Beethoven Sonate op.54

Eine Selbstbefragung

Der leere Stuhl vor dem Flügel ist gut! Im externen Fenster: hier. Und zurück: nur Noten anschauen. Oder den leeren Stuhl.

Seit wann kenne ich die Sonate, ohne sie zu kennen? (Welche Vorurteile? Was hätte ich tun können?) Ich beschreibe das nicht im einzelnen, es ist zu dumm. Das wusste ich auch damals schon, als ich alle Beethoven-Sonaten durchging und auch übte. (Ein ganzes Jahr lang.) Aber diese nicht. Jetzt verstehe ich es, bereit, alles aufs neue zu versuchen.

Den Anstoß gab ein frischer Blick in die Formenlehre von Erwin Ratz, eigentlich durch seine Bemerkungen zu Bach-Fugen ausgelöst. Hatte ich aus den Augen verloren. Aber letztlich lag es am neuen Hören, und zwar genau dieser Aufnahme mit Richter. Und das nach der neuen, ziemlich flüchtigen Ratz-Lektüre, in einer begleitenden (irgendwie schuldbewussten) Reflexion. Vielleicht auch einer erhöhten Wachsamkeit. Gegenüber

  1. , dem Vorurteil, zu denken: ein programmatischer Titel sei eine Hilfe, „Die Schöne und das Biest“, „La Belle et la Bête“, besser wäre zu denken: „das  Schöne und das Hässliche“; denn
  2. fand ich ja in der Tat den Einsatz des zweiten Themas ausgesprochen hässlich. Die Benennung zwingt aber, über die Notwendigkeit des (scheinbar) Hässlichen nachzudenken.
  3. macht Richter nicht den Hauch einer Luftpause, zu der ich geneigt hätte, – er stürzt hinein in diese Oktaven-Manie. Da gibt es keine weichherzige Vermittlung, keinen schwergefassten Entschluss.

Am Schluss musste ich es doch erkannt haben! Ein Bass-Ostinato in Triolen, das liebliche Thema verabschiedet sich, entschwindet und lädt sich urplötzlich wieder auf, kumuliert in einer gewaltigen 10-tönigen Himmelserscheinung, dröhnend und vibrierend öffnet sich ein Riesentor – – – und zerfließt, zerfällt alsbald in zwei schemenhaften Gesten: Lebt wohl. War es das? Ich musste es so akzeptieren, wie es auf der Hand lag. Jetzt hätte ich einfach von vorne beginnen müssen! Beethoven hatte doch alles dazu gesagt. Und heute beginne ich von vorn.

10-tönig? Jawohl, der Bass-Ton muss mitgezählt werden.

ZITAT Erwin Ratz:

 

Quelle Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre (2.Auflage) Universal Edition Wien 1968

Am meisten habe ich damals (etwa 1984) gelernt von meinem besten Schüler, der aus den Noten meines Vaters spielte, die er sich zusehends durch Überarbeitung aneignete. Er studierte übrigens, seit er besser spielte als ich, in Köln bei Eckart Sellheim. Hier ein Blick auf die neugeschaffene Version der alten Ausgabe von Louis Köhler und Adolf Ruthardt, die um 1910 herauskam. (In der obigen Youtube-Aufnahme ab 4:17 mithörbar.)

Noten untereinander=1 Seite!

Aber dann kamen viele andere Werke, und dieses geriet mehr und mehr in den Hintergrund, selbst im Beethoven-Jahr 2020. Ich bin dem op. 53 (Waldstein-Sonate) und op. 57 (Appassionata) hundertfach wiederbegegnet, nur der dazwischenliegenden Namenlosen niemals mehr. Oder bin ich ihr planvoll ausgewichen? Bis mir der Zufall den blaugebundenen Band von Erwin Ratz wieder in die Hände spielte. Dazu der Rückverweis bei Jürgen Uhde, an den ich mich in Sachen Beethoven als allererste Instanz wende, ohne ihn wüsste ich gar nicht, was eine gute Interpretation vermag.

ZITAT Jürgen Uhde

Stuttgart 1974/1991

Die Behandlung dieses Satzes braucht bei Jürgen Uhde 12 Seiten, und keine Zeile ist zuviel. Ich zitiere nur noch den abschließenden Text, weil er in Kürze andeutet, wie Uhde in seinem wunderbaren Werk jeweils – trotz detailreicher Analyse , in der er sich auf Ratz beruft, – den wesentlichen Punkt herausarbeitet, der poetischer Natur ist. Er beschwört ein altes Lied und einen Vers aus Bert Brechts Laotse-Gedicht. Das ist es! Man vergisst es nie, und auch diese Sonate wird nun für immer in der Wunderkammer der Musik gehütet. Nur für besondere Stunden der Konzentration zugänglich.

(s.Forts. in grün)

Die weiteren Zeilen schreibe ich nur zu gerne ab, ich liebe diese Anspielung auf Laotse – ausgerechnet bei Beethoven:

…sondern gerade das unaufdringliche Menuett-Thema. Während es mehr und mehr erblüht, sich geradezu pflanzenhaft entwickelt, erstarkt, nimmt der Kontrastteil immer mehr ab, bis er, in der Coda, dem Menuett-Thema buchstäblich »zu Füßen liegt«. Wir denken hier an Bert Brechts Gedichtzeile: »Du verstehst, das Harte unterliegt!«.

Wie könnte es weitergehen?

Es könnte nicht schaden, Igot Levit zu hören, der das Thema Beethoven im Lockdown durchgezogen hat. Mit allerhand Publicity, die für Überdruss sorgt.

Zwischenfrage „Werden hier nicht Gegensätze miteinander versöhnt?“ Gezähmt? Oder zu Bewusstsein gebracht.

Verweis auf Erwin Ratz.

https://www.br.de/mediathek/podcast/igor-levits-klavierpodcast-32-x-beethoven/alle/826

Hier Folge 22 – es lohnt sich. 32 Minuten Und dort kommen wir dann auch zum zweiten, letzten Satz. Sehr gute verbale (und in Kurzausschnitten pianistische) Charakteristik. Woher hat er das? Aus sich selbst…, kann gut sein, ich wusste nicht, dass der Pianist unter innerem Druck auch so formulieren kann, es klang – bei Aspekte oder auch bei seinem frühen Konzert in Solingen mit den drei letzten Sonaten – auch immer etwas bildungsmäßig aufgesetzt, allzu sendungsbewusst, mit zu wenig Inhalt. Am Klavier findet er das richtige Maß an Inhalt, zudem in Wechselwirkung mit diesem Freund und Helfer Anselm Cybinski. Oder er hat einiges gelesen, er erwähnt Joachim Kaiser. Und gerade diesen habe ich aus seiner späten Zeit negativ in Erinnerung, wie er mit Thielemann über dessen Gesamzaufnahme der Beethoven-Sinfonien spricht, beide offenbar unvorbereitet und erschreckend niveaulos. Das Buch über Beethovens Klaviersonaten (1979) lohnt nach wie vor: eine Fundgrube treffender Einsichten und Formulierungen. Im Falle des zweiten Satzes aus op.54 die Beziehung zu Scalatti. Die Erinnerung an Backhaus, der den Satz als „wirbelnd konzertantes Tarantella-Stück“ auffasst. „Es wirkt dann tatsächlich wie eine nochmals ausgesponnene Durchführung des Kopfsatzes der Waldstein-Sonate, zumal eine Synkopenstelle der Waldstein-Sonate (…) hier auch geradezu auschweifend vor- und durchgeführt wird.“ (Seite 391f)

Es ist keine schlechte Idee, anhand der vom BR angebotenen Gesamtfolge von Podcasts sich planmäßig mit allen Sonaten zu befassen. Gerade jetzt, im zweiten Corona-Jahr, nachdem der Hype des Beethoven-Jahres nicht so glatt und gigantisch gelaufen ist, wie er geplant war. Man kann nicht oft genug wiederholen: Es ist nie zu spät! Man kann sich auch gegen den eigenen Widerstand hinreißen lassen zu Aktivitäten, die unglaublich und auch nicht ganz glaubwürdig im trendigsten Trend der Zeit liegen, im Mainstream aller Mainstreams. Es ist für einen guten Zweck …. nicht wahr?

Erschrecken Sie nicht – schauen Sie nur hinein, wie es wirkt: HIER. ( 32x Beethoven – Der Klavierpodcast mit Igor Levit ) Oder zunächst nur der Lesestoff: hier oder hier.

Ehrlich: als ich diesen Blogartikel begann, hatte ich nicht die Absicht, für einen Klavierpodcast Werbung zu machen. Aber jetzt ist eine unaufhaltsame Begeisterung entstanden, das Projekt einige Monate als Leitfaden zu verwenden. Beethoven ist Grund genug. Wie damals in den Jahren 1988/89, als das Alban-Berg-Quartett alle Streichquartette in Köln spielte. Davon zehrt man den Rest des Lebens, auch wenn man später noch bedeutendere Aufführungen erlebt hat.

Und wer schrieb den programmatischen Essay des Programmbüchleins? Natürlich:

Schwein und Symbol

Vor 45.500 Jahren

Warum mich das Schwein bewegt? Dank der Süddeutschen und ihrer naturwissenschaftlichen Redaktion (Autor: Christian Weber). Vielleicht ist es zunächst die etwas flapsig wirkende Überschrift, dann aber vor allem das im Artikel auftauchende Stichwort vom „ältesten Ausdruck symbolischen Denkens“ rührt vieles an.

SZ 15. Januar 2021 Seite 13

Schauen Sie nur in den Blogartikel hier, und schon verstehen Sie mich: Symbolische Formen!!! Die Grundlage unseres Weltverhältnisses und die Voraussetzung der menschlichen Kunst. (Die Musik, Bach, Raga, Gamelan etc.)

Die Nachricht trifft auf gute Gesellschaft, man muss sich nur immer wieder die Mühe machen, die Bücher zu bewegen und zueinander in Beziehung zu setzen. Zu den neuesten gehört HOMO SAPIENS, der Große ATLAS der Menschheit, die Jahresgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft 2019, am letztmöglichen Bestelltag eingehandelt. Ich will daraus zitieren, um Gewicht und Größe zu dokumentieren.

Bitte anklicken und vergrößern!

Doch zunächst frage ich mich: wie fing das eigentlich alles an? (Private Evolution gewissermaßen.) Diese damals ganz neuen Fischer-Bücher, überhaupt die leichter erschwinglichenTaschenbücher, bedeuteten mir viel: auch „Einstein und das neue Universum“ oder LAOTSE herausgegeben von Lin Yutang.

Was für eine historische Strecke zwischen diesem Taschenbuch und dem Großen Atlas der Menschheit, der jetzt vor mir liegt, und dessen Rückseite mir schon Stoff genug gibt, um 1 Stunde lang den Namen und Völkern nachzugehen, die dort aufgelistet sind und miteinander in Beziehung gesetzt werden!

Klicken Sie nur drauf, nehmen Sie den Zoom in Anspruch, um den Stammbaum der Menschheit zu betrachten: unter den grün eingefärbten Namen finden Sie Russen, Italiener und Franzosen (nur damit Sie in etwa wissen, wo wir uns befänden), oben im gelben Bereich (na, wen wohl?), ja genau! Und nun gehen sie ganz herunter und etwas links: der Punkt bzw. das Sternchen dort: das ist der gemeinsame Vorfahr aller Menschen, also der Gattung HOMO SAPIENS. Und das Coverbild des massiven Werkes lässt ahnen, dass auch die Wanderwege des Menschen um den Globus sorgfältig dargestellt werden.

Und hier sehen Sie auf meinem kleinen Scan, einem Ausschnitt aus einer Weltkarte, wie und wann die Menschen zum Beispiel über Indonesien nach Australien gekommen sind. Auf der Karte finden Sie in orange eingezeichnet die Zahlen 14, 15 und 19, denen in der Liste darunter folgende Kennzeichnungen (nebst Jahreszahlen!) entsprechen:14 Vulkanausbruch des Toba, 15 Saravak (Niah-Höhlen) und 19 Bobongara (Bobongara Point). Wenn Sie den hier gegebenen Links nachgehen, finden Sie bereits nähere Informationen zur Menschheitsgeschichte.

Und wo liegt Sulawesi (s.o. im SZ-Artikel), die Insel mit dem Fundort des in Fels gezeichneten Schweins?

Ausschnitt aus Weltkarte S. 160/161

Zur weiteren Identifizierung nehme ich vorlieb mit einem Schulatlas aus dem Jahr 1960: da hieß Chennai (Südindien) – ganz links im Bild – noch Madras, weiter rechts unten sieht man den langgestreckten Bogen der indonesischen Inseln, darüber den Block Borneo, ganz rechts in der unteren Ecke die Küste Australiens, und dazwischen, wie ein seltsam gewundener Drachen „Celebes“, später umgetauft in Sulawesi.

Legende zur Doppelseite 160/161 „Menschen auf der ganzen Welt“

Die Besiedlung der Erde durch den anatomisch modernen Menschen lässt sich, nach den derzeit verfügbaren genetischen und archäologischen Daten, den hier dargestellten Verläufen entsprechend kartieren. Erstmals kann uns die Wissenschaft Auskunft über unsere geografische Verbreitung nach den Auswanderungen aus Afrika und die anfänglichen Wege zur menschlichen Vielfalt geben. Die alten Küstenlinien werden hier anhand hydrografischer Aufzeichnungen rekonstruiert. Die Daten verschaffen einen Überblick. Die Pfeilfarben entsprechen vier Stufen der menschlichen Besiedlung der Erde. [braun, blau, grau, orange]

HIER der Zugang zur Quelle (ich mache keine Reklame, ich bin nur dankbar dafür, dass ich das Buch bereits besitze). Man beachte aber auch die dort wiedergegebenen Kritikpunkte, z.B.:

Die französische Erstauflage datiert in das Jahr 2012, es folgten bis 2019 4 weitere Auflagen, ersichtlich und bedauerlich ohne Aktualisierung des Forschungsstandes. 2020 nun die ebenfalls nicht überarbeitet deutsche Ausgabe. Letzteres ist bedauerlich, denn auch wenn 8 Jahre wenig erscheinen, ist doch manches, vor allem wichtiges hinzugekommen, wodurch einiges im Buch bereits überholt ist. Insbesondere die frühesten, wissenschaftlich abgesicherten Nachweise des Homo sapiens, die 300 000 Jahre alten, überragenden Funde vom Jebel Irhoud in Marokko finden keine Erwähnung (Immerhin wird auf diese in einer winzigen Anmerkung „Hinweis für die Leser“ eingegangen. Ob diese über dem Impressum versteckte Notiz wohl von vielen Lesern entdeckt wird?). Diese und weiter hier einzureihende Neufunde stellen das im Atlas geradezu starrköpfig vertretene Dogma einer Herkunft aus Ostafrika mehr als in Frage. Überhaupt ergeben sich daraus gewichtige Argumente gegen eine monozentrische Entstehung von Homo sapiens. Die welthistorisch für die kognitiven und technischen Fähigkeiten der Menschen vor 300 000 Jahren wichtigen Speerfunde von Schöningen finden überhaupt keine Erwähnung – aber an diese weitgehende Nichtbeachtung bedeutender deutscher Fundkomplexe in der französischen Forschung hat man sich gewöhnt. Auch die faszinierenden Neanderthaler-Befunde aus der Bruniquel-Höhle, deren geistiger Hintergrund diese Art eigentlich bereits in den Rang eines Homo sapiens erheben, fehlen. Solches hätte man in einem Nachwort in der deutschen Ausgabe ergänzen sollen/müssen mit dem Hinweis, wie dynamisch die Forschung zurzeit voranschreitet.
Trotz dieser Kritikpunkte kann das Buch nur wärmstens empfohlen werden. Das relevante Quellenmaterial zur Thematik ist in hervorragender Qualität vorgelegt, viele Denkanstöße werden gegeben, z. B. zur „Vielfalt der Gene, der Völker und der Sprachen“. Zudem ist der Atlas bei Blick auf seine Ausstattung und seinen Umfang zu einem fast schon lächerlichen Preis zu bekommen.

[Wolf-Dieter Steinmetz M.A. 9.1.2021]

Licht aus Oberägypten

Was ist aus Scheich Hans geworden?

Wir kennen uns seit Mitte der 50er Jahre, er wohnte wie ich in Bielefeld und ebenfalls unweit der Pauluskirche; er war in der Klasse meines älteren Bruders und fiel dort durch größte Belesenheit auf. Wir kamen im Landschulheim auf Langeoog ins Dauergespräch, wo in den Sommerferien auch Schüler aus verschiedenen Altersgruppen aufeinandertrafen. Wir lasen Hermann Hesse und Gottfried Benn, er studierte Romanistik in Paris und Freiburg (bei Hugo Friedrich), fasste Fuß in der Schweiz, wo er später jahrzehntelang als Gymnasiallehrer arbeitete, lebte auf dem Land in der Toscana, und später – halbjährlich wechselnd – in Oberägypten, um sich mit der arabischen Sprache eine neue Welt zu erschließen.

Also schrieb er am 10. Dezember 2020

„… vorgestern bin ich von einer viertägigen Reise nach Aswân (Assuan) zurück nach Luxor gekommen, und weil ich mit der Bahn gefahren bin, liess ich den Laptop daheim. Aber ich hatte das Handy mit, und so kann ich Dir anstelle eines langen Berichts einfach eine Serie von Fotos schicken, die vielleicht unmittelbar zeigen, was diese Region und die Menschen so faszinierend macht.“

„Der Aufenthalt in Aswân hat mir sehr gut getan. Diese Stadt ist viel schöner als Luxor, sie heißt Al-Nuba und ist noch sonniger und milder, weil sie 200 km weiter südlich liegt und noch näher am Rand der Wüste. Ich habe bei nubischen Freunden gewohnt, in einem Häuschen auf Klippen und Sand, ihre überschäumende Lebensfreude erlebt und ihre würzigen kulinarischen Köstlichkeiten genossen. Weil dieses Haus recht weit von der Stadt entfernt liegt (dort wo man die Nubier bei der Überflutung ihrer Dörfer angesiedelt hat. Diese liegen seit dem Bau des Hochdamms ja tief unten im Schlamm des Nassersees), fährt man mit dem Boot auf dem Nil ins Zentrum hinein, etwa eine Stunde lang, zwischen Felsen und Inseln hindurch, und freut sich an einem traumhaft schönen Panorama.“

Scheich Hans im Gespräch

 

   

In der Tat, die Bilder wecken zumindest das Verlangen, mehr über das Land zu erfahren, hier ist der Wikipedia-Artikel. (Alle Fotos oben: Hans Mauritz)

Foto-Quelle Wikipedia hier

Den Namen „al-Nuba“ hatte ich in den obigen Text eingefügt und trage gern eine Korrektur nach:

P.S. Ein kleines Missverständnis, das aber nicht weiter schlimm ist: al-Nuba ist eigentlich nicht der Name der Stadt Aswân, sondern des Siedlungsgebietes der Nubier südlich der Stadt, dort wo heute der Nassersee liegt, und weiter bis in den Sudan hinein. Ich habe al-Nuba auch benutzt für die Inseln und Hänge am Nil, auf denen man die Nubier angesiedelt hat, und die liegen tatsächlich in felsigen und sandigen Gebieten, die zur Stadt Aswân gehören. Einige Orte sind zu Anziehungspunkten der Touristen geworden, andere sind irgendwie Elendsquartiere, aber sauber, bunt bemalt und von nubischer Fröhlichkeit beseelt. Wer weiss, vielleicht geschieht ein Wunder: Und Ihr könnt nicht widerstehen und reist eines schönen Tages mit mir nach al-Nuba !?! (HM)

Darüberhinaus er erfahre ich, dass Dr. Hans Mauritz wieder einmal ein interessantes Buch übersetzt und durch einen Essay ergänzt hat, – aufschlussreiche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, weitgehend unbekannt im Westen, auch in der arabischen Welt mental ausgeblendet oder in den Untergrund verbannt. Im Abseits. Ich warte mit Spannung.

Es ist schon da:

www.kubri.ch

(Weiteres folgt)

Jahreszeiten – Lebenszeiten

Fixpunkte und Farben der Erinnerung

Kapellmeister 1923 Stralsund

Greifswald Plakat 1938

Die Jahreszeiten-Aufführung

1938

gesehen mit den Augen einer dankbaren Schülerin.

Zur Hochzeit

in der Luisenkirche Berlin-Charlottenburg 30.7.1938 (Kinder 1939, 1940, 1942†, 1950)

KRIEG 1939 -1945

Gymnasium Bielefeld 1953

AR dirigiert wieder.

oben: Bielefeld Ausflugsrestaurant Freudental 1957

unten: Friedhof Bethel † 1959 (200 m entfernt)

rund 50 Jahre später…

Unvergessen

Helmholtz der Klavierspieler

Erstbegegnung

Warum ich dieses Buch seit Ende der 60 Jahre besitze, ohne dass es viele Lesespuren enthält, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nur, weil ich erfahren hatte, dass darin sich schon einiges über das arabische Tonsystem befindet, also im Zusammenhang mit den „Grundlagen der antiken und orientalischen Musikkultur“ von Heinrich Husmann, veröffentlicht 1961 (erworben 28.VI.68), in dem allerdings nur 1 Mal (Seite 25) Helmholtz erwähnt wird, und zwar im Zusammenhang mit dem Phänomen der Schwebung (erst später entdeckte ich die Schwebungsdiaphonie der Bulgaren, dank Gerald Florian Messners Dissertation 1976). Zumindest studierte ich gründlich das Vorwort und das ausführliche Inhaltsverzeichnis und daraufhin besonders die letzten Kapitel, während die Beilagen mich sozusagen in meine Grenzen wiesen.

Bemerkenswert, dass er im Zusammenhang mit „fein ausgebildete[r] Musik ohne Harmonie“ [Harmonik] die außereuropäischen Völker nicht vergisst!

Helmholtz Wiki hier

„Helmholtz hat sehr genau gesehen,

dass es zwischen den Zeichen und dem,

wovon die Zeichen handeln,

keiner Art von Ähnlichkeit

bedarf.“

(NB Hier ist von der visuellen Kunst die Rede, nicht von Notenzeichen)

Weiterlesen:

HIER

Dank an JMR !

Ich erinnere mich, als mein Vater begann, mit mir Harmonielehre zu arbeiten und ich mit leisem Misstrauen das Verbot der Oktav- und Quintenparallelen „hinnehmen“ musste; ich war vielleicht 12. Und entdeckte dann, in Erinnerung an eine Probe mit dem Schulorchester, die Partitur (Joh. Christian Bach?) auf dem Flügel, schaute den Anfang scharf an und fand bestätigt: alles in Oktaven!!! Also darf man das doch?! Jaja, natürlich, unisono, sagte mein Vater, der solche Besserwisserei sowieso nicht liebte, das Verbot gilt doch nur im strengen Satz. Ich wollte aber komponieren lernen, nicht „strengen Satz“.

Mein Vater und ich (1953)

Weiteres (mit Bezug zu Orgelartikel „Mixturen“ und Quintenverbot z.B. hier)

Sehr interessant auch, wenn Helmholtz von dem Experiment mit Joseph Joachim berichtet (ein Faktum betreffend, mit dem heute jeder Geigenschüler vertraut sein dürfte).

Die Banalität der Zerstörung

Nur nichts mehr von Trump

So hatte ich es mir gedacht, dies nur nicht im Blog, alles dazu ist oder wird ja schon gesagt. Wenn nur dieser Mann erst verschwunden wäre! Der Leitartikel in der Süddeutschen tat dennoch gut daran, ihn noch einmal an Shakespeares schrecklichsten Gestalten zu messen. Gerade weil es nicht einmal im weiten Reich der Phantasie etwas wirklich Vergleichbares gibt. Zu lächerlich, um es als „das Böse“ zu entlarven: Es hätte einfach kein aufklärerisches Potential. Keine Wahrheit. (s.a. hier)

USA Ein wahres Gesicht / Von Christian Zaschke / 9./10. Januar 2021 Seite 4 hier

Darin Folgendes:

Man könnte sich trotzdem noch einmal die Mühe machen, den Vergleichsmöglichkeiten nachzugehen, zumal die Schulen, die Institutionen des Lernens, weitgehend vom Lockdown betroffen sind. Ich sitze also an folgendem englischsprachigen Artikel. Nachzulesen in „The Atlantic“: hier. „The Feckless King“. (dict: nutzlos, untauglich, nichtsnutzig) genau! Aber sehen Sie nur, wie lang das schon her ist, Oktober 2020, und doch ist jede neue Stufe nur noch schlimmer geworden!

Eliot A. Cohen

Damals ging es „nur“ um Covid19, von dem Skandal um das Capitol ahnte man noch nichts. Nach wie vor ist die Anspielung auf Shakespeares Schreckensgestalten wie Macbeth, Richard II. oder Richard III. oder auf die Gestalten der altgriechischen Tragödie anregend, aber viel zu hoch gegriffen, – diese Charaktere haben mit Trump nichts zu tun. Der grassierenden Dummheit kann man nicht mit differenzierten Bildern und mythologischer Überhöhung begegnen. Was da geschehen ist, haben wir zu analysieren, ohne uns mit wohlfeilen Theorien abzugeben, die uns des eigenen Denkens entheben. Die Methoden der politischen und gesellschaftsbezogenen Aufklärung sind vorhanden und werden unentwegt auch in den großen Zeitungen (!) angewendet und entfaltet, man muss all diese Chancen nutzen und sich darin täglich üben. Was aber ist die Grundlage solcher Übung? Es ist nicht banal, es ist nur selbstverständlich: Kultur, Bildung, Musik, Kunst, Literatur, Theater, Wissenschaft – kurz: der ganze Überbau des Geistes. Sport und Spiel selbstverständlich nicht ausgeschlossen, aber das kommt von selbst, wie das Reisen und die Bewegungsfreude, alles, was den Menschen lebendiger macht. Vielleicht auch nur: teilnehmender. Ich meine: alles umfassend, was gesellschaftlich und privat gut ist.

Der Begriff von der Banalität des Bösen, den Hannah Arendt im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess 1961 prägte, hat mit Recht Kontroversen ausgelöst hat und sollte nicht unbedacht verwendet werden. Gerade deshalb habe ich ihn rekapituliert: nach der Attacke auf das empfindliche Gebilde der Demokratie. Man darf das nicht dämonisieren, denke ich. Eine erste Klärung: was bleibt davon, wenn man es heute noch einmal betrachtet, siehe zunächst in Wikipedia hier.

Zutreffend ist nur, dass die kindischen Verhaltensmuster des amerikanischen Präsidenten auch Formen des massiv Banalen in die politische Szene eingebracht hat, ohne dass sie auch nur entfernt mit der Todes-Maschinerie des Dritten Reiches verglichen werden könnten. Faschismus allerdings ist einfach organisierte Dummheit. Das Wort Wahnsinn wäre zuviel Ehre.

Aber ist das Wort Zerstörung nicht zu pauschal? Nein, er kann es nur nicht verwenden, weil es selbst für ihn zu negativ klingt. Er vernichtet keinen Menschen (abgesehen von den Todesurteilen), er sagt: „Sie sind gefeuert!“ Er sagt nicht: „Ich bin das alleinige omnipotente Ich, es gibt kein größeres neben mir!“ (Shakespeare s.u.: „I and I“). Er sagt: „Make America great again!“ (America= Ich, great again= great forever). Wenn er eine Mauer baut, heißt es nicht, dass er etwas erbaut, – er exkludiert, er eliminiert die Anderen

   *     *     *

Ein guter Grund dennoch, den Shakespeare-Bereich der Bibliothek aufzusuchen, das meiste stammt von 2008 (Neuss Festival), aber begonnen hatte es für mich etwa Juli 1959 nach einer Hamlet-Aufführung in Bielefeld.

Sämtliche Werke OTUS

Zitat „The Feckless King“

Trump does elicit torrid metaphors, and in this case some of those gloating observers (in concealed or open fashion, to their particular taste) seem to have in mind something like Act V, Scene iii of Richard III, in which the villainous king, before the Battle of Bosworth Field in 1485, is visited by the ghosts of those he has murdered. One by one, they make disobliging remarks such as “Let me sit heavy on thy soul tomorrow” and “Tomorrow in the battle think on me, and fall thy edgeless sword,” and, simply, “Despair and die.” The equivalent, one supposes, would be the ghosts of John McCain, Ruth Bader Ginsburg, and John Lewis giving the president a bad night of it during a fevered sleep.

But Trump is not, and never was, Richard III, or indeed any of Shakespeare’s other great villains, such as Iago or Macbeth. He is not as smart, well spoken, or competent as they are; he has limited self-awareness, and would be incapable of the poignant soliloquies that leave us with a sneaking sympathy for Richard III, in particular.

(Eliot A. Cohen: „The Feckless King“)

Otus Verlag

Oder: Rowohlts Klassiker in Einzelausgaben (1.7.1959)

„Richard loves Richard; that is, I am I. / Is there a murder here? No; yes, I am.“

Noch einmal: Gut und Böse? ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen erinnerte daran, was Joschka Fischer einmal nach dem 11. September 2001 seinen Mitarbeitern gesagt hat: dass diese Bilder, diese unglaublichen, die da zu sehen waren, und die, die das machen, – glaubt nicht, dass die das Böse sind. Das ist nicht das Böse, das sind Menschen, die glauben das absolut Gute zu tun, so wie im Dritten Reich Himmler und die Nazis. Er hat das damals so verglichen, und ich glaube, das ist nicht soviel anders. Man muss da natürlich vorsichtig sein, es trifft bei weitem nicht auf alle zu, die wir da gesehen haben, aber dieser feste, unerschütterliche Glaube, dass man im Recht ist, der ist der fruchtbare Boden auch für Gewalt… (Lanz-Sendung 12.01.21 ab 14:05).

Plan und Zufall

Beispiel HEUTE

Morgens ist das VAN-Magazin in der Mailbox, ich schlage es auf, mich interessiert als erstes das Gespräch mit Graham Johnson über Schubert-Lieder (ich erinnere mich an ein Zusammentreffen mit Freund Hans Winking im Funkhaus-Foyer, er hat Produktion und ist schlecht gelaunt: „Graham Johnson hat nicht geübt!“). Ach, lieber fange ich an mit Volker Hagedorn, ich lese alles von ihm, seit ich sein Buch „Bachs Welt“ studiert habe, immer dankbar. Hier und hier. Er schreibt manchmal in der ZEIT, immer gut, heute in VAN über seine Beethoven-Pflicht, die in der Mozart-Kür gipfelt, und dann noch etwas, das folgt gleich! Schauen Sie doch zunächst in den Artikel: Hier. Funktioniert’s? Oder zunächst hier? VAN-Magazin!

Screenshots VAN

Ja, und? Wie geht’s weiter? Friday Night in… mit… ? Bitte erst lesen, die Links sind gesetzt, vor wenigen Zeilen; es geht um Beethoven und Mozart!

Während ich zuhöre – es geht auch im externen Fenster: hier – schaue ich mal eben in die Mailbox, aha! Freund Wolfgang Hamm hat geschrieben, Corona-Depression? nein, im Gegenteil:

Eine herzerfrischende Dokumentarfilmserie „Pequeños universos“ – so wie der junge Musiker (und Filmemacher) wäre ich jetzt auch gerne unterwegs, egal ob in argentinischen Provinzen oder sonstwo!

Wenn Du mal Zeit hast oder Dich gerade langweilst oder „angeödet“ bist … auch ohne perfekte Spanischkenntnisse schön zu sehen! Rührend die Kinder …

 
Viel Vergnügen!
 
Dein Wolfgang

 

Natürlich, sofort, und ich bin elektrisiert: ab 0:47 – den Mann kenne ich doch!!!?

Ich habe einige Ordner aus dem vorigen Leben (nein, aber ein Ordnungsmensch bin ich nicht, ich lebe halb nach Plan, halb nach Zufall), so wie man auch Geige und Klavier übt, man schafft Raum für die Intuition. Hier ist die konkrete Erinnerung: Freude oder Trauer? Damals war das Ende schon abzusehen. Haben wir das 30. Festival (seit 1976) eigentlich noch erleben dürfen? Ich verschließe den Aktenschrank, aber nicht den Schatz meiner Erinnerungen. (Vorsicht: Pathos!)

Chango Spasiuk – von ihm stammt der Film (2009).

Wie Bach erzählt…

Eine Allemande, die sich erinnert

(Achtung: Reklame kontrollieren, externes Fenster hier)

Es ist Bachs kleine Geschichte von der Versöhnung, der friedlichen Lösung seelischer Bedrängnisse (?). So beginnt es: man sieht förmlich, wie er nach dreimal ausholender Geste beim vierten Mal zu dem Punkt kommt, den er ans Licht holen wollte, und versieht ihn mit einem Pralltriller. Die Antwort (Bass mit Anfangs-Geste in Gegenrichtung, also aufwärts) kulminiert in Takt 5f, wo der Erzähler in der Oberstimme den Stufengang es“ – d“ – c“ heraushebt. Das besagt: so könnte es gewesen sein, aber die Hauptsache ist damit noch nicht gesagt, lasst es mich genauer ausführen! Als neues Mittel erscheinen 32stel-Töne (beiläufig schon in Takt 6), und weiter geht’s. Zielpunkt B-dur, Mitte Takt 8, und Aufstieg (Du musst es viermal sagen! gesteigertes Seufzen, viermal Praller), Abstieg parallel in  zweistimmig-kanonischer Führung (nach dem Muster des Anfangs), Gegenbewegung im Bass Takt 13-15 (quasi eingeschobene Takte, man könnte nahtlos von Takt 12 in Takt 16 gehen). Schließlich folgt – am Ende des ersten Teils – die unten wiedergegebene Formel a), die am Ende des ganzen Stückes noch einmal wiederkehrt, um das genau so lautende Resümee b) in der Grundtonart zu ziehen, hörbar aufatmend, nein, mit einer schönen, lässigen Arpeggio-Geste: „Ja, Kinder, das war’s!“.

a) Takt 15-16

b)Takt 31-32

Woran erinnert mich das?

Brahms Klaviersonate Nr. 1 op.1 Zweiter Satz.

Typischer Melodiebau: Apertion – Conclusion (auch: Vorsänger – Chor, beliebig erweiterbar vgl. oben „dreimal ausholende Geste“; als Ap./Concl. behandelt in meiner Dissertation über Maqam bzw. Genus Sikah und syrische Volkslieder).

Mehr davon? Hier  8 Minuten SWR

(Interpretation? Unter uns: mir ist das zuviel Vibratoaufwand, für ein Volkslied – auch nach Brahms Verständnis – zuviel Kunst. Schlimmeres Beispiel: die frühe Aufnahme mit Schwarzkopf/Fischer-Dieskau).

Natürlich liegt der Einwand auf der Hand: was soll denn daran bedeutsam sein, Bach hat nichts damit zu tun. Es ist eine Schlussformel, wie man sie überall finden kann. Falsch! sage ich, nirgendwo, in dieser sprechenden Gestalt nirgendwo. Aber es entsteht für mich das Problem, mir den „Rest“ zu erklären, also den größen Teil des Satzes, wie ist denn alles miteinander verknüpft, wie wächst eines aus dem anderen? Da hilft es nichts, darauf hinzuweisen: das Stück besteht aus zwei mal 16 Takten, Zwischenstationen Mitte Takt 6 (c-moll) und Mitte Takt 22 (F-dur). Wieso denn schon nach 6 Takten (statt wie es sich gehört nach 8 Takten)? Und im zweiten Teil dementsprechend in Takt 22 statt in Takt 24? Also: so kommt man nicht weiter, deshalb verfolge ich lieber den Erzählfaden, statt herumzurechnen, – und überbewerte die Zauberformel des Schlusstaktes.

Erzählfaden? – ich habe bisher das Wort Sequenz vermieden. Würde es nicht den Verlauf der Erzählung übersichtlicher erscheinen lassen? Die Richtungswechsel zum Beispiel? Das Ab und Auf, Für und Wider, Aufwärts von Takt 7 bis 10, Abwärts Takt 11 bis 12, das Beharren ab Takt 13 (bis 16, erstes Achtel) auf dem Ton b‘ (ungeachtet der Bewegung ringsum) und der bescheiden zusammenfassenden Geste des Taktes 16.

[Interessante Ausblicke ergeben sich heute durch das Eintreffen der Zeitschrift Musik & Ästhetik, darin der Beitrag von Cosima Linke „Sprechen über das Unaussprechliche mit Jankélévitch, Adorno und Barthes“, betrifft gerade mein Problem mit „notentextzentrierter“ Analyse, andererseits ebenso mit der strikt performativ orientierten Betrachtung, wenn ich z.B. Barthes mit seinem guten Körperbezug letztlich nicht akzeptieren kann: man spürt den Dilettanten, der sich selbst zum Maßstab nimmt.]

Was ist eine Sequenz? Wie wurde diese Technik benannt, als es das Wort noch nicht gab? Sie ist die Rettung der Wiederholung nach dem Wiederholungsverbot (Kreistanz u.dgl.), behaupte ich. Es ist bei Bach und im Barock überhaupt eine so wichtige Technik, dass es verwunderlich ist, dass es dafür keinen gängigen Namen in der alten Rhetorik gibt. „Mimesis“ trifft die Sache nicht recht. Es handelt sich ja um eine imitierende Fortspinnung, nicht um ein „Nachspotten“, wie es wohl bei Mattheson heißt. Woher der pejorative Unterton kommt, ist schnell erklärt: eine Sequenz zuviel, und die Wirkung ist dahin. Man denke an das berühmte Adagio (angeblich) von Albinoni: eine absteigende Fünftonfolge, die in einen Seufzer mündet, und als Antwort die einen Ton höher angelegte Sequenz. Neuansatz eine Oktave höher: neues Motiv, und dies dann mehrfach stufenweise einen Ton tiefer angesetzt, – es könnte ewig so weitergehen, und wird auch parodistisch gern so vorgeführt. Nichts als Sequenzen… Insofern ist der Ansatz des Komponisten Hans Vogt, der kunstreich behandelten Sequenz bei Bach ein eigenes Kapitel zu widmen, interessant:

usw.

Quelle Hans Vogt: Johann Sebastian Bachs Kammermusik / Reclam Stuttgart 1981 Seite 141ff

In Hugo Riemanns schwer erträglichen „Handbuch der Kompositionslehre“ Bd. I u II (Berlin u Leipzig 1916) findet man den Satz (I, S.124f):

Die Sequenz ist eines der allerhäufigsten Mittel der Weitung der Formen.

Womit impliziert wird, dass auch das, was nach bloßem Füllsel klingt, z.B. etüdenartige Einschübe in Mozart-Konzerten, nicht nur Virtuosität demonstrieren soll, sondern als als formaler „Abstandhalter“ fungieren kann.

An anderer Stelle spricht er (II S.111f)  von der „Weiterspinnung der Gedanken“ unter Wahrung der Motivik, es sei nämlich „im Grunde, wenn man die nötige Phantasie besitzt, leichter, so wie es Schumann tut, das Interesse durch immer neue Themen wach zu halte; mehr Kunst ist es aber jedenfalls, mit einem Theme ebenso weit zu kommen, was von den neueren Komponisten wohl keiner besser verstanden hat als Mendelssohn!“

Clemens Kühn schreibt in seiner „Formenlehre der Musik“ (dtv Bärenreiter 1987, Seite 42ff):

Aus rhythmischen Kräften gewinnt Bach ihre Motorik. Motivische Kräftze bestimmen ihre Linearität. Beide Momente, das Motorische und das Lineare, treffen sich im Formprinzip der barocken Fortspinnung: der – eher lockeren, forttreibenden Anknüpfung von Motiven und Teilen. Beispieklhaft kann das der Fortspinnungstypus zeigen. Er ist das syntaktische Grundmuster des Spätbarock, wie die unterschiedliche Herkunft schon der beiden folgenden Beispiele belegt.

Es folgt der erste Teil des Violinkonzerts a-moll op.3/6 (1711) von Vivaldi sowie die Bach-Arie „Bereite dich, Zion“.

Die Fortspinnung treibt weiter. Aber das geschieht leicht, mehr assoziativ als zielstrebig. In aller Regel unterstützen Sequenzen dies lockere Fortführen.

*    *    *

Leicht und locker, – oder nicht. So entsteht Form, selbst in Fugen oder fugenartig zusammengesetzten Stücken.

Hier ein Versuch, den feinen Spannungsprozess im ersten Teil der Allemande c-moll farbig anzudeuten. Wobei GRÜN für eine entspannende Wirkung steht, BLAU für eine stabilisierende und weiterführende, ROT für ein anstachelndes, erregendes Moment. Ausgespart habe ich, was auf der Hand liegt: die rhythmische und die harmonische Komponente (mit Ausnahme der Stelle, an der der verminderte Septakkord zusammenfällt mit der inneren Kumulation ROT Takt 12 und 15). Wie gesagt: ein Versuch, – so sparsam wie möglich -, gedacht als eine visuelle Orientierung beim Spielen oder auch nur Zuhören, zu ergänzen nach Belieben & Intuition:

BWV 826

(mit Zeitangaben, die sich auf die Youtube-Aufnahme mit Murray Perahia beziehen)

Indien bedenken

Es beginnt mit Zweifeln und endet mit Musik

ZITAT (s.u. Bernd Graff)

Und es geht Schlag auf Schlag. Wenn man einmal begriffen hat, dass überall im Universum nur das Licht sich mit einer konstanten Geschwindigkeit bewegt, dass also nur diese Geschwindigkeit unabhängig von Bezugssystemen ist, dann müssen Raum, Licht und Zeit zum Licht in Relation gesetzt werden. Nicht die Zeit, nicht der Raum sind also absolut, wie Galilei und Newton dachten, nur die Lichtgeschwindigkeit ist es. Aus diesem Gedanken entwickelte Einstein 1905 seine Spezielle Relativitätstheorie, in der sich die Zeit dehnen kann, Längen sich verkürzen und Massen zunehmen können. Unser Alltag ist zu langsam, um das zu bemerken, aber je mehr wir uns der Lichtgeschwindigleit nähern, umso mehr dehnt sich die Zeit und umso langsamer geht eine Uhr.

Welt & Licht (Glasenapp Seite 36)

Übersicht verschaffen!

Zum Schöpfungsmythos und zur Melodie:

Quelle Helmuth von Glasenapp: Indische Geisteswelt / Glaube, Dichtung und Wissenschaft der Hindus / Emil Vollmer Verlag Wiesbaden o.J. (Vorwort 1958)

Rigveda hier in Sanskrit u in Deutsch hier

Sathapatha Brahmana V 4 3 2 hier

Was ist geschehen? Ich habe wieder einmal Marius Schneider gelesen, wieder eingesehen, dass ich seine „Kosmogonie“ nie schaffen werde. Ebensowenig wie „Singende Steine“ oder „Die Natur des Lobgesangs“. Auch seinen Quellen werde ich nicht nachgehen. Ich glaube nicht, dass man an den frühesten Quellen der Menschheit, oder aller nur denkbaren Schöpfungsmythen, dem Anbeginn der Schöpfung, der Millionen, Milliarden Jahre zurückliegen mag, näher bin als heute, am 3. Januar 2021, am Tag als 1882 mein Opa geboren wurde, bei dem ich ab etwa 1947 im sogenannten Realienbuch blättern durfte, wo ich mich vor allem auf die Tierbilder konzentrierte. Damals gab es noch „Realien“! Heute genügen mir meist die Wissenschaftsseiten der großen Zeitungen. Hier z.B. die Kinder- und Jugendbuch-Rezensionen der ZEIT, aus denen ich anfangs zitiert habe.

SZ 31.Dez./1.Jan.2020/21 Seite 19

Auch hier entstehen Fragen. Und passende, oft schwierige Antworten. Aber wenn ich zum Beispiel frage: was haben indische Tonbezeichnungen (Notennamen) mit den Reliefs auf katalanischen Säulen zu tun? Welche Quellen gibt es, die nahelegen, dass die hinter den Silben Sa-Re-Ga-Ma etc. verborgenen Figuren im alten Indien mit bestimmten Tönen der mittelalterlichen Kirche zu tun haben? In Stein gemeißelte und herausgelesene Einzeltöne, „Pfundnoten“, indische Töne, die eine glaubwürdige gregorianische (?) Melodie ergeben? Wo steht das? Reicht mir die Antwort, dass es da offenbar Baugeheimnisse gegeben hat? Gewiss auch eine „Aufführungspraxis“, lebende, nicht zu versteinernde tönende Gestalten. Nicht nur die späte Suggestion, man könne sie mit einer entsprechenden „Musikalität“ eines Tages hier und jetzt erlösen? Rhythmen rekonstruieren?

Mein Unbehagen könnte nicht größer sein. Ungeachtet der Tatsache, dass ich den Vorlesungen und Übungen des großen Kölner Musikethnologen wesentliche Impulse verdanke. Auch wenn an seiner grünen Tafel im Hörsaal eine Melodie wie „In einem kühlen Grunde“ stand, Tonika – Dominante, im Ernst, aber keine indische oder arabische. Und ihre Kerntöne – in Reduktion – hätten auch gar nichts gesagt. Nur die stetige Variantenbildung.

Was sagt ein Text wie dieser?

Quelle Marius Schneider: Singende Steine: Rhythmus-Studien an drei romanischen Kreuzgängen. München, Heimeran 1978 ISBN 3 7765 0264 9 Archiv 594

„… wenn die geheimnisvolle Schönheit dieser Klaustren zu singen beginnt“.

Mein Gott, ich denke an Jascha Heifetz, dessen Geige so intensiv gelobt wird, dass er sich zu ärgern beginnt, und er hält sie ans Ohr und sagt: „Ich höre nichts!“

Es ist das analoge Denken, das mir Schwindel verursacht: es verfährt radikal parataktisch, mündet in einen Katalog der Beziehungen und Ähnlichkeiten, und realisiert ein zusätzliches Prinzip, das von außen Einheit hineinträgt, und wer sich dagegen sträubt, dem wird das feine Wahrnehmungsvermögen abgesprochen. Ihm fehlt „Musikalität“. Ich spüre aber auch etwas, – und das ist ein Hauch von Verschwörungstheorie…

Quelle Marius Schneider: Die Natur des Lobgesangs / Basilienses de Musica Orationes / Herausgegeben von Leo Schrade / Im Bärenreiter-Verlag zu Basel 1964 (Seite 17)

  

In meinem Unterbewusstsein gibt es eine physiognomische Homologie zwischen meinem Großvater (1882-1966) in seiner letzten Zeit und dem alten Leonardo da Vinci. Aber eines ist sicher: die Ähnlichkeit bedeutet NICHTS, außer dass beide zweifellos MENSCHEN sind.

Und jetzt möchte ich wirklich Musik hören, einheitstiftend aber vielgestaltig. Ich überlege noch welche… Meinem Großvater hätte eine Sammlung von Märschen gefallen (die entsprechende LP habe ich ihm tatsächlich 1962 geschenkt, komplementär dazu auch noch die bekanntesten Wiener Walzer. Aber jetzt, hier und heute, bin ich dran.)

Diese Aufnahme (im externen Fenster hier) ist wunderbar geeignet, sich auch mit wenig Erfahrung in die Verästelungen indischer Musik hineinzufühlen. Bei einem ersten Durchgang im Tonraum verorten. Finden Sie den Basiston (oder gibt es zwei?). Summen Sie ihn ruhig mit, während Sie gleichzeitig die distanzierenden Bewegungen der Melodie (ob Geige oder Singstimme) mitverfolgen und einordnen. Wiederholen Sie oft kleine Abschnitte der Aufnahme, bis Sie auch die winzigsten Ornamente präzise identifizieren können.

Einleitung bis Übergang: Tabla-Einsatz 8:11. (Erkennen Sie die Melodie? ihre stete Wiederkehr?)

Es ist nützlich, eine andere, „pedantischere“ Version dagegenzusetzen.

Etwa hier, in rot normale Themeneinsätze

ab 0:54 / 1:24 / (1:38) / 1:49 / (1:59) / 2:34 / ? / 3:16 / (3:38) / 5:53 / 6:13 / 6:41 / 6:53 Finalis

original (Komponist?): Bade Ghulam Ali Khan