ZDF-Sendung gestern: MARKUS LANZ [aus Südtirol, gesehen in Südtirol, Völs, Moarhof ]. Zu Gast: Journalist Elmar Theveßen, Politiker Jürgen Trittin, Autorin Julia Ebner und Zukunftsforscher Matthias Horx (in wiki auch Fehlprognosen), website hier

HIER (Sendung abrufbar bis 30. Oktober)

3:35 Wie reagiert denn Amerika auf das, was da gestern passiert ist? Man sagte: „brennende Müllkippen“, „die würdeloseste Präsidentschaftsdebatte, die ich je gesehen habe“ (E.Th.)

9:16 Jürgen Trittin über die Widersprüchlichkeit der USA

10:12 Wer sind die „Proud Boys“? J.Ebner: „rassistisch, frauenfeindlich, homophob“

19:57 Matthias Horx über den Zustand Amerikas: für uns sehr lehrreich, weil unsere Populisten ein Schatten dieser Bösartigkeit sind, diese negative Energie wird dort [offen] sichtbar.

22:23 Trittin über John Biden, „den Platzhalter, der keinen Schaden anrichtet“ Florida als entscheidender Staat 26:42 Verabschiedung Elmar Theveßen

26:58 „Proud Boys“ Was ist „QAnon“? Bewegung, jetzt auch in Deutschland 29:32 (J.Ebner) 39:57 Bodo Schiffmann mit 2 Ausschnitten (komplett umgedreht) „Quarantäne-Lager hat man früher als KZ bezeichnet“ 43:11 Darüber M. Horx 44:55 Ebner: soziale Medien, die verschwörungstheoretische Inhalte derart pushen, dass sie zu dieser Bedeutung kommen…

(Für mich besonders interessant nach der Begegnung am Völser Weiher hier „Bloße Meinungen“.)

45:24 Dazu Trittin / Wann beginnt dieser Niedergang des Amerikas, das wir in unserer Kindheit erlebt haben? Verschwinden der Mittelklasse. Beispiel Kanada ! Verhältnis zu Autoritäten. EUROPA. 59:30

59:30 Horx „in die Zukunft schauen“ Beispiel: Tourismus in Venedig. Erlebnisse in dieser Krise, „stresshafte Zeit VOR Corona“, Überbeschleunigungsphänomene.

1:07:44 J.Ebner: Verhalten mit Corona ändern… Makroeinflüsse / Horx: der allzu große Technologieglauben – was kommt letzten Endes: Solidarität. Re-greening. Rückschau vom Jahr 2050 aus… China (bis 2030) – den Planeten wirklich wieder ernsthaft begrünen? das ist das wahrscheinlichste Szenario, darauf läuft das hinaus? Horx: Ja!

Gruß aus Südtirol – Zwei Seiten eines Dings

20. September 2020 Blick morgens von Obervöls/Moarhof auf den Schlern

1. Oktober 2020 Blick mittags von der Seiser-Alm auf den Schlern

Fotos: JR & E.Reichow

Zu den Standorten der Fotos: